Ein Pessach-Gespräch

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Die vorliegende Pessach-Geschichte erschien 1902 in der Zeitschrift “Ost und West”, die sich als “Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum” verstand und im Kontext der “Jüdischen Renaissance” dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. “Ostjuden” vorstellte. Autor ist Jizchak Leib Perez, der neben Mendele Mocher-Sforim und Scholem Alejchem zu den Gründern der modernen jiddischen Literatur zählt. Perez, 1852 in Zamość geboren, arbeitete zunächst als Rechtsanwalt, während er gleichzeitig in polnisch und hebräisch zu publizieren begann. Erst später schrieb er in jiddisch und wurde zu einem Wortführer der jiddischen Literatur, auch im politischen Bereich. Sein Haus in Warschau, wo Perez 1915 starb, wurde Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt und Treffpunkt junger Schriftsteller und Künstler. Übersetzer aus dem Jiddischen ist der in Litauen geborene Arzt und Schriftsteller Dr. Isidor Eliaschoff (1873-1924), bekannt unter seinem jiddischen Pseudonym “Baal Machschoves”….

EIN PESSACH-GESPRAECH
(Kotzker und Belser.*)

Von Leon Perez
Aus dem Jüdischen übersetzt von Dr. J. Eljaschoff
Erschienen in: Ost und West, Heft 4, April 1902

Ein warmer, echt festlicher Pessachtag. Reb Schachno, — eine lang aufgeschossene, spindeldürre Gestalt, einer von den wenigen noch am Leben gebliebenen echten Kotzkern — und Reb Sorach, — gleichfalls mager, doch klein von Wuchs, ein verwaistes Ueberbleibsel der alten, echten Belsern — machen einen gemeinsamen Spaziergang ausserhalb der Stadt.

In der Jugend standen sie sich voll Hass und Feindschaft gegenüber, es waren die richtigen Todfeinde. Reb Schachno war der Wort- und Streitführer der Kotzker wider die Belser, und ebenso war Reb Sorach der Führer der Belser wider die Kotzker. Jetzt aber, wo die beiden alt geworden, und nachdem im Laufe der Zeit die Kotzker vieles von ihrer ehemaligen Weihe verloren haben, nachdem auch die Belser den jugendlichen Gotteseifer eingebüsst haben und lau geworden sind, trat jeder von ihnen aus seiner früheren Gemeinschaft aus, mied jeder die Gebetstube, wo die Parole seit langem schon von anderen Leuten ausging, von jüngeren und stärkeren, aber geistig verwässerten Chassidim. Im Beth-Hamidrasch trafen sie sich wieder. Winters am Ofen schlossen sie Frieden mit einander und heute, zum erstenmal nach langer Zeit der Fehde, an einem der Zwischenfesttage von Pessach, nutzten sie das schöne Wetter zu einem gemeinsamen Spaziergange aus.

Auf der weiten blauen Himmelsdecke glänzt eine warme Frühlingssonne; aus der feuchten Erde drängt sich das erste Gras hervor; man sieht förmlich, wie an jedem Gräslein ein ungeduldiges Engelein heftig kommandiert: Wachse, wachse doch! — Ganze Vogelscharen jagen in allen Windrichtungen, ihre vorjährigen Nester aufzusuchen — — — — — und Reb Schachno spricht:

„Kotzker, — aber versteh mich recht, die echten Kotzker meine ich, von den heutigen verlohnt es sich nicht zu reden, — die alten, echten Kotzker geben nicht viel auf die Hagadah.“ — — — — — 

„Aber auf die Passahknödel“ — lächelt Reb Sorach.

„Auch mit den Knödeln ist die Sache nicht so einfach,“ antwortete Reb Schachno ernst, ״da ist nicht zu lachen. Kennst Du den geheimen Sinn des Bibelspruches: Lo thassgir Ebed el Adonow, d. h. „Du sollst den Sklaven seinem Herrn nicht ausliefern.“ —

„Mir genügt’s,“ sagte Reb Sorach mit stolzer Bescheidenheit, „wenn ich nur den geheimen Sinn der Gebete erfasst habe.“

Reb Schachno überhört die Antwort und setzt fort:

