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Weiter Streit um die Kölner „Klagemauer“

Das vergiftete Erbe eines „verblendeten Antisemiten“ gehört in das EL-DE Haus oder nach Yad Vashem. Eine politische Initiative der Kölner Piraten…

„Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt. Nicht die Ermordeten sind schuldig. Schuldig sind allein die, welche besinnungslos ihren Haß und ihre Angriffswut an ihnen ausgelassen haben. Solcher Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen.“
Theodor W. Adorno (1966): Erziehung nach Auschwitz

Von Roland Kaufhold 

Die Peinlichkeiten um das antisemitische Erbe des Kölner „Klagemauer“-Betreibers Walter Herrmann finden kein Ende. Im Januar diesen Jahres war das Essential der Diskussion nach dem längst überfälligen Rauswurf Herrmanns aus dem Kölner Bürgerzentrum Alte Feuerwache in der linken Wochenzeitung Jungle World beschrieben worden: Die Lehre aus der über ein Jahrzehnt anhaltenden Dauerbesetzung der Domplatte durch Herrmann, mit seinen abstoßenden antisemitischen Pamphleten im Geiste Rechtsradikaler und Shoahleugner, sollte eindeutig sein: Kein Platz für Antisemitismus.

Nach dem Tode Herrmanns im Juni 2016 hätte die Diskussion ein Ende finden müssen. Stattdessen ließen einige wie der „Armenpfarrer“ Franz Meurer und der hinter den Kulissen befremdlich agierende Martin Stankowski – der zwei Jahre zuvor mit allen Mitteln versucht hatte, den Bau eines Jüdischen Museums in Köln zu verhindern – nichts unversucht, um das antisemitische Erbe Herrmanns weiterhin im kollektiven Gedächtnis Kölns zu belassen: Die in ihrem Gehalt bösartigen, sich obsessiv gegen Juden und Israelis richtenden Papptafeln – angeblich 70.000 – sollten nun nicht etwa bei den kleinen, antisemitischen, extrem rechten Kölner Politsekten rund um die zwei Kölner Iranpilgerer und Verschwörungstheoretiker belassen, sondern in einem Kölner Museum bzw. in einem Kölner Archiv aufbewahrt werden.

Die Proteste hiergegen waren ungewöhnlich scharf: Diese ressentimentgeladenen Tafeln gehörten „in den Müll“ (Ulrich Soénius und Ralf Unna). Der Grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck vermochte sich höchstens vorzustellen, dass ein einziges Exponat dieses vergifteten Erbes unter der „Rubrik Schandfleck“ in einem Museum ausgestellt wird (Jüdische Allgemeine, 29.7.2016).

Eine Podiumsdiskussion: „Antisemitische Ressentiments“

Dennoch: Die Versuche, Herrmanns Erbe im kollektiven Gedächtnis der Stadt Köln zu implementieren, ließen nicht nach: In Zeiten, in denen ein AfD-Politiker wie Bernd Höcke sich für eine mehrfach verurteilte Shoahleugnerin wie Ursula Haverbeck unterstützend äußert, in denen ein 2004 aus der CDU-Bundestagsfraktion ausgeschlossener Martin Hohmann mit seiner „Theorie“ vom „jüdischen Tätervolk“ 2017 wieder für die AfD in den Bundestag einziehen könnte, scheint auch ein Walter Herrmann in das kulturelle Gedächtnis Kölns zu passen: Mitte November veranstaltete die katholische Karl-Rahner-Akademie eine sehr prominent besetzte Podiumsdiskussion, um erneut über den Wert des antisemitischen Erbes von Herrmann zu diskutieren – als wenn es nichts Wichtigeres in Köln zu bereden gäbe.

Heraus kam ein typisch kölscher Kompromiss: 150 Papptafeln dieses Erbes sollen vom historischen Archiv sowie vom Kölnischen Stadtmuseum übernommen werden. Bemerkenswerter als die zivilisiert ablaufende Diskussion selbst war jedoch die Reaktion eines Großteils der 150 Besucher: Miguel Freund, Mitglied der Kölner Synagogengemeinde, der laut dem KStA-Beitrag (16.11.2016) unter Polizeischutz anreiste und für die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sprach. Ein Großteil der Besucher buhte ihn bei seinen Wortbeiträgen aus. Auch der Kölner Stadt-Anzeiger zeigte sich erschrocken über die „antisemitischen Ressentiments“, die Beleidigungen, mit denen diese zahlreichen Besucher immer wieder auf Miguel Freunds Stellungnahmen reagierten. Man fühlte sich atmosphärisch an eine Diskussion mit überzeugten Rechtsradikalen erinnert; an eine Atmosphäre, wie sie in den 1960er Jahren vorherrschend gewesen sein soll. Von den Früchten einer „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) ist in Köln offenkundig nichts mehr zu bemerken.

