Gift für Nazis

Vor 35 Jahren verstarb im Kibbuz Ein HaChoresh der bekannte jüdische Widerstandskämpfer Abba Kovner. Der Partisan und Lyriker gehörte mit zu den Gründern der Fluchthilfebewegung „Bricha“ sowie der Organisation „Nakam“, die nach dem Kriegsende in Europa Rache an den Nazis nehmen wollte. 

Von Ralf Balke

Eine Zeile seines Manifests sollte zum geflügelten Wort werden, wenn es um das Schicksal der europäischen Judenheiten geht. „Laßt uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen!“ Verlesen wurde es zum ersten Mal bei einem Treffen von rund 150 Mitgliedern der zionistischen Bewegungen in der Nacht vom 31. Dezember 1941 auf den 1. Januar 1942 im Ghetto des von den Deutschen besetzten Wilna. „Jüdische Jugend, glaube nicht den Verführern. Von den 80.000 Juden im Jerusalem de Lite [dem Jerusalem Litauens] sind nur 20.000 übriggeblieben,“ hatte Abba Kovner, sein 1918 geborener Verfasser, damals geschrieben. „Vor unseren Augen hat man unsere Eltern, Brüder und Schwestern hinweggerissen. […] Wen man aus dem Ghetto hinausgeführt hat, der wird nicht wiederkehren. Weil alle Wege der Gestapo nach Ponar führen. Und Ponar ist der Tod.“ Mit Ponar, auch Ponary oder auf litauisch Paneriai geschrieben, war der Ort außerhalb der Stadt in einem Waldstück gemeint, an dem die deutschen Besatzungsbehörden, allen voran das Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B, seit der Eroberung des Landes durch deutsche Truppen im Sommer 1941 damit begonnen hatten, litauische Juden, aber auch Russen und Polen, zu ermorden. Über 100.000 Menschen fielen den Massenexekutionen dort im Laufe der Jahre bis 1944 zum Opfer.

Abba Kovner, der Mitgründer der „Fareynigte Partizaner Organizatsie“ (FPO), einem Zusammenschluss von zionistischen, nichtzionistischen sowie kommunistischen Jugendorganisationen, und seine Mitstreiter wussten also längst vor der Wannsee-Konferenz, was genau allen Juden im deutschen Machtbereich drohte, und zwar die ausnahmslose Vernichtung. Mehr noch: Sie waren nicht gewillt, sich widerstandslos einfach ermorden zu lassen, weshalb ihre Mitglieder sich im Ghetto auf den bewaffneten Kampf vorbereiteten, Waffen beschafften und Juden an anderen Orten in Litauen, Belarus oder Polen darüber informierten, wie die Realitäten aussahen. Zudem verübten sie in deutschen Betrieben, wo einige von ihnen Zwangsarbeit leisten mussten, Sabotageakte. Und als die SS im September 1943 damit begann, das Ghetto aufzulösen und seine restlichen Bewohner zu deportieren, setzten sich Angehöriger der FPO massiv zur Wehr.

Abba Kovner (Mitte hinten) mit Mitgliedern der Fareynigte Partizaner Organizatsie in Wilna

Abba Kovner gelang mit etwa 500 bis 700 anderen Juden die Flucht in den Rudnicki-Wald, von wo aus der Widerstand neu organisiert wurde. So sollen er und die anderen Partisanen der FPO mehr als 250 Kilometer Eisenbahngeleise, 40 deutsche Züge sowie fünf Brücken zerstört und 212 deutsche Armeeangehörige getötet haben. Wie andere jüdische Partisanen, egal ob in Polen, im Baltikum oder der Sowjetunion, sah auch Abba Kovner sich gezwungen, seine jüdische Herkunft vor anderen Widerstandsgruppen zu verbergen, weil diese nicht selten selbst antisemitisch waren und Juden gleichfalls ermordeten. Selbst Genrikas Zimanas, prominenter jüdischer Kommandeur einer Partisaneneinheit, nahm eine sowjetisch-litauische Identität an, gab sich selbst den Nom de Guerre „Jurgis“ und empfahl Abba Kovner es ihm gleichzutun.

