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Trotz alledem! Jüdischer Fußball im Nationalsozialismus

Historiker beleuchten ein vergessenes Kapitel der deutschen Sportgeschichte…

Bis 1933 waren jüdische Fußballvereine in Deutschland eher eine Randerscheinung – jüdische Kicker wie auch alle anderen Sportler waren Mitglieder in den allgemeinen deutschen Turn- und Sportvereinen. Das änderte sich nach der sogenannten Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 rasch: Die deutschen Sportvereine setzten ihre jüdischen Mitglieder vor die Tür, oft im vorauseilenden Gehorsam noch vor den staatlichen Anordnungen der NS-Regierung. Um sich weiterhin sportlich betätigen zu können und insbesondere Fußball zu spielen, blieb den Ausgeschlossenen nichts anderes übrig, als sich den wenigen noch bestehenden jüdischen Vereinen anzuschließen oder neue zu gründen.

In Nürnberg war mit dem „Jüdischen Turn- und Sportverein“ bereits 1913 eine solche Gemeinschaft gegründet worden. Ab 1919 änderte der Verein seinen Namen und nannte sich nun „Bar Kochba Nürnberg“, nach dem Anführer des jüdischen Aufstandes gegen das Römische Reich im 2. Jahrhundert n. d. Z. Schon 1927 zählte der Verein rund 500 Mitglieder, denen ein breites Spektrum an Sportarten geboten wurde, wie etwa Leichtathletik, Schach, Boxen, Judo, Ski, Handball und natürlich Fußball. Mit Verfügung des „Staatsministeriums des Inneren“ wurde dem Verein im Mai 1933 ein „Betätigungsverbot“ auferlegt. Zwar konnte Bar Kochba den Sportbetrieb mit massiven Einschränkungen für einige Monate wieder aufnehmen, doch Anfang 1934 folgte das endgültige Aus: Der Klub wurde auf polizeiliche Anordnung in den Einheitssportverein ITUS (Jüdischer Turn- und Sportverein) zwangsüberführt. Im Rahmen der Neugründung entstand auch wieder eine eigenständige Fußballabteilung, die Ende 1934 mit dem Training begann. Die Kicker nahmen an verschiedenen Pokal- und Ligaspielen teil.

1937 dominierten die Nürnberger die bayerisch-jüdische Fußballmeisterschaft, sie gewannen alle Turnierspiele und trafen im Finale auf den Rivalen vom Jüdischen Sportklub Fürth. Nach einer aufregenden Partie ging ITUS Nürnberg mit einem 5:3-Sieg vom Platz. 1938 wurde nochmals eine zweite und letzte Meisterschaft ausgespielt, an der aber neben Nürnberg nur noch Fürth, Augsburg und München teilnahmen. Viele Aktive hatten Deutschland verlassen. Unter ihnen Kapitän Fred Schnaittacher, der ab 1939 beim „German Jewish Club“ in der Emigrantenliga von New York spielte und als „Stratege von ungewöhnlicher Begabung mit vorbildlicher Übersicht und flachem Zuspiel“ sein Team führte. Andere waren, wie Leon Mandel als polnische Staatsbürger 1938, nach Polen abgeschoben worden. Mit dem Novemberpogrom vom 9. November 1938 endete auch die Vereinsgeschichte von ITUS Nürnberg. Mit Schreiben vom 16. April 1939 wurde ITUS „behördlich aufgelöst“.

Mannschaft und Funktionäre des ITUS Nürnberg (ca. 1936/37).
Mannschaft und Funktionäre des ITUS Nürnberg (ca. 1936/37).

Dies ist eine der etwa 200 nahezu unbekannten Geschichten über die vergessenen jüdischen Vereine, die von den Sporthistorikern Lorenz Peiffer und Henry Wahlig (Universität Hannover) erzählt werden. Nach jahrelanger Recherchearbeit haben sie einen akribischen und systematischen Überblick zu den Jüdischen Fußballvereinen im nationalsozialistischen Deutschland vorgelegt. Sie berichten von rund 50.000 sportbegeisterten Juden, die sich nicht entmutigen ließen, weiter Fußball spielen wollten, und trotz Ausgrenzung, Terror und Verfolgung ein beeindruckendes Sportsystem mit eigenen Ligen, Pokalwettkämpfen und Meisterschaftsturnieren aufbauten.

Peiffer und Wahlig sahen unzählige jüdische Zeitungen durch, studierten in nationalen und internationalen Archiven die Erinnerungen geflüchteter Sportler, recherchierten Dokumente und werteten regionale Studien aus. Dies gilt insbesondere für Nürnberg, wo von örtlichen Forschern grundlegende Arbeiten vorliegen. Dies schmälert jedoch nicht den Verdienst der beiden Sporthistoriker. Denn nun werden die Ergebnisse erstmals zusammenfassend einer breiteren Leserschaft präsentiert. Auf 570 Seiten erzählen sie Geschichten von jüdischen Sportlern und die Geschichte ihrer Vereine. Spieler und Funktionäre werden aufgelistet, Biografien, Ergebnisse und Partien dokumentiert; es gelingt den Autoren ein umfassendes Bild einer untergegangenen Fußballkultur nachzuzeichnen, wie sie nie wieder entstehen sollte. Hochspannender Lesestoff nicht nur für Fußballfans! – (jgt)

Lorenz Peiffer/Henry Wahlig, Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche, Göttingen 2015, 44,90 €, Bestellen?