Jüdischer Neuanfang in Unterfranken

Eine neue Studie beleuchtet die Geschichte der IKG Würzburg nach 1945…

„Als am 10. Juli 1945 die erste größere Gruppe Überlebender der Shoa aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach Würzburg zurückkehrte, war sie physisch und psychisch traumatisiert und stand materiell vor dem Nichts.“ Mit diesen Worten leitet die Historikerin Marie-Therese Reinhard ihr Buch „Kontinuität nach der Katastrophe?“ ein, in der sie das Elend des „Rests der Geretteten“ und den schweren Neubeginn der jüdischen Gemeinschaft nach 1945 beschreibt.

Trotz großer seelischer und körperlicher Verletzungen, gelang es dem kleinen Häuflein der Heimkehrer jedoch schon bald wieder ein Gemeindeleben in der unterfränkischen Stadt aufzubauen. Vor der Shoa gehörten Würzburg und die Region zu den am dichtesten von Juden besiedelten Landstrichen in Bayern. Die Stadt blickt auf eine jahrhundertlange jüdische Geschichte zurück, schon um 1100 herum hatten sich Juden in Würzburg niedergelassen.

Lange Zeit war die jüdische Minderheit nicht nur geduldet, sondern gesellschaftlich integriert und anerkannt – trotz des immer wieder aufflammenden Antisemitismus. In Würzburg gab es sieben Synagogen – um 1900 zählte die Stadt über 2.500 jüdische Bürger. Mit der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten im Januar 1933 schlug die Judenfeindschaft in offene Diskriminierung und Verfolgung um, die letztlich mit dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung endete. Nach insgesamt acht Deportationen in diverse Konzentrations- und Vernichtungslager blieben nur noch 29 Juden in der Stadt zurück. Sie waren mit nichtjüdischen Partnern verheiratet. Mit Ausnahme dieser „privilegierten“ Juden galt Würzburg nunmehr als „judenfrei“.

„Umso beeindruckender ist es, mit welcher Energie und Einsatzbereitschaft es den Überlebenden gelang, schon bald wieder ein jüdisches Gemeindeleben in Würzburg aufzubauen“, stellt die Autorin zu Recht fest. Unterstützung beim Wiederaufbau erhielten die wenigen deutschen Juden von osteuropäischen Glaubensgenossen, die als Displaced Persons (DPs) in Deutschland gestrandet waren. In vier Kapiteln beschreibt Marie-Therese Reinhard akribisch die Stationen des Neubeginns, wobei sie einen Schwerpunkt auf die Ära (1958-96) von David Schuster legt, dem Vater des heutigen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. In der Zeit als David Schuster die Geschicke der IKG bestimmte, wurde eine neue Synagoge errichtet und ein Dokumentationszentrum eröffnet. Ab 1990 wuchs die kleine überalterte Gemeinde durch den Zuzug von sogenannten Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion auf über 1.000 Mitglieder.

Die Autorin will mit ihrem Buch einen komprimierten, jedoch wissenschaftlich fundierten Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft zwischen den Jahren 1945 und 1992 geben. Ein nicht einfach umzusetzender Ansatz. Da die jüdische Gemeinde kaum über Unterlagen, insbesondere aus den 1950er Jahren, verfügt, musste Marie-Therese Reinhard auf die nur spärlich vorhandene Sekundärliteratur, Dokumente aus dem Staatsarchiv Würzburg und dem „Johanna Stahl Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken“ zurückgreifen. Sorgfältig wertete sie „Wiedergutmachungs“- und Restitutionsakten, Stadtratsprotokolle, Presseartikel sowie Zeitzeugeninterviews aus. Das Ergebnis kann sich sehen lassen! Die Autorin hat mit ihren Forschungen eine Lücke in der Geschichtsschreibung über die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg geschlossen. – (jgt)

Marie-Therese Reinhard, Kontinuität nach der Katastrophe? Die Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg von 1945 bis 1992, Würzburg 2017, 208 S., 28 €, Bestellen?

Bild oben: Bis zum Ende der 1960er Jahre nutzte die Gemeinde die kleine Betstube im jüdischen Altersheim. Repro: aus dem besprochenen Band

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