Sarrazin bleibt, Lagodinsky geht

24
62

Sergey Lagodinsky, Gründer des „Arbeitskreises jüdische Sozialdemokraten“, ist aus Protest gegen die Entscheidung seiner Partei im Fall Thilo Sarrazin aus der SPD ausgetreten. Im folgenden dokumentieren wir seinen Offenen Brief an Andrea Nahles, Generalsekretärin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands…

Berlin, den 23. April 2011

Liebe Andrea,

es gibt Momente für schwere Entscheidungen. Ein solcher Moment ist für mich gekommen. Diese Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen: Ich habe beschlossen, meine Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei zu beenden.

Glaubt man den Presseberichten, bin ich nicht der Einzige: Bis zuletzt haben wir gehofft, dass unsere Partei – die Sozialdemokratische Partei Deutschlands – die Zeichen der Zeit erkennen und sich in eine offene Partei verwandeln würde. Wir wussten um die stolze Geschichte dieser Partei, aber wir wollten mehr. Wir wollten eine Zukunft, in der sich die Partei der Vielfalt unserer Gesellschaft stellt, in ihrer Programmatik und in ihrem politischen Alltag. Wenn wir eine Zukunft mitgestalten wollen, so dachten sicherlich viele, soll sich die SPD zu einem Gemeinschaftsprojekt entwickeln, das Menschen verschiedener Herkunft eint: mit ihren Macken und mit ihren Bedürfnissen.

Ich, ein Zuwanderer der 90er , habe keine Juso-Jugend erlebt, aber ich habe einen Arbeitskreis gegründet und in einem anderen mitgemacht. Als jüdischer Mensch sah ich die Möglichkeit, die lange Tradition der Juden in Deutschland wiederzubeleben, nunmehr gemeinsam mit anderen Minderheiten und Mehrheiten in unserem Lande – Christen, Moslems, Nicht-Gläubigen. So wie ich, hofften auch viele von ihnen, einen Beitrag zu einer besseren Parteizukunft zu leisten. Diese Hoffnungen sind letzten Freitag mit der plötzlichen Rücknahme des Antrags zum Ausschluss des Immernoch-Genossen Sarrazin gescheitert. Ratlosigkeit macht sich unter Mitgliedern breit. Ich kann es in einer Partei mit einem Sarrazin aushalten, aber ich kann es nicht in einer Partei aushalten, die sich aus Angst vor dem Stammtisch einem Sarrazin nicht stellen will. Oder noch schlimmer: die nicht mal weiß, ob sie das will.

Integrationspolitik ist ein schwieriges Feld. Verschiedene Menschen haben dazu verschiedene Meinungen und unterschiedliche Zugänge. Doch das Thema Sarrazin ist nicht Integration, das Thema Sarrazin ist Toleranz. Das Thema Sarrazin ist nicht Meinungsfreiheit, das Thema Sarrazin ist Respekt. Noch vor einigen Monaten sah es so aus, als hätte die Parteispitze dies verstanden. Nun scheint dies eine der vielen Geistesverwirrungen der Parteiführung gewesen zu sein: ein Symptom für den Zustand der Partei, die nach sich sucht und eine Leere findet.

Dass die älteste Partei Deutschlands vor einem ehemaligen Bundesbänker einknickt wie ein säumiger Kreditschuldner vor einem kleinen Bankangestellten – das tut weh. Dass die Partei, deren Ideen dieses Land geprägt haben, sich auf eine Erklärung des Bestseller-Autors Sarrazin einlässt, die nicht mal das Papier wert ist, auf dem sie steht – das ist irritierend. Hiervon kann man peinlich berührt sein. Aber der Rest ist inakzeptabel: Nämlich, dass die Spitze dieser Partei nicht mal den Nerv hat, sich jedweden Fragen ihrer Mitglieder im Zusammenhang mit dem Antragsrückzieher zu stellen. Diese Entscheidung ist eine Ohrfeige für alle. Erst den eigenen Antrag ohne Vorwarnung in den Wind schreiben und dann die Tür zuknallen: „Die Partei ist über Ostern geschlossen. Muslims & Friends bitte draußen warten.“

