„Aber nur soweit er Jude war…“

Peter Finkelgruens Buch über die Kölner Edelweißpiraten ist nun in der Print-Version und als Paperback erhältlich…

Von Roland Kaufhold

 „… die Auseinandersetzung mit dem Fall der Köln-Ehrenfelder Widerständler ist für   mich zu einem Stück persönlicher Auseinandersetzung um Identität in diesem Land    geworden.“ 
Peter Finkelgruen (1981)

Ich habe mit Peter Finkelgruen verschiedentlich über die Kölner Edelweißpiraten gesprochen. Hierbei wurde mir die Pionierleistung deutlich, die Finkelgruen seit Ende der 1970er Jahre zu deren Rehabilitation geleistet hat. Das betrifft seine Beiträge zur Rekonstruktion der Biografien verschiedener Edelweißpiraten; auf die Ermutigung von Zeitzeugen zur Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus; aber auch auf die Unterstützung junger Forscher über die Edelweißpiraten wie dem Historiker Matthias von Hellfeld. Am wirkmächtigsten war jedoch die von Finkelgruen angeregte und politisch durchgesetzte Rehabilitation der drei Edelweißpiraten und Widerständler Jean Jülich, Baetholomäus Schink und Michael Jovy durch die israelische Shoahgedenkstätte Yad Vashem im Jahr 1984. Der zuständige Mitarbeiter von Yad Vashem hatte Finkelgruens Anliegen – eine repräsentativ zu verstehende Ehrung von drei Widerständlern, die verschiedene Biografien und gesellschaftliche Positionen repräsentierten (und die in Köln insbesondere von den regierenden SPDlern weiterhin als „Kriminelle“ verfolgt wurden) – sogleich verstanden.

Anfang 2012, in den Wochen vor seinem 70ten Geburtstag, hatte ich Finkelgruen gebeten, einige seiner frühen Buchaufsätze über die Edelweißpiraten herauszusuchen, die er verschiedentlich erwähnt hatte. Diese haben wir, gemeinsam mit zahlreichem Begleitmaterial, im März 2012 auf haGalil veröffentlicht. Irgendwann erzählte er auch von einem Buch, das er Ende der 1970er Jahre verfasst und zu dem sein Parteifreund Gerhart Baum – seinerzeit war Baum Bundesinnenminister – ein Vorwort beigesteuert habe. Das Buch sei nie gedruckt worden.

Und wir finden es im Berg seiner Materialien: Ein schwarzer Aktenordner, dem man seine 35 Jahre ansieht. In ihm befinden sich über 300 Blatt, sorgfältig und fehlerfrei mit der Schreibmaschine getippt, ergänzt durch zahlreiche Gerichtsakten aus der Nazizeit. Das Schriftbild war noch gut lesbar. Ein auch autobiografisch höchst interessantes Werk, in dem Finkelgruen als in Köln lebender Jude seinen eigenen Lebensweg in Deutschland reflektiert. Diese unangepassten Jugendlichen waren ihm nahe, dies spürt man bei der Lektüre sofort.

Das Titelblatt des Manuskripts, Peter Finkelgruens Heim in Kfar Samir (ehemals Neuhardthof), Israel, circa 1954

Nach Deutschland war er mit 17 Jahren gekommen, um hier zu studieren. Und doch war dies ein Land, welches ihm anfangs völlig fremd war und das ihm furchtbare Ängste machte. Die Alpträume sind ihm geblieben, zeitlebens. Es war das Land, das große Teile seiner Familie ermordet hat. Die von ihm beschriebenen, in Köln weiterhin kriminalisierten, z.T. ermordeten Edelweißpiraten: Ja, einer von ihnen hätte er selbst sein können. Über diese widerständige Tradition des sich selbst stets als liberal und weltoffen preisenden Kölns hatte er noch nie etwas gehört, obwohl er bereits 20 Jahre in Köln lebte.

„„Soweit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944“ ist sein Manuskript betitelt. Abgeschlossen hatte er es 1981, damit begonnen hatte er zwei Jahre zuvor. Das titelgebende Zitat „Soweit er Jude war…“ stammt, so teilt Finkelgruen im Buch mit, aus dem Schriftstück des Leiters des Dezernats 56 (Wiedergutmachung) beim Regierungspräsidenten Köln, Regierungsdirektor Dr. Richard Dette. Ein Großteil seines Buches setzt sich äußerst kritisch, z. T. in persönlicher Weise, mit Dettes Tätigkeit auseinander, in einer teils scharfen Diktion. Geschuldet ist es Finkelgruens Loyalität zum Schicksal der kriminalisierten jugendlichen Edelweißpiraten. Aber auch seiner Loyalität zu seinen Eltern, zu seinem jüdischen Vater, den er nie kennenlernte.

