Mehr Fragen als Antworten: Die Causa Samuel Salzborn

Die Universität Göttingen hat entschieden, den Vertrag mit dem renommierten Antisemitismus- und Rechtsextremismusforscher Samuel Salzborn nicht zu verlängern. Dass die Universität den Professor für Politikwissenschaft vor die Tür setzt, wirft Fragen auf – Fragen nach den Gründen und nach den Konsequenzen…

Von Floris Biskamp

Vorneweg: Ich kenne Samuel Salzborn schon seit fünfzehn Jahren, ich habe in Gießen bei ihm studiert und mit ihm gearbeitet. Wir hatten und haben dabei diverse inhaltliche Differenzen – in Bezug auf Politik, Philosophie, Methodologie und die angemessene Schärfe von Essen, von Fußball ganz zu schweigen.

Die Nichtverlängerung seines Vertrages als Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen stellt mich jedoch weit über jeden persönlichen Bezug und jede Differenz hinaus vor Fragen: Warum wird ein renommierter und ausgesprochen engagierter Wissenschaftler wie Salzborn vor die Tür gesetzt, obwohl sich der Fakultätsrat einstimmig für ihn ausspricht? Warum beschneidet die Unileitung damit effektiv die Rechtsextremismusforschung, wenn sie so notwendig scheint wie selten? Warum lässt sich eine Universität mehrere hunderttausend Euro Drittmittel entgehen, nur um einen Professor loszuwerden, der einen Bruchteil dessen kostet? Und was heißt das für mich als Teil des wissenschaftlichen „Nachwuchses“?

Sowohl die Universität als auch der Betroffene selbst verfolgen eine ausgesprochen rigide Informationspolitik. Ich habe keine Informationen zum Fall, die über die bisherigen Presseberichte und diverse Gerüchte auf Universitätsfluren hinausgehen würden, glaube aber zu einer besseren Einordnung der bekannten Informationen beitragen zu können. Dabei komme ich nicht umhin, verschiedene Spekulationen gegeneinander abzuwägen. Das ist freilich heikel, aber unter den gegebenen Umständen unumgänglich. Denn verzichtete die Öffentlichkeit bei einer solchen Informationslage auf Spekulationen, müsste sie schweigen. Dann müsste die Seite, die am längeren Hebel sitzt – aktuell die Unileitung – ihr Handeln niemals rechtfertigen und könnte die Angelegenheit einfach aussitzen. Das Handeln der Universität ist in hohem Maße erklärungsbedürftig, aber die Universität macht keine Anstalten, zur Klärung beizutragen.

Um das zu ändern, lohnt es sich, den vom Fachschaftsrat initiierten offenen Brief zu unterschreiben, denn ohne öffentlichen Druck wird die Universitätsleitung keinen Grund sehen, sich zu bewegen oder auch nur zu äußern.

Legitime Gründe

Bei der Suche nach dem Warum sollte man mit den naheliegenden, unspektakulären Antworten anfangen, denn bekanntlich sind die einfachsten Erklärungen in der Regel die richtigen. Es kann durchaus legitime Gründe geben, den Vertrag eines Professors nicht zu verlängern, nämlich dieselben Gründe wie bei allen anderen Angestellten: Wer seinen Job nicht macht, fliegt. Könnte dies in der Causa Salzborn der Fall sein? Die professoralen Aufgaben, um die es gehen könnte, lassen sich in vier Bereiche eingliedern.

Erstens könnte man fragen, ob Salzborn nicht genug oder nicht gut genug geforscht hat. Forschungserfolge werden heute in aller Regel anhand der Zahl und der Qualität von Publikationen gemessen. Was die Zahl angeht, ist Salzborn über jeden Zweifel erhaben. Mehr als er kann man kaum publizieren und mehr publiziert auch kaum jemand. Reichte seine Publikationszahl nicht aus, dürfte kein Arbeitsvertrag an der Uni je verlängert werden. Bleibt die Frage nach der Qualität seiner Schriften. Diese kann eine Uni-Leitung nicht bestimmen, indem sie sie selbst liest und beurteilt, denn zur Bewertung der Fachdiskussionen in den Einzeldisziplinen ist sie nicht qualifiziert oder befugt. Vielmehr muss sie die Qualität der Publikationen an formalen Kriterien bemessen. Ob die gängigen formalen Kriterien sinnvoll sind, ist eine offene Frage. Legt man sie aber an, hat Salzborn mehr als genug vorzuweisen. Seine Bücher erscheinen nicht etwa im Self-Publishing oder in Hinterhofverlagen, sondern zum großen Teil im politikwissenschaftlich sehr angesehenen Nomos-Verlag. Darüber hinaus hat er jedes Jahr Publikationen in renommierten englischsprachigen Journals vorzuweisen – der Goldstandard akademischer Publikationen. Dass die Göttinger Unileitung Salzborn für einen schlechten Forscher hielte, wäre auch insofern überraschend, als der Stiftungsrat der Universität ihn vor nicht einmal einem halben Jahr für seine Exzellenz in der Forschung ausgezeichnet hatte.

