Operation „Enterdung“ – die „Aktion 1005“

Wie die Spuren der NS-Massenverbrechen verwischt wurden…

Unweit von Krakau liegt das Städtchen Bochnia. Vor dem 2. Weltkrieg war etwa ein Viertel der Bevölkerung jüdisch. Nachdem die Deutschen einmarschiert waren, begann der Leidensweg der Juden: Enteignung, Zwangsarbeit, Deportation, Vernichtung. Wer nicht nach Auschwitz verschleppt wurde, starb an Entkräftung und Hunger oder wurde vor Ort erschossen. Die letzte Massenerschießung, mit rund 800 zumeist Kranken, Alten und Kindern, fand im Herbst 1943 statt. Zuvor waren noch einige kräftige Männer zu einem Arbeitskommando zusammengestellt worden. Ihre Aufgabe war es, die Leichen auf Holzbalken aufzustapeln. Vor dem Scheiterhaufen wurde ein Fass Bier angezapft, Sessel aufgestellt und dann der Leichenberg mit Benzin übergossen. SS-Scharführer Franz-Josef Müller zündete sich eine Zigarette an und warf mehrere Streichhölzer in den Scheiterhaufen. Anschließend nahmen er und seine Schergen Platz, tranken Bier und genossen das grausige Schauspiel.

Seit Sommer 1943 existierte der Befehl, keine Massengräber mehr anzulegen. Leichen seien unverzüglich zu verbrennen. Bereits ein Jahr zuvor hatte das Reichssicherheitshauptamt das Ausgraben und Beseitigen der Überreste von Hunderttausenden durch Erschießen oder Vergasen ermordeter jüdischer Männer, Frauen und Kinder im gesamten deutsch-besetzten Europa angeordnet. Diese von SS-Standartenführer Paul Blobel geleiteten Operationen unterlagen der höchsten Geheimhaltungsstufe. Unter dem Tarnnamen „Aktion 1005“ sollten sämtlich Spuren der NS-Vernichtung restlos beseitigt werden. Bevor mit der „Enterdung“ im großen Stil begonnen wurde, hatte Blobel verfügt, dass die Massengräber des Lagers Lemberg-Janowsak als „Testgelände“ dienen sollten. Bei einem Besuch an den ehemaligen Kiesgruben erläuterte der SS-Standartenführer persönlich, wie die „Massengräber zu öffnen und die Leichen auf Scheiterhaufen zu schlichten seien. Er erklärte uns auch die Technik der Verbrennung und führte uns diese vor “, berichtete Blobels Untergebener SS-Untersturmführer Walter Schallock und ergänzte nicht ohne Stolz: „Er wusste über alles genau Bescheid.“

Diese Exhumierungen wurden nicht nur in den kleinen, eher unbekannten Mordstätten wie Bochnia und Janowska durchgeführt, sondern auch in Wilna, Belzec, Kowno, Majdanek, Treblinka oder Grodno. Die Massengräber, in denen die Leichen von Zehntausenden lagen, die von mobilen oder stationären Mordkommandos getötet worden waren, wurden geöffnet, die Leichen verbrannt, die Knochen zermahlen und das Areal gärtnerisch getarnt. Die Arbeit musste zumeist von jüdischen Männern aus den Ghettos, aber auch von Kriegsgefangenen und Häftlingen aus anderen Lagern ausgeführt werden, die nach Abschluss der „Aktion“ ermordet wurden. Am Ende, so das Kalkül der Nationalsozialisten, solle es keine Gräber, keine Leichen und keine Zeugen mehr geben.

Obwohl sich die historische Forschung wiederholt mit der „Aktion 1005“ beschäftigt hat, zuletzt in der 2008 erschienenen verdienstvollen Studie des Berliner Journalisten Jens Hoffmann, „Das kann man nicht erzählen“, konnten bislang nicht alle Aspekte dieser gigantischen Vertuschungsaktion beleuchtet werden. Nun liegt erstmals eine umfassende Studie über dieses grauenvolle und kaum zu ertragende „Enterdungs“-Programm der Nationalsozialisten vor. Nach langwierigen und akribischen Forschungen ist es dem Historiker Andrej Angrick gelungen, die Taten zu rekonstruieren, die einzelnen Mörder und ihre Einheiten zu benennen und den wenigen Überlebenden Gehör zu verschaffen. Auf knapp 1.400 Seiten gelingt es ihm, eine der ungeheuerlichsten und kaum bekannten NS-Aktionen zu dokumentieren. „Der Text mag dem Leser Kraft und Beharrlichkeit abverlangen“, schreibt der Autor, „wegen des Umfanges, aber vor allem angesichts des schaurigen Themas“. Ja, man braucht Energie und auch Mut, um dieses gewaltige Werk zu lesen. Denn die Publikation „Aktion 1005 – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen“ ist ein erschütterndes, aber auch wichtiges Dokument des Holocaust. Es darf in keiner öffentlichen Bibliothek fehlen. – (jgt)

Andrej Angrick, Aktion 1005. Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942–1945, 2 Bde., Göttingen 2018, 1.381 Seiten, 79,– €, Bestellen?

Bild oben: Jüdische Häftlinge des Sonderkommandos „1005“ an der Knochenmühle im Lager Janowska. Repro: Belarussian State Archive/ushmm (Public Domain)

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