Dieses Hin und Her, dieses Wirrwarr ist ein Zeichen für Größeres – für die allgemeine Orientierungslosigkeit der Partei im Umgang mit Vielfalt als brennendem Thema unserer Gegenwart. Während die Anhänger Sarrazins triumphieren, stoßen sich zahlreiche Sarrazin-Kritiker ihre Köpfe wund gegen diese Wand der Verschwiegenheit, in die sich die Spitze eingemauert hat. Selten haben die Facebook-Diskussionen ratloser gewirkt, selten waren zahlreiche junge SPD-Mitglieder betrübter und beschämter über die eigene Partei als sie es am Karfreitag waren. Das spricht Bände. Was soll denn die Erklärung, die Partei wolle sich nicht „auseinanderdividieren“ lassen? Wer sind diese „Wir“, die man nunmehr miteinander versöhnt? Sarrazin und Gabriel? Nahles und von Dohnanyi? Elite und Stammtisch? Wo bleiben in diesem Osterfrieden all die anderen, die sich von Sarrazin beleidigen oder instrumentalisieren lassen müssen, wie sozialdemokratische Moslems, Juden, Zuwanderer, Deutsche? Sie werden zur irritierenden Kulisse erklärt – zu putzigen Osterhäschen im Hintergrund, an denen sich nunmehr die frisch Versöhnten abarbeiten. Doch irgendwann ist auch diese Kulisse weg und man steht ganz einsam auf der Bühne. Oder auch nicht. Die neue Parteieinheit hat ihren Preis – Menschen wie ich gehören wohl zum Kollateralschaden. Ich jedenfalls ziehe nach gründlichem Überlegen die Konsequenzen, auch wenn es schwer fällt. Ich gehe, bleibe aber meinen Überzeugungen und Werten treu. Vielleicht kann man in einer anderen Partei diese Werte effektiver verwirklichen.

Die SPD hat viele Menschen (von einfachen Parteimitgliedern über Mitarbeiter bis hin zu Bundestagsabgeordneten), die mir in der gemeinsamen Zeit wichtig geworden sind, insbesondere deshalb tut es weh, diesen Schritt zu gehen. Meine Entscheidung ändert nichts am Respekt gegenüber diesen Menschen, die sich unter schwierigen Bedingungen für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Sie alle hätten eigentlich einen Erfolg verdient. Diesen wünsche ich ihnen auch weiterhin.

Mit freundlichen Grüßen

Sergey Lagodinsky

Mehr von Sergey Lagodinsky bei haGalil:
Die Arroganz der Altvorderen
Unechte Juden, echte Probleme
Heraus zum 2. Mai!

Sergey Lagodinsky im Interview mit Deutschlandradio

24 Kommentare

  1. Ich bin immer wieder erstaunt, wie mitfühlend und solidarisch solche prominente Vertreter der linken Verzichtpolitik sind. Jedes deutliche Wort wird abgelehnt, wenn es gegen Araber geht. Für Sinti, Homos und Hamas werden ganze Flotillen organisiert.Nur für das eigene Volk, da darf man sich nicht starkmachen. Das ist verächtlich!
    Typus Gutmensch. Knobloch in der CSU, Friedman CDU und Bubis FDP, das reicht. Jüdische Sozis, dass ich nicht lache. Versuchen sies doch mal bei den Grünen, die glauben immer noch an Klimakatastrophe, Ozonloch und jüdische Weltverschwörung.

  2. Lieber Herr Lagodinsky, ich bin wirklich erstaunt, dass Sie sich von dem Buch Herrn Sarrazins angegriffen fühlen.
     
    Sie nicht???
     
    Denke, jeder eingermaßen nicht nur empfindende sondern auch denkende Mensch, egal welcher Herkunft oder Zugehörigkeit, fühlt sich von Sarrazins Thesen nicht nur angegriffen, sondern auch gedemütigt und beleidigt, denn: Seine Ausführungen sind menschenverachtend, betreffen also auch Sie, mich und auch zB Herrn Lagodinsky.
     
    Er ist nur konsequent und verdient nicht zuletzt deshalb unseren Respekt.
     
    Okay?!
     
    Zum jämmerlichen Rest Ihres Beitrages, tut mir leid, ist, da selbsterklärend, nichts weiter zu sagen.

