Vom Dunkel ans Licht

Löffel, geflickte Schuhe, rostiger Stacheldraht. Die Ausstellung „Zeitspuren“ zeigt 100 Funde aus der archäologischen Grabung auf dem früheren Gelände des KZ-Außenlagers Allach in München. Sie dokumentieren den Lageralltag und das Leid der Häftlinge…

Von Eva von Steinburg
Der Artikel erschien zuerst in der Abendzeitung München

Eine improvisierte Reibe sorgt für Gänsehaut: Ein Häftling hat sie aus einem Stück Weißblech gehämmert. Wofür war sie gut? Dieser archäologische Fund macht klar, wie groß der Hunger gewesen sein muss  ̶  im KZ Allach im Münchner Norden. „Solche Reiben dienten Häftlingen in Feldmoching zum Zerkleinern von Wurzeln und Kräutern“, erklärt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Wo sie konnten, rupften die Inhaftierten Grünzeug aus, für Vitamine.

Die verbogene Raspel gehört zu den 100 Fundstücken aus der archäologischen KZ-Grabung in Feldmoching. Das Ausgrabungsstück ist Teil der berührenden Ausstellung „Zeitspuren“, die noch bis Ende 2021 im Dachau Memorial zu sehen ist.

Einen Container Material, rund 1000 Funde, haben die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege 2016 und 2017 auf dem Gelände der heutigen Siedlung Ludwigsfeld aus der Erde gebuddelt: Darunter Reste vom Lagerzaun, einen Stahlhelm und den Hörer eines deutschen Feldtelefons. Auch Kämme und Zahnbürsten sind erhalten, die den Zwangsarbeitern gehörten. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann sagt: „Mir ist es ein sehr starkes Anliegen die Objekte zu zeigen. Sie machen die frühere Leidenszeit plastisch und entreißen das Lager dem Vergessen.“

Denn das Areal, auf dem das  Konzentrationslager stand, ist heute eine Wohnsiedlung.

Vom Dunkel ans Licht: In zwölf Schaukästen sind die Funde aus der Erde ausgestellt, dazu gibt es Info-Tafeln, Filmmaterial und Interviews mit Überlebenden.  Besucher spüren so etwas vom Alltag, der Not, der Willkür und der Gewalt, der insgesamt 20 000 Männer und Frauen in Feldmoching während des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt waren. Auch die Zeit nach der Befreiung des KZ am 30. April 1945 wird beschrieben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die US Army das Lager: Davon zeugen gefundene Coca-Cola Flaschen und Kondomverpackungen. Das untersuchte Grundstück, früher das OT Lager (auch Judenlager genannt), ist in den 50er Jahren einfach mit Asphalt zugepflastert worden. Wo die KZ-Holzbaracken waren, arbeitete nun ein Schrotthändler mit der Adresse Granatstraße 12. Danach löste ihn ein Verkäufer von Gebraucht-Lkw ab.

1952 hatte die Stadt München der Hauptteil des KZ bereits mit 650 Wohnungen der „Siedlung Ludwigsfeld“ überdeckt. Ein Bauvorhaben, aus Bundesmitteln finanziert.

Tief in der Erde, in Abfallgruben, auch in Verstecken, kamen nun Porzellanteller mit BMW-Stempel an die Oberfläche. Die Häftlinge trugen jedoch ihre Essschlüssel am Körper  ̶  zum Schutz vor Diebstahl. Zu sehen ist das an der Drahtschlinge, die am Henkel einer rostige Emaille-Tasse hängt. Alle gefundenen Löffel sind am Griff gelocht. Die Häftlinge trugen sie an einem Faden am Gürtel.

Warmes Essen im KZ Allach bestand aus einer Suppe von „Steckrüben mit Brennnesseln“ berichtet der polnische Zeitzeuge Edward im Video. Als ihm seine Schüssel gestohlen wird, wird ihm die Suppe in die Mütze geschöpft, aus der sie zu Boden tropft, erzählt der Überlebende.

