Juden in der slowenischen Region Prekmurje

An der Verbindungsstelle der Kulturen, im Schatten grosser Ereignisse: Die Vernichtung der größten slowenischen jüdischen Gemeinschaft 1944-1945

Von Oto Luthar und Martin Pogačar

Im Jahr 1944 ging in Prekmurje – einer Landschaft im Nordosten Sloweniens, die zwischen 1941 und 1944 von Ungarn und dann bis 1945 vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt war – eine Epoche zu Ende. Ein Land, welches Menschen dreier, vierer Sprachen, dreier Glaubensbekenntnisse und einer Vielzahl unterschiedlicher Bräuche beherbergte: Fast über Nacht mussten es jene Menschen verlassen, die in den zwei Jahrhunderten davor noch am meisten zu seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung beigetragen hatten.

Es begann an einem Aprilmorgen 1941 und endete im November 1944, als im hereinbrechenden Winter die jüdischen Familien Sonnenfeld, Hiršl, Weiss, Ebenšpanger, Berger, Schwartz für immer aus der Landschaft zwischen Mur und Raab verschwanden. Gewaltsam wurden Kinder, Frauen und Männer vertrieben, Alte und Junge, Gesunde und Kranke. Alle.

Den Autoren geht es nicht nur um die Frage, wann und warum es dazu kam, sie versuchen den Lesern vielmehr das Schicksal der größten jüdischen Gemeinschaft im slowenischen Kontext als Ganzes zu zeigen. Auch deshalb bieten sie im Einleitungsteil einen geschichtlichen Überblick, der bis zur ersten Erwähnung von Juden im Raum zwischen der nördlichen Adria und der pannonischen Tiefebene zurückreicht. Neben der Richtung und Art der Ansiedlung ab dem frühen Mittelalter kommen hier auch die ersten Übergriffe auf die jüdischen Gemeinschaften in Ljubljana, Piran, Maribor und Ptuj zur Sprache. Dem folgt eine kurze Beschreibung der Anfang des 16. Jahrhunderts stattgefundenen Vertreibung der Juden aus Krain und der Steiermark (die zusammen einen Großteil der Fläche des heutigen Slowenien ausmachen), ihre schrittweise Rückkehr Ende des 18. Jahrhunderts und die Entstehung der größten jüdischen Gemeinschaft in diesem Raum. Und weil sich diese in der Region entwickelte, die von den Flüssen Mur und Raab begrenzt wird, sprechen die Autoren von der prekmurischen jüdischen Gemeinde. Sie fragen, warum sie gerade in dieser Region entstand, warum sie so erfolgreich war, wann sie sich zum ersten Mal mit dem modernen politischen Antisemitismus konfrontiert sah und: warum es zu ihrer Vernichtung erst im Frühjahr 1944 kam.

Oto Luthar & Martin Pogačar: Juden in der slowenischen Region Prekmurje. Erinnerungen an Vertreibung und Vernichtung. Aus dem Slowenischen von Erwin Köstler, Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn, Hartung-Gorre Verlag 2022, 98 Seiten. 29,80 €, Bestellen?

Juden in der slowenischen Region Prekmurje
Nachwort als Vorwort

Von Erhard Roy Wiehn

Slowenien mit seiner Hauptstadt Ljubljana grenzt an Italien, Kroatien, Österreich und Ungarn und war bislang mit keiner einzigen Schrift in unserer Edition Schoáh & Judaica vertreten. Es hatte sich in 38 Jahren einfach nicht ergeben.

Um so mehr war ich erstaunt, am 19. Mai 2022 von dem mir völlig unbekannten slowenischen Kollegen Dr. Oto Luthar ein Publikationsangebot zu erhalten unter dem Titel: „Land der Schatten – Erinnerung an die Vertreibung und das Verschwinden der slowenisch-jüdischen Gemeinschaft“ [in Prek-murje], woran auch sein Kollege Dr. Martin Pogačar beteiligt war. Der etwas sperrige Titel machte mich neugierig, und nach meinem ersten diagonalen Lesen war ich überzeugt, diese klei-ne Forschungsarbeit in unsere Edition aufnehmen zu sollen.

Ich stieß ein Zeitfensterchen auf, vertiefte mich in diese neue Schrift und war überrascht, wie viel Neues ich über jüdisches Leben und Leiden in Slowenien erfuhr und insbesondere über die nordöstlichste Region Sloweniens namens Prekmurje („Übermurgebiet“). Diese Forschungsarbeit schien mir eine interessante Ergänzung zu den von uns (im Hartung-Gorre Verlag, Konstanz) bereits publizierten Arbeiten über Griechenland, Italien, Kroatien, Österreich, Serbien, Tschechien, Ukraine und Ungarn zu sein.

Die völlig problemlose und speditive Zusammenarbeit mit Dr. Oto Luthar ließen das Projekt schneller als vermutet vorankommen und druckreif werden, und ich bin sehr erfreut, dass Juden in der slowenischen Region Prekmurje – Erinnerungen an ihre Vertreibung und Vernichtung so rasch erscheinen konnte, hoffentlich auch zur Freude der beiden Autoren Dr. Oto Luthar und Dr. Martin Pogačar sowie des vorzüglichen Übersetzers Dr. Erwin Köstler (Wien), denen hiermit für die gute Zusammenarbeit herzlich gedankt wird.

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