Zweitens könnte man fragen, ob Salzborn die universitäre Lehre hat schleifen lassen. Die Lehre zählt aus meiner Perspektive zu den wichtigsten Tätigkeiten von Professorinnen[1], jedoch leider auch zu denjenigen, mit denen am wenigsten Ruhm, Ehre und symbolisches Kapital zu erlangen ist. Daher gibt es durchaus viele, die zwar für ihre Lehrtätigkeit bezahlt werden, diese aber mit so wenig Aufwand und Elan wie möglich betreiben – auf Kosten der Studierenden versteht sich. Da ich Salzborns Seminare als Student in Gießen selbst erlebt habe, halte ich das bei ihm für eine unwahrscheinliche Variante. Hätte sich sein Lehrstil in der Zwischenzeit wirklich stark zum Negativen gewandelt, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass die studentische Vertretung an der Fakultät, der Fachschaftsrat, sich so für ihn engagiert – mit explizitem Verweis auf seine Lehrmethoden. Und ohnehin: Uni-Leitungen sind nicht eben dafür bekannt, der Lehre bei solchen Entscheidungen allzu viel Gewicht beizumessen.

Drittens könnte man darüber spekulieren, ob Salzborn seine Aufgaben in der universitären Selbstverwaltung nicht erledigt hat – die Organisation von Studiengängen, die Mitarbeit in Gremien usw. Auch dies zählt sicherlich zu den ungeliebten Tätigkeiten an Hochschulen. Jedoch handelt es sich wiederum um keine plausible Erklärung. Dies gilt zum einen, weil der Fachschaftsrat gerade die Organisation des Studiengangs Sozialwissenschaften als Salzborns wichtigste Funktion benennt. Zum anderen spricht das einstimmige Votum des Fakultätsrats für eine Vertragsverlängerung gegen diese Variante, denn hier stimmen diejenigen Kolleginnen ab, die die Verwaltungsfaulheit eines einzelnen Profs ausbaden müssten.

Viertens schließlich könnte der Universität die Summe der von Salzborn eingeworbenen Drittmittel nicht ausreichen. Universitäten finanzieren sich heute nicht mehr allein aus den dauerhaft zugewiesenen Mitteln der Länder, sondern sind zur Aufrechterhaltung des Betriebes – und erst recht zum Erreichen von „Exzellenz“ – darauf angewiesen, zusätzliche zeitlich befristete Mittel von Stiftungen und Institutionen einzuwerben, die berühmten Drittmittel. Das müssen in der Regel die Professorinnen und ihre Mitarbeiterinnen leisten. Diese Tendenz führt zugespitzt gesprochen dazu, dass an Universitäten immer weniger Zeit mit Forschung und Lehre und immer mehr Zeit mit dem Verfassen von Anträgen verbracht wird. Ein Antrag für ein großes Drittmittelprojekt kann ein ganzes Team über viele Monate hinweg binden und hat je nach Art des Projekts und geldgebender Institution eine Erfolgsquote zwischen 10 und 40 % – Frust ist vorprogrammiert. Wer ein solches Projekt ergattert, kann dann zwar zusätzliche Stellen vergeben. Diejenigen, die auf diesen Stellen arbeiten, müssen jedoch bald anfangen, den Folgeantrag vorzubereiten – schließlich sind die Mittel ja befristet. Man kann sich leicht vorstellen, dass der Erfolg beim Einwerben von Drittmitteln ein auf Universitätsseite sehr gängiges, ein auf professoraler Seite aber wenig beliebtes Kriterium zur Bewertung der Qualität von Wissenschaft ist. Aber wie sieht es hier bei Salzborn aus? Den medialen Berichten zufolge war er entscheidend an der Planung eines Landesprojektes beteiligt, das ein Dokumentationszentrum für Rechtsextremismus und Islamismus mit einem Jahresbudget von 750.000 € nach Göttingen gebracht hätte. Anscheinend schiebt die Universität lieber dieses Projekt auf und konzipiert es neu – was einen erheblichen Arbeitsaufwand sowie einen späteren Beginn des Geldflusses bedeutet – als Salzborn mit dem Projekt zu behalten. Daher scheinen zu wenige Drittmittel auch keine wirklich plausible Erklärung zu sein.

