Rechte(s) von A-Z

Folge 8: H bis Hudal, Alois

Von Christian Niemeyer

Dieses Lexikon gibt Informationen in kompakter Form sowie weitergehende Literaturhinweise, basierend auf Forschungsliteratur sowie allgemein zugänglichen Nachschlagewerke, zumeist in Printversionen. Internetquellen, etwas das Belltower-Lexikon sowie Wikipedia, wurden konsultiert. Ersteres ist aber zu unspezifisch und im Übrigen schlecht aufgebaut und unvollständig. Letzteres ist zu spezifisch, mitunter unzuverlässig. Das Handbuch Rechtsradikalismus (2002) von Thomas Grumke & Bernd Wagner setzte in beiden Hinsichten neue Maßstäbe. Es hat nur einen Nachteil: es ist zu alt, im Vergleich zum im Folgenden dargebotenen Material (Redaktionsschluss: Juli 2021), das ab jetzt auf hagalil.com in mehreren Folgen erscheinen wird und dem Online-Anhang meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte (2021) entnommen wurde. Am Ende eines jedes Eintrags finden sich in eckigen Klammern in Fettdruck die Seitenzahlen, auf denen die jeweilige Person oder Sache in der Printversion erwähnt wird. Damit gewinnt dieses Lexikon den Charakter eines Sach- und Personenregisters im Blick auf jene Printversion. Literaturhinweise finden sich in jenem kostenlos auf der Homepage des Verlags Beltz Juventa (Weinheim) als Download verfügbaren Online-Material.

 

 

Härtle, Heinrich (1909-1986), aus Sachrang. NSDAP-Funktionär im Amt Rosenberg, wichtiges Buch zur Nazifizierung Nietzsches (vgl. Niemeyer 2019: 326 ff.), nach 1945 zunächst interniert (bis 1948), danach rechtsextremer Publizist. Hutten-Pries der GfP. [211, 230, 233, 279, 286, 381, 452, 622]

 

Haider, Jörg (1950-2008), aus Goisern/A. Rechtspopulistischer österr. Politiker mit Tendenzen zur Verharmlosung Hitlers sowie solchen in Richtung Antisemitismus, FPÖ-Chef (1986-2000), Landeshauptmann Kärnten (1989-1991; ab 1999). [257, 437]

 

Hammer. 1901/02 von Theodor Fritsch gegründete, 1940 eingestellte völkische Monats- bzw. (ab 1903) Halbmonatsschrift, die dem Niedergang des organisierten Antisemitismus entgegenwirken und die völkische Weltanschauung in ihrer ganzen Breite darlegen sollte (vgl. Puschner 2001: 61 f.). Zu den Autoren des H. gehörten auch für die (völkische) JB wichtige Autoren wie Adolf Bartels, Ottomar Beta, Paul Förster, Willibald Hentschel, Heinrich Pudor oder Ernst Wachler. [194, 233 f., 268, 602]

 

Hanau. Ort eines beim ersten Blick auf Verschwörungstheorien und Rassismus verweisenden Amoklaufs auf eine Sushibar sowie zwei Cafébars durch einen am Ende auch sich und seine Mutter im Stil eines erweiterten Suizids richtenden Täters namens Tobias Rathjen mit neun aus rassistischen Gründen Ermordeten am 19. Februar 2020. (Quelle: SP Nr. 9/2020: 10-18). Der Vorgang führte zu Distanzierungsversuchen der AfD mit der Pointe, dass der eigentlich gravierendere Amoklauf auf den – so Gottfried Curio (AfD) – Namen „Amoklauf der Lüge“ laute, mit der AfD als Opfer resp. „die größte Bedrohung für Deutschland und seine Demokratie.“ (SP Nr. 10/2020: 35) Anzumerken bleibt, dass der Täter von Hanau (seit 2002) an paranoider Schizophrenie litt und aus diesem Grund Verschwörungstheorien anhing, so dass das Nachahmungsmotiv im Blick auf den antisemitisch-rechtsterroristischen Anschlag von Halle womöglich als eines vom Typ ‚Trittbrettfahrer‘ überwiegt im Vergleich zu rechtsextremistischen Anschauungen. (Quelle: SP Nr. 15/2020: 55) [58, 76 f.]

 

Hannsmann, Margarete (1921-2007), aus Heidenheim (Württ.). Schriftstellerin, Tochter von Gotthold Wurster, mit dessen NS-Prägung sie sich auf beeindruckende Art auseinandersetzte. (vgl. Hannsmann 1982; Feigl/Pablé 1988: 352; s. Prolog Nr. 15) [144]

 

Harmsen, Hans (1899-1989), aus Charlottenburg. Schüler und Freund des Sozialhygienikers Alfred Grotjahn, 1931 gab H. in seiner Eigenschaft als Leitender Arzt für das Gesundheitsweisen der Inneren Mission (1927-1937) den entscheidenden Impuls für die völkische Orientierung der kirchlichen Wohlfahrtspflege in Richtung Euthanasie. (vgl. Klee 2003: 227) Nach 1933 entwickelte H. „Konzepte für den ‚Volkstumskampf‘ in osteuropäischen Ländern. (vgl. Schleiermacher 2008: 224) Nach 1945 konnte H. seinen Weg als Ordinarius für Allgemeine und Sozial-Hygiene (an der Universität Hamburg) fortsetzen. (vgl. Kappeler 2000: 426). So war H. beispielsweise Gründer von Pro Familia und (1952) Gründer und Präsident der Dt. Gesellsch. f. Bevölkerungswissenschaft (Klee 2003: 226). In der Kurzbiographie der Kindt-Edition werden die letztgenannten Verdienste herausgestellt, H.s Mitwirkung an Rassenhygiene wie Euthanasie bleibt hingegen unerwähnt oder wird verdunkelt in Gestalt von Angaben wie: „1942 Dozent für Hygiene in Berlin. Teilnahme am Zweiten Weltkrieg als Hygieniker (Afrika, Russland, Balkan).“ (Ki III: 1767) [464, 529, 592, 602]

