Die Andere

Gertrud Kolmar ist die Dichterin der magischen Gegenwelten. Am 10. Dezember vor 125 Jahren wurde sie geboren…

Von Stefan Wirner

Taschenmesser, Brillen, Ringe – noch immer werden bei den Restaurierungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz Habseligkeiten der ehemaligen Gefangenen entdeckt. Wären sie nicht immateriell, könnten sich Strophen, Verse, Gedichte und Hymnen unter den Fundstücken befinden, denn in Auschwitz wurden auch zahllose Dichterinnen und Dichter ermordet. Darunter eine der größten Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts – Gertrud Kolmar. Sie wurde im Frühjahr 1943 nach Auschwitz verschleppt. Eine Anregung anlässlich ihres Geburtstages, sich an Leben und Werk zu erinnern.

Zu wenig Zeit zum Leben

Geboren wird Kolmar vor 125 Jahren am 10. Dezember 1894 als Gertrud Käthe Chodziesner in Berlin. Ihr Vater ist Rechtsanwalt und stammt aus Chodziesen (das zeitweise „Colmar“ oder „Kolmar“ heißt) in der Provinz Posen. Er fühlt sich dem Kaiserreich verbunden und trägt sogar den Kaiser-Wilhelm-Bart. Ihre Mutter kommt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Gertrud Kolmar hat drei Geschwister. Es handelt sich um eine westlich-assimilierte, angesehene jüdische Familie aus dem damaligen Westend Charlottenburgs.

Aber Gertrud Kolmar will selbst gar nicht so recht in dieses Milieu passen. Sie ist eigenbrötlerisch, liebt das Asketische, ein Foto aus ihrer Jugend zeigt eine androgyne junge Frau mit dunklen Augen. Auf Familientreffen unterhält sie sich gerne lange mit ihrem Cousin – dem späteren Philosophen Walter Benjamin. Nach der Schule absolviert sie ein Examen als Sprachlehrerin in Französisch und Englisch und arbeitet als Erzieherin und Dolmetscherin.

Sie ist 22 Jahre alt, als sie sich in einen Offizier verliebt und schwanger wird. Doch der Liebe ist kein Glück beschieden, und die junge Frau wird zur Abtreibung gedrängt. Verlassenheit und Verlust eines Kindes sollten zentrale Motive ihrer Gedichte werden. Im selben Jahr, 1917, erscheint ihr erster Gedichtband unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar.

Einige Zeit später ist die Familie aus finanziellen Gründen gezwungen, die Villa im Westend aufzugeben. Man zieht um in den ländlichen Vorort Finkenkrug, wo Kolmar die Nähe zur Natur und zu den Tieren erlebt, ein bestimmendes Thema ihrer Lyrik.

Im Jahr 1930 stirbt ihre Mutter. Von nun an ist Kolmar vor allem für ihren Vater da und besorgt den Haushalt. Gedichte, Prosawerke und auch Dramen entstehen in der spärlichen Freizeit, nachts oder im Morgengrauen. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 verschlechtert sich die Lage der Familie zusehends. 1938 wird das Haus in Finkenkrug zwangsverkauft, Kolmar und ihr Vater sind genötigt, in ein „Judenhaus“ in Berlin-Schöneberg zu ziehen. In einer Zeit, in der viele Juden versuchen, das Land zu verlassen, beugt sich die überzeugte Zionistin Kolmar der Pflicht und bleibt an der Seite ihres Vaters in Berlin.

Zu ihren Lebzeiten erscheinen nur die schmalen Lyrikbände „Gedichte“ (1917), „Preußische Wappen“ (1934) und „Die Frau und die Tiere“ (1938). In der literarischen Öffentlichkeit ist Gertrud Kolmar nicht präsent, sie zieht das verborgene Leben als Dichterin vor, ähnlich wie die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson es getan hat. Einzig die Veranstaltungen des Kulturbunds deutscher Juden, der bis 1941 geduldet wird, besucht Kolmar gelegentlich. Dort lernt sie auch Nelly Sachs kennen, die große, geistesverwandte Dichterin, die ebenfalls am 10. Dezember Geburtstag hat, aber drei Jahre älter ist.

