Weltflüchtlingstag 2021: Jüdisches Engagement in Patengemeinschaften

Meine Organisation HIAS wurde vor mehr als einem Jahrhundert in New York gegründet und half über vier Millionen Juden und Jüdinnen vor Verfolgungen zu fliehen. Obwohl HIAS heute in Belgien, Griechenland und Österreich aktiv ist, sind wir noch immer Newcomers in der jüdischen Szene in Europa. Mein Büro in Brüssel wurde 2019 gegründet und betreut humanitäre Projekte in 13 Ländern, von Kolumbien bis Ukraine, von Chad bis Israel.

Ein Gastkommentar zum Weltflüchtlingstag 2021 von Ilan Cohn, HIAS

Zudem haben wir Partnerschaften mit europäischen jüdischen Gemeinden, die ich hiermit einladen möchte, sich uns in der Solidarität mit Geflüchteten anzuschließen. Dies kann durch die Unterstützung humanitärer Projekte jüdischer Organisationen wie HIAS sein oder durch das Engagement mit Geflüchteten in unseren eigenen Gemeinschaften. Kommunale Trägerschaft oder Patengemeinschaften sind eine Option.

Kommunale Trägerschaft erlaubt es uns, geflüchtete Familien in unserer Gemeinschaft willkommen zu heißen und ihnen zu helfen, ihr Leben wieder aufzubauen. In den USA, in Kanada und auch in Großbritannien sind zahlreiche jüdische Gemeinden auf diese Weise beteiligt. Tatsächlich arbeiten lokale jüdische Sozialdienste in den USA mit HIAS zusammen, um umgesiedelte Flüchtlinge in ihren Gemeinden zu unterstützen und zu integrieren. In Kontinentaleuropa waren nur wenige jüdische Gemeinden an solchen Bemühungen beteiligt. Eine Ausnahme ist die jüdische NGO Shalom Alaikum in Österreich: Durch die Vermittlung rechtlichen Beistands, Nachhilfeunterricht in den Schulen und finanzielle Unterstützung für die Teilnahme an Schulausflügen hilft Shalom Alaikum geflüchteten Familien in Wien.

Prinzipiell können alle an kommunalen Trägerschaften und Patengemeinden teilnehmen – NGOs, Synagogen, Jugendgruppen, Studierendengemeinschaften, Vereine oder schlicht eine Gruppe von FreundInnen oder NachbarInnen mit einem gemeinsamen Interesse. Wir haben oft beobachtet, dass lokale Glaubensgemeinschaften eine führende Rolle haben, wenn es darum geht, Geflüchtete im Alltag zu begleiten und ihnen zu helfen und sich in ihren neuen Jobs, Schulen o.ä. zu entfalten. Mitglieder der kommunalen Trägerschaft können Geflüchtete ihren FreundInnen, Familien und NachbarInnen vorstellen, sie zum Shabbat, zu Ausflügen oder freiwilligen Aktivitäten in der Nachbarschaft einladen.

Die Not drängt. 2020 waren über 80 Millionen Menschen zwangsvertrieben, ein Rekord in der Geschichte. Nur einem kleinen Bruchteil war es möglich, sich umzusiedeln. Europa und andere Länder, die in der Lage sind zu helfen, haben aufgrund der Pandemie die meisten ihrer Türen verschlossen und die brodelnde Flüchtlingskrise in eine wahrhaft humanitäre Katastrophe verwandelt.

Die Pandemie hat insbesondere vertriebene Menschen akuter Gefahr ausgesetzt. Mehr als 70 Prozent der Menschen, die Hilfe von HIAS erhielten, konnten ihren Grundbedarf an Nahrung nicht mehr decken, verglichen mit 15 Prozent vor dem Ausbruch. Als Reaktion darauf haben HIAS und Partner die Bargeldhilfe erweitert. In vielen Ländern erwies sich diese Hilfe lebenswichtig. In Ecuador arbeiten wir beispielsweise mit lokalen Supermärkten zusammen, um Asylsuchenden beim Kauf von Lebensmitteln mit Krediten zu helfen.

Viele von uns konzentrieren sich derzeit auf die Auswirkungen der Pandemie auf unsere eigenen Gemeinschaften und deren Mitglieder. Hinzu kommt, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Darüber hinaus befürchten einige von uns, dass Geflüchtete, insbesondere aus Ländern mit muslimischer Mehrheit, mit antisemitischen Einstellungen ankommen. Selbst wenn dies wahr wäre, was wir nicht glauben, besteht sicherlich der beste Weg um Voreingenommenheit zu beseitigen darin, persönliche Beziehungen aufzubauen. Denn wenn Flüchtlinge – oft zum ersten Mal – Juden und Jüdinnen treffen, neigen sie dazu, sich eine positive Meinung zu bilden. Diese erste Begegnung in Europa kann mit HIAS-Helfenden auf der griechischen Insel Lesbos oder mit Mitgliedern einer lokalen jüdischen Gemeinde stattfinden.

Jüdisches Einfühlungsvermögen zu zeigen und die lokale Integration von Geflüchteten zu erleichtern, auch durch die Teilnahme an kommunalen Patenschaftsprogrammen, ist sicherlich die beste Strategie, um gegenseitiges Misstrauen zu überwinden und Integration zu fördern. Eine erfolgreiche Integration in unsere Gesellschaften hängt davon ab, wie wir Geflüchtete willkommen heißen, damit sie zu produktiven, konstruktiven BürgerInnen werden. Wir können sie dabei unterstützen. Die Beispiele jüdischer Gemeinden auf der ganzen Welt, die bereits an solchen Programmen beteiligt sind, zeigen, dass wir das Leben von Flüchtlingen auch in unseren eigenen Gemeinden wirklich verbessern können.

Machen Sie mit, indem Sie HIASEurope@hias.org kontaktieren.

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