Ein Vorwort von Innenminister Gerhart Baum

Vorangestellt ist dem ungedruckt gebliebenen Buch ein drei Seiten langes Vorwort von Gerhart Baum. Dieser war seit 1978 als FDP-Abgeordneter Bundesinnenminister unter Kanzler Helmut Schmidt. Baum streicht in seinem Finkelgruens Forschungen einführenden Beitrag die Notwendigkeit hervor, „die Demokratie fortwährend mit Leben (zu) erfüllen“, was für ihn zuvörderst heiße, „jedem Aufflackern von (…) Ressentiments gegen Andersdenkende und Anderslebende, gegen Minderheiten wie Ausländer, Juden und viele andere“ entgegen zu treten. Finkelgruen habe als Rückkehrer in die Bundesrepublik „die Vergangenheit erlebt, sie intensiv, beinahe körperlich gespürt.“ Er habe sie sensibel wahrgenommen.

In seiner eigenen Einleitung zum Buch hebt Finkelgruen hervor, dass sein Buch keine historische Studie im engen Sinne sei. Die Fülle der von ihm nachfolgend vorgelegten Dokumente sowie die von ihm gesammelten Aussagen von Zeitzeugen habe ihn zu dem gesicherten Gesamturteil kommen lassen, dass die 13 Deutschen (darunter mehrere Edelweißpiraten), die am 10.11.1944 auf Befehl der SS öffentlich am Ehrenfelder Bahndamm ermordet wurden „aus politischen Gründen ermordet“ worden seien – weil die Gestapo in ihnen „aktive Widerständler gegen den Nationalsozialismus erkannt“ habe. Entsprechend scharf war der Verfolgungsdruck gegen diese Kölner Widerständler. Als noch bemerkenswerter erscheint Finkelgruens Resümee, dass die in Köln für die Wiedergutmachung zuständige Behörde es durchgehend abgelehnt habe, die Ermordeten als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen. Hierdurch habe sich der Unrechtscharakter des Nazisystems bis heute – 1981 – fortgesetzt. Die Betroffenen und deren Angehörigen, zu denen Finkelgruen in den Jahren von 1978 bis 1981 vielfältige Kontakte herstellte, wurden in diesem Prozess erneut traumatisiert. Die zwei Urteile Kölner Gerichte besierten „auf Falschaussagen von beigezogenen Zeugen“. „Bei diesen Zeugen“, so Finkelgruen, „handelt es sich um ehemalige Gestapobeamte, die die Widerständler zur Zeit ihres Widerstandes in Köln-Ehrenfeld verfolgt und dienstlich mit ihnen in der Haft zu tun hatten.“

Mit seinem Buch wolle er dem Leser die Hintergründe dieses Skandals verdeutlichen. Dennoch: Der Prozess der offiziellen Rehabilitation einiger, zwischenzeitlich prominent gewordener Edelweißpiraten sollte noch 24 Jahre auf sich warten lassen. Erst als die verantwortlichen Funktionsträger und Juristen selbst verrentet waren war diese längst überfällige Korrektur politisch durchsetzbar. Politisch umgesetzt wurde dies durch den damaligen Regierungspräsidenten und späteren Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters.

Er sei sich bewusst, fügt Finkelgruen in seinem eigenen Vorwort hinzu, dass er als Jude, dessen Eltern von den Deutschen aus Deutschland vertrieben wurden und später an den Verfolgungsschäden starben, sehr persönliche Motive für „die intensive Beschäftigung mit dem Fall“ habe: „Denn die Auseinandersetzung mit dem Fall der Köln-Ehrenfelder Widerständler ist für mich zu einem Stück persönlicher Auseinandersetzung um Identität in diesem Land geworden.“ 

