„Inter Iudeos“ – Das Jüdische Museum in Köln

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Die Diskusssion über den Bau eines Jüdischen Museums in Köln dauert lange an. Es gibt zahlreiche Argumente für den Bau eines solchen jüdischen Museums. Die Chance, dieses wegweisende Bauprojekt zu realisieren, sind politisch und organisatorisch gegeben…

Nun setzt sich eine Initiative in Köln nachdrücklich für die zügige Realisierung dieses wegweisenden kulturellen Projektes ein. In ihrem Aufruf formuliert die Initiative:

“Ein Jüdisches Museum für Köln! Wir fordern den Rat der Stadt Köln auf, am gefassten – und bereits in der Umsetzung befindlichen – Beschluss für ein Jüdisches Museum in der Archäologischen Zone festzuhalten – und die Stadtverwaltung, dafür zu sorgen, dass die Maßgaben des Beschlusses planmäßig und ohne Verzögerung umgesetzt werden.”

Unterstützung gefunden hat dieser Aufruf soeben auch durch den Verein EL-DE-Haus e.V. / Vorstand sowie den Schriftsteller und Publizisten Ralph Giordano gefunden:

http://museumsbaukoeln.de/

Wir dokumentieren nachfolgend den Vortrag von Prof. Hiltrud Kier, Kunsthistorikerin, Hochschullehrerin, ehemalige Kölner Stadtkonservatorin und ehemalige Generaldirektorin der Museen der Stadt Köln. Zuerst veröffentlicht wurde der Vortrag im Newsletter des Vereins EL-DE-Haus, April 2013; wir danken Prof. Hiltrud Kier und Hajo Leib für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

„Inter Iudeos“ – Das Jüdische Museum in Köln

Von Hiltrud Kier
Vortrag am 19. März 2013 beim Verein EL-DE-Haus im NS-DOK

Die durch Agrippina betriebene Stadterhebung 50 n.Chr. schuf die entscheidende städtebauliche Grundlage von Köln, dessen gesamte weitere Entwicklung hier ihren Ausgangspunkt nahm. Dazu gehörte sowohl die Errichtung einer massiven Stadtmauer als auch die Anlage öffentlicher Bauten nach dem Vorbild von Rom. Der Versuch einer Rekonstruktion, wie die von Roderik Stokes 1994/95, zeigt die Stadt im 3. und 4. Jahrhundert, wie es zu einem geringen Teil dem damaligen Kenntnisstand und zum weit überwiegenden Teil der Phantasie und möglichen Analogie-Schlüssen entspricht und die heute in manchem Detail natürlich ergänzt werden kann. Umgeben von einer gewaltigen Stadtmauer mit neun Toren und neunzehn runden Türmen entsprach die innere Aufteilung mit ihrem regelmäßigen Straßennetz völlig dem Charakter römischer Stadtanlagen, deren Bebauung in den so gebildeten viereckigen Wohnblöcken („Insulae“) organisiert war.

Von ganz besonderer Bedeutung für die Stadtentwicklung bis heute ist die Beibehaltung der römischen Grundstruktur in besonders wichtigen Punkten. Die beiden in Stadttoren endenden Hauptstraßen, der in Nord-Süd-Richtung angelegte cardo maximus ist noch heute u.a. als Hohestraße präsent und der in Ost-West-Richtung führende decumanus maximus u.a. als Schildergasse. Weiter östlich, zum etwas tiefer gelegenen Rhein hin, waren auf der erhöhten Kante der Uferterrasse wichtige Staatsbauten angeordnet, die ihre Schauseite zum Fluss ausgerichtet hatten: Im Süden der Kapitolstempel, weiter nördlich davon weitere Tempel und vor allem das Prätorium, der Verwaltungssitz der römischen Provinz Niedergermanien. Auf der Rhein-Insel vor der Stadt, die dann allmählich durch Zuschütten des Rheinarmes ans Festland angebunden wurde, befanden sich u.a. die Hafenanlagen mit Lagerhallen. Südwestlich des Forums erstreckte sich der riesige Bezirk der Thermen.

Weiter außerhalb an den Ausfallstraßen lagen die Begräbnisstätten, die für die spätere Entwicklung von Köln von unermesslichem Wert waren, da die Gebeine der dort Bestatteten im christlichen Mittelalter zum überwiegenden Teil den Status von Reliquien erhielten.