Ein Kommentar im Kölner Stadt-Anzeiger: „Das vergiftete Erbe von Walter Herrmann“ und „ein verblendeter Antisemit“

Auch einige professionelle Besucher der Podiumsdiskussion zeigten sich erschüttert über diese vergiftete antisemitische Querfront-Atmosphäre in Köln. Sofern die Besucher wirklich die „Mitte der Gesellschaft“ widerspiegeln sind sie ein eindrücklicher Beleg dafür, dass Antisemitismus, Ressentiments gegen Juden und sonstige Minderheiten tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind – wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen. Am 17.11. erschien daraufhin im Kölner Stadt-Anzeiger ein mit „Das vergiftete Erbe von Walter Herrmann“ überschriebener Kommentar des Chefredakteurs Peter Pauls zur Podiumsdiskussion, welcher von einer notwendigen Eindeutigkeit gekennzeichnet ist. Pauls konstatiert:

„…Doch später verkam Herrmanns „Soziale Plastik“, wie die Klagemauer bisweilen genannt wird, zum antisemitischen Manifest. Die Schmähkarikatur eines Juden, der ein palästinensisches Kind verspeist, markiert das Extrem dieser Verwahrlosung. Herrmann hat ein vergiftetes Erbe hinterlassen. (…) In den Ruf nach Bewahrung der Klagemauer im Gedächtnis Kölns mischen sich auch andere Töne: Da wird das Wort „Jude“ gezischt, als wäre es ein Schimpfwort. Und sogar die Leugnung des Holocaust ist kein Tabu.

Debatten wie die in der Karl-Rahner-Akademie zeigen, wie sehr die Schuld der NS-Zeit uns noch immer belastet. Der Vertreter der jüdischen Gemeinde kommt, wie üblich, mit Polizeischutz. Er ist sonst nicht sicher in diesem Land, in dem Antisemitismus wieder alltagstauglich ist.

Die Ausfälle in der Diskussion verschärfen die Ausgangsfrage, ob Herrmanns Relikt der Erinnerung wert ist – und sei es nur im Dunkel eines Archivs. Doch spätestens jetzt ist klar: Teile der Klagemauer gehören tatsächlich dorthin. Schon um zu belegen, dass Herrmann am Ende seiner Tage kein Vorkämpfer zivilen Bürgerprotests mehr war, sondern ein verblendeter Antisemit.“

Eine parlamentarische Initiative der Kölner Piraten: Weiterreichung der Schenkung an Yad Vashem oder an das EL-DE Haus

Die Kölner Piraten, die mit zwei Mitgliedern im Kölner Stadtrat vertreten sind – Lisa Gerlach und Thomas Hegenbarth – , haben nun eine wegweisende parlamentarische Initiative ergriffen: Am 6.12. findet eine Sitzung des Kölner Kulturausschusses statt. Dort werden Gerlach und Hegenbarth, auf die Annahme der „Schenkung“ (Herrmanns Dauerdemonstration mit seinen antisemitischen Papptafeln) durch das historische Archiv Bezug nehmend, folgenden Antrag einbringen:

„Der Kunst- und Kulturausschuss der Stadt Köln empfiehlt dem Historischen Archiv, von den Vorschlägen der Mitteilung (2970/2016) Abstand zu nehmen. Die Hinterlassenschaft von Walter Herrmann muss aufgrund der stark antisemitischen Ausprägung der Papptafeln und der Konzeption als „Klagemauer“ als Ganzes sehr kritisch betrachtet werden. Für Institutionen wie das EL-DE-Haus in Köln oder Yad Vashem in Jerusalem könnte die Hinterlassenschaft vielleicht interessant sein, da durch sie Antisemitismus nach 1945 dokumentiert werden kann.“

Diese Initiative werde auch durch ihr prominentes Kölner Mitglied Peter Finkelgruen unterstützt. Finkelgruen, der für die Piraten Mitglied im WDR-Aufsichtsrat ist, habe immer wieder, unter Bezugnahme auch auf seine Biografie als Kind von jüdischen Verfolgten und als 1942 in Shanghai Geborener, den verstörenden antisemitischen Gehalt dieser Papptafeln kritisiert. Herrmanns antisemitisches Agieren im Herzen von Köln habe starke Zweifel in ihm wachsen lassen, ob ein Leben als Jude in Deutschland auf Dauer noch möglich sei.

