Zur Erinnerung an Greta Klingsberg

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Greta Klingsberg und Annika - Wiedersehen mit Brundibar- Bild Joachim Gern

Am 30. August 2022 ist die Shoah-Überlebende Greta Klingsberg im Alter von 92 Jahren in Jerusalem gestorben.

Von Douglas Wolfsperger

Mit ihrem ungebrochenen Lebensmut zeigte Greta Klingsberg den Menschen, wie man trotz widrigster Umstände ein erfülltes Leben haben kann. 1929 wurde sie in Wien geboren, 1938 floh sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Trude illegal über die Grenze nach Tschechien, wohin ihr Vater schon geflohen war. Die Eltern ließen ihre Kinder in einem Waisenhaus in Brünn zurück und begaben sich
auf eine gefährliche Reise nach Palästina, von wo sie die Kinder mit einem Immigrationszertifikat nachholen lassen wollten. Jedoch wurde das Waisenhaus 1942 geräumt, alle Kinder kamen nach Theresienstadt. Dort trat Greta Klingsberg fünfzig Mal in der Hauptrolle
der Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krása auf. Aufführungen wie diese sollten der Öffentlichkeit Normalität suggerieren, hinter den Kulissen wurden die Kinder ausgetauscht und nach Auschwitz deportiert.

Am 23. Oktober 1944 kamen die beiden Schwestern nach Auschwitz. Trude wurde ermordet. Greta musste in einem Munitionslager arbeiten. Nach der Befreiung zog sie 1946 nach Palästina, wo sie auch ihre Eltern wieder traf.

Zeit ihres Lebens versuchte sie, die Erlebnisse der Shoah an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, damit die folgenden Generationen nicht vergessen mögen, was geschehen ist. Wichtig war ihr, dass die Menschen heute die Emotionen derer von Theresienstadt verstehen lernten.
Ihr Anliegen war, dort direkt anzuknüpfen und die Dimension der Shoah auf emotionaler Ebene zu vermitteln und die Menschen mit Empathie zu verbinden, um Abwehr zu verhindern.

Auch für mich war die Begegnung mit ihr eine ganz besondere Erfahrung. Bei meinem Kino-Dokumentarfilm „Wiedersehen mit Brundibár“, bei dem ich Greta mit einer Jugendtheatergruppe der Berliner Schaubühne zusammenbrachte, hat sie genau dies übersetzt.

Noch heute sprechen die Mitwirkenden, die allesamt aus sozial schwierigen Verhältnissen stammen, davon, wie sehr die Begegnung mit Greta Klingsberg ihr Leben und die Sicht auf die Vergangenheit verändert hat.

Man müsse sie noch schnell alles über die Shoah fragen, bat Greta die Jugendlichen, denn bald seien sie und auch die anderen Überlebenden nicht mehr da. Sie seien aber die wichtigsten Zeugen und Zeuginnen, wenn es darum geht, was damals passiert ist und warum es passieren konnte.

Foto: Greta Klingsberg und Annika Westphal – Aus dem Film „Wiedersehen mit Brundibar“ – Bild: Joachim Gern