roots

Die Angst ist der Feind auf beiden Seiten

Die Siedler, so sagte der charismatische Friedensaktivist Rabbi Fruman einmal, sollten die fünf Finger der zum Frieden ausgestreckten Hand bilden. Menachem Fruman gehörte 1967 zu den Fallschirmjägern, die die Altstadt von Jerusalem befreiten. Er wurde einer der Mitbegründer des jüdischen Siedlungswerkes Gush Emunim…

Von Oliver Vrankovic

Rabbi Fruman setzte sich für eine interreligiöse Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern ein und war spiritueller Mentor vieler Begegnungsprojekten zwischen Juden und Palästinensern in Judäa und Samaria, also der Westbank. Die religiös verankerte Verbundenheit zum Land ging ihm über Besitzansprüche. Seine Vision für die Beilegung des Nahostkonflikts war eine Zwei-Staaten-Lösung ohne Bevölkerungsaustausch. Jüdische Siedler stellte sich Fruman als jüdische Bewohner eines palästinensischen Staates vor. Für sein Anliegen ging Fruman so weit, sich mit den Führern von Fatah und Hamas zu treffen und Sicherheitsgarantien auszuhandeln.

Rabbi Fruman war einer der ärgsten Widersacher gegen die sogenannten “Preisschild”-Übergriffe. Ein surreal anmutender Kurzfilm zeigt ihn mit Gebetsriemen in einer von jüdischen Extremisten verwüsteten Moschee, wo er einer Gruppe von Palästinensern “Allahu Akbar!” zuruft.

Der 2013 verstorbende Fruman inspirierte das 2014 ins Leben gerufene Projekt Roots. Roots begann als lokale Initiative für die interreligiöse Verständigung zwischen den Bewohnern des Siedlungsblocks Gush Ezion und deren palästinensischen Nachbarn. Ihre Gründer Shaul Judelman und der Palästinenser Ali Abu Awwad sind beide stark von den Ideen Rabbi Frumans beeinflusst.

Shaul Judelman aus Bat Ayin wanderte in jungen Jahren aus Südafrika nach Israel ein, nachdem seine Eltern beschlossen hatten, der Apartheid den Rücken zu kehren. Er sei auf zu vielen Beerdigungen gewesen, begründet Shaul Judelmann die Notwendigkeit auf die palästinensischen Nachbarn zuzugehen. Er ist sich sicher, dass diejenigen, die vor Ort lebten, zur Lösung des Konflikts einiges mehr beitragen könnten, als diejenigen, die nur darüber reden. Mit dem Palästinenser Ziad Sabateen eröffnete Judelman 2013 eine Bio-Farm. Als 2012 ein palästinensisches Taxi nahe Bat Ayin von jüdischen Extremisten mit einem Molotow Cocktail angegriffen wurde, besuchte der Aktivist Shaul Judelman den verletzten Taxifahrer und betete an dessen Krankenbett für seine Genesung.

2012 besuchte Shaul Judelman den palästinensischen Aktivisten Ali Abu Awwad auf dessen Hof in Khirbet Zakharia. Aus diesem Treffen ging 2014 das Projekt Roots hervor.

Ali setzt sich vor dem Hintergrund seiner Geschichte für Gewaltfreiheit ein. Seine Mutter war PLO Aktivistin und er selbst wurde mit 15 an der Kalashnikov ausgebildet. Während der ersten Intifada wurde er verhaftet und sass vier Jahre im Gefängnis. Während der zweiten Intifada wurde Ali von einem Siedler ins Knie geschossen. Sein Bruder wurde an einem Checkpoint erschossen. Doch Ali schwor der Rache ab. Als seine Familie von einer israelischen Initiative kontaktiert wurde, die Trauernde beider Seiten zusammenbringt, und er eine israelische Familie traf, die ebenfalls einen Sohn verloren hatte, sah er die Juden erstmals als Menschen. Heute ruft er zum Gewaltverzicht auf und streckt seine Hand zum Frieden aus.

Ali setzte im Sommer 2014 ein eindrückliches Zeichen der Verständigung als er sich mit Jamal, einem weiteren Aktivisten von Roots, die trauernde Familie eines der drei ermordeten Jugendlichen aufsuchte.

Die Angst, so sagt Ali, sei der Feind, den es auf beiden Seiten zu besiegen gelte. Der Weg zur Freiheit für die Palästinenser gehe durch die jüdischen Herzen.

Als Shaul Judelman Ali Abu Awwat 2012 aufsuchte, wurde er von Eliaz Cohen und Myron Joshua aus Kfar Ezion begleitet. Im Anschluss an das Treffen übergab Ali den Siedlern einen Schlüssel zum Hof. Heute steht dort das Friedenszentrum von Roots.

