Der Klausenburger Rebbe

Der 1905 im polnischen Städtchen Rudnik geborene Jekusiel Jehuda Halberstam stammt aus einer bedeutenden chassidischen Familie. Er war ein Nachfahre von Chaijm Ben Leibusch Halberstam, des Gründers der Sanzer-Dynastie…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen auf: talmud-thora.de

Schon früh führte sein Vater der Rabbiner von Rudnik, Zwi Hirsch, den jungen Jekusiel ins Studium der heiligen Schriften ein. Später studierte Jekusiel bei den berühmtesten jüdischen Gelehrten Osteuropas. Nach seiner Heirat mit der Rabbinertochter Pessel Teitelbaum erreichte den nur 22-Jährigen der Ruf, den Posten des Rabbiners von Klausenburg (Cluj) zu übernehmen.

Die Jüdische Gemeinde von Klausenburg blickt auf eine lange Geschichte zurück, die bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zurückführt. Obwohl Jekusiel Jehuda Halberstam zu dieser Zeit der jüngste Rabbiner im Land war, gelang es ihm aufgrund seines außergewöhnlichen Charismas und seiner Gelehrigkeit, schnell eine große Anhängerschaft um sich zu scharen.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sollte der polnische Staatsbürger Halberstam, der mittlerweile eine große Familie mit vielen Kindern hatte, das Land verlassen. Die Stadt Klausenburg gehörte zu dieser Zeit zu Ungarn. Aufgrund internationaler Proteste durfte Halberstam bei seiner Gemeinde in Klausenburg bleiben. Mit dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn begann die Deportation der Juden. Die Klausenburger Gemeinschaft wurden im Mai und Juni 1944 in mehreren Transporten nach Auschwitz deportiert – Halberstams Frau und die elf Kinder starben in den Gaskammern. Der Rabbiner überlebte das Vernichtungslager und wurde im April 1945 im KZ-Dachau von der US-Armee befreit. Von dort gelangte er ins DP-Camp Feldafing.

Trotz schwerer Schicksalsschläge und seiner angeschlagener Gesundheit sah es der Klausenburger Rebbe als seine Aufgabe an, seine ganze Kraft für den Wiederaufbau eines chassidischen Judentums zu verwenden. So ist es nicht verwunderlich, dass Halberstam bald zu einem der wichtigsten spirituellen Führer der überlebenden Juden in den DP-Camps wurde.

Mit dem Ruf „Wer auch immer für Gott ist, komme zu mir“, sammelte er die Juden in Feldafing um sich. Innerhalb weniger Wochen und Monate gelang es ihm religiöse Einrichtungen, wie ein Cheder, eine Jeschiwa und eine Betstube im Lager einzurichten. Am Abend des ersten Jom Kippur Festes nach der Befreiung im September 1945 sprach Halberstam zu Tausenden von Juden im Lager Feldafing – darunter als prominenter Gast US-General Dwight D. Eisenhower: „Waren wir sündig? Waren wir treulos, haben wir uns, Gott behütet, von ihm abgewandt und ihm mangelnde Loyalität bewiesen?“, richtete er sich an die Gläubigen. Solche Fragen hatten sich vor nicht allzu langer Zeit manche der verzweifelten KZ-Häftlinge gestellt und um Erlösung gefleht. „Wie oft haben viele von uns gebetet, Herr der Welt, ich habe keine Kraft mehr, nimm meine Seele zu dir“, kommentierte Halberstam diese Hoffnungslosigkeit und appellierte an die Menge, nicht zu verzagen und neues Gottvertrauen zu entwickeln. „Wir müssen den Allmächtigen bitten, uns im Glauben zu stärken und ihm vertrauen“, rief er ihnen zu. „Vertraut Gott auf ewig – schüttet ihm eure Herzen aus!“

Wurde dieser Gottesdienst wegen der zahlreichen Teilnehmer unter freiem Himmel abgehalten, begannen doch viele Gläubige den heiligsten Tag in einer provisorischen Synagoge. „Erstmals seit Kriegsbeginn konnten sie sich ohne Angst vor Entdeckung an ihren Gott wenden,“ erinnert sich ein Zeitgenosse. „Seit Sonnenuntergang hatten sie gefastet und ihre Gebete gesprochen. Das Murmeln brach plötzlich ab, als das Totengebet, El Maleh Rachamim, angestimmt wurde. Schluchzen und gellende Schreie durchschnitten die Luft.“