Im September 1942 wird ihr Vater kurz nach seinem 81. Geburtstag nach Theresienstadt deportiert, wo er im Februar 1943 stirbt. Kurz darauf widerfährt Gertrud Kolmar das gleiche Schicksal: Am 27. Februar 1943 wird sie in der Fabrik, in der sie Zwangsarbeit leisten muss, verhaftet und nach Auschwitz verschleppt. Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt.

Literatur der Gegenbilder

Das sind die äußeren Wegmarken des Lebens von Gertrud Kolmar. Will man dem inneren Stromverlauf ihrer Biographie folgen, muss man ihre Gedichte und ihre Prosa lesen. Kolmar hat ein lyrisches Werk hinterlassen, das in „ekstatischen Imaginationen“ den „Anspruch auf Leben und Liebe“ erhebe und das gleichzeitig „unablässig das Fremdsein in der Welt beschwört“, wie die Literaturwissenschaftlerin Beatrice Eichmann-Leutenegger es formuliert hat. Diese Beschwörung gelingt Kolmar, indem sie Gegenbilder zeichnet: Die glühende Liebe auf der einen Seite, das Gefühl der Verlassenheit, der stoisch ertragenen Einsamkeit auf der anderen. Hier die leidenden, ausgestoßenen Tiere und die bedrohte Natur, dort die technokratische Welt der Stadt. Der Realität des wilhelminischen und später nationalsozialistischen Deutschlands stellt sie die Sehnsucht nach Asien und dem Osten gegenüber.

Anfänglich sind ihre Gedichte eher konventionell dem Reim und dem Volkslied verhaftet, später nähern sie sich der Prosa und der Hymne an. Sie sprechen von der Lust auf Leben und Anderssein, von Möglichkeiten der Freiheit, etwa in „Die Landstreicherin“, „Die Gauklerin“, „Das Räubermädchen“. Es geht um Frauen, die anders sind, die in düsteren Rollen gefangen sind wie etwa in „Die Kindlose“, „Die Verworfene“, „Die Sünderin“. In einem Brief an ihre Schwester Hilde meint Gertrud Kolmar, sie sei nie die eine gewesen, „immer die Andere“.

Wenn sie über Tiere schreibt, sind es meist solche, die dem Menschen hässlich erscheinen, die abstoßenden und ausgestoßenen wie die Unke, der Geier, die Ottern und Hyänen. Das Gedicht „Die Kröte“ ist erfüllt von Kolmars dunkler, magischer Bilderwelt: „Ich bin die Kröte./ Und ich liebe die Gestirne der Nacht. (…) Auf das Verenden der Sonne/ Lauert mein schmerzlicher Mondenblick.“ Kolmar wendet sich dem Andersartigen, den Ausgegrenzten zu, ja, sie feiert sie: „Mag ich nur ekliges Geziefer sein:/ Ich bin die Kröte/ und trage den Edelstein…“ Der Schweizer Literaturprofessor Arnd Beise hat darauf hingewiesen, dass das Hässliche bei Kolmar oft „die schöne Wahrheit birgt wie das Haupt der Kröte den Edelstein“. Eichmann-Leutenegger vermutet, dass die Kröte ein Bild für das Judentum sei. Die Beleidigung mit dem Wort „Geziefer“, von der die Kröte in dem Gedicht spricht, sei dem Wortschatz der Antisemiten entnommen.

In „Der Tag der großen Klage“ erhebt Kolmar schwere Vorwürfe gegen den Menschen und seinen Umgang mit der Natur. Die Vision ist apokalyptisch und hochaktuell: Von Fliegen ohne Beine und ohne Flügel ist die Rede, von gedemütigten Hunden, von Karpfen mit zerfetzten Bäuchen, von zerschnittenen Ratten und entstellten Mäusen. Das Gedicht ist Anklageschrift und Abrechnung zugleich: „Da, an die Welten flog ein großer Schrei./ Mit braunem Pferd, dem Eselshengst, dem Stiere/ Sprach der Gerichtstag toter Tiere/ Den Menschen nicht von seinen Morden frei.“ Kolmars Naturlyrik ist entstanden lange bevor es ein öffentliches Bewusstsein von der Bedrohung der Umwelt durch unsere Lebensweise gab.

