„Ich werde sterben, wenn ich nicht studiere“

Zahlreiche Shoa-Überlebende waren an deutschen Universitäten eingeschrieben…

Von Jim G. Tobias

Nach sechs Jahren Nazi-Tyrannei hatten die europäischen Juden immense Verluste in den Reihen ihrer Intelligenz zu beklagen. Denn die Jahre der Versklavung und der Leiden „hatten nicht nur den Körper, sondern auch den Geist abgeschwächt“, beklagte die Interessenvertretung der Shoa-Überlebenden. Gleichwohl waren viele junge Juden nach Jahren ohne Schule, Lehre und Kultur nur von einem Wunsch beseelt – eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen, wie Georg Majewski eindrücklich formulierte: „Ich werde sterben, wenn ich nicht studiere.“ Der jüdische Pole hatte in der Sowjetunion überlebt und war als Soldat bei der Befreiung Berlins dabei. Seine gesamte Familie wurde von einem mobilen Killerkommando, den sogenannten Einsatzgruppen, ermordet.

Zumeist besaßen die Überlebenden der Shoa keine Dokumente, mit denen sie eine etwaige Studienberechtigung nachweisen konnten. Daher mussten sie universitäre Vorbereitungskurse besuchen, die mit einer Bestätigung der Hochschulreife abgeschlossen werden konnten. Im Frühjahr 1947 besuchten über 500 jüdische Studenten die Universitäten in München, Berlin, Marburg und Erlangen. Die Mehrheit von ihnen war an den Hochschulen in München immatrikuliert, deshalb wurde auch hier der Hitachdut haStudentim haIwrim (Verband Jüdischer Studenten) gegründet. Etwa zur gleichen Zeit erklärten sich die bayerischen Universitäten bereit, den von den „Nürnberger Gesetzen“ Betroffenen Stipendien zu gewähren; die meiste finanzielle Unterstützung leisteten jedoch jüdische Organisationen.

Schon im Herbst 1946 meldeten sich die ersten 26 jüdischen Studenten in Erlangen an: 13 Männer und 13 Frauen. Darunter die im DP-Camp Bamberg lebenden Medizinstudenten Jan Smulewicz und Hilda Bachner. Ein Jahr später belegten schon über 60 Studenten die Fächer Pharmakologie, Medizin, Psychologie, Philosophie und Jura. Zusätzlich besuchten Einige auch Vorlesungen bei Professor Dr. Hans-Joachim Schoeps, der aus der schwedischen Emigration zurückgekehrt war und ab 1947 an der Universität Erlangen jüdische Kultur- und Religionsgeschichte lehrte. In einem Brief hatte Schoeps seine Bereitschaft erklärt, „der hiesigen jüdischen Studentengruppe Vorträge aus meinem Fachgebiet zu halten“. Da die Mehrheit der zukünftigen Akademiker aus Polen stammte, nur zehn waren ungarische und zwei deutsche Staatsbürger, jeweils einer war in Österreich und in der Tschechoslowakei geboren, war es nicht immer einfach, den philosophischen Ausführungen des deutschen Professors zu folgen.

Auch wenn in gebildeten polnisch-jüdischen Familien vor dem Krieg deutsch gesprochen wurde, war es für manche Studenten oft eine Herausforderung, die Vorlesungen zu verstehen. Hilfreich war gleichwohl, dass für viele Jiddisch ihre Muttersprache war und dieses Idiom mit dem Deutschen eng verwandt ist. Einige hatten auch in den NS-Lagern etwas Deutsch gelernt, oder wenn sie mit „arischen“ Papieren in der Illegalität überlebt hatten, waren sie ohnehin auf deutsche Sprachkenntnisse angewiesen.

Weil viele der Hochschüler keine Familien mehr hatten, konzentrierte sich das gesamte gesellschaftliche Leben auf ihre kleine Gemeinschaft. „Wir waren völlig von den deutschen Studenten getrennt“, erinnerte sich etwa Dr. Simon Snopkowski, der 2001 verstorbene langjährige Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. „Einzelkontakte gab es im Großen und Ganzen sehr spärlich, beiderseits bedingt.“ Nachdem Snopkowski aus dem KZ Groß-Rosen befreit worden war, hatte es ihn nach Bayern verschlagen, wo er in München Medizin studierte; Snopkowski war während seines Studiums der Vorsitzende des jüdischen Studentenverbands.

Im fränkischen Erlangen dauerte es ebenfalls nicht lange, bis sich die jüdischen Hochschüler zusammengeschlossen hatten. Der Ruf nach einem eigenen Vereinslokal folgte, wie in einem Brief an den Oberbürgermeister der Stadt dokumentiert ist. „Wir haben keinen Raum, wo wir uns versammeln können, um die Verbandsangelegenheiten erledigen zu können. Wir haben keinen Raum, wo wir unser Gebetshaus einrichten können“, schrieben die Studenten am 1. Juni 1947. „Wir bitten um Zuweisung eines Raumes, in dem wir unsere religiösen, administrativen und gesellschaftlichen Angelegenheiten erledigen können.“

Nur zwei Wochen später stellte die Stadt Erlangen den jüdischen Studenten den Saal der Freimaurerloge in der Universitätsstr. 25 zur Verfügung. Gleichzeitig wurde bei der US-Militärregierung der Wunsch vorgetragen, den Hochschülern zwei Häuser im Stadtgebiet, die sich ehemals in jüdischem Besitz befunden hatten, zur Nutzung zu überlassen, um dort, „das erste jüdische Studentenheim in Deutschland“ nach dem Krieg einzurichten. Ob dem Ersuchen stattgegeben wurde, ist nicht überliefert.

Nachdem im Mai 1948 der Staat Israel proklamiert worden war, die USA, Kanada und Australien ihre Einwanderungsgesetzte liberalisierten, verließen viele Shoa-Überlebende Deutschland. Der „Verband Jüdischer Studenten“ sollte zum 31. November 1949 aufgelöst werden. Insbesondere die Münchner Ortsgruppe, wo das Gros der Studenten organisiert war, bestand jedoch noch bis zur Mitte der 1950er Jahre – mit finanzieller Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens. Die Zweigstelle in Erlangen dürfte sich allerdings im Lauf des Jahres 1949 aufgelöst haben.

Bild oben: Jüdische Studentinnen und Studenten der Medizin beim Betrachten einer Röntgenaufnahme. Repro: ushmm

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