 

Hass, Karl (1912-2004), auch Haß, aus Kiel. SS-Sturmbannführer (1941), beteiligt, u.a. mit Erich Priebke, am von Herbert Kappler zu verantwortenden Massaker an 335 Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen in Rom vom 24.3.1944. Nach 1945 Fluchthelfer für Alois Hudal. Gerüchte, H., der 1947 von Thomas Lucid vom US-Geheimdienst CIC angeworben worden war (vgl. Sands 2020: 409), habe 1949 als Doppelagent seinen Gesinnungsgenossen Otto Wächter vergiftet, nachdem er diesem „bestimmte Vorschläge“ gemachte, die Wächter ablehnte und um die er ungerne beider Helfer (Hudal) wissen lassen wollte, passen nicht zur mutmaßlichen Todesursache. (ebd.: 427) Später war H. bei der Organisation Gehlen, 1953 Toderklärung (1962 aufgehoben), 1998 Militärgericht Rom lebenslänglich, umgewandelt in Hausarrest, starb in Castel Gandolfo. (s. Essay Nr. 13.3.5) (vgl. Klee 2003: 230; Hammerschmidt 2014: 497 f.; Sands 2020: 342 ff.) [453]

 

Hate Speech. HS, eingedeutscht „Hassrede“, gilt als „Form der digitalen Gewalt“, basierend auf Fehlinformationen, Vorurteilen, Stereotypen sowie rassistischen und sexistischen Beleidigungen, die im schlimmsten Fall einem Aufruf zur Gewalt gegenüber Einzelnen oder gar Gruppen gleichkommen. (vgl. May/Heinrich 2020: 35) Abgesehen von Bildungseinrichtungen als Teil des Mobbing ist HS vor allem im politischen Raum zu beobachten, etwa anhand von fundamentalistischen „Hasspredigern“ aus islamischen Ländern, aber auch in der Zeit des Nationalsozialismus (exemplarisch: Josepf Goebbels), schließlich in den USA bei Donald Trump sowie, inspiriert dadurch, bei AfD-Politikern wie Björn Höcke, nicht vergessen Journalisten wie Udo Ulfkotte, Blogger wie „Michael Mannheimer“ sowie in der rechtsextremen Szene bei Aufzügen aller Art. [41, 64]

 

Hartmann, Markus (*1976). Mutmaßlicher Mittäter von Stephan Ernst beim Mord an Walter Lübcke. H., „seit vielen Jahren […] in der Neonaziszene in Kassel unterwegs“, hatte „in den Neunzigerjahren wegen beinahe tödlichen Angriffen auf Migranten mehrere Jahre im Gefängnis gesessen.“ (SP Nr. 3/2020: 44) H. konnte seit 2016 legal Schusswaffen kaufen und besitzen, „obwohl seine rechtsextreme Gesinnung den Behörden seit Jahren bekannt war.“ (SP Nr. 10/2020: 43; vgl. Steinhagen 2021: 242 ff.) Rechtskräftig verurteilt wg. „Sieg Heil!“-Rufen und Zeigen des Hitlergrußes und in einem militanten Neonaziforum unter dem Pseudonym „Stadtreiniger“ aktiv, soll auch das Video vom Herbst 2015 gedreht und vor Ort mit dem Satz „Verschwinde!“ kommentiert haben, das im Nachhinein als Lübckes Todesurteil in Betracht kommt. Freispruch im Lübcke-Prozess trotz Aussage von Stephan E., sein (Rechts-)Anwalt Dirk Waldschmidt – im März 2021 festgenommen wg. Geldwäscheverdacht – habe ihm „Gefangenenhilfe“ angeboten im Fall einer Aussage pro H. [99, 250]

 

Hehlmann, Wilhelm (1901-1998), aus Magdeburg. NSLB 1933, NSDAP, SA, Dozent der Adolf-Hitler-Schule Sonthofen, Herausgeber eines Wörterbuchs, nach 1945 Prof. in Wiesbaden, Brockhaus-Redakteur. (vgl. Harten/Neirich/Schwerendt 2006: 396) [370, 388]

 

Heidegger, Martin (1889-1976), aus Meßkirch. H., bedeutender dt. Philosoph mit (anfänglicher) Sympathie für den Nationalsozialismus (1933/34 als Rektor der Freiburger Universität), sah sich ab Herbst 1929 zu Nietzsche hingezogen, dem er u.a. eine berühmte zweibändige Darstellung widmete, die Vorlesungen und Abhandlungen aus den Jahren 1936 bis 1946 zum Inhalt hatte. H. vermutete die „eigentliche Philosophie“ (Heidegger 1961a: 17) Nietzsches im Nachlass bzw. in der von Nietzsche nicht autorisierten Textkompilation Der Wille zur Macht und begünstigte dadurch die Nazifizierung Nietzsches sowie dessen Fehldeutung als Metaphysiker. (vgl. Niemeyer 2019: 108 ff.)

 

Heidenau. Ort in Sachsen, von dem 2015 spektakuläre Proteste gegen den Bau von Asylunterkünften und die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ausgingen. (s. Glosse Nr. 4) [64, 203 f., 265, 352, 663 f.]

