Königin Esther oder die Ohren von Haman

Hand aufs Herz – wie gut kennen Sie das Buch der Bücher? Keine Schrift enthält so viele berühmte Geschichten wie der Tanach, die hebräische Bibel. Eine der spannendsten wird zum Purimfest gelesen, voller Sex and Crime, komplett mit schönen Frauen, korrupten Königen, bösen Intriganten und unbeugsamen Helden. Dies alles findet sich im Buch Esther; es spielt zur Zeit des babylonischen Exils…

Erzählt von Moira Thiele
Aus dem Projekt „Jüdische Geschichten aus aller Welt“

Es ist jetzt zweieinhalb Jahrtausende her, dass die Perser unter Kyros dem Großen auch Babylon eroberten und ihrem riesigen Reich einverleibten, das nun 127 Provinzen umfasste, vom Zwei-stromland bis nach Äthiopien und im Osten bis nach Indien. Es war ein Vielvölkerstaat, in dem die Juden kein schlechtes Leben hatten, denn unter Kyros herrschten Weltoffenheit und Toleranz. Doch unter seinen Nachfolgern  ging es nur noch um Prunksucht und Machterhalt.

Einer dieser Nachfolger war König Ahasveros, der in der Hauptstadt Susa regierte. Im dritten Jahr seiner Herrschaft feierte er sein Regierungsjubiläum eine ganze Woche lang mit einem üppigen, prunkvollen Fest. Nicht nur die Großen des Reiches waren eingeladen, auch die Bevölkerung Susas durfte in dem riesigen, prächtigen Palast aus Marmor von silbernen und goldenen Gefäßen essen und trinken, so viel sie wollten. Die königliche Gemahlin – ihr Name war Vashti – feierte ihr eigenes Fest mit den Damen des Hofes.

Am siebten Tag, zu vorgerückter Stunde, als alle schon kräftig dem Wein zugesprochen hatten, befahl der betrunkene König, dass man Königin Vashti zu seinem Männergelage bringen solle, um sie vor den versammelten Herren in ihrer Schönheit zur Schau zu stellen. Das allein war unüblich genug, aber noch nicht alles. Er ließ ihr bestellen, sie solle mit der Krone auf dem Haupt vor ihm erscheinen, und ließ keinerlei Zweifel daran, dass er meinte: nur mit ihrer Krone bekleidet.

Königin Vashti tat, was ihr die Selbstachtung gebot: sie weigerte sich.

Der wütende König versammelte sofort  seine Berater um sich, um eine angemessene Bestrafung zu finden. Einer von ihnen, ein Emporkömmling namens Haman, verwarf alle milderen Strafen. “Erhabener Herrscher, weder Enteignung noch Vertreibung ist hart genug. Sie hat sich dem Willen ihres Gatten widersetzt. So etwas spricht sich herum! Wenn eure Untertanen das erfahren, wird keiner mehr Achtung vor euch haben, und mehr noch: alle Frauen werden anfangen, ihren Männern zu widersprechen und einfach das zu tun, was sie für richtig halten!“

Auch für den König war das ein entsetzlicher Gedanke – der Untergang des Morgenlandes!

Was immer mit Vashti geschah, der König bereute es schon bald, als sein Rausch und sein Zorn verflogen waren. Ihm fehlte eine Königin. Aber er saß ja an der Quelle. Er sandte Boten in alle 127 Provinzen, welche die schönsten Mädchen des ganzen Reiches in seinen Harem bringen sollten, damit er sie ausprobieren und die Allerschönste zu seiner neuen Gemahlin wählen könnte.

Er konnte nicht ahnen, dass er seine Zukünftige gar nicht so weit in der Ferne suchen musste.