Von den genannten Standorten der öffentlichen römischen Bauten haben sich bis heute erhalten: das Prätorium als Bauplatz des Rathauses, der Kapitolstempel als Ort der besonders wichtigen Kirche St.Maria im Kapitol, ein Teil der Lagerhallen als zentrale Kirche Groß-St.Martin, die römische Polizeistation vor dem Südtor als Kirche St.Georg, ein monumentaler römischer Grabbau als Kirche St.Gereon, die Kirchenfamilie St.Cäcilien und St.Peter im Bereich der römischen Thermen. Gerade bei den christlichen Sakralbauten wird die Weiternutzung römischer Bausubstanz als selbstverständlich angesehen, auch wenn die schriftlichen und materiellen Belege erst aus sehr viel späteren Jahrhunderten nach dem Ende des römischen Köln stammen. Ähnliches gilt für die Kirchen St.Ursula und St.Severin, die sich auf den Gräberfeldern nördlich und südlich der römischen Stadt entwickelten. In allen Fällen wird die Tatsache des unbestrittenen Vorhandenseins späterer mittelalterlicher Bauten aus der Stadttopographie römischer Zeit als selbstverständlich abgeleitet. Auch beim Dom, wo entsprechende bauliche Nachweise erst aus dem 6. Jahrhundert stammen und man zurzeit noch das ehemalige Vorhandensein eines römischen Tempels auch an dieser exponierten Stelle am Rheinufer ungern eingesteht, ist zumindest geistig der Beginn der Kirche des 313/314 erstmals genannten Kölner Bischofs, nämlich Maternus, an diesem Ort eine conditio sine qua non – und fast exkommuniziert wird, wer laut darüber nachdenkt, ob nicht vielleicht auch die mit demselben Patrozinium St.Peter ausgestattete Kirche auf dem Gelände des ehemaligen Monumentalbaus der Thermen wieder als früheste Bischofskirche von Köln in Erwägung gezogen werden sollte.

Nur bei dem liturgischen Feierort der Juden, bei der Synagoge, scheint die Überlegung, dass auch sie ununterbrochen spätestens seit der ersten Erwähnung von Juden im Jahre 321 an derselben Stelle im römischen Köln zu finden war, problematisch und undenkbar zu sein. Es erscheint insbesondere im Zusammenhang mit dem Thema des Jüdischen Museums wichtig, auf diesen Widerspruch ausdrücklich hinzuweisen.

Das Gelände des wohl noch in fränkischer Zeit weiter genutzten römischen Prätoriums wurde spätestens seit karolingischer Zeit Ende des 8. und im 9. Jahrhundert vermehrt jüdisches Wohnviertel. Warum die Juden hier siedeln konnten, lässt sich damit erklären, dass dieses Gebiet königlicher Besitz geblieben war und die Juden unter königlichem Schutz standen, den sie allerdings entsprechend mit Sonderabgaben honorieren mussten.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts kommt es dann aber zu einer Entscheidung, die für das weitere Bestehen des jüdischen Viertels von weitreichender und schließlich tödlicher Bedeutung wurde: der Beginn des Kölner Rathauses. Es entstand im engbesiedelten Judenviertel an der Judengasse und erfuhr seine Erweiterungen im Anschluss an die periodisch stattfindenden Judenpogrome des Mittelalters.

