Repräsentativbefragung „Antisemitismus in Deutschland“

Das American Jewish Committee Berlin hat heute im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein eine repräsentative Umfrage mit dem Titel „Antisemitismus in Deutschland” vorgestellt, die vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des AJC Berlin durchgeführt wurde.

Im Jahr 2021 wurden in Deutschland 3.028 antisemitische Straftaten verübt. Das ist der höchste jemals gemessene Wert seit Beginn der Erfassung in der polizeilichen Kriminalstatistik. Dazu kommen noch unzählige antisemitische Vorfälle, die von zivilgesellschaftlichen Organisationen jährlich dokumentiert werden und nicht die Schwelle zur Strafbarkeit überschreiten. 

Dazu führt AJC Berlin Direktor Dr. Remko Leemhuis aus: „Diese antisemitischen Straftaten und Vorfälle sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas. Unser Anliegen mit der vorliegenden Umfrage war es, besser zu verstehen, wie weit verbreitet antisemitische Einstellungen in der deutschen Gesellschaft sind.“

Die Studie zeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung Antisemitismus durchaus als Problem betrachtet und eine Zunahme des Judenhasses während der letzten Jahre wahrnimmt. Knapp ein Fünftel ist der Meinung, dass zu viel über Antisemitismus gesprochen wird. Darüber hinaus erachten drei Viertel der Bevölkerung Judenhass nicht als Problem der jüdischen Gemeinschaft, sondern als ein gesamtgesellschaftliches.

Dazu erklärt Dr. Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus: „Die Studie des AJC liefert lang erwartete repräsentative Zahlen zur Lage des Antisemitismus in unserem Land. Sie zeigt vor allem, dass unsere Arbeit der letzten Jahre zur Bewusstseinsbildung beigetragen hat: Ein bedeutsamer Teil der Bevölkerung erkennt Judenhass als Problem an. Für uns heißt das, zusammen mit den vielen schon engagierten Menschen weiter dafür zu sorgen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidarität auch Juden und Jüdinnen einschließt.

Indes zeigt die Umfrage aber auch, dass Antisemitismus über politische und gesellschaftliche Gruppen hinweg in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und bestätigt damit Ergebnisse vorangegangener Studien, die immer wieder konstatierten, dass ein beachtlicher Teil der deutschen Bevölkerung antisemitische Ressentiments und Stereotype teilt. Zudem belegt die Befragung, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Einstellung zu Jüdinnen und Juden und der Haltung zum Staat Israel gibt.

Dazu Leemhuis: „Auch wenn diese Zahlen nicht neu sind, so unterstreichen sie doch abermals eindrücklich, dass Antisemitismus keinesfalls nur ein Problem der politischen Ränder ist. Dies belegen auch die Befunde mit Blick auf die Anhängerinnen und Anhänger aller demokratischen Parteien. Daher können wir nur davor warnen, Judenhass für parteipolitische Zwecke zu instrumentalisieren und appellieren gleichzeitig an die demokratischen Parteien, sich die Ergebnisse genau anzuschauen und gegen die unter ihren Anhängerinnen und Anhängern verbreiteten antisemitischen Einstellungen aktiv zu werden. Wenig überraschend ist, dass unter den Wählerinnen und Wählern der rechtsextremistischen AfD antisemitische Stereotype von allen im Bundestag vertretenen Parteien am stärksten verbreitet sind, ist Antisemitismus doch ein Kernelement der Partei.“

Ein zweiter wesentlicher Bestandteil der Untersuchung war die Befragung von Musliminnen und Muslimen in Deutschland mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Daher wird die Formulierung „Muslime in Deutschland“ und nicht „deutsche Muslime“ oder „muslimische Deutsche“ verwendet. Die Ergebnisse zeigen, dass antisemitische Ressentiments unter diesen Befragten deutlich verbreiteter sind als im Durchschnitt der Gesellschaft.   

Dazu führt Leemhuis abschließend aus: „Bisher gab es zur Verbreitung von Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen in Deutschland kaum empirische Forschung. Die vorliegenden Zahlen bestätigen bedauerlicherweise, was wir bereits seit langer Zeit befürchtet hatten: Antisemitische Einstellungen sind hier sehr weit verbreitet. Nicht zuletzt die anti-israelischen Demonstrationen der letzten Wochen haben dies erneut verdeutlicht. Wir haben jetzt valide Zahlen, auf deren Grundlage wir das Problem adressieren können. Dabei ist es uns wichtig hervorzuheben, und die Studie belegt dies ja deutlich, dass Antisemitismus in der gesamten Gesellschaft ein Problem ist. Da Musliminnen und Muslime ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sind, müssen wir daher auch über diesen Antisemitismus reden. Der Kampf gegen Judenhass kann schließlich nur erfolgreich sein, wenn er sich gleichermaßen gegen all seine Erscheinungsformen richtet. Hier sind die demokratischen Parteien gefordert, denn wenn sie dieses Problem nicht adressieren, dann überlassen sie der rechtsextremistischen AfD das Thema, welche es für ihre rassistische Propaganda ausnutzt.

Link zur Untersuchung: Antisemitismus in Deutschland. Eine Repräsentativbefragung.

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