Fragwürdige Gründe

Gerade weil diese legitimen Gründe allesamt wenig plausibel scheinen, wundert es nicht, dass Spekulationen über andere Gründe ins Feld schießen, die bei einer solchen Entscheidung eigentlich gar keine Rolle spielen dürften. Das wären alle Gründe, die sich nicht darauf beziehen, dass Salzborn seine Pflichten nicht exzellent erfüllt hätte, und insbesondere die Gründe, die im einen oder anderen Sinn als „politisch“ zu bezeichnen wären.

Die erste Spekulation über einen politischen Grund bezieht sich auf spezielle hochschulpolitische Entwicklungen an der Uni Göttingen und findet sich in der Erklärung des Fachschaftsrates. Dort heißt es, es gebe in Göttingen einen allgemeinen Prozess der Marginalisierung von Sozialwissenschaften, der sich mit der Salzborn-Entscheidung fortsetze. Es ist allgemein durchaus plausibel, dass eine Universitätsleitung, die gerne die begehrte Auszeichnung als „Exzellenz-Universität“ erlangen möchte, eher auf Lebenswissenschaften und MINT-Fächer denn auf Sozial- und Geisteswissenschaften setzt – bei ersteren gibt es einfach mehr Renommee und Geld zu holen. Für diese These spricht, dass das Dokumentationszentrum für Rechtsextremismus und Islamismus nun nicht in den Sozialwissenschaften, sondern an der Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek angesiedelt sein soll, sicherlich keine Stärkung der Sozialwissenschaften.

Der Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen weist diese These jedoch scharf zurück. Nun hat ein Dekan sicherlich ein nachvollziehbares Interesse, die von ihm geführte Fakultät nicht als marginalisiert erscheinen zu lassen, jedoch bringt er durchaus plausible Argumente gegen die allgemeine Marginalisierungsthese vor. Er verweist darauf, dass die Salzborn-Professur anders als zuerst gemeldet neu ausgeschrieben wird, der von dieser Professur abhängige Studiengang bestehen bleibt und die Sozialwissenschaften sogar durch weitere Professuren gestärkt würden.

Dennoch könnte man vermuten, dass ein von Salzborn geleitetes Dokumentationszentrum für eine bestimmte Ausrichtung der Göttinger Sozialwissenschaften gestanden hätte, die Unileitung aber andere Pläne verfolgt. Dass einzelne Professuren der strategischen Ausrichtung der Universität geopfert werden, ist durchaus nicht unüblich. Sollte es der Fall sein, wäre eine Strategie, die der Rechtsextremismusforschung in der aktuellen Lage einen solchen Rückschlag verpasst, jedoch gelinde gesagt diskutabel.

Die üblich-verdächtigen Gründe

Ebenfalls eine gewisse Plausibilität hat eine zweite Spekulation, die man weniger in der medialen Berichterstattung, aber umso öfter in der akademischen Gerüchteküche hört. Dabei geht es um allgemeinere hochschulpolitische Entwicklungen, die auf eine Prekarisierung des Personals hinauslaufen.

Früher waren Professuren in aller Regel Dauerstellen. Wer einmal berufen wurde, saß den Rest seines Lebens fest im Lehrstuhl und war kaum von ihm herunterzuwerfen – was nicht zuletzt die Freiheit der Lehre garantieren und politische Einflussnahme verhindern sollte. Unterhalb der Professuren gab es die Position der Akademischen Rätin, die zwar weniger renommiert, aber ebenfalls unbefristet war, was eine gewisse Konstanz in Lehre und Organisation bewirkte. Dieses System war mit geradezu feudalen Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnissen verbunden, weshalb seine Aufweichung kein Anlass für Nostalgie ist.

