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Ein „Menschenfischer“

Das Stadtarchiv München und die Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom ehren Rabbiner Dr. Tovia Ben-Chorin…

Von Heinz-Peter Katlewski

Eine besondere Geburtstagsfeier erlebte der frühere liberale Berliner Gemeinderabbiner Dr. Tovia Ben-Chorin, in München. Auf Initiative seines Schülers Dr. Tom Kucera, Rabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, kamen am 17. 11. 2016 zahlreiche Weggefährten ins Münchner Stadtarchiv, um den 80. Geburtstag des populären Rabbiners zwei Monate und zwei Tage nach dem eigentlichen Jubiläum nachzufeiern. Zu den lokalen Gästen zählten u.a. Prof. Dr. Abi Pitum, jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit München und Vorstandsmitglied der IKG München und Oberbayern, sowie Steven Langnas, von 1998 bis 2011 Gemeinderabbiner der IKG und heute stark im interreligiösen Dialog engagiert und der Vorsitzende von Beth Shalom, Dr. Jan Mühlstein. Musikalisch umrahmt wurde der Abend durch Nikola David, Kantor der liberalen Gemeinde, auch er ein Schüler von Tovia Ben-Chorin.

München war der Geburtsort des Vaters von Rabbiner Tovia: Schalom Ben-Chorin (1913 – 1999), Religionswissenschaftler und Schriftsteller. 22 Jahre hat der als Fritz Rosenthal in der Stadt gelebt, ist dann aber 1935 wegen der Bedrohung durch die Nazis ins damalige Palästina ausgewandert und hat dort seinen hebräischen Namen angenommen. Tovia wurde im folgenden Jahr in Israel geboren. Schalom Ben-Chorin ist München und der deutschen Sprache immer verbunden geblieben. Und so kehrte 2009 auf Initiative der Familie sein Arbeitszimmer mit rund 5.000 seiner Bücher nach München zurück und kann heute im 3. Stockwerk des Stadtarchivs besichtigt werden. Die Sammlung wurde zum Kernbestand des Schwerpunkts „Jüdische Geschichte“. Für die Feier zu Ehren von Tovia Ben-Chorin sei dieses Haus deshalb genau der richtige Ort, betonte Archiv-Direktor Dr. Michael Stephan.

Das Arbeitszimmer von Schalom Ben Chorin im Münchner Stadtarchiv
Das Arbeitszimmer von Schalom Ben Chorin im Münchner Stadtarchiv

Die Beziehung zum Vater stellte der Münchner Theaterkritiker und Autor, Professor Dr. Bernd Sucher, mit Textzitaten aus dessen Werk her. Die Erzählung „Der Engel mit der Fahne“(1964) dreht sich um das Vorschulkind Tovia und eine Fahne zum Tora-Freudenfest „Simchat Tora“. Der Vater hatte sie dem Jungen versprochen. Für seine Mithilfe beim Ausschmücken der Laubhütte, der „Sukka“, solle er sogar eine besonders schöne Fahne bekommen, um damit zu Simchat Tora in die Synagoge einzuziehen. Der Vater hatte das vergessen, wurde aber vom Kind auf dem Weg zur Synagoge daran erinnert. Die Geschäfte hatten zwar bereits geschlossen, dennoch ging die Geschichte gut aus: Der schon bitterlich weinende Tovia bekam im letzten Moment seine Fahne – sogar eine mit Moses und Aaron, der Bundeslade und dem Löwen darauf. Ein Mann hatte eine Fahne übrig. Ein Engel, mutmaßte Schalom Ben-Chorin, er habe den Mann nie wieder gesehen.

Tovia Ben-Chorin wuchs zwar bei seiner Mutter, der Künstlerin Gabriella Ben-Chorin auf, doch am Wochenende war er stets beim Vater und dessen zweiter Frau Avital. Anders als bei der Mutter wurden dort Schabbat und die jüdischen Feiertage gefeiert, man ging auch in die Synagoge. Tovia genoss es, praktisch zwei Mütter zu haben, die sich zudem auch noch gut verstanden. Für seinen beruflichen Werdegang waren die Wochenenden aber wohl wichtig. Tovia Ben-Chorin studierte später am Hebrew Union College in Cincinnati (Ohio), wurde Rabbiner und wirkte als solcher in den USA, in Ramat Gan und Jerusalem, in Manchester, Zürich und Berlin. Seit 2015 amtiert er wieder in der Schweiz: in St. Gallen. 1958 begegnet ihm in Cincinnati seine künftige Frau Adina. Das Paar bekommt zwei Söhne. Die studierte Judaistin wird seine kritische Partnerin. Sie arbeitet als Übersetzerin, lehrt als Dozentin Tora und beschäftigt sich zudem mit der Rolle der Frau im Judentum. „Ich konnte immer wählen, was ich machen wollte, und war immer ziemlich aktiv“, antwortete Adina Ben Chorin in München auf Rabbiner Kuceras Frage, wo sie ihre Aufgabe als Rebbezin gesehen hätte. Auf die Frage nach dem Schönsten und den schlimmsten Augenblicken in ihrem Leben mit Tovia antwortete Adina: der schönste Tag war, als wir uns 1958 kennengelernt haben, die schlimmsten Tage waren, als Tovia im 6-Tage-Krieg diente.