  3. Lieber Herr Lagodinsky, ich bin wirklich erstaunt, dass Sie sich von dem Buch Herrn Sarrazins angegriffen fühlen. Haben Sie es denn gelesen? Ich denke, Sie sollten sich vor Ihren wirklichen Feinden hüten. Aber wenn nicht: Na ja, vielleicht finden Sie ja bei der Duisburger Linken ein nettes Zuhause. Es hat ja schon immer selbsthassende Juden gegeben, dann sind Sie ja dort gut aufgehoben. Alles Gute. I. Kocsis

  4. Abgesehen von den konkreten Umständen und taktisch motiviertem Geeiere um dieses unrühmliche Ausschlussverfahren: Sarrazin passt in die SPD, denn zur SPD und einigen Schwesterparteien gehört eine Tradition der rassenhygienischen Sortierung von Menschen in minder- und höherwertig sowie der rassistischen Beschwörung einer >Überfremdung<, von den englischen Fabiern, über Alfred Grotjahn und Oda olberg und schließlich den schwedischen Sozialdemokraten Alva und Gunnar Myrdal. Solange die Sozialdemokratie selbst sich nicht kritisch mit diesem Teil ihrer Geschichte auseinandersetzt (und die Zwangssterilisierungen in Schweden dauerten bis Mitte der 1970er Jahre), kann man jemandem wie Sarrazin eigentlich nicht vorwerfen, gegen sozialdemokratische Grundsätze verstoßen zu haben.

  5. Das Flugblatt ist aus meiner Sicht ein Fehler, sorry! Hat auch niemand behauptet, daß keine Fehler gemacht werden bei der Linken.
     
    Ein Fehler?
     
    Komiker!
     
    Frage: Werdet Ihr bei der wohl unabwendbar kommenden „Hilfsflotte für Gaza“ auch wieder so unübersehbar penetrant hysterisch gegen Israel eifernd präsent sein wie beim letzten Mal?
     
     

  6. Niemals werden wir vergessen, was diese Menschen uns angetan haben, verstehen Sie das? Niemals! Und niemals werden wir uns vor dem US-Götzen niederwerfen!

  7. „Sorry…aber ich hoffe der BND hat euch gut im Auge…“ Hat er, bzw. der Verfassungsschutz. Der Verfassungsschutz ist für innerdeutsche Angelegenheiten zuständig. Auch ich wurde letztens von der Bullerei abgeführt, nachdem ich mich auf dieser Seite Amerikakritisch geäussert habe. Meinungsfreiheit?
    Antisemitisches Flugblatt
    „Duisburger Linke verbreitet Hetze gegen Israel“ Das Flugblatt ist aus meiner Sicht ein Fehler, sorry! Hat auch niemand behauptet, daß keine Fehler gemacht werden bei der Linken.
    „…PS: Und was die Linken von Andersdenkenden halten haben wir ja auf deutschem Boden in über 40 Jahren beobachten und erdulden müssen.“ Was ist mit dem Holocaust und dem Rußlandfeldzug der Faschisten? Ich glaube auch wir mussten einiges (vielleicht a bissi mehr?) „erdulden“.

  8. „Früher Koch, heute Kellner?“ Das Fragezeichen hätte der DLF in seiner Sendung vom 13.04.2011 über den Zustand der Partei getrost weglassen können. Die Partei braucht wohl den Demagogen Sarrazin, um im Mainstream mitfahren zu können.

    Respekt für die Entscheidung von Herrn Lagodinsky. Einer anderen Partei beitreten? Nein, man kann auch Sozialdemokrat bleiben oder mit der sozialdemokratischen Idee sympathisieren ohne Parteimitglied zu sein.

    Entweder wirft die Partei eines Tages ihre Geschichte und ihren Namen über Bord und rutscht noch unter die 5%-Marke oder es geht zurück zum Godesberger Programm. Im letzteren Fall kann man ja wieder über einen Beitritt nachdenken.

  9. Die „Linke“ hat nichts mit sozialer Gerechtigkeit zu tun siehe Chef Ernst aber sehr viel mit der Erniedrigung und Verunglimpfung aller die unter der DDR-Diktatur gelitten habe und den irrealen Wunsch ein weiteres zerstörerisches „Arbeiter-und Bauern“-Paradies auf deutschem Boden zu errichten…wenn möglich mit einer noch höheren Mauer, Unbelehrbare und Unverbesserliche.

    Genauso als ob man nach dem Krieg mit allem Wissen über die Verbrechen die NSDAP wieder wählen würde.

    Sorry…aber ich hoffe der BND hat euch gut im Auge…der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch!

    PS: Und was die Linken von Andersdenkenden halten haben wir ja auf deutschem Boden in über 40 Jahren beobachten und erdulden müssen…nicht alle habe das vergessen!