Das heutige Post-Bologna-System, durch das der Ordinarien-Feudalismus im Zuge diverser Reformen ersetzt wurde, ist jedoch kaum besser. Dem neoliberalen Zeitgeist entsprechend sind die individuellen Wissenschaftlerinnen weniger stark von der Willkür und Protektion einzelner Professorinnen abhängig, dafür aber einem engmaschigen Regime von Evaluation, Leistungsdruck und Disziplinierung unterworfen.

Dieses Regime ist eng mit dem bereits genannten Trend zur befristeten Drittmittelfinanzierung verbunden. Der hat zur Folge, dass die Universitäten selbst immer nur begrenzt einschätzen können, wie lange ihnen die jeweiligen Mittel zur Verfügung stehen. Diese Unsicherheit geben viele Universitäten direkt an ihre wissenschaftlichen Angestellten weiter, indem sie so oft und so viel wie möglich mit befristeten Verträgen arbeiten. Dabei hilft ihnen der Gesetzgeber, denn dank des Wissenschaftsarbeitszeitvertragsgesetzes haben wissenschaftliche Bedienstete an Universitäten in Bezug auf die Befristung ihrer Verträge deutlich weniger Rechte als andere Arbeitnehmerinnen.

Diese allgemeine hochschulpolitische Tendenz führt zu einer Prekarisierung der wissenschaftlichen Bediensteten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und nach insgesamt zwölf Jahren entweder eine der wenigen unbefristeten Professuren ergattert haben oder schlicht aus dem System fliegen. Für die Universitätsleitungen ist dies nur ein halbes Problem, weil der Arbeitsmarkt so eng und so überlaufen ist, dass sich auch für die unattraktivste, auf wenige Monate befristete Stelle sofort eine Vielzahl hochqualifizierter Bewerberinnen findet. Der wissenschaftliche „Nachwuchs“ ist ein nachwachsender Rohstoff.

Kurzum ist es für die Universitätsleitungen durchaus zweckrational, viele ihrer Angestellten in befristeten Arbeitsverhältnissen zu halten. Das schadet zwar der Qualität von Forschung und Lehre, stärkt aber eindeutig die Position der Leitung gegenüber ihren Angestellten und verbessert die Chancen, sie zu mehr „Exzellenz“ – und zu mehr Nachtarbeit – zu „motivieren“ und zu disziplinieren.

Das festzuhalten heißt nicht, den Unileitungen bösen Willen zu unterstellen. Das Problem ist systematisch in den Reformen der letzten Jahrzehnte angelegt, die wiederum Teil breiterer gesellschaftlicher Entwicklungen sind. Es geht nicht um böse Individuen, sondern um neoliberale Gouvernementalität (Samuel Salzborn würde mir diesen Foucaultianismus nun sicher um die Ohren hauen, aber darum geht es hier nicht).

Dieser zweite potenzielle „politische“ Hintergrund im Fall Salzborn, scheint recht plausibel. Wie plausibel genau muss unklar bleiben, solange nicht mehr Informationen an die Öffentlichkeit kommen. Es ist den bisherigen Erklärungen und Berichten nicht zu entnehmen, ob es sich bei Salzborns bisheriger Befristung um eine Art „Probezeit“ gehandelt hat oder ob sie damit begründet war, dass die Universität nur befristete Mittel für die Professur hatte und sie nur deshalb nicht unbefristet besetzen wollte oder konnte. Eine mögliche Quelle solcher befristeten Gelder wäre der „Hochschulpakt“, in dem der Bund den Ländern bei der Hochschulfinanzierung zeitlich befristet unter die Arme greift. In ersterem Falle hätte eine Verlängerung des Vertrages wohl automatisch eine Entfristung bedeutet, in letzterem Falle hätte die Unileitung eventuell einen weiteren Fünfjahresvertrag mit Salzborn vereinbaren können – wenn die rechtliche Rahmung das hergäbe, was ich von hier aus nicht beurteilen kann.

Sollte es so sein, dass eine Verlängerung eine Entfristung bedeutet hätte, wäre es wahrscheinlich, dass Salzborn ein weiteres Opfer der allgemeinen Tendenz zur Prekarisierung an deutschen Hochschulen ist, wenn auch in einem besonders spektakulären und absurden Fall. Es ist gut vorstellbar, dass die Uni versucht, eine langfristig teure Entfristung zu vermeiden, indem sie fadenscheinige Gründe gegen eine Verlängerung nennt oder gar schafft – etwa indem sie ein millionenschweres Drittmittelprojekt in der Schwebe hält und dann darauf verweist, dass Salzborn keine Drittmittel eingeworben habe.

