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Drei Generationen

Dies ist eine Geschichte von medizinischer Verpflichtung und Selbstlosigkeit, eine Geschichte vom Sieg des Geistes über den Rassenwahnsinn der Nationalsozialisten, eine Geschichte vom Leiden und Tod im Ghetto und vom Überleben und Weiterleben nach der Schoa…

Von Andrea Livnat

“Während der letzten Tage starben ca. 150 Menschen täglich. Die Sterblichkeitsziffer wächst. Nachts, zwischen 1 und 5 Uhr morgens begräbt man die Toten. Heute war ich im Verschlag für die Toten. Ein makaberes Bild! Zugedeckt mit schwarzem Papier stapeln sich da Riesenhaufen von Leichen. Wie in einem Fleischerladen. Dabei sind es fast alles Skelette. Über den Knochen sieht man nur die dünne Haut.” Im Mai 1941 war, wie dieser Bericht aus dem Ringelblum-Archiv[01] belegt, die Situation im Ghetto Warschau bereits katastrophal.

Bis zu 450.000 Menschen lebten im Ghetto, dessen Bildung die Deutschen im Oktober 1940 angeordnet hatten. Durchschnittlich 13 Menschen teilten sich ein Zimmer, Krankheiten und Seuchen breiteten sich aus. Mit der systematischen Aushungerung der eingepferchten Bevölkerung leiteten die Nazis den Massenmord ein. Der Hunger bestimmte Leben und Sterben im Ghetto Warschau.

In dieser verzweifelten Lage entstand eine bemerkenswerte wissenschaftliche Studie. Zwischen Januar und Juli 1942 waren 28 jüdische Ärzte an einem breit angelegten Forschungsprojekt beteiligt, das die klinischen, metabolischen und pathologischen Auswirkungen von Hunger und Verhungern auf den menschlichen Körper untersuchte.[02]Die Ärzte waren sich einig, dass die unter wissenschaftlich-medizinischem Gesichtspunkt einmaligen Bedingungen innerhalb der Ghettomauern wissenschaftlich untersucht werden müssen. Sie schenkten der modernen Medizin damit die umfassendste Untersuchung zum Thema, die bis heute in weiten Teilen noch immer maßgeblich ist.

Initiator und Organisator des Projektes war Israel Milejkowski, der als Mitglied des “Judenrates” den medizinischen Dienst im Ghetto leitete und mit Hilfe von Schmugglern auf komplizierten Wegen die nötige technische Ausrüstung organisierte. Das Projekt musste vor den Deutschen geheim gehalten werden, die zwar die medizinische Grundversorgung auf niedrigstem Niveau in den Krankenhäusern des Ghettos duldeten, jegliche wissenschaftliche Forschung oder Weiterbildung aber verboten und bestraften.

Die Forschungen begannen im Februar 1942. Die Ärzte hatten insgesamt 140 Patienten ausgewählt. Ihre Teilnahme an der Studie war freiwillig und verbesserte erheblich ihre Überlebenschance. Bei manchen Patienten verschlechterte sich ihr Zustand nach Entlassung erneut drastisch, so dass sie zurückkehrten und wieder aufgenommen wurden. Trotz der schwierigen Umstände und selbst hungernd, arbeiteten die Ärzte mit größter Fachkenntnis und Sorgfalt.

Von Beginn an gehörte unter anderem auch die Leiterin des Berson-Baumann Kinderkrankenhauses, Dr. Anna Braude Heller, zum Planungskomitee.

Die bekannte Kinderärztin, die 1888 als älteste von vier Töchtern in Warschau geboren wurde, hatte in der Schweiz und Berlin Medizin studiert und in St. Petersburg die Approbation erhalten. Zurück in Polen half sie beim Aufbau des Kindersanatorium Medem und war für die zentrale jiddische Schul-Organisation tätig, die dem Bund angeschlossen war. 1913 kehrte sie nach Warschau zurück und arbeitete im neu gegründeten Berson-Bauman Kinderkrankenhaus, das jedoch aus finanziellen Gründen trotz großem Bedarf bald wieder geschlossen wurde.

1916 heiratete Anna Braude den Ingenieur Elieser Heller. Das Ehepaar bekam zwei Söhne, Ari und Olum. Anna engagierte sich aktiv bei der Gründung einer Kinderhilfsorganisation, die sich unter anderem für die Wiedereröffnung des Kinder-Krankenhauses einsetzte. 1930 war er schließlich so weit. Das wieder eröffnete Krankenhaus galt als modernste Kinder-Klinik in Polen. Anna Braude Heller wurde Chefärztin der Klinik und gleichzeitig Mitglied des Direktoriums.

Gleichzeitig musste Anna persönliche Tragödien mit dem Tod ihres Sohnes Olum und ihres Mannes erleben. Sie vergrub sich in die Arbeit im Krankenhaus und widmete ihr Leben den Kindern. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte sie ganz im Krankenhaus, das sie auch im Ghetto bis zu seiner endgültigen Schließung nach den Deportationen vom Sommer 1942 leitete.

