Mythos und Wirklichkeit

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Abstimmung über den UN-Teilunsplan für Palästina, 29. November 1947. (GPO)

Kaum ein Mythos ist so erfolgreich und folgenschwer, wie der, dass Israel vom imperialistischen Westen gegründet wurde, um seine Interessen durchzusetzen. Diese agitatorische Umschreibung der Geschichte ist falsch. Einerseits verschweigt sie die Unterstützung, die das entstehende Israel in den Jahren 1947-1949 von der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten erhalten hat, andererseits die schwankende Haltung der USA.

Von Karl Pfeifer

Israel wurde an der Schwelle zum Kalten Krieg gegründet. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die UdSSR unterstützten den Teilungsplan der Vereinten Nationen. Es war das letzte Mal, dass sich die Supermächte für Jahrzehnte in einer wichtigen strategischen Frage einig waren.

Der jüdische Kampf um Selbstbestimmung gegen den britischen Imperialismus wurde von der UdSSR und ihren Satelliten diplomatisch und militärisch unterstützt – ein Muster, das sich durch alle nachfolgenden antikolonialen Revolten zog. Es war gleichzeitig der letzte Akt der Kriegsallianz.  Ohne Präsident Truman wäre diese gegen den Widerstand des diplomatischen und sicherheitspolitischen Establishments der Vereinigten Staaten, der US-Ölgesellschaften, des französischen Außenministeriums und der britischen Labour-Regierung nicht möglich gewesen. Die Unterstützung für den jüdischen Staat kam vor allem aus progressiven Kreisen im Westen und im kommunistischen Block.

Obwohl die Vereinigten Staaten die Teilungsresolution unterstützten, verhängten sie ein Waffenembargo, sehr zum Nachteil der Juden und später Israels. Sie begannen auch, bei der Teilung zurückzurudern und schlugen eine Treuhänderschaft der Vereinten Nationen vor, und während des ersten arabisch-israelischen Krieges hielten sie Israel für unvernünftig, weil es den Negev nicht an Transjordanien abtreten wollte. Heute wird dies natürlich verdrängt.

Die UdSSR hingegen, die die Gründung des jüdischen Staates in dieser kritischen Zeit am konsequentesten unterstützt hatte, begann bald, diese Geschichte auszulöschen –  nachdem sie eine „antizionistische“ Kampagne gegen jüdische Kommunisten in Osteuropa startete und einen großen Teil der jüdischen Intelligenz im eignen Land liquidierte – sowie als sie sich nach der ägyptischen Revolution 1952 mit der arabischen Sache verbündete. Diese doppelte Wende der Supermächte hat einige Linke zu der Annahme veranlasst, die Vereinigten Staaten seien der Architekt Israels und die Sowjetunion habe sich immer für die arabischen Palästinenser eingesetzt. Hingegen war die Sowjetunion in den Jahren 1947 und 1948 der konsequenteste und entschiedenste Unterstützer des jüdischen Staates.

Am 29. November 1947 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 181, die einen ausgeklügelten Plan zur Aufteilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in zwei Staaten, einen jüdischen und einen arabischen, vorsah. Das Gebiet Jerusalem-Bethlehem sollte internationalisiert werden und die drei Teile sollten in einer Wirtschaftsunion vereint werden. Die Sowjetunion, die bis dahin dem Zionismus gegenüber feindlich eingestellt war, hatte im Frühjahr 1947 ihre Politik geändert und begann, von den historischen Wurzeln der Juden in Palästina zu sprechen. Die UdSSR und ihre Verbündeten in den Vereinten Nationen stellten auch die Verbindung zwischen dem Holocaust und der Pflicht der internationalen Gemeinschaft her, für die Sicherheit des jüdischen Volkes zu sorgen. Die westlichen Staaten konzentrierten sich ausschließlich auf die künftige Regierung Palästinas und nahmen keinen Bezug auf das jüdische Volk als Ganzes und ignorierten den Holocaust. Wer die Dokumente liest, kann feststellen, dass die westlichen Staaten zu diesem Thema in der Regel schwiegen, während sie antisemitische Äußerungen duldeten und ganz sicher keinerlei Empathie für das jüdische Leiden zeigten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte die britische Labour-Regierung die Politik ihrer Vorgängerin fort, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu begrenzen. Dies bedeutete, dass die meisten aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis befreiten Juden daran gehindert wurden, Palästina zu erreichen.