Kurz nach den hohen Feiertagen siedelte Rabbi Halberstam mit etwa einhundert Anhängern ins DP-Camp Föhrenwald über. An einem Schabbatabend wurde die Joint-Mitarbeiterin Miriam Warburg Zeugin eines beeindruckenden Aufzugs: „Die Chassidim begleiteten ihren Rabbiner heim. Er trug einen Strejmel sowie einen langen Rock und seine Anhänger tanzten und sangen chassidische Weisen. Sie fühlten sich im Camp bereits ganz wie zu Hause.“ Innerhalb kürzester Zeit gründete Halberstam in Föhrenwald eine Jeschiwa, einen Cheder, eine Koschere Küche sowie eine Beth-Jakob-Schule für Mädchen. Schon nach wenigen Monaten studierten „Hunderte von Jungen die Thora und Mädchen wurden auf ihre Rolle als jüdische Frauen vorbereitet.“ Da der Rabbiner seine Töchter in der Shoa verloren hatte, übernahm er insbesondere „für die traumatisierten Mädchen die Vaterrolle und bot ihnen ein warmherziges jüdisches Heim, in dem sie sich körperlich und spirituell erholen konnten.“

Jekusiel Jehuda Halberstam Mitte der 1940er Jahre (Repro: nurinst-archiv)

Die UNRRA-Lagerleiterin Jean Henshaw war von der Persönlichkeit des Rabbiners äußerst beeindruckt und erfüllte dem Mann „mit seinem schwarzen Bart und seinen großen schwarzen durchdringenden Augen“ nahezu alle seine Wünsche. Obwohl Halberstam „nie fordernd auftrat, nie seine Stimme erhob, war es klar, was immer er erbat, wurde ihm gewährt“, notierte der Joint Mitarbeiter Stanley Abramovitch.

Alsbald regte Halberstam den Bau einer Mikwe im Lager Föhrenwald an. Dies sei nach seiner Ansicht nicht nur für heiratswillige junge Frauen wichtig, sondern unabdingbar für jede jüdische Religionsgemeinschaft. Wenngleich der Wunsch nach der Einrichtung eines Ritualbades von der jüdischen Hilfsorganisation Joint unterstützt wurde, dauerte es doch einige Monate, bis die Mikwe fertig gestellt werden konnte. In dieser Zeit vollzogen der Rabbiner und einige seiner Schüler ihre spirituelle Reinigung in der Isar, wie eine Joint-Mitarbeiterin im Dezember 1945 beobachtete: „Letzten Freitag spazierte ich am Fluss entlang, als ich sah, wie einige Personen aus dem Camp im eisigen Wasser der Isar untertauchten. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um Anhänger des Klausenburger Rebbe handelte, eine extrem orthodoxe Gruppierung von etwa zweihundertfünfzig Jungen und Männern. Jeden Freitag haben der Rabbiner und Andere ein Bad im Fluss genommen, weil bislang noch keine Mikwe im Camp zur Verfügung steht“, so der Bericht von Miriam Warburg. „Wir sollten den Bau schnellstens umsetzen, da ein Bad im eiskalten Wasser gerade für schwache und unterernährte Menschen sehr gefährlich ist“, mahnte sie. Offensichtlich mit Erfolg: Spätestens ab Anfang März 1946 ist eine Mikwe dokumentiert.

Briefkopf der von Halberstam initiierten orthodoxen Jeschiwa Shearith Hapletah – University for Rabbis in Föhrenwald (Repro: nurinst-archiv)

Föhrenwald wurde zum Zentrum der Klausenburger-Chassidim. Halberstam verfügte im Lager über eine angemessene Privatunterkunft, Versammlungsräume, eine Synagoge sowie verschiedene Studierzimmer. Jean Henshaw sah es als ein Privileg an, dass in ihrem Lager ein so „heiliger und berühmter Rabbiner“ lebte, sie „tat alles, um ihm zu helfen“, berichtet ein Joint Mitarbeiter.