Es ist nicht genau festzustellen, wann das zwischen 1135 und 1152 erstmals genannte „Haus, in dem die Bürger zusammenkommen“ („domus in quam cives conveniunt“) gebaut wurde, das 1149 ausdrücklich ins Judenviertel („domus civium inter iudeos sita“/ „ein Haus der Bürger, das im Judenviertel liegt“) lokalisiert wird. Sicher ist das Jahr 1106, das den Bürgern die von Kaiser Heinrich IV. erlaubte Stadterweiterung mit dem Bau der neuen Stadtumwallung brachte, als frühester Zeitpunkt eines Rathausbaus anzusehen. Auf jeden Fall ist die Errichtung eines eigenen Hauses für die Bürger der Stadt als ein entscheidender Emanzipationsschritt vom Stadtherrn, dem Erzbischof, anzusehen – ein Schritt, der durchaus in die Politik des Kaisers passte und daher der Unterstützung wert war. Die Lage dieses ersten öffentlichen Verwaltungsbaus ausgerechnet im Judenviertel erstaunt, da man es eigentlich am Marktplatz der Stadt, am Altermarkt, erwarten würde. So aber entstand es im Bereich des römischen Prätoriums, der den direkt der „kaiserlichen Vormundschaft“ unterstellten Juden zur Verfügung gestellt war, und man kann annehmen, dass der Kaiser aus seinem dort vorhandenen Besitz ein Grundstück für die „domus civium“, das Haus der Bürger, zur Verfügung stellte. Natürlich ist der Gedanke einer möglicherweise sogar bewussten Kontinuität zentraler Verwaltungsbauten seit der Römerzeit an dieser Stelle äußerst reizvoll, aber reine Spekulation. Dieses romanische Bürgerhaus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist das älteste bekannte deutsche Rathaus und hatte wohl bereits dieselben Ausmaße, wie der überkommene Hansasaalbau des Rathauses aus dem 14. Jahrhundert: Ein langgestreckter zweigeschossiger Bau, dessen Rückwand auf der römischen Stadtmauer gründet und dessen Hauptseite mit dem Eingang zur schmalen Judengasse lag, die dann zum Teil Bürgerstraße genannt wurde. Die Herleitung dieses langgestreckten Saalbaus von etwa 7 mal 29 Meter von den in der Proportion ähnlichen Saalbauten kaiserlicher Pfalzen erscheint naheliegend.

Es könnte auch sein, dass dieser erste Kölner Rathausbau, dessen Aussehen wir nicht kennen, durchaus sein Gegenstück in dem Neubau des Erzbischöflichen Palastes durch Erzbischof Rainald von Dassel um 1160/70 erhielt. Dieser hatte an der Südseite des Domes den durch die Zeichnung Finkenbaums von 1664/65 überlieferten Saalbau errichten lassen, der vor allem durch die romanischen Bogenstellungen im oberen Teil charakterisiert war. Diese Arkaden auf Zwillingssäulen hatten durch die beiden mittleren erhöhten Bogen eine Betonung, die zusätzlich durch begleitende Lilienfenster darüber verstärkt wurde. Zu beiden Seiten der Arkadenreihe sind als besonderes Schmuckmotiv monumentale Lilienformen zu sehen. Ein Rundbogenfries unter der Traufe des Satteldaches schloss auch den linken (östlichen) dreigeschossigen Teil des Palastes ein, dessen Doppelarkadenfenster um 1180/90 zu datieren sind. Diesem repräsentativen Palast war im rechten Winkel der niedrigere Wohnbau der Kemenate angefügt, deren Fensterformen in gotischer Zeit verändert wurden. Da der Kölner Erzbischof bereits 1263 seine Residenz nach Brühl verlegt hatte und nach der Schlacht von Worringen 1288 keinen Aufenthalt mehr in der Stadt nehmen konnte, erfuhr dieser für Huldigungen, Feste und Gerichtssitzungen erbaute Palast keine weitere Pflege mehr und wurde schließlich 1674 wegen Baufälligkeit abgebrochen. Auf dem Grundstück steht heute das Kuriengebäude, das die pensionierte Dombaumeisterin gerne abbrechen möchte, um wieder sowas wie diesen Palast zu errichten – woran sie die Denkmalpflege hoffentlich hindern wird!

Die wichtigste Baumaßnahme des 14./15. Jahrhunderts in Köln war der Umbau und die Erweiterung des Rathauses. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erfolgte zunächst der Neubau in denselben Ausmaßen wie der Gründungsbau des 12. Jahrhunderts.

Das Obergeschoss nahm der sogenannte „Lange Saal“ ein, der erst seit dem 18. Jahrhundert als „Hanseatischer Saal“ und später kurz als Hansasaal bezeichnet wurde, da der Überlieferung nach hier 1367 die Hansestädte getagt und den Krieg gegen den dänischen König beschlossen hatten, an dem sich Köln aber nicht beteiligte. Beherrschendes Gliederungselement des spitztonnengewölbten Raumes sind die beiden reich geschmückten Giebelwände: Die Nordwand mit einer überaus aufwendigen Maßwerkverzierung, die in der Ausführung der Dombauhütte zugeschrieben werden kann, und die Südwand mit ihrem ikonographisch überaus interessanten Figurenprogramm.