Im Reich des Bösen

„Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen./ Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit hasst und peinigt uns“, heißt es in „Der Engel im Walde“. In der Sammlung „Das Wort der Stummen“, niedergeschrieben zwischen August und Oktober 1933, begibt sich Kolmar hinein in das Reich des Bösen, in die Welt der Lager und Folterknechte. Hier verarbeitet sie ihre Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg, als sie Briefzensorin in einem Gefangenlager in Döberitz war, aber auch aktuelle politische Entwicklungen, denn die Zeit der Massenverhaftungen hat begonnen. Manche Zeilen lesen sich wie eine visionäre Vorwegnahme des Grauens in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, etwa das Gedicht „Im Lager“:

„Die hier umhergehn, sind nur Leiber/ Und haben keine Seele mehr,/ Sind Namen nur im Buch der Schreiber,/ Gefangene: Männer, Knaben, Weiber.
Und ihre Augen starren leer“

In „Die Gefangenen“ heißt es: „Der Hieb mit dem Kugelstock, mit dem klatschenden/ Lederstreifen –/ Sie irren im Lager um mit kranken, entsetzten Blicken/ Und leben wahrscheinlich noch. Das können sie nicht/ begreifen.“ In „Anno Domini 1933“ wird ein gewaltsamer Übergriff auf einen Juden beschrieben, der sich so ähnlich auch im Jahr 2019 wieder ereignen könnte. Die Schläger rufen ihrem Opfer zu: „Du putzt dich auf als Jesus Christ/ Und bist ein Jud und Kommunist./ Du krumme Nase, Levi, Saul,/ Hier nimm den Blutzins und halt’s Maul!“ Das Gedicht endet: „Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich/ Im dritten, christlich-deutschen Reich.“

Sehnsucht nach anderen Welten

In den meisten Gedichten wendet sich Kolmar ab von dieser als grauenhaft erlebten Welt, aber nicht im Sinne einer Weltflucht. Sie beschwört vielmehr ein anderes Reich, eine Art Gegenwelt, wendet sich dem Märchen und den Mythen zu und stellt sie der bitteren Realität entgegen. Ihre hymnenartigen Verse, in denen sie den Höhepunkt ihrer dichterischen Schaffenskraft erreicht, erinnern zuweilen an Walt Whitmans „Grashalme“, nur mit dem Unterschied, dass Whitman das weite amerikanische Land und seine Bewohner besingt, indes Kolmar nach Osten, zum Ural, nach Asien blickt. 

Über Asien schreibt sie im gleichnamigen Gedicht: „Du hast noch die stumme unendliche Geduld,/ Das Wissen vom Nicht-Tun, gewaltiger Ruhe, die in sich versunken träumt,/ Dein ist die Schau,/ Der rätselnde Aufblick in blaue Nacht zu leuchtend wandelnden Welten.“ Weiter unten fasst sie es in ein dichtes poetisches Bild: „Um dich ist Ferne.“

Eichmann-Leutenegger erklärt Kolmars Hinwendung zum Osten mit den „Enttäuschungen der westjüdischen Assimilation“. Aber Kolmar verharrt nicht in dieser Enttäuschung, sie lässt sie dichterisch hinter sich und erweitert den Raum, indem sie das Individuelle ins Kosmische erhebt, etwa wenn sie in „Die Unerschlossene“ schreibt: „Auch ich bin ein Weltteil./ Ich habe nie erreichte Berge, Buschland undurchdrungen,/ Teichbucht, Stromdelta, salzleckende Küstenzungen (…) Über mir sind oft Himmel mit schwarzen Gestirnen, bunten Gewittern, /In mir sind lappige, zackige Krater, die von zwingendem Glühen zittern“. Die zurückgezogen lebende Dichterin erschließt in ihrer Einsamkeit und Verlassenheit weite, nicht gekannte Kontinente der Dichtung: „Ich will in meinem Bette ruhen und die Erde bedecken. / Über den Ländern Europas und Afrikas liege ich da./ Meinen linken Arm will ich tief hinein nach Asien strecken./ Und den rechts nach Amerika.“ („Mädchen“). „Visionen über alle Grenzen hinaus“, so charakterisierte Nelly Sachs die Gedichte Gertrud Kolmars.