 

Heise, Thorsten (*1969), aus Göttingen. Militanter Neonazi, Führer der Kameradschaft Northeim u. der Kameradschaft Eichsfeld, NPD (2004-2012 Bundesvorstand), Herausgeber von Volk in Bewegung & Reichsbote, Verbindung mit Björn Höcke. (vgl. Grumke/Wagner 2002: 262 ff.; Röpke/Speit 2013: 276) [447, 451, 743]

 

Hentschel, Willibald (1858-1947), aus Lódz/Pl. (s. Essay Nr. 21) [151, 271, 600-603]

 

Hepp, Odfried (*1958), aus Achern. Ex-Neonazi, Bombenanschläge 1982 mit anti-amerikanischem Akzent. Pol. Radikalisierung als Zwölfjähriger durch die Heimattreue Jugend (vgl. Dudek 1985: 113 ff.), später durch die Wiking-Jugend (ebd.: 127 ff.), im Juli 1980 Flucht in den Libanon, Rückkehr, verurteilt zu 16 Monaten, im Dezember 1981 entlassen. Im Herbst 1982 Gründung der Hepp-Kexel-Gruppe, Banküberfälle und Sprengstoffanschläge auf US-Einrichtungen. Vor Verhaftung Flucht nach Ost-Berlin (1983), wo er als IM beim Ministerium f. Staatssicherheit unter Vertrag stand. 1985 in Paris festgenommen, dort zu 2 Jahren verurteilt, 1987 in die Bundesrepublik ausgeliefert, dort zu 10 ½ Jahren verurteilt. 1993 entlassen, seitdem als Aussteiger unauffällig. (Röpke/Speit 2013: 276; Röpke 2013: 56 f.)

 

Hermann, Lothar (1901-1974), aus Quirnbach. Aus jüdischem Elternhaus mit elf Geschwistern. Mutmaßlich KPD. 1935 beim Schmuggeln von Devisen erwischt, KZ Dachau, verlor infolge von Misshandlungen auf einem Auge seine Sehkraft. Nach seiner Entlassung im August 1936 Flucht nach Holland, im Dezember 1938 mit seiner nicht-jüdischen Frau weiter nach Uruguay, danach Argentinien. Dort lernte seine Tochter durch Zufall den Sohn von Adolf Eichmann kennen, worüber H. Fritz Bauer informierte. (s. Essay Nr. 13.3.5) [441]

 

Heß, Ilse, geb. Pröhl (1900-1995), aus Hannover. Gattin des Folgenden, den sie – zusammen mit Hitler – als Gymnasiastin kennengelernt hatte und 1927 heiratete, 1921 NSDAP, 1948 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. (vgl. Eberle/Uhl 2005: 567 f.) Betätigte sich in rechtsradikalen Kreisen. (s. Essay Nr. 13.5) [437]

 

Heß, Rudolf (1894-1987), aus Alexandria/Ägypten, Gatte der Vorgenannten. Freikorps Epp 1919. NSDAP 1920, Teilnehmer Hitler-Putsch 1923. 7 Monate Haft. Assistent bei Niederschrift Mein Kampf, ab 1933 Stellvertreter Hitlers. Im Mai 1941 m. Jagdflugzeug nach England, um Absetzung Churchills und Allianz mit England zu bewirken, von Hitler für verrückt erklärt, von den Briten interniert. Suizidversuch am 15.10.1941. Im Nürnberger Prozess zu lebenslänglich verurteilt. Suizid im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Neonazi-Ikone. (vgl. Eberle/Uhl 2005: 568; Klee 2003: 249) [143, 437 f., 649]

 

Heß, Wolf Rüdiger (1937-2001). Sohn des Vorgenannten, der sich sein Leben lang um dessen Rehabilitation bemühte, zuletzt mittels der von Neonazis aufgegriffenen Verschwörungstheorie, sein Vater habe nicht Suizid begangen, sondern sei ermordet worden. (vgl. Heide 2020: 167) [143, 438]

 

Heßenkemper, Heiko (*1956), aus Hamm. Physiker. Prof. an der TU Bergakademie Freiberg. AfD 2014 wg. Thilo Sarrazin. AfD-MdB seit 2017. Einwanderung = „Umvolkung“, warnt vor einer „Durchmischung der Rassen.“ (s. Prolog Nr. 11) [112 f.]

 

HIAG. „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e.V.“, 1951 gegr., 1992 aufgelöst, erfolgreich im Bereich der Verharmlosung der NS-Verbrechen und des Revanchismus sowie Geschichtsrevisionismus, bis hin zur Neuen Rechten, exemplarisch 2017 zu Tage tretend bei Erik Lehnert sowie Nils Wegner. (s. Essay Nr. 13.3.5) [422, 425, 429 f., 437, 444, 626]

 

Hildmann, Attila (*1981), aus Berlin. Dt.-türkischer veganer Promikoch, verbreitet via Messengerdienst bevorzugt Verschwörungstheorien vom Redpilling-Format, bevorzugt seit der Corona-Krise 2020, in Kooperation mit Xavier Naidoo und Ken Jebsen sowie mit Resonanz bei einem der Anführer der Corona-Proteste, dem Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann mit fast 300.000 Abonnenten auf YouTube. Im November 2020 Gefährderansprache. Im Februar 2021 Haftbefehl wg. Volksverhetzung, Beleidigung, Bedrohung und öffentlicher Aufforderung zu Straftaten, zuvor, weil er davon erfahren haben muss, untergetaucht in der Türkei. [67, 78 f.]

 