Es solle deshalb, so fordern die beiden Piraten-Vertreter in ihrem Antrag an den Kölner Kulturausschuss, geprüft werden, ob eine der beiden vorgeschlagenen Institutionen die Materialien übernehmen und sie in den historischen Kontext des „ewigen Antisemitismus“ stellen möchte.

Lisa Gerlach, die als Piratin auch Mitglied des Kulturausschusses ist, fügt in einer Presseerklärung ergänzend hinzu:

„Indem Herrmann dem Stadtmuseum und dem Stadtarchiv seine Papptafeln hinterließ, hat er der Gemeinschaft noch posthum eine Auseinandersetzung mit seinen Themen aufgezwungen. Tatsächlich aber war zu seinen Lebzeiten die „Kölner Klagemauer“ mit ihren agitatorischen und offen antisemitischen Inhalten der Schandfleck der Domplatte. Hier darf man sich nicht um eine Einordung in den zutreffenden Kontext drücken.
Klar ist, dass Teile der Stadtgesellschaft immer ein Problem damit haben werden, ein Erbe, und sei es noch so vergiftet, auszuschlagen. Eine Weitergabe an das EL-DE Haus würde dem vorgreifen. Teile der Klagemauer könnten dann als das archiviert werden, was sie sind, an einem Ort, wo es hingehört.“

Ratsfrau Gerlach weiter: „Mit einer dringend notwendigen Distanzierung sollten wir im Kulturausschuss klarmachen, dass es sich hier zwar um Dokumente eines Protests handelt, dass dieser aber nicht einer Kultur entsprach, für die wir in Köln stehen. Die Annahme von Zensur ist in dem Zusammenhang abwegig. Denn selbstverständlich durfte Hermann seine Meinung im öffentlichen Raum vorbringen, sogar an prominentester Stelle und über ein Vierteljahrhundert hinweg. Die aktuelle Frage ist nur, ob sich die Stadt posthum einen Teil seiner Äußerungen zu eigen machen will. Denn genau das täte sie durch die Ehre einer Archivierung und dem damit verbundene Zurverfügungstellen von teurem Depotraum an öffentlichen Stellen. Eine kritische Stelle wie das EL-DE Haus sollte diesen Prozess begleiten, bevor das Stadtarchiv womöglich die Papptafeln nach dem Zufallsprinzip auswählt und sie damit pauschal zum Teil kölscher Protestkultur adelt. Denn eins ist klar: Die „Kölner Klagemauer“ gehörte nicht zu Köln!“

Es bleibt zu hoffen, dass die Mehrheit des Kulturausschusses und danach auch des Kölner Stadtrates dieser leidigen Diskussion um eine Aufwertung von Herrmanns vergiftetem Erbe ein Ende setzt. Sein antisemitischer Nachlass gehört in ein Archiv, das es als seine Aufgabe betrachtet, Antisemitismus wissenschaftlich aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Politisch gehört dieses Erbe geächtet.

Beiträge des Autors zur „Kölner Klagemauer“:

Ein vergiftetes Erbe. Die Kölner „Klagemauer“ soll als Schenkung in ein städtisches Kölner Museum aufgenommen werden, haGalil, 30.7.2016.
Rubrik Schandfleck: Antisemitische „Klagemauer“ soll dem Stadtmuseum geschenkt werden. Jüdische Allgemeine, 28.7.2016.
Eine Klagemauer, die empört. Neues Deutschland, 20.7.2016.
Kein Raum für Antisemitismus. Dem Betreiber der Kölner »Klagemauer« geht es schlecht, jungle world, 28.1.2016.
Verstoß gegen den Jugendschutz: Vor dem Kölner Dom demonstriert Walter Herrmann seit den frühen 1990er Jahren gegen Israel. Nun wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, tageszeitung (taz), 12.4.2015.
Ein Überzeugungstäter. Ein Kölner Dauerdemonstrant „entdeckt“ den Antisemitismus, in: Die Tribüne H. 194, Nr. 2/2010, S. 40-42.

Literaturhinweis:

Tjark Kunstreich (2005): Befreiung vom „Judenknacks“. Erfolgreiche Propaganda der Tat: Mit einem Anschlag der Tupamaros Westberlin auf das Berliner Jüdische Gemeindehaus begann 1969 die Karriere der Gleichsetzung von Juden und Nazis, Konkret 8/2005.

Bild oben: (c) Gerd Buurmann, aufgenommen am 11. April 2015