Soldaten für Israel

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Rekrutierung und Ausbildung von Shoa-Überlebenden im Raum Ulm…

Von Jim G. Tobias

Ein Tag im Frühjahr 1948: Knappe militärische Kommandos in hebräischer Sprache hallen über einen Exerzierplatz – Männer und Frauen stehen in Reih und Glied; die Augen starr geradeaus. Die Blicke richten sie auf ihren Ausbilder. Dabei präsentieren die Rekruten stolz einen Stock oder ein Holzgewehr, echte Waffen haben sie nicht. Diese Szene spielt nicht in Palästina, wo sich die jüdische Untergrundtruppe Hagana, die Vorläuferin der israelischen Armee, auf den Ernstfall vorbereitete, sondern in der Ludendorff-Kaserne in Neu-Ulm.

Zwischen 1946 und 1948 erhielten Überlebende der Shoa mitten in Deutschland eine militärische Grundausbildung. In der Öffentlichkeit ist es bisher weitgehend unbekannt, dass die Hagana auch im Raum Ulm Kämpfer für den bevorstehenden israelischen Unabhängigkeitskrieg rekrutierte und trainierte: Die Verantwortlichen wussten, dass man nur so dem arabischen Druck standhalten würde. Daher richtete die zionistische Wehrorganisation überall im besetzten Deutschland Musterungsbüros und militärische Ausbildungslager ein. „Ich möchte, dass sich die Juden melden. Sie sind praktisch Bürger Israels“, appellierte Nachum Schadmi, Hagana-Kommandeur in Europa, an die in den sogenannten Displaced Persons (DP) Camps lebenden Juden. Zehntausende, zumeist osteuropäische, Juden warteten in diesen Auffanglagern auf eine Weiterreise in den noch nicht existierenden Staat Israel.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm sind für das Jahr 1948 allein fünf dieser jüdischen DP-Camps mit rund 6.500 Bewohnern in beschlagnahmten deutschen Militärunterkünften nachweisbar. Ein Kinderlager in der Ulmer Bleidorn-Kaserne war schon im Sommer 1947 geschlossen worden. In der Ulmer Sedan-Kaserne befand sich offensichtlich das zentrale Rekrutierungsbüro. Jiddischsprachige Plakate mit hebräischen Schriftzeichen forderten die Bewohner auf, sich registrieren zu lassen: „Alle Männer und Frauen im Alter zwischen 17 und 35 unterliegen der Wehrpflicht. Es gibt keine Ausnahme bei den Männern! Schwangere Frauen und Müttern mit kleinen Kindern werden jedoch freigestellt.“ Wer sich der Verpflichtung entzog, musste mit sozialer und moralischer Ächtung rechnen. Denn an der Gründung und Verteidigung des jüdischen Staates teilzuhaben, empfand die Mehrheit der Shoa-Überlebenden als besondere Ehre. „Zwei Mal in der Geschichte unserer Bewegung war es erforderlich die Waffe in die Hand zu nehmen“, hieß es etwa in einer zionistischen Flugschrift, „einst in den Ghettos, wo wir eines der bedeutendsten Kapitel mit unserem Blut geschrieben haben, und nun erreicht uns erneut der Ruf.“

Nach der Musterung wurden die frischgebackenen Soldaten zu einer drei- bis vierwöchigen Grundausbildung nach Neu-Ulm geschickt. „Es werden dort tatsächlich Schießübungen mit Holzwaffen abgehalten“, ist in einem Report des US-amerikanischen Geheimdienstes CIC zu lesen. Außerdem wird gelehrt Taktik in Theorie, Schießstrategie und moderne Strategie“, berichtet ein Informant in holprigem Deutsch. Die Militärausbildung unterstand dem Befehl einer resoluten Frau: Ittka Zilbowicz war von den jüdischen Behörden in Palästina nach Deutschland geschickt worden und bald vom Hagana-Generalstab zur Kommandantin in Neu-Ulm ernannt.

Nach Besatzungsrecht war eine Wehrerfassung und soldatische Ausbildung allemal strengstens untersagt. Schon lange beobachtete der US-Geheimdienst die militärischen Übungen. Bereits im Januar 1947 hatte die Besatzungsmacht den Befehl erteilt, alle militärischen Aktivitäten sofort zu stoppen. Offiziell konnten die US-Behörden dem Treiben der Hagana nicht zustimmen; faktisch tolerierten sie aber die illegalen Aktionen. Wenn auch oft mit Bauchweh: Die Leiter des Rekrutierungsbüros in der Ulmer Sedan-Kaserne, zwei gebürtigen Polen, standen nämlich im Verdacht Kommunisten zu sein. Einer soll als Zivilist in der Sowjetarmee gearbeitet haben und der andere Gewerkschaftler gewesen sein. Immer wieder gelang es den beiden, junge Männer und Frauen für den „Dienst am Volke“, wie der Militärdienst bezeichnet wurde, zu begeistern. Die geheime Rekrutierung von Hunderten jüdischen Kämpfern für einen noch nicht existierenden Staat – im Lande ihres ärgsten Feindes, der die endgültige Vernichtung der Juden zu seinem Ziel erklärt hatte – ist unvergleichlich in der Geschichte der nationalen Geburt eines Volkes.

In der Ulmer Boelcke-Kaserne fordern die Juden freie Einwanderung nach Erez Israel. „Sol lebn di Hagana!“ ist unter dem großen Herzl-Portrait zu lesen. Repro: nurinst-archiv
In der Ulmer Boelcke-Kaserne fordern die Juden freie Einwanderung nach Erez Israel. „Sol lebn di Hagana!“ ist unter dem großen Herzl-Portrait zu lesen. Repro: nurinst-archiv

Spätestens im Sommer 1948 endete das geheime jüdische Militärprogramm auf deutschem Boden. Der Ernstfall, für den die Überlebenden trainiert hatten, war gekommen. Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel. Am Tag danach griffen die Armeen Ägyptens, Jordaniens, Syriens, Libanons und Iraks an. Der erste arabisch-israelische Krieg begann. Im Juni 1948 standen in der Gegend von Marseille 9.000 Hagana-Soldaten sozusagen Gewehr bei Fuß und warteten auf ihren Transport nach Israel. Insgesamt 22.000 Holocaust-Überlebende verteidigten den jungen Staat aktiv mit der Waffe in der Hand. Darunter auch Hunderte aus den Ulmer Auffanglagern.

Ausführliche Informationen zum Thema enthält das Buch:

Jim G. Tobias, „Sie sind Bürger Israels“. Die geheime Rekrutierung jüdischer Soldaten außerhalb von Palästina/Israel 1946 bis 1948, 182 Seiten, Euro 14,90

Erhältlich bei Amazon oder direkt beim Verlag: bestellung(at)antogo-verlag.de

Auskunft über alle jüdischen DP-Lager in der US Zone, darunter auch die Einrichtungen in Ulm und Neu-Ulm, finden Sie im Internetlexikon:
http://www.after-the-shoah.org