Rechte(s) von A-Z

Folge 9: I / J bis Jongen, Marc

Von Christian Niemeyer

Dieses Lexikon gibt Informationen in kompakter Form sowie weitergehende Literaturhinweise, basierend auf Forschungsliteratur sowie allgemein zugänglichen Nachschlagewerke, zumeist in Printversionen. Internetquellen, etwas das Belltower-Lexikon sowie Wikipedia, wurden konsultiert. Ersteres ist aber zu unspezifisch und im Übrigen schlecht aufgebaut und unvollständig. Letzteres ist zu spezifisch, mitunter unzuverlässig. Das Handbuch Rechtsradikalismus (2002) von Thomas Grumke & Bernd Wagner setzte in beiden Hinsichten neue Maßstäbe. Es hat nur einen Nachteil: es ist zu alt, im Vergleich zum im Folgenden dargebotenen Material (Redaktionsschluss: Juli 2021), das ab jetzt auf hagalil.com in mehreren Folgen erscheinen wird und dem Online-Anhang meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte (2021) entnommen wurde. Am Ende eines jedes Eintrags finden sich in eckigen Klammern in Fettdruck die Seitenzahlen, auf denen die jeweilige Person oder Sache in der Printversion erwähnt wird. Damit gewinnt dieses Lexikon den Charakter eines Sach- und Personenregisters im Blick auf jene Printversion. Literaturhinweise finden sich in jenem kostenlos auf der Homepage des Verlags Beltz Juventa (Weinheim) als Download verfügbaren Online-Material.

 

Ibizagate. Im Juli 2017 auf Ibiza heimlich gedrehte Aufnahmen, den damaligen österr. Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) mit Korruption betreffenden Aussagen dokumentierend, führten nach ihrer Veröffentlichung im Mai 2019 zu einem Skandal mit der Folge von Neuwahlen. Dem wird der Skandal um Christian Lüth zur Seite gestellt. (s. Prolog Nr. 9) [94]

 

Identitäre Bewegung (IB). Eine Art neu-rechte-Jugendbewegung vom Typ „Generation Identity“, organisiert über Chatgruppen, etwa „über den verschlüsselten Instant-Messaging Dienst Telegram“ (Ebner 2019: 63), mit Bank- und Finanzzentrale in Ungarn (ebd.: 59) und mit einem über Red Pill Women organisierten Frauenbild, bei dem Feminismus, so Lana Lokteff, als „Angriff auf den weißen Mann“ gedeutet und „Feminität über Feminismus“ gestellt wird. (ebd.: 70 f.) Zentral ist im Ergebnis ein „offensiv gepflegter Stil adoleszenter Trotzigkeit“ (Weiß 2017: 109), verkörpert insbesondere vom österreichischen IB-Bundesleiter Martin Sellner aus dem Zirkel um den Neonazi Gottfried Küssel, der bis Januar 2019 eine Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten wg. nationalsozialistischer Wiederbetätigung absaß. (vgl. Bovalot 2018: 204) Als 2013 gegründete, was den deutschen Ableger angeht: aus einem Thilo-Sarrazin-Leserkreis hervorgegangene identitäre Marke „Phalanx Europa“ vermarktet die IB Outfits mit dem Konterfei Ernst Jüngers oder Nietzsches (mit Sonnenbrille), um ansonsten durch spektakuläre „Breakthrough“-Aktionen im Dienste des Ethnopluralismus Aufmerksamkeit zu erzeugen. Als Beispiel gilt ein 2016 qua Flashmob simulierter Terrorangriff in der Wiener Innenstadt mit dem Ziel, den tipping point zu erreichen, von dem ab auch Mainstreammedien berichten und „den Unentschiedenen die Entscheidung für eine Seite abverlangt ist“, nach dem Prinzip der „strategischen Polarisierung“ (Ebner 2019: 57) – mit Erfolg: Die IB wird in Österreich als potentiell terroristische Vereinigung geführt und weist einige Nähen auf zum Kreis um Götz Kubitschek, auch zum, so der IB-Ideologe Martin Lichtmesz, „Starautoren der angloamerikanischen ‚Alternative Right‘-Szene“, also des muskelbepackten und Tattoo-bewehrten Brachialmaskulisten Jack Donovan (Der Weg der Männer [2016]) – eine Vorliebe, die Volker Weiß wie folgt auf den Punkt brachte: „Die Fixierung auf Verbrechen von Migranten in diesen Bereichen entspringt der Trauer, selbst nicht mehr ‚so‘ sein zu dürfen, und dem Wunsch, es dem fremden Tätern mit gleicher Münze heimzuzahlen.“ (Weiß 2017: 236) [51, 93]