Als die Spannungen zwischen den Kriegsverbündeten zunahmen, begannen die westlichen Regierungen, diese Juden als mögliche kommunistische Agenten zu betrachten. Im März 1947 schrieb der amerikanische Konsul in Berlin: „Es ist nicht leicht, den Grund für die Internierung in den Konzentrationslagern der Nazis zu ermitteln“. Einen Monat später warnte der amerikanische Konsul in München, das Außenministerium, dass „ein Massenexodus jüdischer Displaced Persons von Deutschland nach Palästina geplant ist“. Diese Beamten schrieben dies vor dem Hintergrund der kurz zuvor abgehaltenen Nürnberger Prozesse, bei denen die Fakten über die Behandlung der Juden ausgiebig bekannt gemacht worden waren. In diesen Dokumenten wurden die Juden jedoch nicht als Opfer, sondern als Bedrohung für die Interessen der USA betrachtet.

Es war das US-Außenministerium, in dem diese Interessen am deutlichsten artikuliert wurden. Im Jahr 1947 ernannte Außenminister George Marshall George Kennan zum Direktor des Planungsstabs. Kennan hatte sich als Architekt der US-Politik zur Eindämmung des Kommunismus etabliert. Im Außenministerium von Marshall wurde dies zum strategischen Imperativ und ein jüdischer Staat in Palästina passte nicht in diese Politik, da er die amerikanischen Beziehungen zur arabischen Welt stören würde, was wiederum den politischen Einfluss und die Energieversorgung der USA gefährden könnte. Sowohl Marshall als auch Kennan waren gegen die Unterstützung der Teilung. Nach der Verabschiedung der Teilung setzten sie sich zunächst für eine Änderung der Politik ein, indem sie eine UN-Treuhandschaft vorschlugen, um die Gründung eines jüdischen Staates zu verhindern, und als dies scheiterte, versuchten sie, Israel möglichst klein und schwach zu halten. Dabei wurden sie von der britischen Labour-Regierung unterstützt, die genau die gleiche Politik verfolgte. Im Januar und Februar 1948 hatte der britische Außenminister Ernest Bevin einer transjordanischen Delegation vorgeschlagen, dass im Falle eines Versuchs, einen jüdischen Staat zu gründen, die von den Briten geführte und finanzierte Arabische Legion eingreifen sollte, um den Negev zu besetzen und so den Zugang des jüdischen Staates zum Roten Meer zu verhindern. Wie bei Marshall und Kennan wurde diese Politik mit der Verhinderung einer kommunistischen Expansion begründet. Bevin und Marshall müssen sich über den Plan des UN-Vermittlers Folke Bernadotte gefreut haben, den Negev während des Krieges 1948 an Transjordanien zu übergeben. Am Ende setzte sich der neue israelische Staat dank seiner eigenen Anstrengungen und der Waffenlieferungen der Tschechoslowakei durch. Wäre es jedoch beim USA Außenministerium geblieben, hätte sich Israels Territorium durch die Abtretung strategischer Gebiete an einen Staat, mit dem es sich im Krieg befand, erheblich verkleinert.

Der amerikanische Präsident Harry Truman befand sich in einem ständigen Krieg mit seinen eigenen Beamten. Während er sich bei der UN-Teilungsabstimmung durchsetzen konnte, musste er sich mit der De-facto-Anerkennung des jüdischen Staates – die UdSSR hat ihn de jure anerkannt -, dem Waffenembargo und vielen Versuchen, Israel zu schwächen, zufriedengeben. Wenn sich die USA entschlossen, Waffen zu liefern, so waren diese eher alt und strategisch unbedeutend. Erst nach dem Krieg von 1967 – der zum Teil durch den französischen Mirage-Jet gewonnen wurde – begann sich die US-Politik zu ändern. Die erste ernsthafte Lieferung von US-Waffen traf erst 1972 ein. Solche Fakten werden von denjenigen, die glauben, dass Israel von Anfang an ein imperiales Projekt der USA war, geflissentlich ignoriert.