Tovia und Adina Ben Chorin
Tovia und Adina Ben Chorin

Beide leben heute in St. Gallen, sind aber immer noch unterwegs mit Vorträgen, Workshops, Gottesdiensten, gerade auch in Deutschland. Rabbiner Tovia ist selbstverständlich längst aus den Fußstapfen des Vaters herausgetreten. Die Freude am Dialog aber hat er von ihm geerbt. Schalom besuchte München bereits wieder, da waren die Schrecken der Schoa eben erst vorbei und an diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel war noch nicht zu denken. 1961 gehörte er zu den Begründern der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und seine Mission wurde fortan der jüdisch-christliche Dialog in Wort und Schrift.

Von Tovia Ben Chorin gibt es nicht so viel Schriftliches. Er pflegt das direkte Gespräch: mit Christen, aber auch mit Muslimen und besonders gern mit Atheisten, wie er auch in München wieder betonte. Die Atheisten würden am meisten mit Gott ringen, ist er überzeugt. Das Ringen aber sei das Wesen des Glaubens, weshalb ihm persönlich von den drei Erzvätern Jakob am nächsten sei. Der habe – wie die Tora erzähle – mit Menschen und Gott gerungen und deshalb den Namen Israel erhalten: der, der mit Gott streitet. Solche Begegnungen mit dem scheinbar Unvereinbaren scheinen bei ihm zu funktionieren. Der Grund mag daran liegen, dass er, wie er bekennt, das Göttliche nicht so sehr im Vertikalen suche, sondern eher auf der horizontalen Ebene fände – zwischen Mensch und Mensch.

Der liberale Münchner Rabbiner Dr. Tom Kucera kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: „Er war mein Mentor während des Studiums am Abraham-Geiger-Kolleg. Ich habe ihn regemäßig in Zürich und Berlin besucht.“ Rabbiner Tovias aufmerksames Interesse für jeden Menschen – Polizisten gleichermaßen wie Jugendliche, Kellner im Restaurant oder eben Gemeindemitglieder oder Gäste – habe er als vorbildlich empfunden. Geschätzt habe er auch sein posthalachisches Denken, das sich nicht mit dem Schulchan Aruch (Josef Karo) – dem gedeckten Tisch – zufrieden gebe, sondern einen stets neu zu deckenden Tisch, einen Schulchan Orech verlange, um in unserer Zeit Halacha als praktische jüdische Ethik angemessen verstehen und leben zu können.

Rabbiner Tovia Ben Chorin mit Rabbiner Tom Kucera (l.) und Kantor Nikola David (r.)
Rabbiner Tovia Ben Chorin mit Rabbiner Tom Kucera (l.) und Kantor Nikola David (r.)

Die Laudatio hielt ein Münchner, der schon seit 1967 mit Tovia Ben Chorin befreundet ist: Prof. Dr. Michael Wolffsohn. Tovia Ben Chorin sei – anders als seine Eltern – ein echter Tzabar, ein geborener Israeli, aber nicht stachlig wie die Frucht, die das Wort im Hebräischen eigentlich bezeichne, die Kaktusfeige. Er sei kraftvoll und sanft zugleich. Schon deshalb sei er für den Dialog – insbesondere den christlich-jüdischen – prädestiniert: „Für einen Dialog auf Augenhöhe, von Herz zu Herz, von Hirn zu Hirn“. Rabbiner Tovia sei ein Weiser, ein Redner, ein Charismatiker: „Ob Bima, Kanzel, Altar, Rednerpult, Stuhl, Sessel: Tovia steht oder sitzt, er strahlt aus. ES strahlt“. Und er sei ein Seelsorger, der sich um die Sorgen und Seele der Menschen kümmere. Wolffsohn: „Rav Tovia is A MENSCH und dadurch ein ‚Menschenfischer‘.“

Tovia Ben Chorin im Gespräch mit Laudator Prof. Dr. Michael Wolffsohn
Tovia Ben Chorin im Gespräch mit Laudator Prof. Dr. Michael Wolffsohn

Freiheit als kollektive Idee: Autor Gerhard Haase-Hindenberg im Gespräch mit Rabbiner Tovia Ben Chorin über Freiheit und Pflichten im Judentum und die Existenz des Göttlichen

Alle Fotos: © H.-P.Katlewski 

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