Die Mehrheit der Zwangsarbeiter schuftete als Arbeitssklave für BMW. Sie arbeiteten auf der anderen Seite der Dachauer Straße für die Rüstungsindustrie. Auch Max Mannheimer. Er war als junger Mann im KZ Allach interniert. Der Münchner Jude wusste von einem Massengrab auf dem Gelände, nahe der früheren Krankenbaracke, das er gesehen hatte. Weil die Siedlung Ludwigsfeld bald mit Neubauwohnungen nachverdichtet werden soll, hat das Landesamt für Denkmalpflege in zwei Grabungen 2016/17 das verdächtige Grundstück Granatstraße 12 aufwändig untersucht. Eigentümer ist heute die Firma Hirmer.

Und wirklich: Im Norden des ehemaligen Judenlagers stießen Archäologen 2017 auf zwölf Skelette. „Sie waren notdürftig, aber sorgsam gemeinsam bestattet worden“, informiert die Ausstellung.  „Alle hatten schwere Verletzungen, wie Knochenbrüche“, ergänzt Gabriele Hammermann: „Ihre Rippenbrüche und Oberarmbrüche zeugen davon, dass die Misshandlungen der SS schwerwiegend waren“, so die Gedenkstättenleiterin weiter. Knöpfe und Gürtelschnallen von der Kleidung der Toten sind neben archäologischen Skizzen des Grabfelds in der Ausstellung zu sehen.

Das Kriegsende ist 76 Jahre her. Kinder hatten beim Spielen in der Siedlung Ludwigsfeld immer wieder menschliche Knochen gefunden, berichtet die Anwohnerin Anusch Thiel (73). Über mögliche Massengräber im Boden unter den Wohnhäusern der Siedlung Ludwigsfeld war jahrzehntelang spekuliert worden. Fakt ist: 1955 hat das französische Ministerium für Kriegsopfer 111 Tote von dem früheren Lagergrund exhumiert. Sie sind auf dem KZ-Ehrenfriedhof am Leitenberg beerdigt. „Die zwölf Skelette, die 2017 ausgegraben wurden, waren dabei vermutlich übersehen worden“, erläutert eine Info-Tafel. Im Dezember 2017 sind diese KZ-Opfer auf dem Dachauer Waldfriedhof bestattet worden: „Nebeneinander und in einer würdevollen, interreligiösen Zeremonie“, so Gabriele  Hammermann.

Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau hofft, dass die Stadt München der entdeckten Grabstelle in der Siedlung Ludwigsfeld einen Gedenkstein stiftet. Rein theoretisch kann das von den Archäologen „gesäuberte“ Areal ab sofort zu Bauland werden – ein hoch sensibles Projekt. Inzwischen gibt es den Vorschlag, auf dem Grundstück des ehemaligen Judenlagers eine Grundschule zu bauen  ̶  mit einem thematischen Schwerpunkt auf Menschenrechten und politischer Bildung.

Überlebende des Lagers, ihre Angehörigen und ein Teil der Einwohner von Ludwigsfeld halten eine Bebauung dieser „befleckten“ Erde jedoch für „pietätlos“. Wie die Ludwigsfelderin Anusch Thiel vom örtlichen Kulturverein K.U.G.E.L: „Wir leben hier auf blutigem Boden. Auch wenn die Stadt München neue Wohnungen braucht. Ludwigsfeld ist der falsche Platz dafür. Ich wünsche mir einen Gedenkort für das Konzentrationslager. Alles andere ist unwürdig.“

Erde, Rost und Lederreste, so sieht die Erinnerung an das KZ- Außenlager Allach 76 Jahre nach seiner Auflösung aus. Von der Fläche her, war das KZ-Außenlager Allach übrigens nur um ein Viertel kleiner als das Dachauer Stammlager.

Ein Relikt aus der NS-Zeit auf dem Gelände ist jedenfalls bewusst zerstört worden: Die Archäologen hatten bei ihrer Flächengrabung einen unterirdischer Bunker freigelegt: einen gemauerten Splitterschutzgraben. Wieso blieb der nicht erhalten? Albert Knoll von der KZ-Gedenkstätte Dachau vermutet: „Um das Areal benutzbar zu machen, für die Zukunft.“

Die Ausstellung „Zeitspuren“ ist täglich von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei (KZ Gedenkstätte Dachau, Römerstr. 75, Dachau).

Fotos: Die Funde aus der Erde machen die Qualen der Zwangsarbeiter konkret. Was auf dem Areal der heutigen Siedlung Ludwigsfeld in der NS-Zeit passierte, ist vielen Münchnern nicht bewusst. (c) Dachau Memorial / Johanna Lohr

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