Halberstam initiierte in den DP-Camps die religiös-orthodoxe Organisation „Vaad Shearith Hapletah“, deren Vorsitz er auch innehatte. Nach eigenen Angaben gehörten dem Verband im Jahr 1947 bis zu neun Jeschiwot, neunzehn Beth-Jakob-Schulen und drei Fortbildungseinrichtungen für Rabbiner an. Zudem lernten an den von Halberstam ins Leben gerufenen Talmud Thora Schulen rund eintausend Jungen die Heiligen Schriften. Die Zahl der an den Jeschiwot eingeschriebenen Studenten wurde mit sechshundert angegeben. Der Joint, der zusätzliche Verpflegung auch an die Klausenburger abgab, bezweifelte jedoch die hohe Zahl von Jeschiwa Bocherim und forderte eine Namensliste an. Nachdem diese vorgelegt worden war, reduziert sich die Anzahl der Studenten um etwa die Hälfte.

Obwohl die UNRRA und der Joint die Klausenburger-Bewegung mit Lebensmitteln, Büchern und Ritualien zur Religionsausübung auch finanziell unterstützte, waren die einzelnen Einrichtungen mit nur wenig Bargeld ausgestattet. Daher entschloss sich Halberstam im Frühjahr 1946 zu einer Reise in die USA, um dort Spenden zu akquirieren. In wenigen Wochen gelang es ihm einhunderttausend Dollar einzuwerben – zu dieser Zeit eine nicht unerhebliche Summe. Als er nach Deutschland zurückkehrte, wurde der Rabbiner von seinen Anhängern mit großer Freude begrüßt. Im Herbst, kurz nach den hohen Feiertagen, reiste Halberstam wieder in die USA. Er wollte weitere Spenden sammeln, um insbesondere seinen Jeschiwa Studenten die Emigration in die Vereinigten Staaten zu erleichtern. Einige seiner Anhänger waren enttäuscht und kritisierten das Vorhaben, sie wollten lieber nach Erez Israel übersiedeln. Der Rebbe antwortet ihnen: „Ich reise über die USA nach Erez Israel.“ Doch Halberstam blieb in den Vereinigten Staaten. Nach seiner Überzeugung lebten in Erez Israel bereits viele große chassidische Führer, während Amerika eine religiöse Ödnis sei, in der es noch viel zu tun gäbe. Nicht wenige seiner Anhänger folgten ihm. Die religiösen Einrichtungen in den DP-Camps lösten sich nach und nach auf.

Der Klausenburger Rebbe residierte nunmehr in Brooklyn und interpretierte dort in der Tradition der osteuropäischen chassidischen Rabbiner-Dynastien Talmud und Thora. Zusätzlich wurde ein Klausenburger Zentrum in Israel aufgebaut. In der Nähe von Netanja entstand ein kleine Stadt mit Religionsschulen, Jeschiwot, Krankenhaus, Wohngebäuden und Hotel für rund siebentausend Chassiden. Die meiste Zeit verbrachte Jekusiel Jehuda Halberstam in den USA, jedoch reiste er regelmäßig nach Israel, wo er als wahrscheinlich letzter Überlebender der einst so bedeutenden chassidischen Führer des Vorkriegseuropas 1994 verstarb.

Quellen

Archive

  • American Jewish Joint Distribution Committee Archives, New York
    AR 45/54 Germany
  • Central Zionist Archives, Jerusalem
    Reports by Mrs. M. Warburg
  • The Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide, London
    The Henriques Archive
  • YIVO Institute for Jewish Research, New York
    Leo W. Schwarz Papers / Displaced Persons Centers and Camps in Germany

Literatur

  • Stanley Abramovitch, Lighting up the Soul, Jerusalem 2011.
  • Esther Farbstein, Hidden in Thunder. Perspectives on Faith, Halachah and Leadership during the Holocaust, Jerusalem 2007.
  • Simon Schochet, Feldafing, Vancouver (BC) 1983.
  • Aharon Surasky, The Klausenberger Rebbe. The War Years, Southfiled (MI) 2003.
  • Sermon on Yom Kippur by the Klausenberger Rebbe, Rabbi Yekutiel Yehuda Halberstam, delivered in the Feldafing DP Camp, 1945.
  • General Eisenhower inspiziert die jüdischen Lager, in: AUFBAU vom 28. September 1945.

Einrichtung: DP-Camp Föhrenwald

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