In Fialennischen stehen die lebensgroßen Standbilder der Neun Guten Helden als Symbole der Gerechtigkeit. Es sind (von rechts nach links) Alexander der Große, Hektor von Troja und Julius Cäsar aus der heidnischen Antike, dann Judas Maccabäus, König David und Josua des Alten Testamentes, sowie Gottfried von Bouillon, König Artus und Karl der Große als Vertreter der Christenheit. Diese Krieger galten zumindest im Mittelalter als vorbildliche Idealgestalten. Die Einbeziehung der drei jüdischen Vertreter geschah allerdings nicht als Hommage an die benachbarten jüdischen Mitbürger, sondern entsprach der allgemein üblichen Selbstbedienung der Christen, die sich aus dem Alten Testament das aussuchten, was ihnen zur eigenen Bestätigung dienlich schien. Die gesamten typologischen Zyklen verfahren nach dieser Vorgabe.

Die um 1330 (oder auch früher) anzusetzenden hochgotischen Figuren gehören in ihrer Ausdrucksstärke und mit der eleganten Schwingung, die ihren Standort zwischen den Sockeln und den abgestuft in den Giebel ragenden Baldachinen homogen betont, zu den besten Arbeiten deutscher Skulptur in dieser Zeit. Die Herkunft der Gesamtkomposition mit übereck gestellten maßwerkgeschmückten hohen Sockeln und fialenartigen Baldachinen von kirchlichen Figurenportalen ist dabei klar erkennbar.

Die Geschlossenheit des langen Raumes wird an den Längswänden durch die Maßwerkgliederungen für einst farbfrohe Fenster oder als Rahmung ehemals hier vorhandener figürlicher Szenen geschmückt, wie überhaupt der gesamte Saal und sein Figurenschmuck im Mittelalter farbig gefasst war. Für die Darstellung der Propheten gilt das bereits Gesagte. Sie waren hier nicht zur höheren Ehre der jüdischen Mitbürgerschaft angebracht, sondern vermutlich in dienender Form für die neutestamentlichen Apostel.

Nach starker Beschädigung im Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut, präsentiert sich der Saal heute in jener purifizierten Weise, die auch den mittelalterlichen Kirchen zuteil wurde und die schon die Rathausrenovierung der 1930er Jahre begonnen hatte.

Die im 12. Jahrhundert im Judenviertel erfolgte Gründung des Rathauses hatte für diese Bevölkerungsgruppe eine ausgesprochene Sprengwirkung im wahrsten Sinne des Wortes. Die periodisch veranstalteten Judenpogrome fanden auch in Köln statt, wo sie gleichzeitig den Erweiterungsbedürfnissen des Rathauses eine makabre Grundlage gaben. So entstand nach dem fürchterlichen Pogrom von 1349, das Ermordung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zur Folge hatte, anstelle abgebrochener jüdischer Häuser ein Rathausplatz, der die Möglichkeit eines Treppenaufganges zum „Langen Saal“ bot. Sein Aussehen ist nicht überliefert. Die repräsentative Erneuerung dieser ersten Rathauslaube erfolgte im 16. Jahrhundert, wie gleich zu sehen sein wird.

1374 durften Juden wieder nach Köln zurückkehren, wo sie jeweils für zehn Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten und einen Teil ihrer Bauten neuerlich erwerben konnten.

1407-1414 entstand auf ehemals jüdischem Besitz der Ratsturm, ein mehrgeschossiges mittelalterliches ‚Hochhaus‘, dessen etwas überhöhte Dimension in dem Woensam-Holzschnitt links neben dem Vierungsturm von Groß-St.Martin zu erkennen ist. Dieser gotische Bau mit maßwerk- und figurengeschmücktem Äußeren bot im Inneren große Räume u.a. für den Weinkeller und die Waffensammlung – vor allem aber für einen neuen Ratssaal im ersten Obergeschoss, dessen quadratischer Grundriss akustisch günstiger war, als der „Lange Saal“.

Der neue Ratssaal, der später den Namen Senatssaal erhielt, war bei seinem Bau 1407-14 vom alten Saal noch durch ein jüdisches Wohnhaus getrennt. Erst nach 1424, als die Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert wurde und man den Juden „auf ewige Zeiten“ das Bleiben in Köln verbot, konnte mit der Prophetenkammer ein Verbindungsbau geschaffen werden.

Das unterschiedliche Niveau von Hansasaal und Senatssaal hat in dieser baulichen Entwicklung seinen Grund, dass beim Bau des Ratsturmes noch das Haus eines jüdischen Bürgers dazwischen war. Die daher notwendige Treppe wurde zum Aufstellungsort der bereits 1414 beim Bau des Turmes geschaffenen Holzfiguren der Propheten, deren allgemein verbindliche Empfehlungen auf ihren Spruchbändern die Ratsmitglieder beim Gang in den Senatssaal lesen und bei ihren Beschlüssen beherzigen sollten.