Himmler, Heinrich (1900-1945), aus München. H., gest. durch Suizid in brit. Haft, „Reichsführer-SS“ (RFSS, ab 1929), Chef der Deutschen Polizei (ab 1936), „Reichskommissar für die Festigung Deutschen Volkstums“ (RKF, ab Oktober 1939) und zumal in dieser Eigenschaft monströser (Mord-) Gehilfe Hitlers in puncto Auschwitz, dies zumal in Gestalt seiner die Mordtaten der SS auch noch moralisch aufwertenden ‚Posener Rede‘ sowie einer in vier Millionen Exemplaren verbreiteten illustrierten Broschüre unter dem Titel Der Untermensch (1942). (vgl. Niemeyer 2013: 159) H. war Mitglied im Freikorps Oberland und 1923 Teilnehmer am Hitlerputsch und stand seit 1927 mit der Artamanenbewegung in Verbindung. Aus ihr gewann er wichtige Impulse in Sachen Antisemitismus, Antislavismus und Rassismus. dies zumal im Rahmen des ‚Generalplan Ost‘, also der geplanten Umsiedlung von 31 (der insgesamt 45) Millionen slawischen Einwohner zugunsten von ca. 10 Millionen deutschblütiger Siedler, die sich dann der 14 Millionen zur Zwangsarbeit vorgesehenen Slawen versichern konnten (Madajczyk 2008: 188). Zusammenhänge wie diese werden im einschlägigen, 1974 erschienenen Band der Kindt-Edition systematisch verschleiert. Man wollte offenbar die Friedhofsruhe nicht stören, zu welcher diese Edition im Interesse der schuldbeladenen Veteranen der Jugendbewegung ihren Teil beizutragen suchte. (vgl. Höhne 1967: 32 ff.; Eberle/Uhl 2005: 569 f.; Niemeyer 2013: 52 ff.; s. Essay Nr. 22) [143 f., 231, 299, 335, 375, 407, 433-435, 437, 440, 583, 595-597, 600, 605-607]

 

Hinz, Thorsten (*1962), aus Barth. Neu-rechter Ideologe, Autor bei der Jungen Freiheit, Sezession, eigentümlich frei, der in seinen Veröffentlichungen das gesamte Spektrum völkischer Ideologie abdeckt. (s. Glosse Nr. 2) [25, 32, 51, 58f., 117, 119 f., 136, 400, 406, 423, 429, 431 f., 433, 436 f., 439, 648, 658]

 

