„Warum ich ein Neonazi war“

Ein zwiespältiges Aussteigerbuch…

Von Roland Kaufhold

Aussteiger aus der Neonaziszene haben häufig etwas Unangenehmes: Viele inszenieren ihren „Ausstieg“ in einer Weise, die sie selbst erneut als „Heroen“ darstellt. Das anschließende Tingeln durch Talkshows als Teil der medialen Selbstvermarktung gehört häufig dazu. Besonders unangenehm wird es, wenn langgediente Neonazis, deren „Ausstieg“ vor allem monetären Motiven geschuldet sein dürfte, in Dokusendungen sogar noch als „Experten“ präsentiert werden. Die taz hat im April 2018 ein sehr lesenswertes Interview mit Eltern einer niedersächsischen Waldorschule geführt, wo besagter Rechtsradikale von 1996 bis 2004 als Lehrer gearbeitet hatte, bis er Berater der sächsischen NPD-Landtagsfraktion und anschließend stellvertretender Chefredakteur der NPD-Parteizeitung wurde. Besagter langjähriger NPD-Funktionär hatte bereits seine Staatsexamensarbeit über den führenden Ideologen des Nationalsozialismus, Alfred Rosenberger, verfasst, die danach in einem extrem Rechten Verlag erschien. Nach seiner Trennung von der NPD machte er bei der DVU sowie bei Pro NRW weiter – bis zu seinem medial verkündeten „Ausstieg“. 

Öffentliches Schweigen wäre das Mindeste, was man von Menschen erwarten sollte, die ein oder zwei Jahrzehnte lang in führender Position in rechtsradikalen und antisemitischen Kontexten vermutlich Hunderte von jungen Menschen antidemokratisch verführt und unzähliche neonazistische Texte publiziert haben.

Einige dieser Aussteiger engagieren sich danach auch politisch, was in vielen Fällen „daneben“ geht. Ihren Fanatismus tauschen sie häufig gegen eine neue „Selbstvergewisserung“ ein, die gleichfalls totalitäre Züge trägt. Beispiele gibt es nicht Wenige.

Der 1989 geborene Christian E. Weißgerber aus Thüringen gehörte bereits als Jugendlicher zur „harten“ Neonaziszene. Er trat als Neonazi-Musiker auf, gehörte zu den Autonomen Nationalisten in Thüringen und erstellte Filme für ein Naziportal. Mit 20 betätigte er sich als Redner, etwa beim Thüringentag der „Nationalen Jugend“ in Arnstadt. Ralf Wohlleben, der zu Weißgerbers Bekanntenkreis gehörte, hatte diesen organisiert.

2010, während seines Studiums in Jena, verabschiedet er sich gemeinsam mit seinem Studienfreund Steven Hartung aus der Szene. Anfangs werden sie vom Aussteigerprogramm Exit unterstützt. Auch Hartung inszenierte seinen Ausstieg medial: „Ich war Nazi. Ich bin raus“ titelte „Superillu“ 2017.

Weißgerber, der heute als Bildungsreferent mit Schwerpunkt Rechtsradikalismus tätig ist, legt nun das Buch „Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ vor. Es hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.

Er beschreibt seine „harte“ Jugend in Eisenach: Sein alleinerziehender Vater, ein Elektriker, wird von ihm als ein Prototyp der Autoritären Charakters beschrieben: Gefühlskalt, bindungsunfähig, brutal. Seine Schwester wird vom Jugendamt aus der Familie genommen, Einsicht hat dies nicht zur Folge. Ausführlich beschreibt Weißgerber seine Versuche des Aufbegehrens, Anschluss findet er in einer örtlichen Neonazigruppe, sie wird zu seiner neuen Familie. Die Autonomen Nationalisten in Eisenach imponieren ihm: Sie lassen die Anfeindungen von Gegnern an sich abprallen; ihr Nazi-Parolen wie „Frei, sozial und national“ erscheinen ihm als widerständig.

Die Nazimusik von Frank Rennicke sowie Regeners „Lunikoff“, angesiedelt beim völkischen Nationalismus, die musikalische Beschwörung vom „Fels in der Brandung“, verleiht ihm und seinem Neonazikreisen eine neue Identität. In der 9. Klasse verheimlicht er seine Nazigesinnung nicht mehr, dann ein enger Kontakt zu einer Nazi-WG.

Bald macht Weißgerber beim örtlichen „Pakt volkstreue Jugend“ mit, tritt als Nazisänger auf, der Songs der Naziband Stahlgewitter covert.

Wer jedoch intimeren Einblick in die Nazistrukturen sucht wird enttäuscht sein: Er beschreibt nur seine Begegnungen mit dem NPD-Kader Patrick Wieschke und einige Begegnungen mit dem späteren NSU-Terroristen Ralf Wohlleben. Erste Befragungen durch den Staatsschutz, noch als Schüler, sind für ihn ein Initiation. Mit 16 legt er sich, nach Begegnungen mit „Zeitzeugen“, eine ansehnliche geschichtsrevisionistische Bibliothek zu. Im Buch verknüpft Weißgerber seine Beschreibungen der Szene durchgehend mit später gewonnenen theoretischen Interpretationen, was den Erkenntnisgewinn nicht zwingen steigert. Mit 20 tritt er erstmals beim Thüringentag als Redner in Arnstadt auf, einige der Reden baut er in den Text ein. Lesenswert seine Beschreibungen aus seiner Bundeswehrzeit – wegen seiner Naziäußerungen wird er vorzeitig entlassen – wie auch der Dortmunder Naziszene: Zwei Wochen vor deren Großdemo 2009 wohnt er in einer der Nazi-WGs, um sich an den täglichen, bewusst Ängste schürenden Aktionen zu beteiligen. Er erlebt den Kader Michael Brück bei Störungen von Veranstaltungen, die dieser intern als eine Anknüpfung an die Saalschlachten der 30er Jahre verkauft.

Nach seinem Outing an der Uni verlässt der 21-Jährige 2010 die Naziszene. Den Ausstieg habe er nur geschafft, weil man ihn an der Uni danach nicht weiter isoliert habe.

Christian E. Weißgerber, Mein Vaterland. Warum ich ein Neonazi war, Zürich: orell füssli, 256 S., Euro, 18 Euro, Bestellen?

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