Das französische Außenministerium lehnte die Gründung des jüdischen Staates mit der Begründung ab, dass sie die Beziehungen zur arabischen Welt gefährden würde. Die Franzosen hatten langfristige Interessen in der Levante (insbesondere im Libanon und in Syrien) und besaßen noch Kolonien in Nordafrika. Diese Beziehungen wurden als zentral für die Aufrechterhaltung der internationalen Position Frankreichs angesehen. Als Großbritannien das Ministerium um Hilfe bei der Verhinderung der jüdischen Einwanderung nach Palästina bat, stieß es auf ein offenes Ohr. Den Briten wurde mehrfach zugesichert, dass man alles tun würde, um zu verhindern, dass Frankreich als Ausgangspunkt für Palästina genutzt würde. Allerdings wurden 1947 zwei Schlüsselministerien von Ministern mit sehr unterschiedlichen Positionen besetzt. Edouard Dupreux als Innenminister und Jules Moch als Verkehrsminister setzten sich für das zionistische Projekt ein. Während Außenminister George Bidault versuchte den Briten zu helfen, war der Innenminister großzügig bei der Erteilung von Visa für Juden nach Frankreich, während das Verkehrsministerium Zertifikate für die Schiffe ausstellte, die Marseille verließen. Infolgedessen verließen Zehntausende ost- und mitteleuropäischer Juden Frankreich in Richtung Palästina. Sie besaßen keine Visa für die Einreise in das noch von den Briten kontrollierte Palästina, sondern meist für lateinamerikanische Länder. Für die Briten waren diese Holocaust-Überlebenden „illegale Einwanderer“, die um jeden Preis daran gehindert werden sollten, Palästina zu erreichen. Einige kamen tatsächlich an, aber viele andere wurden zurückgeschickt oder in Internierungslager gesteckt – etwa 20 000 jüdische Flüchtlinge wurden von den Briten allein auf Zypern festgehalten. Den französischen Ministern Dupreux und Moch gelang es jedoch die jüdische Sache zu unterstützen und so die internationale Öffentlichkeit auf die Notlage der jüdischen Flüchtlinge in Europa aufmerksam zu machen.

Auch Mufti Amin Al Husseini, der Vorsitzende des Höheren Arabischen Komitees, der damaligen palästinensisch-arabischen Führung, hatte eine Rolle gespielt. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs im Nahen Osten und in Europa mit den Nazis kollaboriert. Husseini war ein bösartiger Judenhasser und verbreitete mehrere Jahre lang Nazi-Propaganda. Er half den Nazis bei ihren Bemühungen, Unterstützung in der muslimischen Welt zu gewinnen. Während er unmittelbar nach dem Krieg unter französischem „Schutz“ stand, drängten einige in den USA darauf, dass er in Nürnberg angeklagt werden sollte. Dies wurde jedoch vom amerikanischen Chefankläger, Richter Jackson, richtigerweise ausgeschlossen, da das Tribunal nur für „Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achsenmächte“ zuständig war.  Die Briten erlaubten ihm nicht, nach Palästina zurückzukehren. Infolgedessen musste er seine Angelegenheiten von Kairo und Beirut aus regeln, was bedeutete, dass andere Mitglieder des Komitees Husseini in kritischen Zeiten außerhalb des Landes trafen. Gleichzeitig konnte er nicht zu den Vereinten Nationen reisen, die sich damals im Bundesstaat New York befanden, und er überließ die diplomatische Führung, soweit sie überhaupt vorhanden war, anderen. Husseini lehnte die Teilung und damit den arabischen Staat in Palästina ab, förderte eine zum Scheitern verurteilte Militärkampagne und brachte nicht den versprochenen Sieg, sondern eine Niederlage. Die arabischen Staaten agitierten gegen die Schaffung eines jüdischen Staates mit dem Argument, dieser würde eine kommunistische Basis werden.

Die Unterstützung für den jüdischen Staat innerhalb des Westens wurde nicht durch imperialistische Interessen mobilisiert, sondern durch linke Kräfte, die vom Kampf gegen den Nationalsozialismus beeinflusst blieben. Israel verdankt seine Existenz einer Kombination aus Sozialdemokraten und Liberalen im Westen und der kommunistischen Sowjetunion. Während Israels Gründung stellten sich diese Kräfte auf unterschiedliche Weise gegen die Kolonialpolitik Großbritanniens und Frankreichs, die reaktionären Regime in der arabischen Welt und die diplomatischen und sicherheitspolitischen Eliten der USA sowie die Ölkonzerne. Die Gründung Israels und die erkämpfte Unabhängigkeit war keine ausgemachte Sache.

Erschienen in der Neuen Illustrierten Welt, Ausgabe 3/2022

Bild: Abstimmung über den UN-Teilunsplan für Palästina, 29. November 1947. (GPO)