„Also die einfache Bedeutung dieses Satzes ist ja klar. Ein Sklave, ein Leibeigner, ist seinem Herrn entlaufen. — —–Darauf verbietet die Thorah, ihm nachzujagen, ihn in Fesseln zu werfen, ihn seinem Herrn auszuliefern. Wenn ein Mensch sich den Gefahren einer Flucht aussetzt, so war es schon nicht zum aushalten gewesen, so musst‘ es ihm schon bis an die Kehle gegangen sein! Aber auch der geheime Sinn dieses Satzes ist augenfällig. Der Körper ist, symbolisch aufgefasst, so eine Art Sklave, der Leibeigene der Seele. Der Leib ist leidenschaftlich und gierig. Sieht er ein Stück Schweinefleisch, ein hübsches Weib, einen schönen Götzen oder weiss Gott was, so ist er wie aus der Haut gefahren. Die Seele aber spricht: still bleiben, und er muss zurück in die alten Schranken. Oder im umgekehrten Falle: Die Seele will etwas zu ihrem Heile unternehmen, und da muss sich der Leib unbedingt fügen; mag er auch müde und zerschlagen sein, die Hände müssen arbeiten, die Beine laufen, die Lippen müssen Worte reden. Warum das alles? Weil der Herr, die Seele es befiehlt! Und dennoch: lo thassgir, Du sollst nicht ausliefern! Ganz der Seele den Körper preisgeben darfst Du nicht! Die feurige Seele hätte ihn ausgebrannt, zu einem Häuflein Asche verwandelt. Und sollte der Allmächtige an puren Seelen, ohne leibliche Umhüllung Gefallen finden, würde er die körperliche Welt nicht erschaffen haben. Und darum hat auch der Leib seine ungeschmälerten Rechte: „Derjenige, der sein Leben mit unsinnigen Fasttagen überhäuft, zählt zu den Sündern.“ Der Leib verlangt Speise. Willst Du einen weiten Weg fahren, musst Du Dein Zugpferd reichlich nähren. Kommt noch ein Fest, ein Freudentag hinzu, so mag auch der Leib sich dabei beteiligen. Gönne Dir einen guten Tropfen, freue Dich…… Die Seele freut sich, und auch der Leib soll nicht leer ausgehen. Die Seele freut sich über den Segensspruch, den das Gesetz befohlen hat, der Leib an dem bischen Branntwein. Am Pessach, dem Tag unserer grossen Befreiung, greif auch Du zu, armer Leib, greif nach den Knödeln! — — — und־wie gehoben wird er, veredelt, wenn er sich an der Seelenfreude einer vollbrachten Mizwah beteiligen darf …. Mit den Knödeln ist’s nicht so einfach — lach‘ nicht, Sorach!“

Reb Sorach giebt zu, dass das Thema seine Tiefen hat und sich wohl anhören lässt, aber er als Belser geniesst am Pessach nichts Aufgeweichtes.

„Dann ergötzest Du Dich an Mazzoth — — —“

„Kann man denn sich an Mazzoth sättigen?“ lächelt Reb Sorach, „hat man denn noch zum Mazzothkauen die nötigen Zähne?“

„Wie wirst Du also mit der Gottessatzung: Und Du sollst Dich an Deinen Festtagen freuen, hinsichtlich Deines Leibes fertig?“

„Weiss ich’s? Hat er an dem Rosinenwein sein Vergnügen, mag er’s meinetwegen. Ich selbst habe an der Hagadah meine unbändigste Freude. Ich sitze und lese laut, zähle die Plagen der Aegypter, zähle und dopple sie und verdopple sie immer wieder und wieder.“

„Eine grobe Art.“

„Grob! Warum? Haben wir wenig gelitten?! Hat man uns nicht genug gequält! Ich meine, man sollte es zur Pflicht machen, die Plagen siebenmal zu wiederholen, siebenmal das: „Sch’foch chamoth’cho“ (Ergiesse Deinen Zorn)! …. Aber hauptsächlich die Plagen! Ein Seelengenuss sind sie für mich! Die Thüren möchte ich dabei aufreissen! Mögen sie es hören! Soll ich Angst vor ihnen haben? Verstehen sie denn hebräisch?!“ — — — —

Reb Schachno schweigt eine Weile, darauf erzählt er folgendes:

„Hör mal, bei uns passierte folgende Geschichte. Ich will nicht übertreiben, aber ungefähr das zehnte Haus entfernt von der Wohnung unseres Zaddiks — gesegnet sei sein Andenken — lebte ein jüdischer Schlächter. Das war — möge es mir nicht zur Sünde angerechnet werden, er ist schon längst in einer besseren Welt — das war ein pöbelhafter Schlächter, ein Schlächter unter Schlächtern. Der Nacken eines Stieres, Augenbrauen wie die Bürsten und Hände wie Klötze. Dann seine Stimme — — — wenn er sprach, hörte es sich an, wie das Grollen eines fernen Donners, wie in der Ferne abgefeuerte Flintenschüsse.—Mir scheint, das war ein Belser Chassid gewesen.“

„Na, na!“ protestiert Reb Sorach.