 

Institut für Staatspolitik (IfS). Spendenbasierte, 2000 von Karlheinz Weißmann und Götz Kubitschek gegründete, inzwischen AfD-nahe Denkfabrik in Schnellroda mit eigenen Sommer- und Winterakademien und Referenten wie Marc Jongen, Björn Höcke und Martin Sellner, aber auch neu-rechten Ideologen wie Caroline Sommerfeld, Benedikt Kaiser oder Thor von Waldstein, vorm. NPD. Das IfS gibt seit 2003 die von Kubitschek – der auch den Verlag Antaios leitet – redigierte Zeitschrift Sezession heraus. An diesem Ort hielt Kubitscheks Freund Björn Höcke 2015 seine rassistische Rede über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“. (Weiß 2017: 90) Inzwischen gilt das IfS als Verdachtsfall des Verfassungsschutzes, was Erik Lehnerts 2020 erfolgten Ausschluss aus der Desidarius-Erasmus-Stiftung – als Vorsichtsmaßnahme – erklären könnte. [33, 130, 150, 171, 214, 254, 266, 277, 313, 319, 396, 435, 485, 540 f., 629]

 

Irving, David (*1938), aus Brentwood/GB. Holocaustleugner und Geschichtsrevisionist, gerichtsnotorisch bekannt und in mehreren Ländern mit Einreiseverbot belegt, von Gerhard Frey hofiert, von Jörg Friedrich hin und wieder als ernsthafte Quelle zitiert. (vgl. Grumke/Wagner 2002: 269 ff.) [48, 452, 540]

 

Isenburg, Helene Elisabeth Prinzessin von (1900-1974), geb. Gräfin von Korff, verh. mit Untengenanntem, aus Darmstadt. Nach 1945 Mitgründerin der Stillen Hilfe für NS-Kriegsverbrecher, Zusammenarbeit mit Alois Hudal. (s. Essay Nr. 13.3.5) [424, 433, 447, 455]

 

Isenburg, Wilhelm Karl Prinz von (1903-1956), aus Darmstadt, verh. mit Obengenannter. NSLB 1933, 1934/35 Assistent bei Ernst Rüdin, 1938 a.o. Prof. f. Sippen- und Familienforschung. Amtsenthebung 1946, Wiedereinsetzung 1947. (vgl. Harten/Neirich/Schwerendt 2006: 407) [433]

 

Jäger, Karl (1888-1959), aus Schaffhausen. NSDAP 1923, SS 1932. SS-Standartenführer 1940, ab Juli 1941 Führer des Einsatzkommandos EK 3 in Litauen, rühmte sich, 137.346 Juden ermordet zu haben, 1943 Polizeipräsident in Reichenberg/Sudeten, nach 1945 Landarbeiter, Verhaftung 1959, kurz darauf Suizid. (vgl. Wette 2011)

 

