„Struktureller Antisemitismus“ – was ist das überhaupt?

 Kritische Anmerkungen zu einem besonderen Untersuchungskonzept

Von Armin Pfahl-Traughber

Gelegentlich ist von „strukturellem Antisemitismus“ die Rede. Thomas Haury prägte den Terminus. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Und wie trennscharf ist das? Der Blick in den Text zeigt, dass die Definition den Inhalt mit der Struktur verkoppelt. Das wurde immer wieder bei der Begriffsnutzung von anderer Seite ignoriert.

Wenn vor Begriffen „strukturell“ steht, dann sollte immer auch nach dem genau Gemeinten gefragt werden. Dies gilt etwa für die Bezeichnung „strukturelle Gewalt“ (Johann Galtung), die auf die zwischen dem Gegebenen und dem Potentiellen bestehenden Unterschiede verweist. An einer inhaltlichen Klarheit und Trennschärfe mangelt es dabei. So kann man die unterschiedlichsten Gegebenheiten als „strukturelle Gewalt“ bezeichnen, was dann zu willkürlichen Einordnungen motiviert und inhaltlich keinen Sinn macht. Es gibt aber auch „strukturellen Antisemitismus“ als Bezeichnung. Da stellt sich erstens die Frage: „Was ist mit dieser Kategorie genau gemeint?“ und zweitens die Frage: „Gibt es dabei eine klare Trennschärfe?“. „Struktureller Antisemitismus“ wurde in die Debatte von Thomas Haury eingeführt , der das Buch „Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR“ (Hamburg 2002) veröffentlichte. Darin findet sich eine ausführliche Antisemitismus-Definition, eben auch bezogen auf das „strukturelle“.

Die Formulierung fand sich später immer wieder, insbesondere wenn es um eine auf das Finanzkapital reduzierte Kapitalismuskritik ging. Dabei abstrahierten viele Begriffsnutzer aber davon, was Haury eigentlich geschrieben hatte. Denn seine Definition war differenzierter als seine späteren Fehlwahrnehmer unterstellten. Bei einer Antisemitismus-Definition ist erstens eine inhaltliche, zweitens eine strukturelle und drittens eine handlungsbezogene Komponente wichtig. Haury äußerte sich zu den ersten beiden Punkten und verkoppelte sie miteinander, was nicht wenige Begriffsnutzer eben ignorierten. Zum erstgenannten Aspekt heißt es: „Auf der Ebene seiner Grundinhalte erklärt der Antisemitismus die Juden zur Verkörperung und zu den schuldigen Urhebern aller unverstandenen und verunsichernden Phänomene der Moderne in den drei zentralen Bereichen Ökonomie, Politik und Kultur.“ Außerdem heißt es: „Die zweite zentrale Ebene, der enge Zusammenhang des modernen Antisemitismus mit dem Nationalismus …“ (S. 157) werde bislang kaum berücksichtigt.

Und dann geht es ihm noch um Denkstrukturen: Denn Antisemitismus stellt keineswegs nur eine bloße Anhäufung verschiedener Stereotype dar, sondern ein Weltbild, das durch drei Grundprinzipien strukturiert wird: Personifizierung gesellschaftlicher Prozesse mit daraus resultierender Verschwörungstheorie; Konstruktion identitärer Kollektive, Manichäismus, der die Welt strikt in Gut und Böse teilt und den Feind zum existentiell bedrohlichen, wesenhaft Bösen stilisiert, dessen Vernichtung das Heil der Welt bedeutet“ (S. 158). Kritisch angemerkt werden kann dazu, dass erstens Antisemitismus aber auch als bloße Minderheitenfeindlichkeit mit Stereotypen vorkommen, und zweitens, dass Antisemitismus auch ohne eine Vernichtungsoption bestehen kann. Eigentlich müssten beim Antisemitismus die bei den Grundinhalten erwähnte Identifizierung von Juden mit der Moderne mit eben diesen drei Bestandteilen von Denkstrukturen verbunden sein. Damit wären Aussagen zu ideologischen und strukturellen Dimensionen miteinander verbunden.

Doch welche Bedeutung hätte es, würde man den inhaltlichen Gesichtspunkt weg lassen? Dann wäre jede Aussage antisemitisch, die von identitären Kollektiven, einem dualistischen Manichäismus und personifizierenden Verschwörungsvorstellungen geprägt ist. Wenn dabei aber keine Feindschaft gegen Juden feststellbar ist, dann könnte indessen nicht notwendigerweise von einem antisemitischen Weltbild gesprochen werden. Haury behauptete das gar nicht, seine Rezipienten unterschlugen dies aber. Eine Aversion gegen das Finanzkapital, die einen bestimmten Bankier als Personifizierung hervorhebt und damit eine eindimensionale Deutung von Gut und Böse verbindet, muss insofern nicht immer einem antisemitischen Weltbild entsprechen. Dies wäre erst dann der Fall, wenn es dabei judenfeindliche Positionen geben würde. Genau das wurde bei der Anwendung der Kategorie „struktureller Antisemitismus“ aber ignoriert, womit der hierfür nötige Einklang von inhaltlichen Bekundungen und strukturellen Merkmalen ignoriert wurde.

Haury schrieb aber auch: Es sei „vorstellbar, daß ähnliche Inhalte und Denkstrukturen in eine Aggression gegen eine andere Gruppe als die Juden münden. Zwar wäre es in einem solchen Fall wenig sinnvoll, von Antisemitismus zu sprechen; gleichwohl aber könnte eine solche Ideologie zwar nicht als inhaltlich, wohl aber als ‚strukturell antisemitisch‘ bezeichnet werden“ (S. 159). Mit dieser Aussage lud Haury zu einer fehlerhaften Wahrnehmung ein. Denn wie angemessen wäre eine Auffassung, wonach ein „struktureller Antisemitismus“ auch bei einer Feindschaft gegenüber einer nicht-jüdischen Gruppe mit den drei Strukturmerkmalen vorliege. Dagegen spricht eine andere Einsicht von Haury: „Vielmehr soll sich die Entscheidung, ob oder ab wann eine ideologische Artikulation als antisemitisch zu klassifizieren ist, an den drei den Antisemitismus charakterisierenden Ebenen – seine Grundinhalte, seine Verbindung mit dem Nationalismus und seine spezifischen Denkstrukturen – orientieren“ (S. 159). Inhalt und Strukturen müssen zusammenkommen.

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