Obwohl das bei der aktuellen Lage an deutschen Hochschulen wenig überraschend wäre, täte die Öffentlichkeit gut daran, einen solchen Entscheidungsprozess in Frage zu stellen. Denn wenn Universitäten wirklich gesellschaftlich notwendige Forschungsprojekte aufgeben, nur um sich nicht auf langfristige Arbeitsverträge einlassen zu müssen, stimmt etwas Grundlegendes nicht.

Skandalöse Gründe

Sollte aber die Möglichkeit eines weiteren befristeten Vertrages mit Salzborn bestanden haben, ist das Handeln der Universität auch aus diesen allgemeinen Tendenzen kaum zu erklären. Eine Professur neu auszuschreiben und zu besetzen bedeutet nämlich erheblichen Aufwand für Universität und Fakultät. Einfache Mitarbeiterinnen können im Hau-Ruck-Verfahren innerhalb einiger Wochen eingestellt werden. Die Besetzung einer Professur erfordert dagegen ein monate- oder jahrelanges Berufungsverfahren, das durchaus scheitern kann und dann wieder neu begonnen werden muss. Das bedeutet nicht nur viel Arbeit, sondern führt auch dazu, dass die Professur in der Zwischenzeit vertreten wird oder vakant bleibt, was den universitären Abläufen sehr abträglich ist.

Dann gewänne die dritte und heikelste Art der Spekulationen über „politische“ Gründe an Plausibilität. So wird in einigen Absätzen des taz-Artikels über den Fall, wiederum unter Berufung auf die Fachschaft, darüber spekuliert, dass Salzborns wegen seiner politischen Positionen geschasst worden sein könnte.

Freilich darf sich eine Universitätsleitung bei Personalentscheidungen nicht von einer Bewertung der von der betroffenen Person vertretenen politischen Positionen leiten lassen, erst recht dürfen keine außenstehenden Akteurinnen aus solchen Gründen Einfluss auf die Entscheidung der Unileitung nehmen. Das heißt jedoch nicht, dass es nie geschehen würde.

Und tatsächlich zählt Samuel Salzborns zu den wenigen Politikwissenschaftlerinnen in Deutschland, die immer wieder in die Öffentlichkeit treten und sich mit wissenschaftlicher Expertise dezidiert politisch positionieren. Dies war in der Frühzeit der bundesrepublikanischen Politikwissenschaft sehr üblich, ist aber – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden „Professionalisierung“ und Prekarisierung – aus der Mode gekommen. Dabei positioniert sich Salzborn immer wieder in einer Weise, die ihm zahlreiche Feinde eingebracht haben dürfte.

Schon am Ende seines Studiums erlangte er in interessierten Teilen der Öffentlichkeit einige Bekanntheit durch kritische Recherchen über das rechtsextreme und nationalkonservative Spektrum, wobei insbesondere seine Arbeiten über Vertriebenenverbände prominent rezipiert wurden. Diese Arbeit setzt sich bis heute fort und wurde später noch durch einen Fokus auf die Antisemitismusforschung ergänzt. Dabei warf Salzborn auch diversen Akteurinnen weit jenseits der politischen Rechten Antisemitismus vor, etwa der Linkspartei und Jakob Augstein. Auch jenseits dieser Themenfelder ist er niemand, der seine Sicht der Dinge verbergen würde, so dass er sich nicht bei allen beliebt gemacht haben dürfte – weder außerhalb noch innerhalb der Universitäten. Dementsprechend verwundert es nicht, dass es auch Spekulationen darüber gibt, er könnte aus in diesem engen Sinne politischen Gründen geschasst worden sein.

Anlass für solche Spekulation ist auch die Bezeichnung des vom Land Niedersachsen finanzierten Forschungszentrums an der Uni Göttingen, das Samuel Salzborn wohl geleitet hätte. Im NDR-Artikel zum Thema in Bezug auf Salzborns Plan von einer „Dokumentationsstelle über Rechtsextremismus und Islamismus“ die Rede, in Bezug auf die zukünftigen Pläne ohne ihn aber von einer „Dokumentationsstelle zur Analyse und Bewertung von Demokratiefeindlichkeit und politisch motivierter Gewalt“.