Bereits in den Wäldern Litauens trug seine Partisanengruppe einen Namen, der in ähnlicher Form Abba Kovner später noch begleiten sollte, und zwar „Nokmin“, hebräisch für „Rächer“. Denn nach Kriegsende war er maßgeblich an der Gründung einer Geheimorganisation beteiligt, nämlich „Nakam“, zu Deutsch „Rache“, auch „Dam Ysrael Noter“ genannt, was so viel wie „das Blut Israels wird über euch kommen“ bedeutet und als Akronym „DIN“ für das hebräische Wort „Urteil“ steht. Rund fünfzig junge Männer und Frauen, die bereits alle zuvor im Widerstand aktiv gewesen waren, gehörten ihr an. Ihr Ziel war die Vergeltung für die Schoah, man wollte die Verbrechen der Deutschen nicht ungestraft lassen, Gleiches mit Gleichem vergelten. Denn bei den Nürnberger Prozessen wurden zwar einige führende Nazis angeklagt und verurteilt – dabei war es jedoch geblieben. Infolgedessen kam bei manchen Juden das Gefühl auf, dass ihnen Gerechtigkeit irgendwie vorenthalten worden war. Also arbeitete „Nakam“ zwei Pläne aus, wie diese aussehen könnte. Der eine sah vor, eine möglichst große Anzahl Deutscher zu töten, indem man Gift in die Wasserversorgung einer Großstadt einleitet. Zur Diskussion standen Hamburg, Frankfurt sowie München als „Hauptstadt der Bewegung“ sowie Nürnberg, die „Stadt der NSDAP-Parteitage“. Man wollte so sechs Millionen Deutsche töten, was auch in der „Nakam“-Gruppe nicht unumstritten war, wie neuere Dokumente belegen. Plan B dagegen drehte sich um die Tötung ganz konkreter Täter, in diesem Fall SS-Angehörige in alliierten Kriegsgefangenenlagern.

Kurzerhand wurden Mitglieder von Abba Kovners Gruppe nach Deutschland entsandt, um zu prüfen, welche Wasserversorgungsanlage sich am besten für die Umsetzung eines solchen Plans eignen würde, woraufhin Hamburg und Nürnberg in die engere Wahl kamen. Das Gift sollte Abba Kovner persönlich besorgen, weshalb er nach Palästina reisen sollte, wo sein Vorhaben jedoch auf eher taube Ohren stieß. David Ben Gurion und die anderen Anführer des Yishuvs, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft, hatten andere Prioritäten, wollten so viele Juden wie möglich aus dem kriegszerstörten Europa retten und Eretz Israel aufbauen. Personen wie Abba Kovner betrachteten sie in diesem Kontext daher eher als Störfkaktor – auch wenn Chaim Weizmann, der bekannte Chemiker und Weizmann-Institut-Mitgründer Ernst Bergmann sowie der spätere Staatspräsident Ephraim Katzir angeblich durchaus mit der Idee sympathisiert hätten, SS-Angehörige in die andere Welt zu überführen, wie Abba Kovner in späteren Jahren immer wieder betont hatte.

