Auch ohne Antisemitismus wäre Israelfeindlichkeit ein Problem

Eine Analyse zum Fall Achielle Mbembe…

Von Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismus-Skandale gibt es auch im Corona-Deutschland, was der Fall Achille Mbembe jüngst zeigte. Der Historiker und Politikwissenschaftler gilt als einer der bekanntesten Repräsentanten des Postkolonialismus, also einer Forschungsrichtung, die sich mit den Auswirkungen des Kolonialismus in den unterschiedlichsten Zusammenhängen beschäftigt. Zur Eröffnung der Ruhrtriennale hatte man Mbembe als Redner eingeladen. Daraufhin kam es zu öffentlicher Kritik, wobei ihm Antisemitismus und Israelfeindlichkeit unterstellt wurden. Er selbst widersprach diesen Aussagen, seien sie doch falsch und unbegründet. Daraufhin meldeten sich solidarisierende Stimmen, die von Hexenjagd und Verleumdung sprachen. Und wieder setzte eine emotionale und polarisierte Debatte in der in Deutschland gewohnten Form ein: Man bekundet eine Gesinnung, lässt es aber an Sachargumenten vermissen. Da geraten die Begriffe und Ebenen durcheinander, an Differenzierung und Hintergrundanalyse mangelt es. Darauf bezogen soll hier eine Einschätzung des Falls versucht werden.

Am Beginn steht der Blick auf die Person: Wer ist Achille Mbembe überhaupt? Wie erwähnt handelt es sich um einen kamerunischen Historiker und Politikwissenschaftler, der auch in Deutschland durch seine postkolonialen Studien bekannt geworden ist. Dazu gehörten etwa „Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im gegenwärtigen Afrika“ (2000, dt.: 2016), „Ausgang der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika“ (2010, dt.: 2016) und „Kritik der schwarzen Vernunft“ (2013, dt.: 2014). Diese Bücher brachten auch in Deutschland dann Mbembe viele Preise ein: 2015 den Geschwister Scholl-Preis, 2018 den Ernst Bloch- Preis und im gleichen Jahr den Gerda Henkel-Preis. Durch sie hindurch zog sich die Beschreibung der Folgen kolonialer Herrschaft, die bis in die Gegenwart reichten und nicht nur in den betroffenen Ländern die dortige Politik und Wirtschaft prägten. Der Autor wies auch darauf hin, welche Auswirkungen dies auf die Denkungsarten in Geschichtsbewusstsein oder Kultur in der kolonisierenden wie kolonisierten Welt hat.

Die damit einhergehende Kritik führte offenkundig zu den erwähnten Preisverleihungen. Doch kam dabei den Auffassungen mitunter größere Relevanz zu als der Wissenschaftlichkeit, gab es doch auch kritische Einwände zu den genannten Werken. Diese richtete sich nicht gegen die grundlegenden Auffassungen zu den unterschiedlichen Folgen des historischen Kolonialismus oder gegenwärtigen Neo-Kolonialismus. Es ging um die besondere Darstellungsform und die wissenschaftlichen Qualitäten. Da diese Auffassungen auch für die beabsichtigte Einschätzung relevant sind, sollen sie als Schlaglichter genannt werden: Statt geschlossene Abhandlungen legt Mbembe mehr fragmentarische Reflexionen vor; da gibt es inhaltliche Brüche und Sprünge statt klare Stringenz und Struktur; ein literarischer überlagert mitunter einen wissenschaftlichen Sprachgebrauch; statt klarer Arbeitsbegriffe durchziehen diffuse Kategorien die Texte; und historische Quellen wären häufig wünschenswerter als literarische Zeugnisse gewesen.

Derartige Einwände sprechen nicht gegen die Kernposition, die den ausbeuterischen Kolonialismus der westlichen Moderne einschreibt. Die damit einhergehende Haltung von Mbembe durchzieht aber eine moralisierende Überdehnung, die dann auch in inhaltlichen Schiefen und Zerrbildern münden kann. Genau dies war und ist bei den Aussagen zu Israel feststellbar, motivierten sie doch die Antisemitismus-Vorwürfe gegen den bislang diesbezüglich als unverdächtig geltenden Wissenschaftlern. Er distanzierte sich zugleich mit Empörung und Unverständnis davon. Die Einwände seiner Kritiker gegen ihn seien spaltend, sie würden die Bekämpfung der Judenfeindschaft schwächen. Man müsse berücksichtigen, dass er sich auf viele jüdische Denker in seinen Werken berufe. Das Existenzrecht Israels habe er, Mbembe, nicht bestritten, den Holocaust nie relativiert. Die „faktischen israelischen Kolonialverhältnisse in den besetzten Gebieten“ seien in der Forschung vor Ort intensiv aufgearbeitet worden. Seine Arbeiten befassten sich auch nicht mit Israel.