Hans und Esti Finkelgruen im Exilzwischenstation in Prag

Der Widerständler Hans Steinbrück – und der Widerstand der Familie Finkelgruen

Finkelgruens Großeltern hatten keinen gewaltsamen Widerstand geleistet (was ihnen auch objektiv nicht möglich war) – aber in Köln, seiner neuen Heimatstadt, hatte es einen solchen Widerstand gegeben. Dieser Widerstand war auch von Teilen der Edelweißpiraten getragen worden, in sehr unterschiedlicher Weise. Auch von Hans Steinbrück, von interessierten Kreisen posthum in herabsetzender Weise auch „Bombenhans“ genannt, der in der Köln-Ehrenfelder Schönsteinstraße 7-9 nicht nur Günther Schwarz, welcher einen jüdischen Vater hatte und deshalb unmittelbar bedroht war, Unterschlupf geboten hatte, sondern auch zwei weiteren Jüdinnen, die sich ihrer Deportation durch Flucht widersetzt hatten. Dass Hans Steinbrück hierbei aus selbstlosen, aus politischen Gründen gehandelt hat, daran lässt der Edelweißpiratenforscher Matthias von Hellfeld auch im Rückblick, nach dem Studium zahlreicher Gestapoakten, keinerlei Zweifel. Finkelgruen fügt in diesem Kontext hinzu: „Mein Großvater und meine Großmutter haben sich nicht erhoben gegen die bürgerlichen Barbaren um sie herum. Sie haben keine Kontakte zu Partisanen gehabt, keine Waffen versteckt. An der Liquidierung Heydrichs in Prag – wo sie verhaftet wurden – hatten sie keinen Anteil. Aber wenigstens haben sie nicht absolut tatenlos die ihnen von den Nazis abverlangte Rolle des zu vergasenden Opfers entsprechend den bürokratischen Vorschriften gespielt. Meine Großmutter hat diesen Mann in ihrer Wohnung versteckt, er hat sich nicht gemeldet zum Abtransport nach Theresienstadt. Sie haben gemeinsam wenigstens eine Art von passivem Widerstand praktiziert. Wenigstens etwas!“

Seine Großeltern hatten den Abtransport in die Lager – den sie spürten und über den Finkelgruens Vater Hans in seinen Briefen sehr direkt schrieb – nicht abgewartet. Sie haben mit allen Mitteln versucht, sich den Nazis durch Auswanderung, durch Flucht zu entziehen – so wie auch Finkelgruens Tante Dora als überzeugte Zionistin rechtzeitig in das damalige Palästina ging, um sich am Aufbau des jungen Staates Israel zu beteiligen. Ob Finkelgruens Vater Hans von seiner Observation durch die Nazis in Frankreich wusste, ist nicht mehr zu klären. Aber er dürfte sie gespürt haben, wie seine erhalten gebliebenen Briefe nahelegen. Auf abenteuerlichem Wege gelang Hans Finkelgruen die Flucht nach Shanghai. Die Umstände, wie er doch noch auf ein Flüchtlingsschiff in Richtung des ihm vollständig unbekannten Shanghai gelangte, hat er in literarisch anspruchsvollen, mit Selbstironie angefüllten Briefen beschrieben. Über Litauen, Lettland, die Sowjetunion und Japan gelang ihm im Juli 1940 die Flucht in das ferne, mythendurchtränkte Shanghai, wo Peter Finkelgruen 20 Monate später, am 12.3.1942 geboren wurde und wo sein Vater Hans Finkelgrün am 29.7.1943 verstarb.

Peter Finkelgruens Großmutter Anna überlebte nach ihrer Festnahme drei Jahre Gefangenschaft in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Ravensbrück, Majdanek und Auschwitz. Erst dort fand sie Kontakt zu Widerständlern; die meisten von ihnen waren Kommunisten. Eine von ihnen war Zdenka Nedvedova-Nejedla, die Tochter des späteren tschechoslowakischen Erziehungsministers. In Ravensbrück halfen sie sich gegenseitig. Dies war die einzige Möglichkeit, die Konzentrationslager seelisch und physisch zu überleben.

Am Ende seines Vorwortes zu seinem Buch über die Edelweißpiraten hebt der seinerzeit 39-jährige Finkelgruen im autobiografischen Rückblick hervor: „Vor diesem Hintergrund verstand ich allmählich, weshalb mich die Geschichte des Bartholomäus Schink nicht losließ. Und weil ich mich mit ihr immer mehr und immer hartnäckiger beschäftigte, erfuhr ich die Geschichte von ihm und seinen Kameraden, die auf ihre Art gegen die Nazis Widerstand leisteten. Ich erfuhr die Geschichte von Juden, die in Köln Widerstand geleistet haben, von Juden und Nichtjuden, die sich gemeinsam widersetzten. Es ging letztlich um die Frage, wie heute mit jenen umgegangen wird, die ihren Widerstand gegen die Nazis konsequent zu Ende brachten.“

Peter Finkelgruen, „So weit er Jude war…“ Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln 1944, Hrsg. v. Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Englhart, Hardcover, 352 S., ISBN-13: 9783752812367, Euro 39,90, Bestellen?

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