Am Hofe des Königs diente ein Jude namens Mordechai, der hatte eine Nichte namens Esther, ein Waisenkind, das er an Kindes Statt angenommen hatte. Sie war eine bezaubernd schöne Jung-frau, und als die Boten des Königs sie abholen kamen, schärfte Mordechai ihr ein, auf keinen Fall preiszugeben, dass sie Jüdin sei, denn er fürchtete die Unberechenbarkeit des Königs. Esthers Anblick verzauberte alle, und der König hatte für keine Andere Augen als für sie. Er setzte ihr die Krone aufs Haupt und feierte nächtelang mit dem ganzen Hofstaat ein rauschendes Hochzeitsfest.

Mordechai hatte Esther versprochen, immer in ihrer Nähe zu sein, falls sie ihn brauche, und er hielt Wort. Nachts auf dem Heimweg vom Fest fielen ihm zwei finstere Gestalten auf, und er belauschte sie heimlich. So erfuhr er, dass sie ein Mordkomplott gegen den König planten.

Sofort ging er zu Esther, um sie und den König zu warnen. Die Verschwörer wurden gefasst und hingerichtet, und Mordechais Namen in die Annalen eingetragen als derjenige, der das Leben des Königs gerettet hatte. Der König jedoch – vielleicht noch nicht wieder nüchtern – bekam nicht viel davon mit, und so geriet dies Geschehen in Vergessenheit, ohne dass Mordechai belohnt wurde.

Dafür steigt jetzt plötzlich ein anderer am Hofe auf und wird mit Macht und Ehren überhäuft: Haman, der Ratgeber des Königs, der nun fast so mächtig ist wie Ahasveros selbst. Alle müssen sich auf königlichen Befehl vor ihm auf den Boden werfen. Nur einer tut das nicht: Mordechai. Als er Haman am Palasttor begegnet, verbeugt er sich nur höflich.

Hamans Wut ist grenzenlos, doch nur Mordechai allein zu vernichten, das wäre zu durchsichtig als persönliche Rache. Haman weiß um Mordechais jüdische Herkunft, und er beschließt die Vernichtung aller Juden im ganzen Reich, natürlich nur im Interesse des Gemeinwohls.

Den Zeitpunkt bestimmt er durch das Los – es fällt auf den 13. Tag des Monats Adar. Jetzt muss er nur noch den König überzeugen. „O göttlicher König, Euer Reich ist in großer Gefahr: Eine jüdische Verschwörung bedroht uns alle!“ Der König ist erstaunt; kennt er doch die Juden als loyale Untertanen. Haman warnt: „Sie tun doch nur so, als ob! Sie sind nicht wie andere, sie beten nur zu einem Gott und haben keine anderen Götter neben ihm, nicht einmal Euch!“ Das geht natürlich nicht, findet der König. Auch dass sie einen vollen Tag in der Woche überhaupt nicht arbeiten – sie nennen ihn Shabbat – das geht zu weit; andererseits sind sie sonst tüchtig und zahlen brav ihre Steuern, und auf die will er nicht verzichten. Haman bietet ihm zehntausend Silbertalente an, wenn er die Angelegenheit für den König regeln dürfe. Der König, dem die Sache lästig ist, gibt Haman seinen Siegelring und erlaubt ihm damit, mit den Juden nach Belieben zu verfahren. Der lässt einen besiegelten Erlass in alle 127 Provinzen  schicken, dass am 13. Adar alle Juden, jung und alt, Frauen und Kinder, getötet werden sollen.

Auch in Susa wird der Erlass verkündet. Als Mordechai davon erfährt, zerreißt er seine Kleider, streut Asche auf sein Haupt und lässt sich bei Esther melden. „Du musst mit Ahasveros sprechen und das Unheil abwenden.“ Esther erschrickt. „Das kann ich nicht. Wer vor den König tritt, ohne von ihm aufge-fordert zu sein, hat sein Leben verwirkt!“ Mordechai beharrt. „Glaube nicht, dass du in deinem Palast verschont bleibst, wenn man uns alle tötet! Willst du aus Angst dein Volk verraten – und dich selbst? Glaubst du nicht, dass du deshalb Königin geworden bist, um jetzt zu unsrer Retterin zu werden?“ Esther schweigt. Dann erhebt sie sich gefasst. „Betet und fastet für mich in den Synagogen von Susa, wie auch ich fasten werde. Dann will ich vor den König treten, und wenn es mein Leben kostet!“

Doch der König erblickt sie, als sie vom Vorhof den Thronsaal betritt. Er streckt sein goldenes Szepter nach ihr aus, sie ist begnadigt, und mehr noch, der König verspricht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Esther aber bittet ihn nur, mit Haman ihr Gast zu sein bei einem Bankett am nächsten Abend.

