Flucht durch das Gartentor

Marga Minco erzählt mehr als eindrucksvoll von der Verfolgung und dem Überleben der jüdischen Bevölkerung in den Niederlanden…

Von Karl-Josef Müller

Große Männer in hellen Regenmänteln stehen plötzlich in der Wohnung. „Sie müssen einen Dietrich gehabt haben.“ Die Tochter der Familie soll „‘doch kurz unsere Mäntel‘“ holen, so als bereite man sich auf einen kleinen Spaziergang vor; es ist „früh am Abend“ nach einem milden Frühlingstag und draußen sicherlich eher kühl. Und dann trifft die Tochter eine Entscheidung, die ihr das Leben retten wird: „Schon im Mantel blieb ich im Flur stehen. Ich hörte meinen Vater etwas sagen. Einer der Männer erwiderte etwas. Was, konnte ich nicht verstehen. (…) Dann drehte ich mich um, lief durch die Küche, in den Garten. Es war dunkel. (…) Leise zog ich die Gartenpforte hinter mir zu und rannte die Straße hinunter. (…) Es war, als wäre ich ganz allein in einer verlassenen Stadt.“

Laute Töne sind nicht die Sache von Marga Minco, ebenso wenig wie die exakte Schilderung der historischen Ereignisse in den Niederlanden während der deutschen Besatzung. Als Eine kleine Chronik bezeichnet die Autorin ihr Buch Das bittere Kraut im Untertitel, im Original erschienen 1957 und im vergangenen Jahr im Arco-Verlag neu aufgelegt und, soweit wir das beurteilen können, absolut stimmig übersetzt von Marlene Müller-Haas. Eine kleine Chronik: das hört sich beinahe niedlich an, keineswegs bedrohlich. Aus dieser enormen Spannung zwischen dem fast durchweg ruhigen Erzählen in meist kurzen Sätzen einerseits und der dennoch in jeder Zeile spürbaren unmenschlichen Bedrohung andererseits erwächst ein Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht. Ja, es bereitet Freude, diese Chronik zu lesen, wie auch die anderen beiden Bücher von Marga Minco, die der Arco-Verlag fast zeitgleich mit Das bittere Kraut dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht hat, ebenso beeindruckend übersetzt von Marlene Müller-Haas: Ein leeres Haus und Nachgelassene Tage, im Original erschienen 1966 und 1997.

„Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören.“

Rilkes Verse aus der ersten Duineser Elegie kommen dem nahe, was Marga Minco gelingt. Die Schönheit dieser Texte resultiert aus ihrer tiefen Verbundenheit mit den vielen Ermordeten; einer Verbindung aber auch mit den Überlebenden und mit deren Weiterleben. In Ein leeres Haus gelingt es der Ich-Erzählerin im März 1947, dem niederländischen Schmuddelwetter nach Port-Vendres zu entfliehen, einem kleinen Hafenstädtchen am Mittelmeer, wenige Kilometer entfernt von der spanischen Grenze. Obwohl verheiratet, beginnt sie dort eine Liebschaft. Die warme Sonne des Südens bescheint eine junge Frau, deren Lebenslust sich nach Jahren des Versteckens Bahn bricht.

Und dennoch ist in diesem Schönen, wie bei Rilke, das Schreckliche nicht vergessen, wenn es auch für Momente in den Hintergrund rücken kann. Dabei geht Marga Minco immer eher behutsam und zurückhaltend vor, besonders beeindruckend in einer Szene kurz vor der oben geschilderten Flucht aus dem Gartentor.

Im Kellergeschoss versucht die Familie, sich vor der Deportation in Sicherheit zu bringen. Zu dritt sitzen sie vor einem vergitterten Kellerfenster und können so nur die Schuhe und Beine der Passanten auf dem Bürgersteig sehen. Zu erkennen sind „schwarze Stiefel (…), die ein hartes metallisches Geräusch“ machen, weiterhin „braune Herrenschuhe, ein paar schief abgelaufene hohe Absätze und Sportschuhe. Zwei Paar schwarze Stiefel bewegten sich langsam, als hätten sie etwas Schweres zu tragen, Richtung Auto.“ Offensichtlich kommen diese Stiefel aus dem Nachbarhaus, der Vater weiß, was es mit diesem Gebäude auf sich hat: „‘Es ist ein Altersheim, und es gibt dort ziemlich viele Pflegefälle.‘“

Schließlich sind aber noch andere Schuhe zu sehen: „Ein paar beige Kinderstiefelchen blieben vor unserem Fenster stehen. Die Schuhspitzen zeigten ein wenig einwärts, und die Schnürsenkel des einen Stiefels waren dunkler als die des anderen.“ Ein größerer Kontrast zu den schwarzen Stiefeln, von denen es noch heißt, dass sie „gut geputzt“ waren und „gerade Absätze“ hatten, ist kaum denkbar. „‘Das ist Liesje‘, sagte meine Mutter leise. ‚Sie wächst so schnell. Die Stiefel sind ihr schon viel zu klein.‘“ Wir wollen uns nicht vorstellen, was diesem Kind bevorsteht, das den Zuschauern im Keller noch ein kleines fröhliches Schauspiel liefert: „Das Kind hob einen Fuß, und das andere Stiefelchen hüpfte, als ob es Himmel und Hölle spielte, vor unserem Fenster hin und her.“ Himmel und Hölle, Marga Minco weiß sie meisterlich nebeneinander zu stellen.

In dem Roman Nachgelassene Tage lässt die Autorin eine ihrer Figuren, hinter der wir deutlich die Züge von Marga Minco selbst erkennen können, ihren Umgang mit der eigenen Biografie und den damit verbundenen historischen Ereignissen erläutern: „‘Es ist eine Geschichte, Eva. Kein Tatsachenbericht.‘“

Im vergangenen Jahr ist Marga Minco einhundert Jahre alt geworden. Als ihr Leser möchte ich mich bei ihr bedanken für ein Werk, das so zeitlos daherkommt wie es nur großer Literatur gelingt.

Das bittere Kraut. Eine kleine Chronik, Arco Verlag Wuppertal, März 2020, 96 Seiten, 18 Euro.
Ein leeres Haus. Roman, Arco Verlag Wuppertal, März 2020, 168 Seiten, 22 Euro.
Nachgelassene Tage. Roman, Arco Verlag Wuppertal, August 2020, 121 Seiten, 22 Euro.

Alle drei Romane übersetzt von  Marlene Müller-Haas.

Bild oben: Marga Minco, 2017, Foto: Thomas Doebele