Dass über diese Möglichkeit diskutiert wird, kann die Unileitung kaum überraschen. Die Besetzung politikwissenschaftlicher Professuren ist eine für die Öffentlichkeit relevante Frage. Wenn die Universität diese Entscheidung in einer Weise trifft, die für die Öffentlichkeit nicht nachvollziehbar ist, wenn sie auch nach einer Woche noch keine plausiblen Gründe nennt, nimmt sie solche Spekulationen in Kauf.

Die Außenwirkung der Entscheidung

Solange die Universität keine plausiblen und legitimen Gründe für ihre Entscheidung angibt und solange nicht herauskommt, dass Salzborn das Haustier eines Präsidiumsmitglieds überfahren hat, solange muss man davon ausgehen, dass die Entscheidung aus einem der drei weniger legitimen Gründe oder aus einer Kombination von mehreren gefällt wurde.

Ganz unabhängig davon, was die Intention hinter der Entscheidung war, steht fest, dass diese eine erhebliche Außenwirkung hat.

Zunächst ist da der Eindruck, der in verschiedenen Medienberichten für Überraschung sorgt: Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik so stark ist wie selten zuvor, trennt sich die Universität Göttingen von einem prominenten Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher, obwohl dadurch ein mit einem beträchtlichen Geldfluss verbundenes Dokumentationsprojekt zum Thema Rechtsextremismus zumindest erheblich verzögert wird. Ganz egal, was die Intention hinter der Entscheidung ist, sendet dies ein fatales Signal.

Weil über diesen Sachverhalt bereits viel geschrieben würde, möchte ich zum Abschluss noch eine andere Perspektive eröffnen, nämlich die des sogenannten wissenschaftlichen „Nachwuchses“ und insbesondere seiner politisch engagierten Teile. „Nachwuchs“ sind an deutschen Universitäten alle, die noch keine Professur haben – auch wenn sie schon über 20 Jahre an der Uni Arbeiten und Großeltern sein könnten.

Der „Nachwuchs“ ist eben der prekär beschäftigte Haufen, zu dem auch ich gehöre und dessen Situation ich oben bereits erwähnte. Alle Kolleginnen aus dieser Statusgruppe, mit denen ich bislang über den Fall Salzborn sprach, haben denselben resignierten Gedanken: Wenn der es nicht schafft, wer dann? Unabhängig davon, wie sie zur seinen Positionen stehen, wissen alle, dass Samuel Salzborn einen Lebenslauf, eine Publikationsliste, einen Fleiß und eine Effizienz mitbringt, mit denen man sich kaum messen kann. Als er schon mit 35 zum Professor berufen wurde – andere sind in dem Alter kaum mit der Promotion fertig –, wunderte das kaum jemanden. Wenn nun aber selbst er vor die Tür gesetzt wird, nehmen das alle als klare Botschaft wahr: Egal wie gut und fleißig Ihr seid, egal wie viele Nächte Ihr durcharbeitet, eines werdet Ihr nie sein: sicher. Natürlich ist das keine Botschaft, die die Göttinger Uni senden will, aber es ist doch die, die ankommt.

Weiter überlegt man sich: Wenn Salzborn so vieles richtig gemacht hat, was hat er wohl falsch gemacht? Wenn man sich diese Frage stellt, kommt man wiederum nicht um den Gedanken herum, dass gerade seine politische Exponiertheit das Problem gewesen sein könnte. Also machen sich manche doch Hoffnungen: Wenn ich viele Nächte durcharbeite, aber politisch den Kopf einziehe und bloß mein Maul halte…vielleicht ja dann!

Letztlich gilt: Ganz egal ob man selbst an einer Universität arbeitet oder studiert oder eben nicht; ganz egal ob man Salzborns Positionen im Einzelnen teilt oder nicht. Wenn man ein Interesse daran hat, dass sozialwissenschaftliche Forschung gesellschaftliche Missstände beforscht und kritisiert, wenn man will, dass dies unter zumutbaren Zuständen sowie ohne die Gefahr politischer Einflussnahme geschieht, sollte man Samuel Salzborn unterstützen – und sei es nur, indem man den offenen Brief unterzeichnet.

[1] Aus Gründen der Einfachheit verwende ich das generische Femininum. Wenn es der Kontext nicht anders impliziert sind damit immer alle Personen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität bezeichnet. Männer sind immer mitgemeint.