Hitler, Adolf (1889-1945), aus Braunau, Österreich-Ungarn. Diese Person ihrer Genealogie nach darzustellen, fällt mir nicht ein. Im Übrigen gilt: „Der Krieg wurde nicht geführt und die Juden wurden nicht vernichtet, weil H. krank war, sondern weil die meisten Deutschen seine Überzeugungen teilten, ihn zu ihrem Führer machten und ihm folgten.“ (Neumann / Eberle 2009: 296) Die Frage, so gedreht, führt in ganz andere, von H. weg hin zu seinen Wählern und Anhängern hinführende Bereiche, wie am Beispiel Donald Trump diskutiert. (s. Prolog Nr. 14) Hier nur so viel ad H., aus sozialpädagogischer Sicht: Der Irrsinn der meisten Reden und Taten H.s steht außer Frage, sie deuten auf eine schwere Psychopathie bei gänzlich fehlendem Gewissen oder emotionaler Intelligenz hin, erlauben aber keinen Rückschluss auf eine Geisteskrankheit, was ihn außer Verantwortung setzte. Alle Versuche dieser Art müssen als gescheitert betrachtet werden (vgl. Armbruster / Theiss-Abendroth 2018), einschließlich des Versuchs eines Schulpsychologen, H.s Devianz, analog etwa zum Fall Robert Steinhäuser (s. Essay Nr. 2), als Geschichte eines lebenslangen Amoklaufs aufzubereiten. (vgl. Keller 2010) H., der in einer Konsequenz, wie es sie bis dato bei noch keinem politischen Führer gab, das Diabolische wählte, war nach der von ihm mit mörderischen Folgen angewandten Rassenlehre ein typisch unnordischer, ost-slawischer Typus. Max von Gruber: „Gesicht und Kopf schlechte Rasse, Mischling. Niedere, fliehende Stirn, unschöne Nase, breite Backenknochen, kleine Augen, dunkles Haar; Gesichtsausdruck nicht eines in voller Selbstbeherrschung Gebietenden, sondern eines wahnsinnig Erregten.“ (zit. n. Bleuel 1979: 51) Dass ein derart den SS-Idealen Hohn sprechender Typus unbeanstandet blieb und beinahe ein ganzes Volk in beglückte Raserei versetzte, gehört zu den allein (massen-) psychologisch zu klärenden Rätseln. Banaler zu klären ist H.s rasanter Verfall. Anzunehmen ist, durch seinen Leibarzt Theodor Morell zu verantworten und u.a. in Akte Nr. 462a nachlesbar, Pervitin-Abusus, der im Februar 1943, nach dem Fall Stalingrads, einen neuen Höhepunkt erreichte, mitsamt der unübersehbaren Nebenwirkungen, die wir in ähnlicher Form von der Modedroge Crystal Meth – mit Pervitin verwandt – kennen. Ein Beispiel gibt der Suizid Erich Udets, dessen Verfall der Göring-Biograph Guido Knopp mit dem Abusus von „Aufputschmitteln“ (Knopp 2006: 158) erklärte, ohne zu sagen, welchen: Pervitin (vgl. Härtel-Petri / Haupt 22015: 22) Der Verfall Udets ist jenem H.s komplementär. Aus dem charmanten und galanten Jagdfliegerass des Ersten Weltkriegs ist im Herbst 1940 ein völlig überforderter Mann geworden, der einen Blutsturz erlitt und zusammenbrach: „Bleich, aufgedunsen und ungepflegt, war er nicht mehr wiederzuerkennen. Udet verfiel zusehends.“ (Knopp 2006: 158) Ähnlich lesen wir zu H.: „Die Anfälle nervöser Gereiztheit nahmen zu. Bald schien es H., sein Kragen sei zu eng und hemme den Blutkreislauf, bald waren ihm die Hosen zu lang. Er klagte über Hautjucken. Überall – im Spülwasser der Toilette, in der Seife, in der Rasiercreme oder in der Zahnpasta – vermutete er Gift und forderte genaue Analysen. Auch das Wasser, mit dem sein Essen gekocht wurde, musste untersucht werden. H. kaute an den Fingernägeln, kratzte sich Ohren und Nacken blutig.“ Nicht vergessen sei der Hinweis, dass H. die Temperatur in seinen Räumen auf 12° herunterregulieren ließ (vgl. Eberle / Uhl 2005: 187) – eine völlig rationale Haltung, wenn man die Reduzierung des Kälteempfindens durch Pervitin in Rechnung stellt. Was denn auch H.s Wohlempfinden in seiner unwirtlichen, mitten im ostpolnischen Wald gelegenen ‚Wolfsschanze‘ erklären könnte. (vgl. Ohler 2015: 153) Eineinhalb Jahre nach diesem Dokument aus der Zeit zu Beginn des Unternehmens Barbarossa waren die Folgen dieser Lebensweise unübersehbar: „H. sah alt und müde aus. Sein Haar war grau geworden. Er ging gebeugt und zog die Beine nach. Er war ungewöhnlich nervös und unruhig, brauste noch schneller auf als sonst und traf widersprüchliche Entschlüsse.“ (Eberle / Uhl 2005: 349) Dass H., seine Untaten insgesamt vor Augen gestellt, nach wie vor Anhänger findet oder jedenfalls doch Interpreten wie Alexander Gauland, die von H.s Hinterlassenschaft als „Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ (SP Nr. 25/16.6.2018: 121) reden, ist unfassbar. Dieser Mär gilt es entgegenzutreten: H. verwandelte Deutschland ab 1933 systematisch in eine Diktatur und damit in eine Spielweise für Rechtgläubige sowie eine offene Psychiatrie für die Gestörten unter ihnen – etwa Amon Göth –, die in den zügig ausgebauten KZ’s dringend gebraucht wurden und denen dort alles an Perversionen erlaubt war, sofern sie es, anders als Göth, nicht übertrieben. In die Psychiatrie hingegen wanderten eben jene anderen, als Sand in Getriebe Wahrgenommen, nicht mit dem Interesse an Ihrer Behandlung, sondern an Ihrer Vernichtung. Dem war jedenfalls ab 1939 so, als man die Krankenhäuser für die Kriegsbeschädigten benötigte und die in zureichender Anzahl verfügbaren „willigen Helfer“ unter den Ärztinnen und Ärzten die benötigten Betten gleichsam frei spritzen, unter Leitung von H.s Begleitarzt Karl Brandt und im Rahmen der Aktion T4. (s. Essay Nr.  12) H. war auch verantwortlich für den II. Weltkrieg, gar, als Oberster Kriegsherr, für die meisten der in seinem Verlauf getroffenen, zumeist falschen Entscheidungen, mit der Folge von insgesamt gut vierzig Millionen Toten. Und schließlich: H. kündigte im Januar 1939 im Reichstag für den Kriegsfall „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ (zit. n. Kellerhoff 2015: 256) an, hatte, in Mein Kampf (1925/26), der Vision Ausdruck gegeben, „zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal 12 000 oder 15 000 dieser hebräischen Volksverderber […] unter Giftgas gehalten“, also „zur rechten Zeit beseitigt, hätte vielleicht eine Million ordentlicher, für die Zukunft wertvoller Deutschen das Leben gerettet“ (ebd.: 255) – kurz: H. trug Verantwortung, wenn auch wohl nicht informiert für alle Details der Planung, auch für den auf Visionen wie diesen aufbauenden Holocaust mit mehr als 6 Millionen Toten. Unfassbar also, dass H. im neu-rechten Diskurs weiterlebt, sei es in Gestalt des H.-Grußes eines Elitesoldaten im April 2017 bei der Abschiedsparty für einen KSK-Kommandeur, bei der „Rechtsrock gespielt und verfassungsfeindliche Symbole gezeigt worden sein sollen.“ (SP Nr. 21/16.5.2020) Sei es im Heim des Götz Kubitschek, in Gestalt eines den H.-Gruß zeigenden schwarzen Gartenzwergs (vgl. Bender 2017: 89). Sei es bei Burschenschaften oder beim AfD-MdB Stefan Keuter, der in seinem Büro hin und wieder als H.-Imitator auftrat und durch Versendung von H.-Bildern aus Wien zu Halloween („Hallo Wien“)  (vgl. Bensmann/Löer 2018; stern.de vom 30. Oktober 2018) sich im Bereich des Grenzüberschreitenden erprobte. (s. Prolog Nr. 16) Nicht vergessen sei in diesem Zusammenhang auch Björn Höcke: Das große Problem sei, so Höcke 2017 gegenüber dem Wall Street Journal, „dass man H. als das absolut böse darstellt.“ (zit. n. SP Nr. 44/27.10.2018: 28) Heißt: Durch ein positiveres H-Bild und einen dem korrespondierenden Geschichtsrevisionismus à la Staatspolitisches Handbuch aus dem Antaios Verlag zu einem neuen großen Deutschland! Demgegenüber sei hier die Jämmerlichkeit H.s betont, die ihren klarsten Ausdruck findet im larmoyanten Ton, mit dem er seinen Suizid orchestrierte, etwa in Weisung Nr. 75 vom 15. April 1945, in welcher er im Fall der Niederlage das Schicksal der Besiegten weissagt („Während die alten Männer und Kinder ermordet werden, werden Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren erniedrigt. Der Rest marschiert nach Sibirien!“), um zu enden mit einem Satz, den man wohl als Eingeständnis lesen darf. H. nämlich schreibt: „Im Augenblick, in dem das Schicksal den größten Kriegsverbrecher aller Zeiten dieser Erde weggenommen hat, wird sich die Wende dieses Krieges entscheiden“ (zit. n. Hubatsch 21983: 311) – und gibt damit zu, dass er eben dies war: Der „größte Kriegsverbrecher aller Zeiten“, und nichts außerdem! (s. Essay Nr. 12.1) [31, 33, 53, 55, 61, 71, 75, 93, 104 f., 114, 128, 140, 146, 166, 179, 199 f., 201, 230, 254, 256-258, 262, 265 f., 268, 270 f., 277, 283, 289, 293, 295, 297, 314, 316-318, 323 f., 327, 330, 338, 340, 348 f., 350, 352, 368, 370, 372-376, 379, 381, 383, 392, 394, 398-400, 404, 407, 412, 416, 418-422, 425, 427, 433, 436-438, 440, 443, 465, 476, 480, 492, 499, 505, 519-521, 523, 535 f., 538, 540, 557, 569 f., 577, 579 f., 585, 593, 601 f., 605 f., 609, 619-621, 647 f., 667, 676-678, 695, 723, 744, 773]