Nach Myron Joshua gehört das Land Israel nicht den Juden, sondern die Juden in das Land. Myron leitet daraus die Verpflichtung ab, eine gute und gerechte Gesellschaft im Geiste der Propheten zu entwickeln. Es gebe außer den Juden noch Menschen, die auch zu diesem Land gehörten. Es gehe nicht nur darum, sich das Land zu teilen, sagt er, sondern in diesem Land auch gemeinsam zu leben.

Myron ist als Sohn deutscher Auswanderer in Minneanapolis geboren und aufgewachsen. Seit 1971 ist er Mitglied des Kibbuz Kfar Ezion.

Ende der 90er Jahre gab Myron einem palästinensischen Jordanier einen Tramp und gelangte so zu Musa, dem Hausmeister der Grundschule von Gush Ezion. Ein Mann, der den Bewohnern von Gush Ezion bekannt war und dessen armselig anmutendes Haus am Eingang von Khirbet Zakharia steht, einem palästinensischen Dorf inmitten des jüdischen Siedlungsclusters. Myron erfuhr, dass Musas Sohn geheiratet hatte und gerne mit seiner Frau im Haus seines Vaters in Khirbet Zakharia wohnen würde. Doch Musas Bemühen, bei der Zivilverwaltung eine Baugenehmigung zu erwirken, war erfolglos. Myron wandte sich an den Vorsitzenden der Regionalverwaltung um ein Empfehlungsschreiben für den Hausmeister zu erwirken. Der Regionalverwalter lachte und meinte, dass er kein Problem habe, so ein Schreiben aufzusetzen, da eine Genehmigung ohnehin nicht erteilt würde. Für Myon waren die Begegnungen mit Musa und dem Zynismus des Regionalverwalters Schlüsselerlebnisse. Er begann die Welt und die Lebenssituation der Palästinenser mit anderen Augen zu sehen.

Myron brannte es unter den Fingernägeln, Khirbet Zakharia zu besuchen. Wie unbekannt die palästinensische Gemeinde den Bewohnern von Kfar Ezion war, kann durch ein Gerücht veranschaulicht werden, dass Ende der 90er im Umlauf war. In Khirbet Zakharia, so hieß es, lebten Menschen in Wohnhöhlen. Die zweite Intifada setzte dem Ansinnen Myrons ein vorläufiges Ende. Es dauerte Jahre, bis Myron bei den Jerusalem Hugs einen Palästinenser aus dem nahen Beit Ummar umarmte und sich ein Herz fasste und diesen bat, ihn mit nach Khirbet Zakharia zu nehmen.

Sein erster Besuch in der palästinensischen Gemeinde schockierte ihn. Nicht wegen der Wohnhöhlen, die es nicht gab. Sondern wegen der Enge in der die Familie leben. Er hörte von unzähligen abgelehnten Bauanträgen, sah eine halbfertige Moschee, die nicht weitergebaut werden darf und eine Straße, die ohne Genehmigung geteert und deshalb vom israelischen Militär wieder aufgerissen wurde.

Anfang 2010 nahm Myron an einer Begegnung zwischen Palästinensern und Siedlern teil, die von Eliaz Cohen und zwei weiteren Schülern von Rabbi Frumann initiiert wurde.

Siedler und Palästinenser machten ihre Angst vor dem Anderen zum Thema. Eine Siedlerin gab zu, dass sie sich nicht traue, palästinensische Anhalter mitzunehmen. Ein Palästinenser beklagte, dass er seinen Kindern nicht erklären könne, warum die Juden von der Zivilverwaltung besser behandelt würden. Rabbi Frumann sagte, dass er sich für die aufgerissene Straße und die halbfertige Moschee schäme. Der Poet Eliaz Cohen verlas Verse des Propheten Zakharias.

Kurz nach dem Treffen mit den Palästinensern gab es in Kfar Ezion eine Kibbuz Vollversammlung, deren Vorsitz Eliaz Cohen führte. Thema war der 10monatige Baustop, den die israelische Regierung als Geste des Guten Willens gegenüber den Palästinensern über die Siedlungen verhängt hatte. Ganz aufgewühlt von dem Treffen mit den Palästinensern, wagte es Myron den Versammelten ins Gesicht zu schreien, dass sie engstirnig seien und nur sich selbst sehen würden. Er verwies auf die Bewohner von Khirbet Zakharia, die um einiges mehr unter der Politik zu leiden hätten und für die sich niemand interessiere.