Auch diese Propheten sind nicht als Ausdruck der Verehrung für die jüdischen Mitbürger geschaffen worden.

Der Hauptgrund aber, warum die Kölner Bürgerschaft den jüdischen Mitbürgern 1423/24 das weitere Aufenthaltsrecht verweigerte, war vermutlich der Wunsch, die jüdische Synagoge zur Umnutzung als Ratskapelle zu bekommen.

Seit dem frühen Mittelalter wissen wir von Gottesdiensten des Rates, die dieser entweder in der nahegelegenen Michaelskapelle auf der Marktpforte (=Marspforte bei Obenmarspforten) oder in einem Raum des Rathauses (in der Goldenen Kammer?) abhielt. Letzteres geschah insbesondere während der Zeit erzbischöflicher Interdicte oder Bannsprüche, die bekanntermaßen nicht immer aus rein kirchlichen Gründen gegen die aus der Sicht der Erzbischöfe unbotmäßige Kölner Bürgerschaft verhängt wurden, sondern mit deren Hilfe der Erzbischof handfeste politische Ziele verfolgte. Mit päpstlicher Erlaubnis konnte allerdings der Rat in solchen Zeiten im Rathaus bei verschlossenen Türen und ohne Glockenklang die Gottesdienste feiern. Für die Zeit kurz vor 1400 ist die Aufstellung eines Tragaltars im Rathaus (in der Goldenen Kammer?) bezeugt. Auf Ersuchen des Kölner Stadtrates erhielt dieser 1394 vom Papst die Zustimmung zur Errichtung einer eigenen Ratskapelle mit einer damit verbundenen Pfründe.

Wo sollte aber diese Kapelle entstehen? Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund wurden im Jahre 1423 die Juden, denen die Kölner vor allem auch Kollaboration mit den Erzbischöfen vorwarfen, binnen Jahresfrist für immer („up ewige tzyden“) aus der Stadt verwiesen. Damit waren ab 1424 die letzten jüdischen Grundstücke zur Verfügung des Kölner Rathauses und die jüdische Synagoge konnte zur seit längerem geplanten Ratskapelle umgebaut werden. Am 8. September 1426 wurde sie der Gottesmutter geweiht und dabei das Patrozinium St.Maria in Jerusalem gewählt. Dies geschah wohl kaum, um die Erinnerung an das jüdische Kultzentrum im positiven Sinne wach zu halten, wohl eher, um auch mit diesem Namen, wie schon mit der christlichen Ratskapelle gerade an dieser Stelle, die Endgültigkeit der Judenvertreibung zu demonstrieren. Der Geistliche an der Ratskapelle führte den Namen „Patriarch in Jerusalem“. War die Ratskapelle also bereits in zweifacher Hinsicht ein politischer Bau (als jederzeit, auch bei erzbischöflichem Interdict und Bann, nutzbarer Gottesdienstraum und als Denkmal der Judenvertreibung), so wurde sie es in einem noch weiteren Sinn durch die Anschaffung ihres wichtigsten Ausstattungsstückes, des Altars der Stadtpatrone. Dieser große Flügelaltar mit der Darstellung der thronenden Maria mit Christuskind und Anbetung der Heiligen Drei Könige in der Mitteltafel und den Heiligen Ursula und Gereon mit ihren Gefährten, sowie der Verkündigungsszene mit Maria und dem Erzengel Gabriel ist das um 1440 – 45 entstandene Hauptwerk von Stefan Lochner.