„Aber sicher,“ beteuert Reb Schachno kaltblütig.

„Beim Beten pflegt er allerlei wilde Grimassen zu schneiden, alle möglichen Ober- und Grundtöne hervorzudonnern und beim Jiskor (Totenfeier) schien es, als gösse jemand Wasser ins Feuer.“

„Genug, genug!“ —

„Nun kannst Da Dir denken, was für einen Krakehl solch ein ungeschlachter Kerl macht, wenn er am Sederabend zur Hagadah greift. Man hört jedes Wort im Hause des Zaddiks! Anfangs gebärdete sich also der Schlächter wie ein Schlächter und das wirkte auf die Tischgenossen des Zaddiks belustigend. Obwohl der Zaddik selbst — gesegnet sei sein Andenken — kaum merklich die Lippen bewegte, sieht man’s ihm förmlich an, dass er lächelt. Später jedoch, als der rohe Bursche begonnen hat die Plagen aufzuzählen, und in solcher Art, dass ihm die Worte aus dem Munde wie Kugeln flogen, dass der Tisch mit den Fäusten wie mit Hämmern bearbeitet wurde, so dass man das Klirren der Weinbecher laut hörte, da ergriff den Zaddik ein Kummer, eine tiefe Wehmut.“

„Trauern an einem Festtage, und noch an Pessach? Was erzählst Du mir da?“

„Auch wir haben dasselbe gefragt.“

„Und was war seine Antwort?“

„Den Allmächtigen selbst, sagte er, erfasste am Tage des Exodus eine tiefe Trauer.“

„Woher hat er das?“

„Aus einem Midrasch. — Als die Juden das Rote Meer durchschritten und das Wasser den Pharao und sein Gefolge überflutete, da erscholl von zahllosen Engelschaaren ein herrlicher Gesang. Seraphim und Cherubim flogen mit Lobgesang und froher Botschaft durch die sieben Himmel. Sterne und Sonnen stimmten dem Sange harmonisch bei und bewegten sich tanzend im Kreise der Galgalim. Kann denn unser begrenzter Menschenverstand sich eine Vorstellung von der himmlischen Freude bilden, als die Tumoh, die personifizierte Unreinheit im Meere versank! Jedoch der Allmächtige gebot Stille und vom Gottesthrone erklang eine Stimme: „Die Werke meiner Schöpferhand gehen zu Grunde und ihr freut euch darüber!“ . . . Denn Pharao und sein Gefolge, wie die böse Kraft der Tumoh, sind nicht minder der Ausfluss eines göttlichen Schöpfungsaktes…..und es steht ja geschrieben „Seiner Barmherzigkeit entzieht sich keine einzige Kreatur“ —

Reb Sorach schweigt eine Weile, dann fragt er:

„Wenn das alles im Midrasch gesagt wird, worin steckt dann das Neue in seinen Worten?“

Reb Schachno streckt den gebückten Körper und sagt in tiefem Ernst:

„Erstens, Du belser Narr, hat niemand die Pflicht neues zu entdecken, denn in der Thorah ist nichts verfrüht und nichts verspätet. Das alte ist neu, das neue alt. Zweitens, mit seiner Bezugnahme auf den Midrasch hat er uns den geheimen Sinn der Thatsache offenbart, dass wir uns beim Lesen der Hagada, sogar der Plagen, einer traurigen Weise bedienen, einer Weise, die ganz von Wehmut durchwebt ist. Und drittens hat er uns damit das Prophetenwort erklärt: „Mache es in Deiner Festfreude den übrigen Völkern nicht nach, o Israel!“ Nicht roh, nicht pöbelhaft, nicht bäurisch soll der Ausdruck Deiner Feststimmung sein. Rachegefühl ist keine jüdische Eigenschaft.“

*) Kotzk und Bels, zwei Städte in Russland, die Hauptsitze zweier Vertreter verschiedener Richtungen im Chassidismus. Die Adepten der erwähnten Vertreter nennen sich entsprechend Belser oder Kotzker. Anmerk. des Uebersetzers.