Die Freiheit des Andersdenkenden

Vor 170 Jahren wurde Eduard Bernstein geboren…

Von Armin Pfahl-Traughber

Eduard Bernstein kennt man heute meist nur noch als Gegner von Rosa Luxemburg im Revisionismusstreit der deutschen Sozialdemokratie. Er wurde am 6. Januar 1850 als Sohn einer jüdischen Familie geboren, lebte unter sozial unglücklichen Bedingungen und schloss sich der sozialdemokratischen Partei an. Als begabter Autor schrieb Bernstein fortan in erster Linie für sozialdemokratische Publikationsorgane, sowohl Artikel für die Tagespresse wie Aufsätze für Theorieorgane. Auch mit grundlegenden Büchern zur Entwicklung des Kapitalismus trat er an die Öffentlichkeit. Die  bekannteste Arbeit war „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ von 1899, worin Bernstein Fehlprognosen der Kapitalismusanalyse von Marx ansprach und für eine strategische Neuorientierung hin zu einer Reformpolitik eintrat. Gerade dies führte zu heftigen Konflikten mit Rosa Luxemburg, die ihm die Negierung von Revolution und Sozialismus vorwarf.

Da er fortan als „Arbeiterverräter“ und „Erzrevisionist“ geschmäht wurde, blieb nur noch diese Deutung in Form eines Zerrbildes bestehen. Bernstein war nur selten auf dem Buchmarkt präsent. Mit „Eduard Bernstein oder: Die Freiheit des Andersdenkenden“ gibt es jetzt wieder eine kleine Sammlung von drei Texten, die ergänzt um eine längere Einleitung und erläuternde Kommentare der Publizist Tom Strohschneider herausgegeben hat. „Ein politischer Essay“ ist diese untertitelt und leider geht es darin auch etwas essayistisch durcheinander. Da hätte man sich doch lieber eine klassische Einleitung mit genauen Informationen, die sich sowohl auf das Leben wie auf das Werk beziehen, gewünscht. Strohschneider spricht zwar „Aktualität“, „Kritik“ und „Erben“ an, dabei wirkt das alles aber  ein wenig unsortiert. Auch verweist er häufig auf die gelungene Arbeit von Thomas Meyer dazu von 1977, die dann anlassbezogen von ihm kommentiert wird.

Ausgewählt wurden drei Aufsätze von Bernstein, die aus den Jahren 1901, 1909 und 1911 stammen, zwar auf damals aktuelle Entwicklungen bezogen waren, aber doch einen Einblick in die Grundpositionen des „Revisionisten“ geben. Das gilt insbesondere für den ersten Aufsatz „Der Revisionismus in der Sozialdemokratie“, worin Bernstein feststellt, dass keiner der mit dieser Bezeichnung titulierten Mitstreiter „ein Antimarxist sein müsse“ (S. 73). Gleichwohl machte er anhand von Daten zur Entwicklung des Kapitalismus deutlich, dass sich bestimmte Erwartungen von Marx als falsch herausgestellt hatten. Dazu gehörte die Entwicklung der „Klassengliederung“ (S. 91) ebenso wie die „Zusammenbruchstheorie“ (S. 99). Bernstein bemerkte: „Es sind keine antimarxistischen Gedanken, die ich da ausspreche, es sind Folgerungen,  die wenn auch Marx selbst sie nicht gezogen hat, doch im Einklang mit dem Fundamentalgedanken seiner Theorie stehen“ (S. 91).

Tatsächlich griff Bernstein mit wissenschaftlicher Denkperspektive die marxistischen Interpretationen auf, prüfte sie anhand der sozioökonomischen Entwicklung an der Realität und leitete daraus Erkenntnisse zur angemessenen sozialdemokratischen Strategie ab. Diese Ausrichtung prägte auch die anderen Beiträge, wobei es sich um die Abhandlung „Von der Sekte zur Partei“ und den Vortrag „Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?“ handelt. Es heißt etwa gegen den damaligen wie späteren Dogmatismus gewandt: „Das Element des nicht mit unbedingter Sicherheit Wissbaren im Sozialismus ist auch durchaus nicht schlechtweg als ein Fehler in der sozialistischen Theorie zu bezeichnen“ (S. 124). Die Aktualität von Bernstein ist in dieser Denkperspektive zu sehen, die sich gegen geistige Erstarrung und schlichte Realitätsverweigerung wandte. Mag die Edition gegen die „doppelt schiefe Rezeption Bernsteins“ (S. 10) wirken.

Tom Strohschneider (Hrsg.), Eduard Bernstein oder: Die Freiheit des Andersdenkenden, Berlin 2019 (Karl Dietz-Verlag), 223. S., Euro 12,00, Bestellen?

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