Haman verlässt den Palast im Triumphgefühl, nun auch die Gunst der Königin gewonnen zu haben.

Im Tor sieht er Mordechai sitzen, der sich nicht rührt. Haman erträgt es nicht, bis zum 13. Adar zu warten, er lässt sogleich einen hohen Galgen errichten,an den er im Morgengrauen Mordechai hängen will. Dann, so sagt er sich, kann ich mit frohem Mut und gutem Appetit zum Bankett der Königin gehen.

In derselben Nacht kann der König nicht schlafen. Er befiehlt, ihm die Annalen zu bringen, denn was ist einschläfernder als alte Akten? Doch die spannende Geschichte von der Verschwörung und ihrer Entdeckung macht ihn hellwach. Mitten in der Nacht lässt er Haman holen. „Sag mir, wie soll ich einen Mann ehren, der sich über die Maßen verdient gemacht hat um seinen König?“ Haman hat keinerlei Zweifel, dass er selbst gemeint ist. „Lasst ihn auf eurem Pferd durch die Stadt reiten, angetan mit dem blauem Königsmantel, und euer vornehmster Offizier soll das Pferd führen und laut verkünden: So ehrt der König seinen treuesten Diener!“ – „Genau so machst du’s!“ sagt der König, und als Haman nicht versteht: „Du bist doch mein vornehmster Offizier. Ach ja, und auf dem Pferd wird der sitzen, dem ich mein Leben verdanke: Mordechai der Jude.“ Es hilft ihm alles nichts, er muss mit Mordechai hoch zu Ross durch die ganze Stadt. Kaum ist das überstanden, ist es schon Zeit für das Bankett der Königin.

Der König ist bester Stimmung und fragt Esther nach ihrem Wunsch, und sei’s das halbe Königreich.

Da bekennt Esther, dass sie Jüdin ist und bittet nur um eines: Um ihr Leben und das ihres Volkes, das vernichtet werden soll. „Wer wagt es?!“ brüllt der König, und Esther weist auf Haman.

Ahasveros geht in den Palastgarten, um seinen Zorn zu kühlen; inzwischen wirft sich Haman auf Esthers Lager und umschlingt sie, um sie um sein Leben anzuflehen. Der König kommt zurück, sieht Esther in Bedrängnis  und missversteht Hamans Absichten. Jetzt läuft das Fass über.

Er befiehlt, Haman sofort an den Galgen zu hängen, den dieser für Mordechai bestimmt hatte. Noch am selben Tag übergibt der König Mordechai seinen Siegelring und macht ihn zum erstem Minister.

Die Juden waren gerettet und der Tag, den Haman zu ihrer Vernichtung ausgelost hatte, wurde zum Freudentag. Im ganzen Land wurde gefeiert und Mordechai bestimmte, dass es von nun an jedes Jahr so gehalten werden sollte, und man nannte das Fest „Purim“ nach dem persischen Wort für „Lose“.

Die Kinder  verkleiden sich noch heute als Esther, Vashti oder Mordechai, und man feiert mit soviel Wein, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen ,Verflucht sei Haman‘ und ,Gesegnet sei Mordechai‘. Und man isst ein besonderes Gebäck an Purim, Osnei Haman, also Ohren von Haman, süße, gefüllte dreieckige Teigtaschen. Auf Jiddisch heißen sie Homentaschen und sind mit Mohn oder Mus gefüllt. Ich backe sie mit Nuss-Nougat, aber dann schnappt sie mir immer gleich mein Sohn weg.

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