Point of no return

Jüdische Realitäten im Ruhrgebiet. Russischsprachige Senioren in Essen…

Von Katja Schütze und Dmitri Piterski

Mit dem Beschluss der Innenministerkonferenz vom 9. Januar 1991, nach dem das Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge auf jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion Anwendung fand, ist der Grundstein für die zweite Neubegründung jüdischen Lebens in Deutschland nach dem II. Weltkrieg gelegt worden.

Diese politisch gewollte und gesteuerte Zuwanderung jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion sollte die um Fortbestand ringenden jüdischen Gemeinden religiös und kulturell wiederbeleben. Sie sollte die Basis für eine Erfolgsstory werden, die ohne vergleichbare historische Erfahrungen, Anknüpfungen oder Vorbildern, die Zukunftsfähigkeit jüdischer Gemeinden in Deutschland garantiert und manifestieren, dass Deutschland für Juden eine Willkommenskultur entwickelt hat.

Gut 20 Jahre später leben mehr als 200.000 Menschen als jüdische Emigrant_innen aus den verschiedensten Regionen der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland, nur etwa die Hälfte von ihnen hat Kontakt zu den jüdischen Gemeinden.

Vor diesem  Hintergrund begaben sich 11 Jugendliche aus Essen in einem zehntägigen mediengestützten Workshop auf Spurensuche. Durch Recherchen und biografische Interviews mit Jüdinnen und Juden sollte ein Blick auf gegenwärtiges jüdisches Leben im Ruhrgebiet geworfen und dieses medial zugänglich gemacht werden.

Beste Voraussetzungen, ein gelingendes Projekt zu gestalten, waren gegeben: interessierte Jugendliche, hochwertiges technisches Equipment, erfahrene Teamer_innen und ausreichende Finanzierung durch eine Kooperation mit dem Leo-Baeck-Programm. Da die mangelnde Bereitschaft einiger Gesprächspartner_innen, die im Vorfeld des Workshops angesprochen wurden, problematisch war, versuchten wir es über infrastrukturelle Projekte und Vereine: besuchten die Liberale Jüdische Gemeinde zu Oberhausen, sprachen mit Vertreter_innen des Seniorenclubs russischsprachigen Senioren Essen-Bergmannsfeld,  erwarben das nötige historische Fachwissen in der Alten Synagoge zu Essen, gestalteten einen Tag mit einer in New York lebenden Essenerin, die regelmäßig ihre Heimatstadt besucht und interviewten Regina S., für die Religion und Jüdisch sein zur Nebensache geworden ist.

So wurde der Seniorenclub Essen-Bergmannsfeld 60+ (gegr. 2007) durch seinen Leiter Dr. Dmitri Piterski vertreten, der 1992 selbst als jüdischer Kontingentflüchtling aus Moskau nach Deutschland auswanderte. Obwohl die Nationalität und Religion der Senior_innen keine Rolle spielte, sind fast die Hälfte Juden aus der ehemaligen UdSSR. Am runden Tisch besprechen sie verschiedene aktuelle Themen und planen ihre weiteren Aktivitäten.  

Der Seniorenclub machte sich in den russisch- und deutschsprachigen Medien sowie im Rahmen der EU-Projekte „Step towards active European citizenship“/2013 und „We are responsible“/2018 (siehe ERASMUS+ und HAGALIL) bereits bekannt und wurde 2010 vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW in der Sonderausgabe «Gute Beispiele in Europa» ausführlich vorgestellt.

Wer neugierig geworden ist auf Interviews mit Blitzlichtern aus lebensgeschichtlichen Erinnerungen und aktuellen Ein- und Ausblicken von Jüdinnen und Juden im Ruhrgebiet im 21. Jahrhundert: die DVD mit den thematisch sortierten Beiträgen kann beim Bildungswerk der Humanistischen Union angefragt werden.

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