Für die Studie untersuchte Anna Braude Heller mit ihrem Team die klinischen Aspekte des Hungerns bei Kindern. Die ersten Veränderungen waren hier psychologischer Natur und zeigten sich im Verhalten. Bei Kindern wurden im Besonderen Wachstumsstörungen durch den anhaltenden Proteinmangel beobachtet. Eine andere wichtige Beobachtung der Ärzte war der Zusammenhang zwischen Hunger und Infektionskrankheiten wie Tuberkulose.

Auch Annas Sohn Ari Heller, ein angehender Arzt, war an der Studie beteiligt und gehörte zum Team verschiedener Forschungsgruppen unter Leitung von Julian Fliederbaum, Arzt für Innere Medizin, die sowohl die allgemeinen klinischen Aspekte des Hungerns wie auch metabolischen Veränderungen untersuchten. Ari Heller gehörte außerdem dem Team von Emil Apfelbaum, Leiter der Kardiologie im Czyste, an, das die Pathophysiologie des Blutkreislaufes unter Hunger erforschte.

Die Ärzte konnten ihre Studie nicht vollständig abschließen. Mit dem Einsetzen der Massendeportationen am 22. Juli 1942 fand die Arbeit ein jähes Ende. Nicht nur Patienten, auch Ärzte wurden in die Vernichtungslager geschickt. Nach dieser ersten „Aktion“ sammelten die noch lebenden Ärzte das Material und stellten es zusammen. Weitere beteiligte Ärzte wurden im Januar 1943 deportiert, darunter auch Israel Milejkowsi. Die Studie selbst konnte aus dem Ghetto geschmuggelt werden und wurde 1946 erstmals veröffentlicht. Von den 28 beteiligten Ärzten überlebten nur acht die Schoa. Einer von ihnen war Israel Rotbalsam, der in der Gruppe von Anna Braude Heller gearbeitet hatte und später nach Israel emigrierte. In seinen Erinnerungen beschreibt er Anna Braude Heller als perfekte Ärztin, sowohl in theoretischer als auch praktischer Hinsicht. Sie hätte die Fähigkeit besessen, “ihre Seele und ihre Kräfte einer einzigen Idee voll und ganz zu verschreiben, … der Kinderheilkunde”.[03]

Anna Braude Heller hatte mehrfach die Möglichkeit, mit Hilfe von Freunden aus dem Ghetto zu fliehen. Sie lehnte ab. Wie genau sie starb, ist nicht bekannt. Sie suchte offensichtlich gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa und Freunden und Kollegen Schutz in einem Bunker. Anna Braude Heller wurde im April 1943 im Innenhof des Gęsia Straßenkrankenhauses tot aufgefunden.

Ari überlebte. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass er und seine Familie aus dem Ghetto fliehen und sich auf der arischen Seite verstecken konnten. Ari hatte im Juni 1939 Maria Natanblut geheiratet. Das Paar verbrachte einen unbeschwerten Sommer mit Zelt und Kajak in der Natur. Nach dem deutschen Überfall auf Polen versuchten sie, sich nach Russland durchzuschlagen. Wegen des kalten Herbstes und ungenügender Ausrüstung kehrten sie um. Ihre Tochter Ewa kam im April 1940 im Berson-Baumann-Krankenhaus zur Welt. Als das Ghetto geschlossen wurde war Ewa 6 Monate alt.

Im Herbst 1942 gelang es, Ewa gegen Bezahlung aus dem Ghetto zu schmuggeln. Mit Schlafmitteln ruhig gestellt, wurde sie in die Obhut einer Frau übergeben, für deren Aufrichtigkeit es keine Garantie gab. Aber sie hielt sich an die Abmachung und Maria konnte Ewa am nächsten Tag am vereinbarten Ort bei nichtjüdischen Freunden abholen.  Mutter und Tochter bekamen arische Identitäten und blieben in Warschau. Ari musste sich verstecken und oft mehrmals am Tag den Unterschlupf wechseln. Schließlich konnte er außerhalb von Warschau auf einem Bauernhof über Mitglieder des Widerstands unterkommen.

Auf Dauer wurde die Situation auch für Maria zu gefährlich, Ewa machte sie verdächtig. Sie wurde daher in einem Kloster in der Nähe von Warschau untergebracht, wo sie bis nach Kriegsende blieb. Ewa berichtet, dass ihre Mutter sie von Zeit zu Zeit besuchen kam, so dass sie sie nicht vergaß, den Vater konnte sie jedoch nicht sehen. 1978 reiste sie erstmals nach Polen, um die Orte ihrer Kindheit zu besuchen. Sie spricht noch immer polnisch und in den 1970er Jahren lebte noch eine Cousine der Mutter in Warschau. Sie besucht auch das Kloster und sprach mit einer alten Nonne, die sich gut an sie erinnern konnte.