Als der protestantische Pastor John Moyle aus Virginia, der sich bei „Christ at the checkpoint“ engagiert, nach Khirbet Zakharia kam, beschloss er – für einen Friedensaktivisten ungewöhnlich – auch Kfar Ezion zu besuchen. Er vermittelte Myron  Treffen mit Bewohnern der nahe liegenden palästinensischen Dörfer. Die Aktivitäten von Myron nahmen Fahrt auf. Nachdem jahrelang kaum etwas passiert war, geschah plötzlich sehr viel, erinnert sich Myron.

Myron begann ausländische Besuchergruppen nach Khirbet Zakharia zu führen, wo sie von Bewohnern über die Situation der Palästinenser unterrichtet wurden. Dabei bekam Myron mit, dass sich die Palästinenser so sehr vor den Siedlern fürchteten, wie die Siedler sich vor den Palästinensern.

Bei einem Besuch in Khirbet Zakharia veranschaulicht Myron die Missstände, gegen die er sich engagiert. Musa, der inzwischen pensioniert ist und seit mehr als 20 Jahren auf seine Baugenehmigung wartet, hat einen Balkon abgehängt, um etwas zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Gegen illegale Anbauten in Khirbet Zakharia werden Abrissbefehle erteilt, erklärt Myron und findet seinen Weg zu einem Haufen Schutt, um klar zu machen, dass die Abrissbefehle auch umgesetzt werden. Auch die Schule im Dorf erhalte keine Baugenehmigung, sagt Myron. Auf der ungeteerten Hauptstraße vor dem kleinen Schulgebäude stehend, deutet auf den deutlich sichtbaren repräsentativen Bau der Talmundschule im benachbarten Alon Shvut, um den Gegensatz aufzuzeigen. Auf seinem Weg durch Khirbet Zakharia wird Myron unzählige Male angehalten und nach seinem Wohlergehen befragt. Es gehe ihm gut, erwidert der Siedler jedes Mal und schickt nach, dass ihn einzig die nicht erteilten Baugenehmigungen schmerzen würden.

Der Besuch von Khirbet Zakharia endet auf dem Hof von Ali, wo das Friedenszentrum von Roots steht. 13.000 Besucher verzeichnete das Friedenszentrum seit seiner Gründung, ca. 9000 davon Ausländer und ca. 2000 israelische Menschenrechtler. Außerdem viele Absolventen von militärischen Vorbereitungsakademien, zu deren Programm Begegnungen mit Palästinensern gehören und die mit Roots zusammenarbeiten. Die Zusammenarbeit mit den militärischen Vorbereitungsakademien hält Myron für sehr wichtig. Ali gebe den Israelis mit auf den Weg, dass sie als Soldaten für die meisten Palästinenser Israel repräsentieren.

Myron erklärt, dass die Aktivisten von Roots von der Religion kämen und nicht von der Politik. Ihr Ansatz sei sozial und nicht politisch. Er sei aus der Enttäuschung über die Politik gewachsen, die keine Lösung des Konflikts zu Stande bringe. Der politische Diskurs, so meint Myron, sei rückwärtsgewandt und suche nach der Schuld in der Vergangenheit, statt um sich zu schauen und zu sehen, dass es genügend Platz für alle gebe. Nicht auf dem Boden sei es eng, sondern in den Herzen.

Die Begegnungen zwischen Siedlern und Palästinensern wurden zunächst nicht groß bekannt gemacht. Eine Veröffentlichungen von Myron im Lokalblatt von Gush Ezion zog v.a. ablehnende Reaktionen nach sich.

Rabbi Schlesinger, ein langjähriger Bewohner von Alon Shvut, war indes fasziniert und bewahrte den Artikel für lange Zeit in seiner Schreibtischschublade auf.

Hanan Schlesinger aus Alon Shvut ist beseelt davon im Land der Vorväter zu leben. Die Renaissance des jüdischen Lebens in der Wiege des jüdischen Volkes versteht er als neuzeitliches Wunder. Er sieht die jüdische Präsenz in Judäa und Samaria in einer Kontinuität mit den biblischen Geschichten der Genesis, der Bücher Joshua, der Könige und Richter. Er sagt, dass er die biblischen Ereignisse spüre und sehen könne, wenn er in das Land schaue. Als er 1980 in den Siedlungsblock zog, bestand dieser lediglich aus Kfar Ezion, Alon Shvut, Elazar und Rosh Tzurim. Als er mit den Jahren Nachts immer mehr Lichter immer neuer Siedlungen in dem vermeintlich leeren Land gesehen habe, sei ihm das Herz aufgegangen, sagt Rabbi Schlesinger.

