Vom KZ zum Eigenheim

Eine psychoanalytisch-künstlerische Studie über ein Dorf, das früher einmal ein KZ war…

Von Roland Kaufhold

Viele Städte insbesondere in Ostdeutschland wurden durch fremdenfeindliche Überfälle und Kundgebungen zu Symbolen von Intoleranz. Ihre Namen prägten sich ein, negativ. Die sachsen-anhaltinische Gemeinde Tröglitz mit ihren 2700 Einwohnern, unweit von Zeitz gelegen, machte durch fremdenfeindliche Kundgebungen von sich Reden. 50 Flüchtlinge sollten in einem „ungenutzten Gebäude“ untergebracht werden, rasch gab es, u.a. von der NPD organisierte Proteste dagegen.  Bürgermeister Klaus Nierth stellte sich 2015 dem Ungeist entgegen, man müsse „die „Neuen“ erst einmal unvoreingenommen kennen lernen“ schrieb er im Infoblatt der Gemeinde. Dann brannte eine Flüchtlingsunterkunft kurz vor ihrer Eröffnung nieder. Der größte Teil solcher fremdenfeindlichen Übergriffe wurde von Tätern begangen, die bisher „strafrechtlich nicht auffällig geworden“ waren. Es waren nicht extremistische Ränder, es war die sprichwörtliche „Mitte der Gesellschaft“.  Der Bürgermeister erhielt Morddrohungen und gab sein – unbezahltes – Amt auf; die Meldung dieser Kapitulation machte internationale Schlagzeilen. Schutz vermochte ihm noch nicht einmal die Polizei zu bieten

Der psychoanalytische Sozialpsychologe Oliver Decker, Direktor des Leipziger Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung in Leipzig, legt seit 2002 die Leipziger Autoritarismusstudien vor (bis 2018 bekannt als Leipziger „Mitte“-Studien). Gemeinsam mit den Fotodokumentaristen Frank Berger und Falk Haberkorn besuchte er Tröglitz regelmäßig. Als kritischer Wissenschaftler setzt Decker die „braune“, unaufgearbeitete Geschichte dieses Ortes in Verbindung mit der gewalttätige Gegenwart: Tröglitz war 1937 als NS-Mustersiedlung erbaut worden, in der Nachbargemeinde wurde das Konzentrationslager „Wille“ errichtet. Parallel hierzu errichteten die Nationalsozialisten eine Siedlung sowie ein Hydrierungswerk. Alle drei bildeten im nationalsozialistischen Sinne eine Einheit von „Arbeit, Volk und Fremden“, von Werk, Vernichtung und den heutigen „Fremden“. Im KZ Wille, nicht weit vom KZ Buchenwald gelegen, wurden vor allem ungarische Juden festgehalten; von 1944 bis 1945 wurden 8572 Häftlinge von Buchenwald in das Außenlager „Wille“ deportiert, darunter der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, der in seinen autobiografischen Romanen immer wieder hierüber geschrieben hat. Für Kertész, der mit Glück überlebte, blieb das KZ Wille lebenslang prägend; auch in Erinnerung an die 5671 in „Wille“ ermordeten Häftlinge. Decker spricht von der „steingewordenen Gesinnung“ dieses Ortes.

Decker, Berger & Haberkorn dokumentieren in dem Band fotografisch die heutigen Eigenheime und Häuser, die früher Teil der NS-Unterdrückungs- und Vernichtungsanlage waren. Viel Grün ist dazu gekommen, unzählige Tannenbäume, die die bis heute erahnbaren Spuren nicht zu überdecken vermögen. Ein Blick nach Tröglitz, auf die scheinbare Idylle, das Amorphe, könne uns helfen, „die Entwicklungen in ganz Deutschland besser zu verstehen“. Sie konfrontieren die Gegenwart mit den Ansprachen etwa Görings, der bereits seinerzeit von dem „Fremden“ sprach, das zu vernichten sei. Die „Identifikation der Deutschen mit den NS-Zielen“ konnte mit Terror und Waffengewalt allein nicht erreicht werden. Die Zugehörigkeit zu der „Volksgemeinschaft“, der identitätsstiftende Mythos von „Blut und Boden“, der „Deutschen Arbeit“ und des Kampfes „gegen die Bedrohung ihrer „rassischen“ Wurzeln“ wirke bis heute fort.

Ein lesenswertes, eindrückliches Buch.

Decker, O, Berger, F, Haberkorn, F: Vom KZ zum Eigenheim. Bilder einer Mustersiedlung, Springe: Zu Klampen Verlag 2016, 128 S., 15,30 Euro, Bestellen?

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