Onkelos und die Mesusa

Aus dem Projekt „Jüdische Geschichten aus aller Welt“…

Erzählt von Moira Thiele

Diese Geschichte spielt zur Zeit Kaiser Hadrians, fünfzig Jahre, nachdem die Römer den jüdischen Tempel zerstört hatten. Auf die Ruinen des Tempelbergs stellte Hadrian eine Reiterstatue von sich; Jerusalem wurde römisch, auch den Namen gab es nicht mehr, er nannte die Stadt der Einfachheit halber nach sich selbst. Den Juden aber war das Betreten ihrer Heiligen Stadt bei Todesstrafe verboten

Da brach in den judäischen Bergen unter Bar Kochba ein Aufstand los, der die Römer den größten Teil zweier Legionen kostete, bis er dann doch von der Übermacht neuer Legionen blutig niedergeschlagen wurde. Man kann sich also lebhaft vorstellen, wie Hadrian zu allem Jüdischen stand. Er hasste es.

Der Talmud erzählt, dass Hadrian einen Neffen namens Onkelos hatte, der war sehr klug, studierte Wissenschaften und Sprachen und war von sanftem Wesen, nicht gerade passend für ein Mitglied der Kaiserfamilie. So gebildet er auch in der griechisch-römischen Kultur war, so konnte deren Götterglaube doch nicht seine Sehnsucht nach Weisheit und tieferer Wahrheit stillen. Es zog ihn in den Orient.

Er bat seinen Onkel, den Kaiser, um eine Privataudienz. „Ich will in die Welt hinausziehen und mir auf der Reise meinen Lebensunterhalt als Kaufmann verdienen, dazu brauche ich deinen Rat!“ Hadrian fand Kaufmann gar nicht standesgemäß und lud ihn ein, sich lieber in den Schatzkammern aus der reichen Beute zu bedienen, doch Onkelos‘ Entschluss stand fest. Hadrian war verstimmt. „Wozu brauchst du dann überhaupt meinen Rat?“
„Da ich von weltlichen Dingen nichts verstehe, sag du mir bitte: Welche Ware soll ich am besten erwerben und verkaufen?“ Hadrian fühlte sich geschmeichelt, von seinem klugen Neffen um Rat gefragt zu werden. „Suche nach Ware, deren Wert die Leute nicht schätzen, weil sie ihn noch nicht kennen. Wenn sie schließlich den wahren Wert begreifen, kannst du den schönsten Gewinn einstreichen!“

Onkelos reiste von Rom nach Palästina und wurde Schüler der berühmtesten Rabbiner seiner Zeit.
Er lernte mit großer Hingabe und Ausdauer und konvertierte schließlich zum Judentum.

Es dauerte nicht lange, da gelangte dies zu Hadrians Ohren, und er schäumte vor Zorn.
Er schickte zu Onkelos Soldaten, die ihn in Ketten nach Rom bringen sollten. Onkelos diskutierte geduldig mit ihnen, auch über Religion, was dazu führte, dass sie sich schließlich zum Judentum bekehrten und dort blieben. Der rasende Kaiser sandte einen neuen Trupp Soldaten aus, diesmal mit dem strikten Befehl, sich in keine Gespräche mit dem redegewandten Neffen einzulassen.

Onkelos empfing die Soldaten freundlich an der Schwelle seines Hauses. „Ich bin bereit, nehmt mich fest!“ Dann berührte er die Mesusa an seiner Tür, die schmale Kapsel mit der kleinen Schriftrolle darin, die das Schma Jisrael, das Glaubensbekenntnis, enthält. Wie alle frommen Juden küsste er sie, indem er sie berührte und dann die Hand an die Lippen führte. Dabei lächelte er, und dann lachte er fröhlich.
Die Soldaten starrten ihn erstaunt an, und einer konnte nicht anders als fragen: “Freust du dich so auf Rom, wo man dich sicher einen Kopf kürzer machen wird? Und was ist das längliche Ding an deinem Türrahmen, das du geküsst hast?“ Onkelos erwiderte: „Verzeiht, dass ich lache. Ich musste daran denken, dass überall auf der Welt der Fürst oder König drinnen im Palast sitzt, und draußen vor der Tür stehen die Wachen, die ihn behüten. Genau umgekehrt hält es der König der Könige, der Heilige, an den wir Juden glauben: Er erlaubt seinen Dienern, drinnen zu sitzen, und er hält Wache vor ihrer Tür. Zum Zeichen dafür seht ihr hier die Mesusa.“ Die kaiserlichen Boten waren beeindruckt von seinen Worten, sie wollten mehr wissen, und es dauerte nicht lange, da wurden sie seine Schüler.
Kaiser Hadrian wurde klar, dass es ihm nicht gelingen würde, seinen Neffen mit Gewalt nach Rom zu holen, und so bot er ihm sicheres Geleit, wenn er freiwillig käme.

Als er vor Hadrian stand, stellte ihn dieser zur Rede. „Wie konntest du nur das große Rom verlassen, um einem kleinen, besiegten Volk anzugehören, das von allen anderen missachtet und verfolgt wird?
Wer hat dich auf eine solche dumme Idee gebracht?“
Onkelos lächelte. „Du warst es, lieber Oheim, ich habe nur deinen guten Rat befolgt, die am wenigsten gefragte Ware zu suchen Ich habe auf meinen Reisen nichts gefunden, was weniger Interessenten hatte als die jüdische Religion. So erwarb ich sie und fand bald heraus, dass ich ein sehr gutes Geschäft gemacht hatte, mit hohem Gewinn für mich, und Aussicht auf Zinsen, denn der Prophet Jesaja sagt voraus, dass das gering geachtete Volk einst von allen geschätzt werden wird!“
Hadrian seufzte und verzichtete lieber darauf, nochmals Soldaten wegen seines Neffen zu bemühen.
Am Ende brächte er sie auch noch auf dumme Gedanken…

Die Juden aber halten Onkelos, der die Bibel ins Aramäische übersetzte, noch heute in hohen Ehren.

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