 

Hitlerjugend (HJ). Der Zusammenhang zwischen HJ und Jugendbewegung ist komplex. (vgl. Niemeyer 2013) Im Grundsätzlichen ist Unvereinbarkeit zu notieren, gemäß etwa des folgenden, von Peter Petersen stammenden Zeugnisses aus der Zeit des Nationalsozialismus: „Seit dem ‚Reichgesetz über die HJ.’ vom 1.12.1936 gehört die gesamte deutsche Jugend als Reichsjugend zur HJ. Damit ist die dem individualistischen Zeitalter angehörende JB beendet und dem deutschen Volk wieder eine naturgemäße organische Einordnung seiner Jugend in das Volk gelungen.“ (zit. n. Ortmeyer 2009: 296) Andererseits ist nicht in Abrede zu stellen, dass

kontinuierende Motive vorliegen, wie Herman Nohl 1933/34 herausstellte (s. Essay Nr. 14) und in der Folge auch von Personalseite ausgehend deutlich wurde. Dagegen steht zwar der Geist der Meißnerformel, der allerdings ohnehin eher retrospektiv, also nach 1945, als bestimmend für die ganze Jugendbewegung herausgestellt wurde, in theoriepolitischer Absicht. (vgl. Niemeyer 2013: 175 ff.; s. Essay Nr. 23) [118, 170, 173, 222, 230, 323, 347, 370, 465, 470, 472, 474, 499, 570, 586, 591, 596, 601, 604, 607, 614, 630, 742]

 

Hobbes, Thomas (1588-1679), aus Malmesbury/UK. Staatstheoretiker. In seinem Buch Leviathan (1651) findet sich die Formel vom „Krieg aller gegen alle“ (H. 1651: 115), die H. in den Rang einer anthropologischen Universalie erhob, mit der in allen Gesellschaften und unter allen Umständen zu rechnen sei. Gegenwirkend brachte H. zwei Strategien in Vorschlag, eine sozialstaatliche und eine ordnungsstaatliche. Bei der sozialstaatlichen Strategie tritt der Staat insoweit als Friedensstifter auf, als er die Reichen von den unorganisierten Hilfeansinnen der Armen entlastet. Bei der ordnungsstaatlichen Strategie wartet der Staat mit dem Versprechen auf, die Verhältnisse der Bürger insgesamt möglichst rechtsförmig zu ordnen. Üblicherweise setzt eine solche Absicht ein Denken in Begriffen des Vertrages voraus. Auf der einen Seite also haben wir uns dabei den Staat vorzustellen als einen Vertragsanbieter, der gewährleistet, den Einzelnen zu schützen. Auf der anderen Seite haben wir uns die Bürger zu denken als diejenigen, die diesem Vertragsangebot ihre Zustimmung erteilen. An einer solchen Zustimmung allerdings war Hobbes nicht gelegen. Denn dies hätte bedeutet, den Einzelnen vertragsfähig zu machen, ihn also so weit zu bilden, dass er in der Lage war, die Vertragsklauseln zu durchdenken und gegebenenfalls seinen Widerspruch einzulegen. Dieses Modell setzt – mittels Bildung und Erziehung herzustellende – Vertragsmündigkeit voraus und auch im weitesten Sinne eine demokratische Organisation des Gemeinwesens. H., Bildung, dem Credo „Wissen ist Macht“ folgend, fürchtend, war es nicht um all dies zu tun, sondern es ging ihm darum, das Recht des Staates auf Bereitstellung seines Schutzes zu einem nicht weiter abstimmungsfähigen Recht zu erheben und ihm damit auch vorzubehalten, in eigener Autonomie darüber zu entscheiden, welche Rechtsform er sich gab und welche Quasi‑Verträge er dem je Beherrschten anzubieten gedachte. Als Gegenleistung erforderte dies eine unbedingte Loyalität des Bürgers, die H. aus dessen Wissen erwartete, dass auf der anderen Seite ein Herrscher („von Gottes Gnaden“) sitze, der sich in verantwortungsvoller Weise des Staatsgedankens und des Staatsganzen annähme. (vgl. Niemeyer 32010: 101 f.) Dass derlei heutzutage aus neo-liberaler Sehweise auf Interesse stößt, wissen wir von Corey Robin (s. Essay Nr. 6) sowie vom neu-rechten Ideologen Till Kinzel und dessen im Staatspolitischen Handbuch des IfS (besorgt von Erik Lehnert & Karlheinz Weißmann) zu besichtigende Zuweisung von Bedeutung für H.s neu-rechtes ‚Schlüsselwerk‘ her. (s. SH 2: 144 ff.) Ein deutliches Zeugnis in dieser Frage gibt auch der neu-rechte Antiintellektualismus. [238-243, 265]

 

