Neue jüdische Lieder: Jacobs Traum

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Die soeben erschienene neue CD des Berliner Künstlers Max Doehlemann enthält neben Liturgie- und Psalmvertonungen „musikalische Midraschim“ zur hebräischen Bibel…

Die Kompositionen knüpfen an die Traditionen der Synagogalmusik an und sind gleichzeitig sehr persönliche Interpretationen. Die minimalistische Instrumentalbesetzung schafft ein dichtes Klangerlebnis, das durch die Kantillation Esther Kontarskys und die Sopranstimme Andrea Chudaks ergänzt wird.

Max Doehlemanns Musik ist eine große Hörerschaft zu wünschen, denn sie ist in Deutschlands Musiklandschaft eine herrlich erfrischende Erscheinung. Oder, wie es Rabbiner Tovia Ben-Chroin in seinem Grusswort treffend zusammenfasst: „Die Werke des jüdischen Komponisten Max Doehlemann sind von dem beseelt, was Rav Avraham Itzchak HaKohen Kook, s’l, mit den Worten „Das Alte möge sich erneuern und das Neue werde heilig“ zum Ausdruck bringt. Eine wunderbare Vereinigung jüdischer Texte aus Tanach und dem Gebetbuch in einer modernen Vertonung.“ 

Jacobs Traum wurde  mit dem International Music Prize™ for Excellence in Composition 2010 ausgezeichnet.

Aus Anlass der CD-Veröffentlichung entstand folgendes Gespräch, das Andrea Livnat mit Max Doehlemann führte.

„Jacobs Traum“ ist der Titel Deiner neuen CD mit Kompositionen, die Du als musikalische Midraschim bezeichnest. Was hat Dich zu diesem Projekt geführt?
 
Vielleicht ist mir einfach nichts Besseres eingefallen? Im Ernst: Vielleicht war ein Motiv für mich als Künstler,  mich nach vielen unterschiedlichen Arbeiten und Projekten mit etwas „Bleibendem“, Über-persönlichem zu beschäftigen. Oder ein  Bedürfnis,  sozusagen auf meine Weise  einer übertrieben zelebrierten, artifiziellen Subjektivität beim Schreiben zeitgenössischer Musik zu entkommen.

Das Prinzip des Midrasch fasziniert mich jedenfalls ungeheuer, darin liegt  etwas Uranfängliches, Zeitloses und gleichzeitig aktuell Anwendbares. Es geht  mir auch um die  Räume zwischen den Worten,  um  das, was NICHT gesagt worden ist, um Legenden und Parallelerzählungen, die sich um einen Überlieferungs-Kern ranken. Aus der Beschäftigung damit ist sozusagen wie von selbst Musik entstanden, auch wenn es natürlich etwas gedauert hat.

Als sich dann die Möglichkeit auftat, bei der Edition Antes eine CD herauszubringen, habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Die Edition Antes gehört zur Label-Familie „Bella Musica“, beheimatet im Baden-Württembergischen Bühl und der Inhaber Jürgen Rinschler ist eine sehr erfreuliche Erscheinung in dieser Kulturlandschaft, wie ich finde.  Es ging dann noch einige Zeit ins Land – ich habe noch Stücke zu Ende komponiert, den Großteil der Klavierparts zusammen mit befreundeten Musikern selbst eingespielt, die Aufnahmen geschnitten und vieles mehr…  Und jetzt bin ich schon ein bisschen stolz auf die Neuerscheinung!
 
Du bist mir bisher vor allem Jazz-Musiker als bekannt. Kommst Du ursprünglich von einem klassischen Hintergrund?
 
Ich habe in München  in der ersten Hälfte der 90-er Jahre klassische Komposition beim inzwischen leider verstorbenen Prof. Dieter Acker studiert, in Berlin noch einige Semester Orchester-Dirigieren. Ich bin von der Ausbildung her, aber schon von meiner musikalischen Sozialisierung und Interessenlage ein waschechter „Klassiker“.  Als solcher habe ich dann auch andere Sachen gemacht wie Theater- und Filmmusik, oder auch Jazz. Vorletztes Jahr kam eine Jazztrio -CD von mir heraus. Trotzdem habe ich das klassische Komponieren immer als Zentrum meiner Arbeit gesehen.
 
Zeitgenössische klassische Musik von jüdischen Komponisten hat ja in Deutschland eine große Geschichte. Komponisten wie Paul Ben-Chaim, Abel Ehrlich oder Tzvi Avni haben in Deutschland gelernt und gewirkt bevor sie zur Emigration gezwungen wurden. Siehst Du Dich in dieser Tradition?
 
Es ist für mich  gar nicht einfach zu sagen, was das „Jüdische“ bei jüdischen Komponisten eigentlich ausmacht. Um etwas zu Künstlern wie Ben-Chaim, Ehrlich oder Avni zu sagen: die bleiben aus meiner Sicht – soweit ich es beurteilen kann –  als Musiker voll und ganz in einer klassisch-europäischen (letztlich deutschen) Musiktradition, die sie auf ihre persönliche, spezifische Weise weitergeführt haben. Ähnlich sehe ich es z.B. bei Josef Tal. Stilistisch fällt mir also erstmal nichts „primär Jüdisches“ auf oder ein, und ich frage mich auch, was das denn überhaupt sein könnte. Jüdisch wird  Musik für mich in dem Moment, wenn sie (wie es  bei genannten Komponisten passiert)  in das Kraftfeld jüdischer Überlieferung eintritt – wenn Teile der jüdischen Liturgie z.B. vertont werden, oder andere als primär- jüdische Bezüge vorkommen, wie z.B. eine Auseinandersetzung mit Gestalten der jüdischer Philosophie.

