Diagnose: Judenhass

Eva Gruverová und Helmut Zeller reisten quer durch Deutschland. In ihrem gemeinsamen Buch „Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit“ berichten sie von ihren Erfahrungen und Gesprächen. Das Buch eignet sich als Einführung ins Thema wie als journalistische Überblicksdarstellung…

Von Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismus ist in Deutschland auch Jahrzehnte nach der Shoah in unterschiedlichsten Varianten präsent. Diese Erfahrung macht man auch auf Reisen, wobei dafür eine besondere Aufmerksamkeit die inhaltliche Voraussetzung ist. Diese brachten Eva Gruberová, Bildungsreferentin am Max Mannheimer Studienzentrum, und Helmut Zeller, Dachauer Redaktionsleiter der Süddeutschen Zeitung, mit. Beide reisten quer durch die Republik und führten Gespräche mit Betroffenen und Experten. Darüber berichten sie in ihrem gemeinsamen Buch „Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit“. Indessen spricht der Buchinhalt schon gegen den Untertitel. Denn der Antisemitismus verschwand in Deutschland auch nach 1945 nicht. Es gab eine kontinuierliche Präsenz, von einer Wiederkehr kann man nicht sprechen. Allenfalls lässt sich ein Anstieg in bestimmter Form konstatieren, insbesondere was etwa die Israelfeindlichkeit als Thema oder die Muslime als Träger angeht. Auch die Corona-Proteste bilden aktuell ein neues Forum.

Über all diese Entwicklungen informieren Gruberová und Zeller, wobei die Besonderheit ihres Buches wirklich die Reisen darstellen. Dadurch erhalten die Darstellungen eine besondere Dynamik, was aber auch thematische Sprünge erklärt. Gleichwohl haben die Autoren ihren Stoff in vier Teile untergliedert: Zunächst geht es um die antisemitische Gewalt von Rechtsextremisten im weiteren Sinne. Hier findet man etwa Berichte über die Dortmunder Neonazi-Szene oder Erinnerungen an den Anschlagsversuch in Halle. Auch wird von einem Juden berichtet, der mit Rechtsextremisten reden will. Überhaupt kommt den Gesprächen ein großer Stellenwert zu. Damit werden auch die Empfindungen der betroffenen Juden deutlich, was ansonsten in der Berichterstattung nur einen geringeren Stellenwert einnimmt. Darüber hinaus geht es um Gespräche mit Engagierten oder Forschern, die jeweils ihre Erfahrungen und Sichtweisen einbringen. Dies geschieht alles in Form eben von Reiseberichten bzw. Reportagen zu den jeweiligen Themenschwerpunkten.

Antisemitismus unter Muslimen bildet dazu den zweiten Themenkomplex. Die Autoren berichten über die Angst mancher Juden, die einen Anstieg des Judenhasses durch die Zuwanderung befürchteten. Sie berichten auch über einschlägige Drohungen und Gewalthandlungen. Ein jüdischer Einwanderer wird aber auch mit folgenden Worten zitiert: „Wir hatten keine Willkommenskultur“. Ein anderer Gesprächspartner meinte: „Im Land der Shoa gibt es keinen importierten Antisemitismus“. Das ist indessen angesichts der Besonderheit einer Judenfeindschaft unter Muslimen so nicht richtig. Ähnlich politisch vermient wie dieses, ist dann auch noch ein anderes Thema. Im dritten Komplex geht es um die israelbezogene Variante. Dabei werden auch die Fragen nach einem Antisemitismus von links oder nach einer Einschätzung der BDS-Kampagne zum Israel-Boykott thematisiert. Selbstkritisch bemerkt die „Linken“-Politikerin Petra Pau im Gespräch: „Ich habe Antisemitismus lange unter der Überschrift Rechtsextremismus gesehen“.

Dass diese Blickrichtung auch bezogen auf die Gesamtgesellschaft schief ist, macht das letzte große Kapitel deutlich. Darin geht es um den Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft. Hier werden Beispiele aus der bayerischen Provinz ebenso wie von den Corona-Protestdemonstrationen vorgetragen. Die „Du Jude“-Aussagen an deutschen Schulen sind  ebenso die Antisemitismusprogramme als Feuerlöscher ein Thema. In der Gesamtschau erhält man zur gegenwärtigen Judenfeindschaft einen journalistischen Überblick. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Buch eignet sich eher als Einführung und Problematisierung. Auch ist die Betroffenenperspektive dabei wichtig. Indessen gehen die Ausführungen darüber meist nicht hinaus, was die Autoren aber wohl auch nicht beanspruchen. Nicht Analysen, sondern Reportagen wollen sie liefern. Dabei geraten manche Einschätzungen doch etwas oberflächlich. Was meint etwa „Marginalisierung“, was soll der Maßstab dafür sein? Es geht den Autoren aber hauptsächlich um Berichte, nicht um Erörterungen.

Eva Gruberová/Helmut Zeller, Diagnose: Judenhass. Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit, München 2021 (C. H. Beck-Verlag), 279 S., Bestellen?

Kommentar verfassen