Das inhaltliche Programm von Lochners Altar für die Ratskapelle, die Darstellung der Kölner Stadtpatrone um Maria mit dem Christuskind, ist als politische Aussage zu werten. Die Kölner hatten durch ihre siegreiche Teilnahme an der Schlacht von Worringen im Jahr 1288 und nach ihrer Meinung mit Hilfe der Stadtpatrone erfolgreich die weltliche Herrschaft des Erzbischofs abgeschüttelt, so dass er seit dieser Zeit nicht mehr in Köln residieren konnte. Der Rat der Stadt Köln musste allerdings sorgsam darüber wachen, dass Erzbischof und Domkapitel nicht die Reliquien der Heiligen Drei Könige, den kostbarsten Besitz von Köln, aus der Stadt entfernten. Im Jahre 1372 erreichten die Kölner sogar eine Bulle des Papstes Gregor XI., die unter Androhung der Exkommunikation verbot, die Gebeine der Heiligen Drei Könige zu verkaufen oder sonst wie aus der Stadt zu entfernen. Auf diesem Hintergrund ist der Inhalt des Altares für die Ratskapelle politisches Programm und Legitimation. Die die Freiheit der Kölner Bürger garantierenden Stadtpatrone waren an zentraler Stelle gegenwärtig mit diesem Altar, an dem die Ratsherren vor ihren Sitzungen einer Messe zum Heiligen Geist beiwohnten. Hier wurden auch die städtischen Beamten vereidigt.

Als Bau blieb die Ratskapelle, wie auch die Synagoge, im Äußeren sehr schlicht. Der rechteckige Saalbau von 14,50 x 9,20 m Größe hatte als äußeren Hauptschmuck einen vierseitigen übereck gestellten zierlichen Dachreiter und seit 1474 eine kleine nördlich angefügte Sakristei, aus der das heute im Museum Schnütgen befindliche dreiteilige Glasgemälde mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige stammt. Ein nördlich der Sakristei gelegenes Zugangspförtchen mit figurengeschmücktem (älterem?) Tympanon bildete den Zugang zum Kapellenhof und schloss den Kapellenbereich ab.

Die gerade geschlossene Ostseite (am Rathausplatz) der Kapelle wurde im frühen 17. Jahrhundert mit einem Stufengiebel geschmückt, der im 19. Jahrhundert wieder verändert wurde.

Im 16./17. Jahrhundert dehnte sich der Rathauskomplex mit Löwenhof und Altermarkttrakt auch zum Altermarkt aus, der politische „Hauptplatz“ aber, der auch einfach „der Platz“ genannt wurde, blieb der Rathausplatz, wo Anfang des 17. Jahrhunderts der Spanische Bau, insbesondere aber in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Renaissance-Laube gebaut wurde. Als neuer Zugang zum großen Ratssaal (Hansasaal) entstand 1569–73 von Wilhelm Vernucken dieser repräsentative Neubau, im Wesentlichen nach den 1557 entstandenen Entwürfen von Cornelis Floris. Der zweischiffige fünfjochige Bau mit Betonung der Mittelachse ist bewusst aus der Achse des Hansasaalbaus so verschoben, dass seine Ausrichtung auf die zum Rathausplatz führende Portalsgasse voll zur Wirkung kommt. Dabei sind die Proportionen der Arkaden so sehr in absolutem Bezug zum dahinter aufsteigenden Saalbaudach entwickelt, dass beim Blick durch die schmale Portalsgasse der Eindruck eines wesentlich größeren, sich nach beiden Seiten fortsetzenden Renaissancebaus entstand.

Erst beim Betreten des Rathausplatzes war das volle Erfassen dieses architektonischen Schmuckstückes, von dem die Ratsbeschlüsse verkündet wurden, mit seiner maßstäblichen Einbindung in die Proportionen des Platzes möglich – ein sicher beabsichtigter Überraschungseffekt, der mit der bevorstehenden Schließung des Platzes wieder entstehen wird. Dieser bedeutendste Renaissance-Bau von Köln überlebte, wie durch ein Wunder, fast unbeschädigt den Zweiten Weltkrieg, was zweifellos mit ein Anlass war, dass der Wiederaufbau des Rathauses auf altem Grundriss erfolgte.

1954-56 entstand der neue Spanische Bau, ein Backsteinsichtbau von Theodor Teichen, der die Proportion des alten Baus aufnahm und in schlicht-konservative Stilformen der 1950er-
Jahre übertrug. So erstand der nördliche Teil des Rathausplatzes in seiner alten Proportion. Unter dem Neubau des Spanischen Baus wurden die von Otto Doppelfeld ausgegrabenen Funde des Prätoriums bewahrt – ein für die 1950er Jahre mit seinen großen wirtschaftlichen und sozialen Problemen ganz erstaunlicher Kraftakt.