Die Bewohner benachbarter palästinensischer Dörfer habe er schlicht nicht wahrgenommen, sagt Hanan. Palästinenser habe er nur als Gärtner, Installateure und Elektriker gekannt und von Festnahmen in der Armee. Als Nachbarn habe er sie schlicht übersehen.

Nachdem er den Artikel von Myron Joshua im Lokalblatt von Gush Ezion gelesen hatte, begann die Neugier an ihm zu nagen. Schließlich trat er mit Myron in Kontakt. Dieser verwies ihn zunächst an John Moyle, der ihn im Frühjahr 2014 zu einer kleinen Versammlung auf den Hof von Ali Abu Awwat einlud.

Hanan
Hanan Schlesinger

Hanan erzählt, dass es das erste Mal gewesen sei, dass er Palästinensern auf gleicher Augenhöhe begegnet sei und sie jenseits seiner Vorurteile als Menschen wahrgenommen habe. Als Menschen, die ihre eigenen Geschichten haben, die sie mit dem Land verbinden. Einen fremden Narrativ zu hören, der gleichsam Geltung fordere, habe ihn überwältigt, sagt Hanan. Um zu einer Verständigung zu kommen, so erklärt Hanan, müssten sich beide Seiten der schmerzhaften Erkenntnis stellen, dass die jeweils Anderen im gleichen Land verwurzelt sind. Zum eigenen Narrativ müsse sich die Empathie für den Anderen gesellen.

Als er die Geschichte von Ali Abu Awwad hörte, habe sich etwas vollzogen, was er mit dem Betrachten jener Illustrationen vergleichen könne, in denen allein durch eine Änderung des Blickwinkels ein neues Bild erscheine.

Der von Roots initiierte Dialog habe bestimmt Tausend Israelis aus Gush Ezion erreicht, erzählt Hanan und verweist darauf, dass dies immer noch nur ein Bruchteil der Bewohner des Siedlungsblocks sei.

Die Dialogpartner der Siedler sind eine Hand voll Palästinenser, vor allen Ali. Bei dem Treffen, dass Hanans Weltsicht veränderte, saßen die Siedler mit Ali, Jamal und Ziad Sabateen zusammen.

Hanan erklaert, dass es unter den Palästinensern als Kollaboration mit der Besatzung gelte, sich mit den Siedlern zu treffen.

Myron erzählt eine Geschichte um die Dimension des Problems mit der PA zu verdeutlichen. Der Bruder des Mukhtars von Khirbet Zakharia vermittelte einst Siedler an einen Palästinenser in Bethlehem, der ihnen Stühle für eine Feier zum Laubhüttenfest lieh. Für die Feier wurde ein Stück Land von einem weiteren Palästinensischer gemietet. Die PA nahm alle drei fest und steckte sie ins Gefängnis. Der Bruder des Mukhtars kam wegen eines Trauerfalls in der Familie nach einer Woche frei. Der Prozess ist ihm aber noch anhängig.

Alis Glück sind seine Kontakte zur PLO.

Das Missverhältnis ist der Grund, warum viele ambitionierte Roots-Initiativen wie das Dual Narrativ Programm oder die Familientreffen auf Eis liegen. Zur Zeit sei Roots vor allem ein Hub, sagt Myron. Die tatsächlichen Aktivitäten von Roots sehen so aus, dass Ali in das Haus eines Siedlers eingeladen wird, wo er dann seine Geschichte erzählt. Auf sieben oder acht solcher Treffen seien jeweils 20 bis 60 Siedler erreicht worden.

Der Ansatz von Roots sei lokal, bestätigt, Hanan. Trotzdem solle aus den Begegnungen eine Bewegung mit politischer Wirkungsmacht entstehen. Den die Ungerechtigkeit lasse sich letztlich nur politisch beseitigen. Der spirituellen Transformation solle eine politische folgen. Wenn 10.000 Siedler und 10.000 Palästinenser gemeinsam Änderungen fordern würden, könnten sie nicht mehr überhört werden, visioniert Hanan.

Hanan und Myron sind Anhänger des relativ neuen Ansatz “Zwei Staaten in einem Heimatland” einer Art Föderation zweier souveräner Staaten mit durchlässigen Grenzen, die jedem Bewohner zugestehen würde seinen Wohnort frei zu wählen. Im Gegensatz zur Zwei-Staaten-Lösung von Rabbi Fruman würden sie als Siedler israelische Staatsbürger bleiben. Dies, so sagen sie beide, sei ihnen sehr wichtig.