Mamsi und ich

Wie wurde die Nachkriegsgeneration durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt? Diese Frage stellt sich C. Bernd Sucher in seinem neuen, sehr persönlichen Buch und erzählt von seiner Mutter, einer stolzen und starken Frau, die als Jüdin im Dritten Reich verfolgt wurde, das KZ überlebte und nach dem Krieg einen Protestanten aus konservativem Elternhaus heiratete. Sie hatte eingewilligt, den Sohn christlich zu erziehen, was sie ein Leben lang quälte, seinen jüdischen Glauben sah sie dennoch kritisch und trieb ihn unerbittlich an, im Leben das zu erreichen, was ihr durch die NS-Verfolgung verwehrt blieb. Suchers Spurensuche zeichnet die schwierige, prägende Beziehung von Mutter und Sohn nach, sehr offen, reflektiert und wunderbar erzählt.

Von Eva Ehrlich

Dieses Buch zu lesen war für mich, als Angehörige der zweiten Generation, nicht einfach. Bernd Sucher erzählt anhand von Aufzeichnungen, historischen Dokumenten, Gesprächen mit Zeitzeugen und Erinnerungen die Lebensgeschichte seiner Mutter – und damit auch seine eigene. Vieles davon erinnert mich und viele von uns, die Kinder der Überlebenden, an unsere eigene Geschichte. Die Sprachlosigkeit der Mutter, der fast als Lieblosigkeit zu bezeichnende Umgang. Keine Umarmungen, keine Küsse, kein über den Kopf streicheln. Aber Forderungen nach Leistung, du musst besser werden als die anderen in der Schule, im Beruf, ich erwarte es von dir. Du musst das erreichen, was ich nicht erreichen konnte. Und alles, was Bernd auch tat und erreichte, fand nur Kritik bei seiner Mutter, es war nie gut genug.

Margot Artmann, Bernds Mutter, hat überlebt. Beim Apell wurde abgezählt und jede 10. Frau wurde erschossen. Margot war die siebte. Die Zahl sieben hat sie gerettet. Auch meine Mutter hat überlebt, sie hatte in ihre tätowierten Auschwitz-Nummer eine sieben. Was bedeutet diese Zahl für uns Juden? Rabbiner Kucera sagt: „Sieben, das ist die Menorah, der siebenarmige Leuchter, die Sieben steht für Vollkommenheit, der siebte Tag ist der Schabat. Es gibt sieben große Festtage im jüdischen Jahr, sieben Tage dauerte es, den Tempel zu bauen, und das Laubhüttenfest dauert sieben Tage, wie auch Pessach.“

Nach der Rückkehr heiratete Margot einen konservativen Protestanten und versprach, den Sohn christlich zu erziehen und wollte mit dem Judentum nichts mehr zu tun haben. Sie missbilligte sehr Bernds Hinwendung zum Judentum, genauso wie sie seine Homosexualität missbilligte und nicht akzeptieren wollte.

Und sie erzählt nichts von der Verfolgung, von der Deportation, vom Arbeitslager. „Könnte ich doch Mamsi zum Sprechen bewegen! Eigentlich müsste sie eine Psychotherapie machen. Sie ist körperlich gesund, doch sterbenskrank in der Seele!“

Wir alle, die mit Eltern, die überlebt haben, aufwuchsen, kennen diese Sprachlosigkeit, das „sich nicht erinnern wollen“. Um sich selbst nicht wieder weh zu tun oder uns, den Kindern, nicht weh zu tun? Margot verlangt von ihrem Sohn Fleiß und Leistung, ist aber nie zufrieden, mit dem, was der Sohn erreicht, was ihn zu noch mehr Leistung und Anstrengung treibt: „Meine Mutter war keine Rabenmutter. Sie wollte einen starken Sohn. In ihrer Erziehungsmethode hatte Spaß nur keine kleine Chance. Motivation war nie eine Spezialität meiner Mutter gewesen. Sie konnte fordern, hadern, schimpfen. Loben war ihre Sache so wenig wie Trösten.“

© Thomas Dashuber

Bernd hat viel erreicht, über mehrere Stellen in den Kulturredaktionen einiger Zeitungen bis zur Professur an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und Leitung des Studiengangs Theater-,Film- und Fernsehkritik an der Theaterakademie August Everding. Er hat viele Bücher verfasst und begeistert seit fast 20 Jahren sehr erfolgreich mit seiner Veranstaltungsreihe „Suchers Leidenschaften.

Es ist kein einfaches Buch. „Gestern ist Mamsi gestorben. Der Tod kam nicht überraschend. Sie hat mich geformt wie niemand anderer. Sie hat mich verletzt, mich gepeinigt, mich verraten Ich weiß nicht einmal, ob sie mich geliebt hat. Aber ich habe sie vergöttert. Und mich ihr zeitlebens ausgeliefert. Was und wo wäre ich ohne ihren Ehrgeiz? G’tt hat mir einen wachen Geist geschenkt, meine Mutter forderte von mir, ihn zu nutzen. Zur Not half sie nach. Sie war streng – und ungerecht!“

Das Buch trägt den Untertitel „Die Geschichte einer Befreiung“. Bernd ist erwachsen geworden.

C. Bernd Sucher, Mamsi und ich, Piper Verlag 2019, 256 S., Euro 20,00, Bestellen?

Kommentar verfassen