Es folgten bis 1972 der Wiederaufbau des Historischen Rathauses mit Hansasaal, Prophetenkammer, Ratsturm, Löwenhof sowie Neubau des Altermarktraktes von Karl Band, der auch den Verwaltungsbau an der Judengasse betont schlicht errichtete, da ja noch die Schließung des Platzes durch Errichtung des südwestlichen Rathausteiles bevorstand. Diesen Teil der Kriegsschädenbeseitigung ebenfalls zu leisten war dann meine laut verkündete Absicht, als ich 1978 Stadtkonservatorin wurde.

Der städtische Liegenschaftsdezernent, Stadtdirektor Baumann, meinte dann, mir diesbezüglich eine besondere Freude bereiten zu können, indem er den (natürlich lukrativen) Verkauf dieses Grundstückes anvisierte, damit durch einen Privatbau die von der Denkmalpflege so erwünschte Schließung des Platzes erfolgen könne. Es war Ludwig Rühle, der um die alten Kölner Stadtstrukturen so überaus verdiente Verwaltungsbeamte, der davon erfuhr und mich darauf aufmerksam machte, dass an dieser Stelle, über dem alten Judenviertel, doch ein Jüdisches Museum entstehen müsste und kein Privatbau. Meine diesbezügliche Intervention in der Verwaltungskonferenz hatte Erfolg. Oberstadtdirektor Kurt Rossa entschied gegen den Verkauf, das Grundstück sollte für ein späteres Jüdisches Museum freigehalten werden, wobei er anmerkte: „Sie werden sich aber wundern, was den Kölnern alles einfallen wird, um ein Jüdisches Museum an dieser zentralen Stelle direkt am Rathaus zu verhindern.“

Tatsächlich gab es bereits in den nachfolgenden Jahren intensive und sehr kontroverse Diskussionen über die nun plötzlich grundsätzlich gewordene Frage der Bebauung dieses Grundstücks, eine Frage, die noch bis in die späten 1970er Jahre keine war. Zumindest aber wurde die Fläche gepflastert und mit Markierungen der ehemaligen Bebauung sowie Einfassung mit Bäumen versehen, um die Grenzen dieses Baugrundstücks zu markieren. Die Mikwe erhielt als Bedachung eine Glaspyramide.

Zur Kriegsschädenbeseitigung gehörte auch die Fertigstellung des Ratsturmes, dem zur richtigen architektonischen Erscheinung noch die Figuren fehlten. Die Diskussion um die inhaltliche Ausgestaltung dieses Programms der Ratsturmfiguren war intensiv und bemühte sich um die Berücksichtigung aller Aspekte der kölnischen Geschichte. So wurden auch sieben jüdische Personen aufgenommen: Abraham Oppenheim, Jacques Offenbach, Moses Hess, Karl Marx, Max Isidor Bodenheimer, Hertha Kraus und Edith Stein. Die Stiftung fast aller 124 Figuren erfolgte durch die Kölner Bürgerschaft innerhalb kürzester Zeit. Bei den jüdischen Figuren war es kein Problem mit Edith Stein, die als Heilige vom Erzbistum Köln sowie mit Abraham Oppenheim, der vom Bankhaus Oppenheim gestiftet wurde, auch nicht mit Jacques Offenbach, den die EMI-Electrola stiftete (mein Mann war damals da künstlerischer Direktor), sowie mit Karl Marx, an dem die Kölner SPD nicht vorbeikommen durfte. Blieben zuletzt noch Bodenheimer, Hess und Kraus – und dies wurde ein richtiges Problem! Da war zu merken, wie viel Ablehnung jüdischer Geschichte und der zugehörigen Personen in Köln vorhanden ist. Nicht einmal die Kaufhof AG, deren jüdische Vergangenheit allen bekannt ist, fühlte sich imstande, z.B. Bodenheimer zu stiften und nahm lieber den Sozialdemokraten Wilhelm Sollmann. Schlussendlich erfolgte die Stiftung auch dieser letzten drei Figuren Bodenheimer, Hess und Kraus, wenn auch z.T. durch anonyme Spender.

Ich bin im Rahmen dieses Vortrags nicht näher auf die Geschichte des Rathauses im 19. Jahrhundert eingegangen, wobei die Frage durchaus interessant wäre, warum nach der damals erfolgten Wiederzulassung der Juden in Köln, ihnen ihre alte Kultstätte nicht wiedergegeben wurde, obwohl die christlichen Kölner diesen Bau, der seit 1426 Ratskapelle war, seit 1794 praktisch nicht mehr in liturgische Benutzung nahmen.

