Holocaustgedenktag in Israel

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Um 10 Uhr heulten die Sirenen im ganzen Land, Autofahrer hielten an, stiegen aus. Stehend gedachten sie zwei Minuten lang der sechs Millionen jüdischen Opfer der Nazis während der Schoah. In der Gedenkstätte Yad Vaschem gab es die üblichen Zeremonien mit Politikerreden…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 19. April 2012

Ausgewählte Überlebende entzündeten sechs Gedenkfackeln. In der „Halle der Namen“ der Gedenkstätte werden über vier Millionen Namenszettel aufbewahrt, dank Zeugenaussagen  und mühseliger Archivarbeit, mit dem Ziel, möglichst jedem Ermordeten wenigstens so einen „Grabstein“ zu setzen. In Osteuropa wurden ganze Gemeinden mitsamt Synagogen und Dokumenten verbrannt. Von vielen Opfern ist nichts übrig geblieben, nicht einmal der Name.

Doch jedes Jahr taucht ein fast nebensächliches Fundstück auf, das aussagekräftig für die Schicksale des Grauens steht. Diesmal hat das Klassenfotos eines Kindergartens, 1932 im bischöflichen Park von Würzburg aufgenommen, die Emotionen in Israel erregt und die Fantasie beflügelt, sich mit dem „Warum“ des umfangreichsten Völkermordes der Menschheitsgeschichte zu befassen.

Am Mittwoch hatte das Massenblatt Jedijot Achronot das Foto auf das Titelblatt gesetzt und ihm eine Doppelseite gewidmet. Durch Zufall hatte es der Filmemacher Amir Har-Gil, Dozent am Academic College Natanya, in einem Fotoalbum seines Vaters Schraga Har-Gil entdeckt. „Ich hatte Material zu einem Film über meinen Vater und seine späte Liebe zu Ulla gesammelt. Sie ist Deutsche. Ihre Familie stellte die Blechbüchsen für das Gift Zyklon-B her, mit dem meine restliche Familie in Auschwitz vergast worden ist“, erzählt Amir.

Auf dem Foto sind zehn Kinder abgebildet. Doch Amir konnte seinen Vater nicht identifizieren. Der erzählte erstmals, dass er jener Junge sei, der mit dem Rücken zur Kamera neben den anderen Kindern stehe. Amirs Vater hieß damals Paul-Philipp Freudenberger. „Nachdem die Eltern dem Fotografen gezahlt hatten und der das Gruppenbild machen wollte, rief die Kindergärtnerin plötzlich rief: Du bist Jude, Du nicht, damit Du das Foto nicht verunzierst. So forderte sie meinen Vater auf, sich der Mauer zuzuwenden“, berichtet Amir zum einschneidenden Schlüsselerlebnis seines 2009 verstorbenen Vaters.

„Mir ist klar, dass der Antisemitismus nicht von unten, vom Volk kam, sondern von oben, von den Intellektuellen, den Erziehern und Lehrern nach unten getragen wurde. Das Bild wurde 1932 aufgenommen, vor der Machtergreifung Hitlers.“ Amir erzählt, wie seine Familie aus Deutschland entkam. „Mein Großvater Heiner Freudenberger war Sozialist und deshalb im Visier der Nazis. Täglich trafen sich die Sozis im Café Ludwig, um zu diskutieren, wie sie die Welt verbessern könnten. Eines Tages kam der Chef der Polizei schnaufend angelaufen und flüsterte meinem Großvater ins Ohr: Hau ab, steige sofort in den Zug, verschwinde und kehr nicht heim. Polizisten sind schon dort, um dich abzuholen.“ Amir Har-Gils Großvater hatte das Glück, „zu den ersten Verfolgten“ zu gehören, weil er Sozialist und nicht nur Jude war. Über Berlin und München rettete er sich 1937 mit seiner Familie nach Kirjat Bialik im damaligen Palästina. Schraga Har-Gil hebräisierte seinen deutschen Namen, kämpfte in der Hagana (dem Vorläufer der israelischen Armee) und wurde schwer verletzt. Nach dem Krieg arbeitete er für die Zeitung Maariv und berichtete als Korrespondent für deutsche, luxemburger und österreichische Zeitungen.

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Die Beziehung mit Ulla benutzte Sohn Amir als Leitmotiv für seinen Dokumentarfilm „Die Kunst des Überlebens“. Der eröffnete Anfang März die jüdischen Filmtage in München. Wegen der großen Nachfrage wurde er sogar zweimal vorgeführt.

Das Klassenfoto aus dem Würzburger Kindergarten diente ihm als erste Filmszene. Amir Har-Gil will jetzt noch einen Fortsetzungsfilm drehen, denn Ulla und sein Vater haben mit dem Motto „Ich hasse nicht“ für Verständigung geworben und Antisemitismus bekämpft. Schraga Har-Gil wurde kurz vor seinem Tod für den Würzburger Friedenspreis nominiert.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com