19. Europäischer Tag der Jüdischen Kultur in Berkach/Thüringen

Am 2. September 2018 war der 19. Europäische Tag der Jüdischen Kultur. Aus diesem Grunde hatte das Vorstandmitglied des Jüdischen Ensembles Berkach e.V., Dipl. Ing. Architekt Thomas Meier aus Tonndorf im Weimarer Land, Mitglieder des Vereins und Interessierte zu einem gemeinsamen Nachmittag nach Berkach/Thüringen eingeladen. Sowohl Menschen aus dem Dorf als auch aus der Region folgten der Einladung…

Von Israel Schwierz

Bereits vor der Veranstaltung wurden einige für das jüdische Ensemble in Berkach engagierte Vertreter aus Religion, Kultur und Politik vom Fotografen und Filmproduzent Anton Lysakovski in kurzen Filmaufnahmen interviewt und porträtiert und sahen sich im Anschluss gemeinsam seine neueste Produktion an – den Film „Jüdische Gemeinde Berkach – Gestern, Heute und Morgen …“ – einen einmaligen, ganz hervorragenden Film.

Zu sehen waren darin nicht zum einen die steinernen Zeugen des jüdischen Ensembles in Berkach, welches direkt an der einstigen DDR-Grenze liegt: die 1991 renovierte Synagoge, die bis zur Wiedervereinigung als landwirtschaftliches Gebäude genutzt worden war, die einstige jüdische Schule direkt daneben, in der Herrmann Ehrlich als jüdischer Lehrer und Kantor gewirkt hatte, die restaurierte Mikwe, ehemalige jüdische Wohnhäuser des Ritterguts der Freiherren von Stein und der jüdische Friedhof, der früher direkt an der Grenze lag und daher für viele Jahre unzugänglich war.

Außerdem wurde das Grab von Hermann Ehrlich auf dem jüdischen Friedhof in Plaue gezeigt sowie Szenen von Gedenkveranstaltungen in der KZ-Außenstelle Jonastal und der heutigen KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Anton Lysakovski gelingt es hervorragend, den Betrachtern nicht nur die Einzigartigkeit des Gebäudeensembles in Berkach nahezubringen und Wissenswertes über die Geschichte der jüdischen Gemeinde vom 17. Jahrhundert bis heute aufzuzeigen, er beleuchtet in dem Film auch sehr anschaulich Aspekte des über Jahrhunderte respektvollen Zusammenlebens von Juden und Christen im Dorf und berichtet über die Entwicklung des jüdischen Erbes in Berkach bis heute. Dadurch soll der Bekanntheitsgrad dieser ganz besonderen Gemeinde erhöht und ein unterstützendes Moment für eine Bildungs- und Begegnungsstätte in Berkach geschaffen werden, wie sie der Verein gemeinsam mit der Jüdischen Landesgemeinde plant. Durch den Film sollen die nachfolgenden Generationen zudem mit einem soliden geschichtlichen Wissen ausgestattet werden, das sie in die Lage versetzt, selbständig die Vorgänge in der NS-Zeit zu beurteilen.

Der Film zeigt nicht nur sehr anschaulich verschiedene Veranstaltungen jüdischen Inhalts in Berkach auf – beispielsweise die Rückkehr der Thora-Rolle aus den USA anlässlich des 160. Jubiläums der Synagoge – er enthält auch sehr eindrucksvolle Interviews mit mehreren Vereinsmitgliedern, Historikern und Politikern, zeigt Bilder aus der Gemeinde und dem Meininger Staatsarchiv , Fotografien aus privaten Archiven und führt Kompositionen von Hermann Ehrlich vor. Einen ganz wesentlichen Beitrag beinhalten Interviews mit Zeitzeugen, die gezwungen waren, Berkach zu verlassen und mit denen, die hier und in den angrenzenden Orten geblieben sind. Der Film von Anton Lysakovski ist eine ganz besondere, herausragende und einzigartige Arbeit, die es verdient, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen jüdischen und nichtjüdischen Welt gezeigt zu werden.

Um 14.00 Uhr begrüßte dann Dipl. Ing. Architekt Thomas alle Anwesenden zu einem gemeinsamen Rundgang im Dorf. Gemeinsam mit Frau Gundela Bach – Fremdenführerin in Berkach – führte er die Versammlung an wichtige Stätten jüdischen Lebens und Sterbens in Berkach: von der Synagoge und der Jüdischen Schule ging es zu den ehemaligen jüdischen Wohnhäusern des Ritterguts der Freiherrn von Stein im Hinterdorf zur Mikwe und von dort zum jüdischen Friedhof, wobei alle Punkte sehr gut und einprägsam erklärt wurden.

Anschließend gingen alle Teilnehmer der Veranstaltung zurück zur Synagoge, wo sie bei Tee, Kaffee und Kuchen Zeit für angeregte Gespräche fanden.
Es folgte ein exzellenter Vortrag von Dr. Johannes Mötsch, dem ehemaligen Leiter des Thüringer Staatsarchivs in Meiningen mit dem Titel: „Chasan Hermann Ehrlich“ zur Rolle des ehemaligen jüdischen Kantors, der alle stark beeindruckte. Es folgte eine Auswahl an Liedern und Geschichten zum Lachen und Weinen aus dem reichen Schatz Jüdischer Musik- und Erzählkultur – vorgetragen von Frau Trillhaase und Herrn Meier – teilweise auch mit gemeinsamem Gesang aller Besucher.

Die Teilnehmer des 19. Europäischen Tages der Jüdischen Kultur im einzigartigen jüdischen Ensemble in Berkach haben diesen Tag nicht nur genossen – körperlich wie geistig – er war für sie mit größter Sicherheit auch ein ganz besonderes Erlebnis, an das sie noch lange zurückdenken werden. Den Veranstalten – Herrn Thomas Meier und Frau Linda Trillhaase, Anton Lysakovski, Herrn Dr. Mötsch und Frau Gundela Bach gebührt für ihre großes Engagement und für ihre Mühe größter Dank und tiefste Anerkennung aller, denen die Beschäftigung mit der untergegangenen jüdischen Kultur ein Herzensanliegen ist.
Es ist zu hoffen, dass auch im kommenden Jahr eine ähnliche Veranstaltung stattfinden möge.

Bild: (c) Anton Lysakovski

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