Wie angemessen sind nun diese Einwände gegen die Kritik? Zunächst soll es hier um die Antisemitismus-Frage in einem engeren Sinne gehen. Definiert man das Gemeinte damit, dass eine Feindschaft gegen Juden als Juden gemeint ist, so findet sich einschlägige Bekundungen bei Mbembe tatsächlich nicht. Dafür wurden auch keine Belege von seinen Kritikern vorgebracht. Indessen formulierte er Auffassungen zu Israel, die von bedenklichen Implikationen geprägt sind und das eigentliche Problem darstellen. Bevor eine darauf bezogene Auseinandersetzung erfolgt, soll hier noch einmal klargestellt werden: Es geht nicht um eine differenzierte Kritik an der israelischen Regierungspolitik, die aus menschen- wie völkerrechtlicher Sicht vorgebracht werden kann. Bedeutsam sind die Aussagen hinter den gewählten Einwänden und eine spezifische Grundhaltung. Darüber hinaus fällt der kritische Blick auf mögliche Doppel-Standards, erlaubt deren Feststellung doch, die Glaubwürdigkeit vorgetragener Kritik in ihrer Stringenz zu hinterfragen.

Welche Äußerungen zu Israel gibt es nun von Mbembe? Als erstes Beispiel aus der Debatte sei auf das Vorwort verwiesen, das er 2015 für das Buch „Apartheid Israel – The Politics of an Analogy“ schrieb. Darin heißt es: „Die Besetzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der dehumanisierendsten Torturen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Akt der Feigheit des letzten halben Jahrhunderts.“ Bei den Formulierungen ist Mbembe für seine Superlative bekannt. Gleichwohl muss ein Politikwissenschaftler mit Seriositätsanspruch sich fragen lassen, ob seine Einschätzungen auch im Kontext der politischen Realitäten zutreffen. Bekanntlich war 2015 noch ein Jahr, wo in erschreckender mörderischer Grausamkeit der „Islamische Staat“ (IS) gegen viele Menschen wütete. Aber nicht der IS, sondern Israel sollte der „größte moralische Skandal unserer Zeit“ sein. Und gab es nicht in dem halben Jahrhundert davor viele andere Massenverbrechen? Warum kam Mbembe etwa Rhuanda nicht in den Sinn?

Weiter schrieb er als Begründung für einen Boykott von Israel im genannten Vorwort: „Und da alles, was sie zu tun gewillt sind, ein Kampf bis zum Ende ist, da sie bereit sind, den ganzen Weg zu gehen – Gemetzel, Vernichtung, schrittweise Ausrottung – ist die Zeit gekommen für weltweite Isolation.“ „Ausrottung“ und „Vernichtung“, das sollen die Kategorien sein, welche die israelische Politik prägen. Auch hier hat man es mit einer erstaunlichen Bewertung zu tun, die selbst scharfe Kritiker nicht teilen. Da wird von einer Diskriminierung der Palästinenser, auch von ihrer Unterdrückung gesprochen. Doch die gewählten Formulierungen fallen nicht. Hier mag man wieder auf die Mbembe eigenen Superlativen verweisen. Gleichwohl will er doch nicht Essayist, sondern Wissenschaftlern sein. Derartige Ausführungen sprechen für eine absonderliche Wirklichkeitswahrnehmung, die kritische Fragen nach den eigentlichen Motiven aufkommen lässt, zumal von anderer Seite erfolgte reale Vernichtungspolitik unberücksichtigt bleibt.