Es gab  Versuche, eine Art hebräisch-orchestrale Tonsprache zu entwickeln (z.B. Ernest Bloch), aber mir liegen fragmenthaft gebliebene Chor- und Opernszenarien wie die „Jakobsleiter“ oder „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg persönlich näher, jedenfalls würde sich meine Eitelkeit  lieber in einer solchen Ecke  sehen, als sozusagen im Bereich des  illustrativ Hebräisierenden.

Um auf die Frage zurückzukommen: Ich selbst bin nun auf meine Weise in einer klassischen deutsch-europäischen Musiktradition groß geworden, habe das studiert  und vertieft.  In dem Moment, wo ich z.B. mit meinen musikalischen Mittel den hebräisch-aramäischen Liturgie-Text „Uwa Lezion“ vertone, stelle ich mich durchaus in die oben angesprochene Tradition – mit dem Unterschied,  daß man heute in Deutschland eben problemlos jüdische Musik komponieren und veröffentlichen kann (ob man ein interessiertes Publikum findet, das damit etwas anfangen kann,  ist eine andere Frage).
 
Du bist ein Musiker, der die Grenzen der Genre überschreitet und sie auch verbindet. Das spiegelt sich für mich auch in diesem Projekt wider. Hier steht kantorale Musik neben klassisch klingendem Sopran. Hebräisch, das eine eher kantige und kehlige Sprache ist, steht neben weichen Klavier- und Violin-Tönen. Hast Du diese Gegensätze überhaupt als solche empfunden?
 
Nicht so sehr.

Um z.B. etwas zur Verwendung der Sopranstimme bei „Haschkiwenu“ zu sagen: Die erste Version des Stückes war noch für Baßbariton und Klavier. Diese Version habe ich vor Publikum aufgeführt, aber irgendwie stellte sich heraus, daß der Gefühlshaushalt des Stücks sozusagen „mehr Höhe“ verlangt. Ich habe das Stück dann umgearbeitet für Sopran (auch den Klavierpart dabei ganz neu gestaltet). Das soll ein Beispiel dafür sein, wie solche „Konzeptionen“ eigentlich mehr aus musikalischen Zusammenhängen und Erfordernissen entstanden sind.

Anderes Beispiel:  Dass z.B. beim ersten, Schlagzeug-basierten Stück auf der CD keine Pauken dabei sind, liegt daran, daß wir für diese Aufnahme schlicht keine geeigneten Instrumente hatten, bzw. es ein zu großer Aufwand gewesen wäre, einen Satz Pedal-Pauken zu besorgen. Stattdessen hat der Schlagzeuger Martin Fonfara  tiefer gestimmte, mit weichen Schlägern gespielte Tom-Toms verwendet – und ich mag das Klangergebnis so, vielleicht ist der Klang dadurch sogar origineller.

Ich habe übrigens gar nichts gegen „Gegensätze“, auch nicht gegen solche klanglicher Art!
 
Wie beurteilst Du den Boom „jüdischer“ Musik in Deutschland? Was ist vom anhaltenden „Klesmer“-Hype zu halten?
 
Gut gemachter Klesmer, oder auch jiddische Lieder von Leuten, die Jiddisch richtig aussprechen können und die Texte und Inhalte richtig verorten und verstehen, kann Spaß machen.

Allerdings ist mein primäres musikalisches Interesse nicht unbedingt  Folklore, und ich finde es oft schade und ärgerlich, dass jüdische Kultur von manchen generell damit gleichgesetzt wird, bzw. dass es andere Bereiche jüdischer Kultur (die nun wirklich gar nichts mit Osteuropa und Schtetl zu tun haben)  in der Wahrnehmung oft nicht zu geben scheint.
 
Und zum Abschluss, kannst Du uns verraten, wohin Dich Deine nächsten Projekte führen werden?
 
Aktuell schreibe ich gerade an einem Orgel-Chorstück in hebräischer Sprache, es ist bald fertig. Weitere Stücke klassischen Formats (nicht alle mit jüdischem Impetus) sind geplant, z.B. ein Klavierkonzert Nr. 2. Außerdem konzipiere ich gerade ein Projekt für das Jüdische Museum Berlin nächstes Jahr.

Des Weiteren wollen wir eine CD machen mit unserer kabarettistisch angehauchten Band „Walter Rothschild And The Minyan Boys“. Aktuell suche ich dafür noch ein Label mit passablen Konditionen.
Nach der ganzen komplizierten „E-Musik“, die ich jetzt herausgebracht habe, würde ich auch sehr gern mal wieder so etwas komponieren wie ein Filmmusical.

Max Doehlemann
Jacobs Traum. Neue jüdische Lieder.
Mit einem Grußwort von Rabbiner Tovia Ben-Chorin
Antes Edition 2010
Bestellmöglichkeiten: Weltbild, Amazon

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=CuZB5iYMSlE[/youtube]