Höcke, Björn (*1972), aus Lünen. Gymnasiallehrer, AfDMdL und (seit 2013) AfD-Landesvorsitzender in Thüringen und (im März 2015) Gründer des völkischen „Flügels“, der seit 2020 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht. Die deswegen vom AfD-Bundesvorstand geforderte und im März 2020 angeblich exekutierte Auflösung dieses vor allem in Thüringen und Brandenburg verbreiteten Netzwerkes mit eigenem Logo ist letztlich irrelevant und folgenlos eingedenk von Alexander Gaulands Statement: „Es ist falsch zu behaupten, dass der Flügel völkisch wäre und es die anderen nicht wären.“ (zit. n. SP 14/28.3.2020: 37) H., dem in dieser Frage und dem damit zusammenhängenden Streit mit Parteichef Jörg Meuthen auch Alice Weidel beistand (SP 16/11.4.2020: 25), ist außer mit Gauland vernetzt (mindestens seit 2008) mit Thorsten Heise (NPD). (s. Essay Nr. 13) H. war im Juli 2015 erfolgreich im Streit um seinen Parteiausschluss, gegen den Parteigründer Bernd Lucke, beim welchem auch Frauke Petry und Alexander Gauland auf H.s Seite standen. (vgl. Bensmann / Hauptmeier / Röttger 2017: 82) Berüchtigt ist H.s Vortrag Asyl – Eine politische Bestandsaufnahme vom November 2015 (vgl. Paul 2016), berühmt-berüchtigt H.s Rede vom Januar 2017 im Dresdner Ball- und Brauhaus Watzke, in welcher er nacheinander (1.) Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985 zum Tag der „Befreiung“ der Deutschen vom NS als „Rede gegen das eigene Volk und nicht für das deutsche Volk“ (zit. n. Bender 2017: 204) bezeichnete; (2.) Pluralismus und Vielfalt als unterlegen erklärte im Vergleich zur „‚Volksgemeinschaft‘, in welcher die Individuen eine homogene Einheit bilden“ (ebd.); und er deklarierte (3.) das Berliner Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ (ebd.: 205), um (4.) mit dem das ‚Führer‘- sowie ‚Endsieg‘-Motiv aufgreifenden Satz zu enden: „Ich weise dieser Partei einen langen und entbehrungsreichen Weg. Aber es ist der einzige Weg, der zu einem vollständigen Sieg führt, und dieses Land braucht einen vollständigen Sieg der AfD.“ (ebd.) Dem korrespondiert der Ungeist, der in seinem Buch Nie zweimal in denselben Fluss (2018) zu Tage tritt. Ebenso in seinem im Mai 2021 per Hausdurchsuchung nach Anzeige wg. Volksverhetzung öffentlich gewordenen, den Stil der NS-Prangertafeln nachahmenden Spruch, der Seenotretterin Carola Rackete in den Mund gelegt: „Ich habe Folter, sexuelle Gewalt, Menschenhandel und Mord importiert.“ (s. Prolog Nr. 12) [17, 28 f., 60, 68, 72, 79, 93, 97, 99, 107, 114-117, 121-124, 140, 153, 158, 180, 200, 208-210, 252, 257, 277, 283, 371, 386, 398-400, 406, 409, 447-451, 510, 539, 562, 633, 648, 686, 701, 710-713, 743, 750, 756, 782, 785, 789]

 

Höß, Rudolf (1900-1947), aus Baden-Baden. Freikorpskämpfer, seit 1922 Mitglied der NSDAP, 1923 wg. Mittäterschaft an einem Fememord zu zehn Jahren Haft verurteilt, 1928 amnestiert (Klee 2003: 263; IMN, Bd. XI: 439 ff.), nahm nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Verbindung zur Artamanenbewegung auf (Wenzel 2009: 374) und war 1934 – in jenem Jahr, in dem er, von Heinrich Himmler geworben, der SS beitrat – Vorsitzender des Bundesrats im Bund Die Artamen e.V. von Alwiß Rosenberg und Wilhelm Seibert (vgl. Kater 1971: 630; s. Essay Nr. 24). 1940-1943 Kommandant in Ausschwitz, 1947 zum Tode verurteilt und vor Ort hingerichtet. [489, 595, 599]

 

Hoffmann, Karl-Heinz (*1937), aus Nürnberg. 1973 Gründer der neo-faschistischen und paramilitärischen Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), 1980 verboten, im selben Jahr Oktoberfestattentat mit 13 Toten und 221 Verletzten von Gundolf Köhler, der im Februar 1976 Briefkontakt zu H. aufgenommen hatte und in der Folge intensiv mit der WSG zusammengearbeitet zu haben. Zwei WGS-Mitglieder gaben in der Folge an, an jenem Anschlag mitgewirkt zu haben, die Aussagen wurden nicht ernstgenommen. (vgl. Chaussy 32020: 48) Im Dezember 1980 Erlanger Doppelmord an Rabbiner Shlomo Lewin sowie seine Lebensgefährtin Frida Poeschke durch H.s engstem Mitarbeiter Uwe Behrendt, aus Rache für Lewins 1977er Kritik an einem vom WGS-Freundeskreis organisierten Auschwitz-Kongress unter Teilnahme von Holocaust-Leugnern. H. wurde im Juni 1981 am Flughafen via Libanon aufgrund von Indizien, die für seine Mittäterschaft sprechen, festgenommen. Da Behrend im September 1981 im Libanon Suizid begangen haben soll, wurde H. – 1986, fünf Jahre später – allein angeklagt, aber in der Mordsache freigesprochen und wg. anderer Delikte zu 9 ½ Jahren verurteilt. (vgl. Laabs 2021: 357 f.) 1989 wurde er mit günstiger Sozialprognose freigelassen; er habe glaubhaft zu erkennen gegeben, dass er sich von seiner Vergangenheit losgesagt hätte. Tatsächlich aber nahm H. nach wenigen Jahren wieder Kontakte zu ehemaligen WSG-Mitgliedern auf, die inzwischen zur NPD gehörten. Ab 1998 hatte H. Kontakt zum Chef der Republikaner in Jena, der wiederum in Verbindung mit Ralf Wohlleben vom NSU stand. 2004 gründete H. eine Stiftung zur Sanierung des von ihm gekauften Ritterguts Sahlis – vormals Eigentum des NS-Dichters Börries Freiherr von Münchhausen (1874-1945) (vgl. Niemeyer 2013: 173) – und erhielt von der CDU-Landesregierung zwischen 2005 und 2007 insgesamt 131.848 € Förderung, mit dem Vermerk, man müsse ihm zubilligen, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wohl eher nicht: 2010 fand auf dem Gut ein Treffen der NPD statt, wenig später ein Arbeitseinsatz von fünf Neonazis. Im Juli 2013 folgte wg. H.s Schulden von 170.000 € die Zwangsversteigerung, 2017 ein Gutachten, wonach H. die zum Denkmalschutz gedachten Fördermittel großenteils zweckwidrig verwendet habe. Während dessen hatte H. seine Kontakte zur Neonazi-Szene wiederaufleben lassen, referierte am 11. September 2011 in Hausdorf (Colditz) über die WSG vor einhundert Neonazis, darunter solchen aus dem NSU-Umfeld wie André Kapke und Ralf Wohlleben. Mitgeschnittene Telefonate führten zum Verdacht, Hoffmann habe in der Handhabung des Plastiksprengstoffs C 4 unterwiesen. (vgl. Laabs 2021: 359 ff.) Anschließende Razzien bei verfassungsschutzmäßig überwachten Teilnehmern dieses Treffens führten gar zum Verdacht der Planung eines Sprengstoffanschlags auf die Landtagsageordnete Katharina König-Preuss. Nachdem im November 2011 der NSU entdeckt worden war, stufte die Staatsanwaltschaft Gera H. dem Unterstützerumfeld desselben zu. 2014 nahm H. an einer Veranstaltung der Burschenschaft Frankonia teil, wo vor ihm schon Horst Mahler aufgetreten war. Auch Stephan Ernst, der Mörder Walter Lübckes, hatte in seinem Prozess einen brieflichen Kontakt zu H. eingeräumt und darauf verwiesen, dass er jemanden kenne, der H. kenne. H. behauptet seit geraumer Zeit immer wieder nach dem Schema von Verschwörungstheorien, sowohl das Oktoberfest-Attentat als auch der Erlanger Doppelmord gingen auf die Kappe der ‚Israeliten‘ oder des Mossad, die ihm damit schaden wollten. (vgl. Steinke 2020: 52; Chaussy 32020) [161 f., 250, 448f., 595 f.]  