1996 gründete sich die Gesellschaft zur Förderung eines Hauses und Museums der jüdischen Kultur in NRW e.V. unter dem Vorsitz von Graf Hoensbroech, dann Klaus Burghard, und der Geschäftsführung von Helmut Fußbroich. Der von dieser Gesellschaft angeregte Wettbewerb brachte den wunderbaren Entwurf von Wandel, Höfer, Lorch und Hirsch, der den Platz auch nach Süden wieder schließen und den so wichtigen Blick durch die Portalsgasse auf die Rathauslaube ergeben wird.

2009 erfolgte eine Reduzierung des Baukörpers im Süden, um zum Wallraf-Richartz-Museum einen größeren Abstand zu haben. 2011 gab es den grundsätzlichen Ratsbeschluss und seit 2012 die Entscheidung, dass der Landschaftsverband den Betrieb dieses Museums der rheinischen Geschichte übernehmen und selbstredend dafür das Ausstellungskonzept erarbeiten wird. Dabei sollte bewusst sein, dass im eigentlichen Museumsobergeschoss lediglich eine Ausstellungsfläche von nur 621 qm zur Verfügung steht sowie ein Vortragssaal mit etwa 100 qm.

Seit 2007 erfolgen die Ausgrabungen auf dem Gelände, die die einmalige Chance bieten, den Zusammenhang von der bereits zugänglichen Prätoriumsgrabung mit den nun ebenfalls erschlossenen und ergrabenen Funden im südlich anschließenden Bereich zu präsentieren. Es sei ausdrücklich empfohlen, sich die Ausgrabungen von Sven Schütte und seinem Team anzusehen. Es gibt tägliche Führungen, die einen hervorragenden Einblick auch durch die engagierten Mitarbeiter geben.

Dass es im übrigen unterschiedliche Meinungen in der Beurteilung und Datierung des Ausgegrabenen gibt, ist für den geplanten Bau des Jüdischen Museums letztlich völlig ohne Belang und im übrigen ein ganz normaler Vorgang, der sich bei Ausgrabungen ganz allgemein beobachten lässt. Allerdings ist in diesem Fall das Verhalten aller beteiligten Kollegen (Männer!) nicht sehr hilfreich und anscheinend für manche, die ohnehin hier kein jüdisches Museum haben wollen, ein Vorwand, alles in Frage zu stellen. Man sollte immer wissen, dass der Umgang mit Gift und Dolch bei den Altertumswissenschaftlern fachspezifisch sein kann.

In jedem Fall wird nicht nur die zu besichtigende Ausgrabungszone einen besonderen Höhepunkt kölnischer Kulturangebote darstellen, sondern auch der darüber errichtete „Schutzbau“ von Wandel, Höfer, Lorch und Hirsch eine in Köln durchaus seltene architektonische Qualität bringen – und dies an einem Ort, der v.a. durch die Renaissance-Laube höchste Ansprüche stellt. In diesem neuen Bau kann im wahrsten Sinne des Wortes „Inter Iudeos“ die jüdische Geschichte und Kultur dargestellt werden und er wird zusätzlich die Chance bieten, dass Köln einen Ort hat, an dem es seine so beliebte und sprichwörtliche Toleranz mit Minderheiten diskutieren kann. Vielleicht hilft auch noch der Hinweis, dass die Schwaben es geschafft haben, in Ulm 2012 den Neubau von Synagoge und Gemeindezentrum der Architektin Susanne Groß nahe am alten Standort im Zentrum der Stadt neben dem den Ulmern besonders verbundenen Schwörhaus zuzulassen und sogar in München diese Bauten im Zentrum am Jakobsplatz möglich waren.

Literaturauswahl:
H.Kier, B.Ernsting, U.Krings (Hrsg.),Köln: Der Ratsturm (Stadtspuren 21), Köln 1996
W.Geis, U.Krings (Hrsg.), Köln: Das gotische Rathaus (Stadtspuren 26), Köln 2000
J. Wilhelm (Hrsg.), Zwei Jahrtausende Jüdische Kunst und Kultur in Köln, Köln 2007
W. Eck, Spurensuche: Juden im römischen Köln (Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte 1), Köln 2011
S.Schütte, M.Gechter, Köln: Archäologische Zone Jüdisches Museum, Köln 2012
H.Fußbroich, Zur Bedeutung des Marienpatroziniums der Ratskapelle zu Köln (Beiträge zur rheinisch-jüdischen Geschichte 2), Köln 2012