  10. Gratulation Herr Lagodinsky zum Austritt aus der SPD! Hoffentlich entscheiden Sie sich richtig, und treten in die Linkspartei ein. Herr Sarazzin war für mich schon indiskutabel, als er noch Innensenator von Berlin war, und sich öffentlich darüber ausgelassen hat wie „hochwertig“ man sich doch als Hartz 4 Empfänger ernähren kann. Die Preise für die einzelnen Zutaten seiner Gerichte findet man draussen nirgendwo. Leider haben damals nur wenige wiedersprochen.
     
    zu Ruth Spicker: „… noch fürchterlicher die “Linke”…“  Fürchterlich diese Menschen die für soziale Gerechtigkeit eintreten, nicht wahr??? Was schlagen Sie vor, mit diesen Menschen (den armen in unserer Gesellschaft, den andersdenkenden, den Minderheiten) zu tun?

  11. Es wäre wichtig zu erfahren, ob Sergej Lagodinsky Sarazin´s Buch gelesen hat. Wenn dies der Fall wäre, würde er schnell begreifen, dass sein bisheriger Genosse Sarazin sehr wohl differenziert und die Toleranz den Menschen verweigert, die nach D. kommen um zu schmarotzen. Lagodinsky sollte aber auch in Betracht ziehen, dass die Moslems, die in D. leben, mehrheitlich antiisraelisch und antisemitisch, bzw antijüdisch agieren und dem Staat Israel hassvoll gegenüber stehen.
    Wenn Sergej Lagodinsky diesen Menschen gegenüber tolerant sein will, ist es seine Sache. Wenn es die SPD Genossen genauso sehen, dagegen kann man nichts tun, nur sie nicht wählen. Die Infiltration Europa´s durch Moslems ist allerdings nicht übersehbar. Wenn moslemische Eroberung Europas im 17. Jahrhundert misslang, dank dem Savoyer Prinz Eugen, gelingt jetzt die vom Koran geforderte Infiltration.
    Den SPD Genossen und Lagodinsky empfehle ich Koran zu lesen, aber bitte sehr aufmerksam und dann könnten sie vielleicht begreifen, dass Islam eine imperialistische Religion ist (s. Sure 47), welche die Toleranz Nichtmoslems gegenüber gar nicht kennt. Menschen, die dieser Religion ensthaft nachgehen  , möchte ich in Europa nicht haben. Sie verbreiten hier nur Angst.

    • Volle Zustimmung! Lesen Sie über den Koran hinaus die Hadithe (z.B. von Sahih al-Buhari) und die Biographie des „Propheten“ von Ibn Ishaq. Die SPD soll weiterhin ihre Identität als die einzige anständige deutsche Partei bewahren und immer bei der Wahrheit (wahr ist, was ist) bleiben. Anders als die (un)christlichen Parteien, siehe Weimarer Republik (Zustimmung zur „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ und die DDR (Blockpartei). Denkverbote sind immer böse, insbesondere, wenn sie „gut gemeint“ sind!

  12. „Nunja, wenn die SPD aus Schiss vor “Volkes Meinung”…!
     
    Ja..genau…Scheiß auf Volkes Meinung…Down with it!!! Wer braucht das schon.
    Weg mit den Idioten…
    Wir suchen uns jetzt ein besseres Volk, dessen Meinung uns paßt! Let’s go!!! 🙂

  13. Ãœbrigens: Was für eine wunderbare, treffende (und traurige) Überschrift zum Beitrag: „Sarazzin bleibt, Lagodinsky geht“.
    Und, da wir schon dabei sind: Noch ein paar weitere Link zu den klugen Beiträgen von Sergey Lagodinsky:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/sergey_lagodinsky_arbeit_mit_menschen/
    https://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/19778/
    http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.426.html
    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/10066

    Sorry, aber so unglaublich viel kluge Köpfe hat die SPD nicht mehr…
    Nunja, wenn die SPD aus Schiss vor „Volkes Meinung“ auf egomanisch-narzisstische Figuren wie diesen dummdreisten, vor sich hin stotternden, populistisch-reaktionären Sarrazin angewiesen ist, der vor allem ein Interesse kennt – nämlich seinen eigenen monetären Vorteil – , dann kann man ihr wohl wirklich nicht mehr helfen. Wenn Willy Brandt das noch erlebt hätte…

  14. …..vielleicht kann man in einer anderen Partei diese Werte effektiver verwirklichen….
    Wer ist „man“ und welche Partei wäre das denn, die Grünen oder noch fürchterlicher
    die „Linke“, die CDU kann ich mir für S.L. erst garnicht denken.
    Das hat ja dereinst schon Herr Dr.Friedmann „versucht“, obwohl Beide nicht zu vergleichen sind.
    Nein! Ich finde es schade, gerade wegen dieses Mannes und auch ich hadere mit
    der Parteispitze, aber das Konglomerat Schröder/Fischer war viel absurder.
     

Kommentarfunktion ist geschlossen.