Jahn, Friedrich Ludwig (1778-1852), aus Lanz/Prignitz. Deutsch-nationaler ‚Turnvater‘, gilt als Vaterfigur der völkischen Jugendbewegung, insbesondere beim ÖWV, dessen langjähriger Leiter Karl Thums ihn, diese zwischenzeitliche NS-Ikone, denn auch 1963, zum 50. Jubiläum des Meißnerfestes, erneut ins Spiel brachte, ebenso 1972, als bedürfe dringend eines erneuerten Nationalismus und Antisemitismus. Thums Ansehen bei Jugendbewegungshistoriographen seiner Epoche konnte diese Parteinahme für J., diese von Nietzsches Liebling Heinrich Heine verspottete Figur, nichts anhaben. (vgl. Niemeyer 2013: 45 f., s. Essay Nr. 22.3) [293, 617]

 

Jalloh, Oury (1968-2005), aus Kabala/Sierra Leone, verbrannte 2005 in einer Polizeizelle in Dessau, Indizien sprechen für Absicht, 2008 wurden Polizisten freigesprochen, 2012 ein Dienstgruppenleiter wg. fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt, 2014 wurde ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet.

 

Jamel. Ort in Mecklenburg-Vorpommern, seit einer in den 1990er Jahren anhebenden entsprechenden, gezielten Siedlungsstrategie Nazi-Hochburg, bekannt durch das Protest-Festival „J. rockt den Förster“, organsiert von dem dort lebenden couragierten Künstlerehepaar Birgit & Horst Lohmeyer. (vgl. Röpke/Speit 2013: 232 ff.) (s. Glosse Nr. 20) [267, 738, 748 f.]

 

Janich, Oliver (1969), aus München. Ursprünglich Journalist, u.a. bei Focus Money, Financial Times Money und Süddeutsche Zeitung, dann Buchautor vom Typ Udo Ulfkotte sowie Stefan Schubert, wie J.s Buch Das Tagebuch des Horrors: Wie Angela Merkel Deutschland zerstört (2018) offenbart. J. veröffentlichte bei Kopp Online, Political Incorrect und Compact. 2010 Ermittlungen gegen J. wg. Börsengeschäften. J. ist Verschwörungstheoretiker, Einstieg zum Thema nine/eleven, inzwischen erfolgreicher Verschwörungsinfluencer mit (Stand Oktober 2020) 159.000 (YouTube) bzw. 140.300 (Telegram) Followern, darunter Xavier Naidoo, m. antisemitischer Zurechnung auf „‘Neue Weltordnung‘, die er in Politik, Wirtschaft und Unterhaltung erkennen will, Rassismus und Islamfeindlichkeit, ‚Lügenpresse‘ und Hetze gegen die Sozialen Netzwerke […]. Bilderberger, Freimauererei, Rothschilds überall.“ (Frühling 2020) 2017 gab J. Wahlempfehlung pro AfD, im Juni 2020 wurde von ihm auf Frontal 21 der Satz zitiert: „Viele der Leute, die heute an der Macht sind, gehören eigentlich aufgehängt.“ Zuspruch für J., einen durchaus charmanten u. witzigen, dadurch gefährlichen, Verführer, der indes dann, wenn er über Ritualmorde an Kindern fabuliert (vgl. Oliver Janich antwortet auf ZDF „Lügenfrage“ (Ritualmorde an an Kindern in höchsten Kreise), auf YouTube v. 10.07.2020), den Psychopathen verrät, zuletzt ausgerechnet durch die sich als Pädagogin der Neuen Rechten inszenierende Caroline Sommerfeld im Juni 2021 wg. dessen Erklärung der AfD-Niederlage in Sachsen-Anhalt im Stil Donald Tumps („Wahlbetrug“). [67]  

 

Jantzen, Walther (1904-1962). NSDAP u. NSLB 1932, 1935-38 Zentralinst. F. Erziehung u. Unterricht, 1938 Oberstudiendirektor in Potsdam, Schriftleiter Weltanschauung und Schule (bis 1944), 1948-1958 Burgwart der Burg Ludwigstein, dort braunes Netzwerk und NS-affine Erinnerungspolitik. (vgl. Horn 1996; Niemeyer 2013: 40, 140; Harten/Neirich/Schwerendt 2006: 408) [172, 324, 473-475]

 

