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Provokante AfD-Demo in Magdeburg am Gedenktag des Novemberpogroms

Am 9. November vor 78 Jahren zettelten die Nazis deutschlandweit ein Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung an. Dieses Novemberpogrom, das sich über mehrere Tage hinzog, kann als der Beginn der Shoa angesehen werden, bei der 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. In Magdeburg wurden in der Nacht auf den 10. November 1938 über 30 jüdische Geschäfte und Arztpraxen sowie Wohnungen von Juden verwüstet…

K. Schmitt, redoc – research & documentation

Der Synagoge rückte die SA mit Sprengstoff zu Leibe, nachdem religiöse Kultgegenstände auf dem Hof der Synagoge verbrannt wurden. Das Magdeburger Pogrom von 1938, bei dem 120 Männer ins KZ Buchenwald verschleppt wurden, bildete das Ende des öffentlichen jüdischen Lebens in der Domstadt an der Elbe.

Ausgerechnet an diesem denkwürdigen Tag demonstrierte die Alternative für Deutschland (AfD) auf dem Magdeburger Domplatz „gegen Multikulti um jeden Preis“. Zur fragwürdigen Datumswahl des rechten Protestes betonte der Landesvorsitzende der AfD in Sachsen-Anhalt André Poggenburg vor wenigen Tagen bei einer Konferenz in Berlin, dass man sich kein Datum verbieten lassen wolle.

Als gegen 19 Uhr die AfD-Veranstaltung auf dem dunklen und von der Polizei hermetisch abgesperrten Domplatz vor rund 250 Anhängern der rechten Partei begann, war jenseits der Hamburger Gitter eine Gegenkundgebung verschiedener Initiativen mit 500 Teilnehmenden schon längst im Gange. Mit Tröten, Trillerpfeifen und lauten Parolen machte dieser Protest deutlich, dass sie in der AfD keine Alternative, sondern das Gespenst von gestern sehen.

Unter der AfD-Klientel und der Sich-Abgehängt-Fühlenden mischte eine Abordnung der Identitären Bewegung (IB) aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, die im Verlauf der Demonstration mit ihren Parolen („Europa, Jugend, Reconquista“) Stimmung im hinteren Teil des Aufzuges machte und rassistische Flugblätter verteilte. Die IB, die seit einiger Zeit durch öffentlichkeitswirksame kriminelle Aktionen Schlagzeilen macht, wird inzwischen vom Verfassungsschutz beobachtet.

Während offizielle Stellen am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, den Toten an der Deutsch-Deutschen Grenze gedenken, nutzte die AfD in Magdeburg den 9. November zum „Ehren der Opfer“ der deutschen Teilung.

Zwar wurde das Novemberpogrom als Randnotiz mehrmals erwähnt, im Totengedenken hatte ein mahnendes Erinnern an die Ereignisse von 1938 jedoch keinen Platz. Die Kranzniederlegung wurde von der Jungen Alternativen durchgeführt, eingeleitet mit einigen Worten des JA-Mitglieds Lars Steinke, der enge Kontakte zur Identitären Bewegung (IB) pflegt.

Auf der AfD-Bühne vor dem Magdeburger Dom traten neben Poggenburg die stellvertretende Bundesvorsitzende der AfD Beatrix von Storch sowie Oliver Kirchner, AfD-Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt, vor‘s Mikrofon.

Wichtigstes Thema aller Redner war die Wahl Donald Trums zum US-Präsidenten. Während Oliver Kirchner sich von Trump wünschte die Sanktionen gegen Russland zu beenden, sprach Beatrix von Storch vom Establishment, das Amerika nun abgewählt hätte. In ihrer Anmerkung zu Trump schien es so, als wolle sie den historischen Wahltag vom 8. auf den 9. November verlegen, um so den Schicksalstag für die jüdische Bevölkerung noch mehr in den Hintergrund zu drängen.

Im Zusammenhang mit Multikulti sagte die stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende, das es Aufgabe der Partei sei, Multikulti zu entsorgen und die links-grün-rot versifften Hintermänner zur Verantwortung zu ziehen.

André Poggenburg mahnte in seiner Rede einen Zusammenhalt aller patriotischen Kräfte an und empfahl, sich keine gegenseitige Distanzierungen aufzwingen zu lassen. Nur so könne man den Wechsel erringen. Damit unterstrich Poggenburg, dass mögliche Verfassungsfeindlichkeit kein Hinderungsgrund für eine Zusammenarbeit ist. Symbolisch hierfür stand denn auch der Auftritt der Lehramtsstudentin und IB-lerin Melanie S. aus Halle, die das Bühnenprogramm mit zwei Liedern ergänzte.

Als nach knapp zwei Stunden die AfD-Veranstaltung zu Ende ging, waren jenseits der polizeilichen Absperrungen noch hunderte Menschen unterwegs, die an das Novemberpogrom von 1938 erinnerten.

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