Streben nach Erlösung in der Negativität

Kolmars Lyrik wurde erst nach dem Krieg einem größeren Publikum bekannt. Zu verdanken ist dies unter anderem Hermann Kasack, der die erste Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag zusammenstellte. Weithin übersehen wird immer noch Kolmars Prosawerk, obwohl etwa der Roman „Die jüdische Mutter“ in seiner Dunkelheit und Dichte und mit seiner eigenwilligen Sprache einen Platz in jeder Bibliothek der Moderne verdient hätte. In diesem Buch herrscht von Anfang an eine Art Dämmerung, das Licht scheint wie abwesend, etwas Beklemmendes erfüllt die Szenerie. Das liegt nicht nur an dem schweren Thema: Eine alleinerziehende Mutter erwartet eines Tages ihr Kind vergeblich. Es fällt einem Sittlichkeitsverbrechen zum Opfer. In der Folge wandelt sich die Frau zu einer Racheengelin, die bereit ist, alles dafür zu tun, das Verbrechen zu sühnen. Sie widmet sich nur noch diesem Ziel und scheint dabei innerlich selbst bereits wie gestorben zu sein, gleichmütig in der Trauer wie im Zorn. Für ihre Rachepläne versucht sie einen Mann zu gewinnen, erniedrigt sich für ihn, obwohl er ihr letztlich auch nicht helfen kann oder will. Die Geschichte handelt auch von der Liebe zwischen einer jüdischen Frau und einem nicht-jüdischen Mann, die sich als unmöglich herausstellt – erneut ein Bild Kolmars für die als gescheitert empfundene Assimilation. Die Kunstprofessorin und Essayistin Esther Dischereit schreibt: „Eine Frau geht da umher, der die Feindseligkeit gegen die Juden in die Haut schneidet.“ Kolmars Protagonistin habe die Todeswünsche der „arischen“ Mehrheit „aufgenommen und sich zu eigen gemacht“, zahllose Klischees von den Juden würden in dem Roman „durchgespielt – und erfüllt“. Gezeigt werde die „Selbsterniedrigung der erniedrigten Kreatur“. Ein beklemmender Roman, der einzigartig ist in seiner Düsterheit und Melancholie.

Sand in den Schuhen Kommender

Der letzte erhaltene Text von Gertrud Kolmar ist gleichfalls ein Prosastück, die Erzählung „Susanna“. Darin geht es um eine Erzieherin und ein gemütskrankes Mädchen, die Themen Kolmars werden traumartig ineinander verwoben.

Am Ende unterliegt Gertrud Kolmar der brutalen Gewalt. Wir können versuchen, uns die Verhaftung dieser außergewöhnlichen Frau und Dichterin, den winterlichen Transport in einem Viehwaggon, die Ankunft in Auschwitz, das Keifen der Schläger und Mörder vorzustellen – doch kann es uns je wirklich gelingen? Den Henkersknechten aber soll nicht das letzte Wort gehören. In dem Gedicht „Die Fahrende“ heißt es: „Irgendwann wird es Zeit, still am Weiser zu stehen,/ Schmalen Vorrat zu sichten, zögernd heimzugehen,/ Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein.“


Hier geht es zum Blog des Autors: https://stefanwirner.com/


Literatur:

Gertrud Kolmar: Weibliches Bildnis. Herausgegeben von Johanna Woltmann-Zeitler, DTV, München, 1980. Mit einem Nachwort von Hilde Wenzel.
Gertrud Kolmar: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Ulla Hahn. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1980.
Gertrud Kolmar: Die jüdische Mutter. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003. Mit einem Nachwort von Ester Dischereit.
Gertrud Kolmar: Susanna. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1993
Beatrice Eichmann-Leutenegger: Gertrud Kolmar. Leben und Werk in Texten und Bildern. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1993.
Arnd Beise: Ermordet, vergessen, wiederentdeckt. Das lyrische und dramatische Werk der großen Dichterin Gertrud Kolmar. Literaturkritik.

Bild oben: © Stefan Wirner

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