Jebsen, Ken (*1966), aus Hüls. Eigentl. Kayvan Soufi Siavash, vormals RBB-Moderator, nachmals Putin-Freund, Krim-Reisender, Holocaustleugner, verbreitet, unter Berufung auf nine/eleven, auf seiner Internetseite KenFM bevorzugt Verschwörungstheorien (vgl. Nocun/Lamberty 2020: 224 f.), bevorzugt seit der Corona-Krise 2020, in Kooperation mit Oliver Janich, Xavier Naidoo und Attila Hildmann. J.s Spezialität: Die Bundesrepublik sei nur eine „simulierte Demokratie“. (Sp Nr. 21/16.5.2020: 32) Seit November ist KenFM dauerhaft gesperrt wg. Verstoßes gegen Community-Regeln. [79, 649, 707]

 

Jünger, Ernst (1895-1998), aus Heidelberg. Schriftsteller, Rechtsnietzscheaner (vgl. Stephan 2019), Weltkriegsteilnehmer mit Bestseller In Stahlgewittern (1920), Nationalbolschewist, Antisemit und Herausgeber rechter Zeitschriften, darunter Die Kommenden (vgl. Breuer/Schmidt 2010), wo er 1929 den Nationalsozialismus begrüßte. Nach 1939 wieder Offizier, stand in Paris dem deutschen Widerstand um General von Stülpnagel nahe, wurde 1944 wg. Wehrunwürdigkeit aus der Armee ausgestoßen, nach 1945 kurzzeitig Schreibverbot. (vgl. Loewy 1966: 314 f.) Laut Erik Lehnert (SH 3: 102 f.) neu-rechter Vordenker mit – 2010 im Staatspolitischen Handbuch – insgesamt vier neu-rechten Schlüsselwerken. [227, 249, 255, 367 f., 658]

 

Junge Freiheit (= JF),1986 von Dieter Stein als Schüler- und Studentenzeitung gegründete Wochenzeitung mit einer Auflage von ca. 30.000 Exemplaren sowie Online-Beiträgen und solchen auf dem YouTube-Kanal JF-TV (vgl. Schudoma 2018a: 141), die seit Jahren kämpft gegen ihre Einordnung als rechtsextrem. Der Sache nach verficht die JF nach Helmut Kellershohn „neurechte und konservativ-revolutionäre Ideen“, scheint mithin die Einordnung von Alexander Gauland berechtigt: „Wer die AfD verstehen will, muss die JF lesen.“ (zit. n. Kellershohn 2018a: 104)

 

Jongen, Marc (*1968), aus Meran/It. Philosoph. AfD-MdB seit 2017. Schüler von Peter Sloterdijk (s. Glosse Nr. 19) mit einer diesem entlehnten – allerdings kaum mit Nietzsche in Einklang zu bringenden (s. Glosse Nr. 6) – „Theorie von der ‚Thymosschwäche‘ der Deutschen“ bei dadurch erklärbarer „Nähe zu den plakativen Thesen [Jack] Donovans, mit dem er etwa die Prämisse von der Gewalt als Ursprung aller Kultur teilt.“ (Steinhagen 2017: 130) [112, 153, 221, 253 f., 313, 315 f., 347, 380, 520, 587, 648, 669, 692, 724-736]

 

 

[Zum Autor: Christian Niemeyer, Prof. (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden. Zum Text: Dieses Lexikon wurde, wie die noch ausstehenden Folgen, wurde dem Online-Material (S. 21-106) meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz 1). Mit Online-Materialien. Weinheim Basel 2021 entnommen. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Beltz Juventa.]

Bild: V.l. David Irving, (c) Allan Warren / CC BY-SA 3.0; Marc Jongen, (c) Robin Krahl / CC BY-SA 4.0; Dieter Stein, Gründer und Chefredakteur der Jungen Freiheit, (c) Junge Freiheit Verlag GmbH – http://www.jungefreiheit.de / CC BY-SA 3.0 de

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