 

Hohmann, Martin (*1948), aus Fulda. Jurist, Politiker, CDU (1980 bis 2004), AfD (ab 2016), AfD-MdB seit 2017, „sorgte 2003 mit einer antisemitischen Rede zum Tag der Deutschen Einheit für einen Skandal, in dessen Folge er aus der CDU ausgeschlossen wurde.“ (Laskowski 2020: 161) [447]

 

Holfelder, Hans (1900-1929), aus Wien. Einer der ersten Nationalsozialisten in Österreich, Artamanenführer. (s. Essay Nr. 22) [151, 594, 605 f.]

 

Hudal, Alois (1883-1963), aus Graz. Bischof, lernte in seiner Eigenschaft als Rektor des Priesterkollegs „Anima“ Eugenio Pacelli kennen, der ihn 1933, als Papst Pius XII., zum Bischof weihte. Ähnlich wie dieser den Holocaust weitgehend ignorierende Papst agierend, war H. aus fanatischem Anti-Antichristentum und Anti-Bolschewismus heraus Anhänger einer Allianz von Katholizismus und Nationalsozialismus (Die Grundlagen des Nationalsozialismus [1936]; vgl. H. 22018: 107). Nach 1945 entwickelte sich H. trotz der Skrupellosigkeit etwa eines Hermann Göring gegen Katholiken – er ließ, beispielsweise, zwei Priester, Josef Zilliken und Johannes Schulz aus nichtigem Grund ins KZ bringen (vgl. Eberle/Uhl 2015: 122 f.) – zu einem begeisterten Nazifluchthelfer, entwickelte die „Rattenlinie“ mit Zielländern wie Argentinien, Brasilien, Spanien, Ägypten und Syrien. Auf dieser entkamen, teilweise unterstützt u.a. von Pius XII. sowie seinem engen Mitarbeiter Giovanni Montini, des späteren Papstes Paul VI. – 2014 von Papst Franziskus heiliggesprochen – sowie im engen Austausch mit der „Stillen Hilfe“ der Prinzessin von Isenburg, zumal von Simon Wiesenthal gejagte NS-Täter wie Adolf Eichmann, Franz Stangl, Klaus Barbie sowie Josef Mengele, des Weiteren Erich Priebke, Walther Rauff und Erich Müller (vgl. Sachslehner 2019), nebst vielen anderen, denen H. half. H.s Ideologie zur Rechtfertigung von derlei Tun wird von neu-rechten Ideologen um Erik Lehnert noch 2017 der Sache nach gerechtfertigt, im Nachgang zur enthemmten H.-Apologie eines in Österreich gerichtsnotorisch bekannten Neonazis wie Fred Duswald, die er 2012 für den rechtsradikalen Verlag ARES verfasste. Dass Duswald Überlebende des KZ Mauthausen und damit auch den H.-Widersacher Simon Wiesenthal verspottete, komplettiert diesen Maßstabsverlust. (s. Essay Nr. 13.3.5) [405, 422, 437, 440, 444, 449-455]

 

[Zum Autor: Christian Niemeyer, Prof. (i.R.) für Sozialpädagogik an der TU Dresden. Zum Text: Dieses Lexikon wurde, wie die noch ausstehenden Folgen, wurde dem Online-Material (S. 21-106) meines Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Glossen, Essays, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz 1). Mit Online-Materialien. Weinheim Basel 2021 entnommen. Der Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Beltz Juventa.]

Bild: V.l. Jörg Haider, (c) Die Freiheitlichen in Kärnten – BZÖ – Pressefoto / Press Photo, CC BY-SA 3.0; Björn Höcke, (c) Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Martin Hohmann, (c) Ein schöner Name / CC BY-SA 4.0

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