„Hier war doch nichts!“ – Waldkirch im Nationalsozialismus

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Die meisten Großstädte Deutschlands haben mittlerweile ihre nationalsozialistische Geschichte aufgearbeitet, nun sind die Kleinstädte an der Reihe. Eine Kleinstadt im Südwesten der Republik hat es gründlich und vorbildhaft gemeistert. Die Orgelbaumetropole Waldkirch im Schwarzwald hat sich dank der Recherchen des Historikers Wolfram Wette nach zähen Auseinandersetzungen zur Untat eines ihrer Bürger bekannt und sich durch die Errichtung eines Mahnmals – die Ermordung aller Juden Litauens – der Geschichte gestellt…

Von Ruben Frankenstein

Am 29. Januar 2017 wurde in Waldkirch, an einer zentralen Stelle zwischen dem Museum und der Kirche das Mahnmal enthüllt. (Am 5. Juni 2017 berichtete haGalil von dem Waldkircher Mahnmal). Damit hat sich die Stadt nicht begnügt. Unter der Regie des Wolfram Wette, selbst ein Waldkircher Bürger, hat sich eine Ideenwerkstatt „Waldkich in der NS-Zeit“ mit einer stattlichen Zahl von 27 Autoren und Autorinnen, professionelle Historiker sowie historische Laien mit den verschiedenen Aspekten auseinander gesetzt.

Kaum zu glauben wie schnell und reibungslos die Gleichschaltung und Anpassung der gesamten Bevölkerung samt ihrer Institutionen vonstatten ging und fast widerstandslos zwölf Jahre bestehen konnte. Wie viel länger und schwieriger verlief die Aufarbeitung seit 1945, die 75 Jahre bis heute noch nicht völlig abgeschlossen ist. 40 Jahre dauerte es, bis die Stadt den genialen Maler Georg Scholz (1890-1945) wiederentdeckte, der wie kaum ein anderer die Nationalsozialisten angeprangert hat.

Was bleibt sichtbar für die Nachkommen? Da sind zum einen die Blut-und-Boden Malereien im Eingangsbereich des Waldkircher Rathauses, die nun überdeckt sind (anstelle sie sichtbar zu lassen mit erklärenden Texten). Zum anderen das martialische Kriegerdenkmal im Nachbarort Kollnau, (heute ein Stadtteil Waldkirchs), das noch immer den Krieg verherrlicht.

Nun kann Waldkirch auf diesen stattlichen Band von Recherchen stolz sein, die aus ihrer Mitte entstanden sind sich und sich umfassend mit allen Aspekten der nationalsozialistischen Zeit auseinander setzen – eine geeignete Grundlage für Unterricht und Lehre. Im kommenden Oktober sollen die „Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit“ und ihre wichtigsten Protagonisten Roland Burkhart und Professor Wolfram Wette mit dem Rahel-Straus-Preis 2020 gewürdigt werden.

Wolfram Wette (Hg.): „Hier war doch nichts!“ Waldkirch im Nationalsozialismus. Donat Verlag, Bremen 2020. 528 Seiten, 29,80 Euro, Bestellen?