Ari und Maria, die ebenfalls Medizinerin war, beendeten nach dem Krieg in Warschau ihre Ausbildungen. Im April 1946 wanderten sie wegen des starken Antisemitismus in Polen nach Schweden aus, wo sie 1949 eine weitere Tochter bekamen. Ewa berichtet, dass die Eltern nicht über die Zeit der Schoa und das Leben in Polen sprachen.[04] “Sie hatten ein gutes Leben in Schweden, auch wenn es am Anfang nicht einfach war, Ausländer zu sein.” Ari, der sich in Schweden Leo Heller nannte, arbeitete als Virologe und starb im Alter von 91 Jahren. Maria spezialisierte sich auf Kinderpsychiatrie und starb im April 2001. Ewa Heller Ekblad arbeitete zunächst als Sozialarbeiterin und wurde schließlich Psychologin. Im Laufe der Jahre behandelte sie viele “second generation” Patienten.

In medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen ist die Studie zu Hunger, an der Anna Braude Heller und Ari Heller arbeiteten, durchaus bekannt. Ansonsten ist diese enorme Leistung jedoch in Vergessenheit geraten. Die große Mehrheit der Ärzte wie auch ihrer Patienten überlebte nicht, gemeinsam  konnten sie jedoch einen Sieg des Geistes und der Wissenschaft über den Vernichtungswahnsinn der Nazis erringen.

  1. Untergrund-Archiv, das der Historiker und Pädagoge Emanuel Ringelblum unter dem Tarnnamen „Oneg Schabbat“ einrichtete, um das Leben im Ghetto zu dokumentieren. []
  2. Mehr dazu: Aviv Livnat, “Non Omnis Moriar”. Die Forschung zu Hunger von jüdischen Ärzten im Ghetto Warschau, in: Jahrbuch 2012 des Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts , erscheint Mitte 2012. []
  3. Israel Rotbalsam, Zeugnis Yad vasem 03/2357. []
  4. Email-Korrespondenz mit Ewa Heller Ekblad. []

5 comments to Drei Generationen

  • A.mOr

     
    Guter Uri!
    Hoppala, hast Du meinen link repariert?
    Ja, Hans Keilson ist gebürtiger ‘Brandenburger’.
    Hab vielen Dank. Magst Du eine Blume?
     
    Ein Licht in unseren Herzen, wir feiern die Unabhängigkeit des jüdischen Staats!
     
     

  • Uri Degania

    Mein verehrter A.mOr,
    eine winzige Korrektur: Dein Link zu Hans Keilson führt ins Leere. Es gibt hier mehrere Beiträge zu Hans Keilson, diesen zutiefst menschlichen und bescheidenen Pionier und Überlebenden; an dieser Stelle verweisen möchte ich auf den Nachruf auf Hans Keilson:
    http://www.hagalil.com/archiv/2011/06/01/keilson/
    Und bereichere uns weiterhin, hier und an anderer Stelle, mit Deinen menschlichen, belebenden und weisen Kommentaren und Ausführungen! Wir brauchen Dich!

  • A.mOr

     
    Worte zu Jom HaSikaron.
     
    Heute gedenken wir der Ermordeten, die den Hassern wider Israel und den Menschen zum Opfer wurden.
    Heute aber gedenken wir auch dem Leben, denn wären wir nicht schon tot, wenn wir nicht unsere gefallenen Geschwister betrauern würden?
     
    שמע ישראל
    שנית מצדה לא תיפול
    עם ישראל חי
    A.mOr.
     
     

  • A.mOr

    Danke, Andrea, für diesen eindrücklichen Bericht, der mich erschaudern läßt.
    Passend zum jom ha shoah veröffentlicht, Heldentum kann ich hier nicht entdecken, es sei, das Überleben mit allen Mitteln soll als solches gelten. Es muß. Ohne diese Art des Heldentums wäre ich niemals geboren. Die Erkenntnisse aus solchen ‘Rettungs-Studien’ sind sicher sehr wertvoll, erinnern mag ich zB noch an Hans Keilson (sel.A.), dessen Arbeit, weit über „Kriegsende“ hinaus, wohl ähnlich hochzuschätzen ist.
    Mag es einer Allgemeinheit nun auch von großem Nutzen (gewesen) sein, so möchte ich nicht darauf verzichten, daß diese gute Frucht der Arbeit für die meisten von den Nazis verfolgten viel zu spät kam. Selbst etliche Überlebende haben sich niemals mehr „erholt“.
    Jenen Leuten, die einen Kriegsanfang und ein Kriegsende datieren auf 1939 und 1945 sei gesagt, daß sie sich sehr irren…
     
    E M R allen, die niemals wieder Licht des Morgens sahen.
     
     

  • […] sieht man nur die dünne Haut.” Im Mai 1941 war, wie dieser Bericht aus dem Ringelblum-Archiv[01] belegt, die Situation im Ghetto Warschau bereits […]