Es kann sich auch um einen „Ausrutscher“ handeln. Daher soll noch ein weiterer Kommentar von Mbembe in die kritische Prüfung einbezogen werden. Es geht um den Aufsatz „The Society of Enmity“ im „radical philosophy archive“ von Ende 2016. Dort heißt es: Die „Folgen des israelischen Projekts auf den palästinensischen Körper sind viel gravierender als die relativ primitiven Operationen des Apartheidsregimes in Südafrika zwischen 1948 und den frühen 1980er Jahren.“ Was hier mit dem „israelischen Projekt“ gemeint sein soll, bleibt im Unklaren. Ein Projekt ist bekanntlich vorübergehend, es endet meist in der näheren Zukunft. Ob damit das Existenzrecht des Staates negiert werden sollte, lässt sich aufgrund der von Mbembe gern genutzten diffusen Wortwahl nicht sagen. Deutlich ist aber, dass Israel viel schlimmer als Südafrika sein soll. Damit wird die Apartheid in der Rückschau objektiv verharmlost. Denn bei allen Einwänden gegenüber der israelischen Palästinenserpolitik hat man es hier doch mit unangemessenen Zerrbildern zu tun.

Weiter heißt es dann: „Das zeigt sich in seiner fanatischen Politik der Vernichtung, die darauf zielt, das Leben der Palästinenser in einen Ruinenhaufen zu verwandeln oder in einen Müllhaufen, der gesäubert werden soll. In Südafrika erreichten die Schutthaufen nie solche Ausmaße.“ Ein Beweis für die israelische Vernichtungsabsicht wird nicht geliefert, was angesichts der schlichten Realität schwerlich möglich wäre. Auch hier agiert Mbembe mit negativen Superlativen. Nicht nur in der Begriffswahl mangelt es an Differenzierung und Seriosität. Und erneut fällt die belegfreie wie freihändige Gleichsetzung von Israel und einem „Rassenstaat“ auf. Weiter heißt es: „Das Bedürfnis nach einem Feind, nach Apartheit, Vernichtung … führen in letzter Konsequenz fast unausweichlich zum Wunsch nach Zerstörung … in direkter Anwendung des alten Diktums der Vergeltung, des Auge um Auge oder lex talionis des Alten Testaments.“ Damit bedient sich Mbeme einem klassischen Muster – dem „jüdischen Rachegeist“ – antisemitischer Vorurteile.

Agieren demnach die gegenwärtigen Israelis aufgrund solcher religiöser Prägungen? Die Aussagen kann man kaum anders verstehen. Auch hier mag es sein, dass der Autor die ideengeschichtlichen Hintergründe nicht kennt. Doch wie kommt er auf solche Anspielungen, was „denkt in ihm“? Man darf in der bilanzierenden Gesamtschau schon sagen, dass hier latente Einstellungen erkennbar sind. Es stellt sich bei all dem auch immer wieder die Frage, warum sich seine erkennbare Feindschaft gegen Israel richtet. Wenn es Mbembe um Menschenrechtsverletzungen ginge, dann würde er für die aktuelle Gegenwart wie für die letzten 50 Jahre viel schlimmere Vorfälle finden. Der 1957 Geborene hat sie medial durch sein Leben mitbekommen, er ist darüber hinaus Historiker und Politikwissenschaftler. Man muss indessen nicht solchen Berufsgruppen angehören, um von der Frauendiskriminierung in Saudi Arabien oder von der Homosexuellenverfolgung im Iran zu wissen. Das einseitige Engagement gegen Israel spricht nicht für einen glaubwürdigen Menschenrechtler.

Damit soll zur Ausgangsfrage zurückgekehrt werden: Hat man es mit einem Antisemiten zu tun? Dezidiert judenfeindliche Aussagen sind von Mbembe nicht überliefert. Gleichwohl formulierte er Auffassungen, die an antisemitische Diskurse anschlussfähig sind. Insofern muss diese Frage in diesem Sinne offen bleiben. Aber auch ohne Antisemitismus wäre seine Israelfeindlichkeit ein Problem. Sie ist nicht nur von einem falschen Bild des jüdischen Staates geprägt, die erwähnten Einordnungen verharmlosen Massenverbrechen in anderen Staaten. Damit geht ein eindeutiger Menschenrechtsrelativismus einher, welcher die Preiseverleiher wohl nicht sonderlich störte. Auch in der neueren Forschung zu Postkolonialismus und Rassismus werden solche Zusammenhänge ignoriert. Allein von daher lohnt die kritische Aufmerksamkeit für Mbembes erwähnte Positionen. Dass er angesichts der erwähnten Aussagen als „brillanter Denker“ in der deutschen Qualitätspresse gelten soll, spricht für eine doch erstaunlich unkritische Wirklichkeitswahrnehmung.

Bild oben: Achille Mbembe bei der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2015 in der Ludwig-Maximilian-Universität, (c) Heike Huslage-Koch, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

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