Nichtsdestotrotz, der ehemalige Partisan konnte reichlich Gift organisieren, füllte es in 20 Milchkonserven und einige Tuben Zahnpasta, verstaute diese in seinem Rucksack und ging mit gefälschten Papieren ausgestattet, die ihn als britischen Soldaten auswiesen, an Bord eines Schiffes, das ihn zurück nach Europa bringen sollte. Doch im französischen Toulon angekommen, bekam Abba Kovner kalte Füße, als sein Name über Lautsprecher aufgerufen wurde. In Panik entsorgte er Milchkonserven und Zahnpastatuben, indem er alles über Bord warf. Verhaftet wurde er dennoch, und zwar wegen der Fake-Dokumente. Der Plan, die Wasserversorgung einer Großstadt zu vergiften, war damit obsolet geworden, Abba Kovner wanderte für einige Monate in ein Gefängnis in Kairo. Zeit seines Lebens war er sich sicher, dass der entscheidende Tipp an die Briten, der zu seiner Verhaftung geführt hatte, von irgendjemandem aus der zionistischen Führungsriege stammen musste. Nun kam also Plan B ins Spiel, an dem Abba Kovner aber nicht direkt beteiligt war. „Nakam“-Aktivisten drangen im April 1946 in die Bäckerei des Gefangenen-Lagers Langenkamp bei Nürnberg ein, wo zahlreiche SS-Angehörige interniert waren, und mischten Arsen in den Brotteig – jedoch nicht genug. Zwar bekamen daraufhin 2.200 Nazis ordentlich Magenbeschwerden, 207 mussten sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden, Tote gab es jedoch keine. Ende der 1990er Jahre bekannten sich zwei der ehemaligen „Rächer“, Joseph Harmatz und Leipke Distel, gegenüber deutschen Journalisten zu ihrer Tat. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft nahm dies zum Anlass, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, das jedoch wegen Verjährung eingestellt wurde. Das Vorgehen hatte international zu heftigen Protesten geführt. (–> Zum TV-Feature

Abba Kovner ging nach einigen Monaten im britischen Gewahrsein in Ägypten nach Israel und kämpfte als Offizier im Unabhängigkeitskrieg von 1948. In dieser Zeit verfasste er auch seine ersten Gedichte, die ihm in den Jahren danach den Ruf verschafften, einer der besten Lyriker des Landes zu sein. In einem davon, „Prida Min HaDarom“, zu Deutsch „Abschied aus dem Süden“, versucht ein sterbender Soldat in einem letzten inneren Monolog seine Geliebte davon zu überzeugen, ihn und seinen Tod zu vergessen und einfach weiterzuleben. Sie soll eine neue Liebe und Glück finden, was aus der Perspektive des ehemaligen Partisanen Abba Kovner als eine Art Warnung vor einem Kult der lebenden Toten zu verstehen ist, den er als Angriff auf die Überlebenden betrachtete. Er deutete jegliche Ersetzung wirklich existentieller Themen oder Situationen durch glorreiche essentielle und halb transzendentale Vorstellungen vom Leben, wie sie damals in der hebräischen Lyrik nicht unüblich waren, als eine ästhetisch glorifizierte Farce und Unterhöhlung des Lebens, was ihm nicht nur Freunde in der literarischen Welt verschaffen sollte. Und auch sein Ausspruch, die Juden sollten sich nicht wie „Schafe zur Schlachtbank“ führen lassen hatte ein Nachspiel in Israel, wurde dieser doch nach 1948 als Ausdruck ihrer vermeintlichen Passivität verkehrt und popularisiert – anders dagegen die ehemaligen Partisanen, die nicht wie die Schoah-Überlebenden als eher nachgiebige Opfer wahrgenommen wurden. Es dauerte Jahrzehnte, bis auch in Israel dieses duale Bild vom heroischen jüdischen Widerstand einerseits und jüdischer Apathie anderseits durch die Historiographie ausdifferenziert werden konnte.

Abba Kovner selbst rezitierte sein berühmtes Manifest ein weiteres Mal, als er im Rahmen des Eichmann-Prozesses in Jerusalem im Zeugenstand saß. Obwohl er in der linken Mapam, einer der Vorläufer der heutigen Meretz-Partei, aktiv war, hatte er nie ein politisches Amt inne. Sehr wohl aber partizipierte der ehemalige Partisan an der Planung gleich mehrerer Holocaust-Museen sowie dem Diaspora-Museum in Tel Aviv. 1987 verstarb Abba Kovner im Alter von 69 Jahren im Kibbuz  Ein HaChoresh, wo er seit 1946 mit seiner Familie gelebt hatte.

Bild oben: Abba Kovner 1961 während des Eichmann Prozess in Jerusalem, National Photo Collection of Israel / GPO, ID D408-083.

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