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Die Unfähigkeit zu lieben

Agnes C. Mueller erklärt in ihrem gerade erschienenen Buch zur deutschen Gegenwartsliteratur, warum und wie sich die jetzt lebenden Generationen der nicht-jüdischen Deutschen Juden gegenüber sehen und verhalten. Sie konstatiert zwar eine Veränderung seit dem Ende der Shoah, gibt aber noch keine Entwarnung. Nicht länger die Unfähigkeit zu trauern (Alexander und Magarete Mitscherlich) präge das Verhältnis, sie habe sich nun leider in eine Unfähigkeit zu lieben verwandelt…

Von Martin Jander

Langsam, so wäre zu hoffen, könnte die zweite und dritte Generation der deutschen Nazikinder die von ihren Eltern weiter gegebenen antijüdischen Ressentiments aufgeben und die „zweite Schuld“ (Ralph Giordano) hinter sich lassen. Aber, so jedenfalls Agnes C. Mueller[1] aus den USA, danach sieht es nicht aus. Mueller, Professorin der Humanwissenschaften an der Universität von South Carolina, hat im letzten Jahr eine Studie zur deutschen Gegenwartsliteratur veröffentlicht, in der sie die Bilder untersucht, die Nicht-Juden von Juden in ihren Büchern zeichnen. Das Ergebnis kommt nicht ganz unerwartet, ist aber, nach meiner Kenntnis, so noch nicht in einer breiteren politischen Öffentlichkeit diskutiert worden.

Interessant ist vor allem, wo die Autorin überall fündig wird. Dass Günther Grass und Martin Walser sich am Ende ihrer Tage und Schaffenskraft doch ganz unverstellt antisemitisch artikulieren, das ist inzwischen weitgehend verstanden worden. Aber auch Bernhard Schlink, Peter Schneider, Susanne Riedel, Tanja Dückers, Katharina Hacker, Julia Frank, Thomas Hettche und Thomas Meinecke?

Es geht Frau Mueller dabei ausdrücklich nicht um die Autoren. Sie stellt keine Spekulationen oder Untersuchungen darüber an, ob der eine oder andere ein Antisemit sei. Angnes Mueller analysiert die Geschichten, die von diesen Autoren erzählt werden und interessiert sich für die in ihnen aufscheinenden Bilder. Sie möchte mit ihrer Studie an die Sammlung „Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz“ von Klaus Michael Bogdal, Klaus Holz und Matthias N. Lorenz anknüpfen.[2] Die Autoren der Sammlung hatten Texte diskutiert, die offen antisemitsch gemeint sind, unbewusst antisemitische Bilder transportieren oder bewusst mit antisemitischen Bildern spielen und provozieren wollen.

In den vier Kapiteln ihrer Studie demonstriert Agnes C. Mueller unterschiedliche Facetten der, wie sie es nennt, Unfähigkeit zu lieben. Unter dieser Unfähigkeit zu lieben versteht sie die Unfähigkeit menschliche Beziehungen herzustellen, die einen anderen Menschen gleichzeitig als verschieden und dennoch liebenswert wahrnehmen können. Gesprochen wird hier nicht nur von Liebe in familiären oder erotischen Beziehungen.

Im ersten Kapitel setzt sie sich mit der Abwesenheit von Juden in den deutschen Diskursen von Schuld und Scham in den Büchern von Autoren der ersten Nachkriegsjahrzehnten auseinander. Im Vordergrund stehen Günter Grass („Im Krebsgang“, 2002) und Martin Walser („Tod eines Kritikers“, 2002). Ihre Darstellung zeigt, wie die in beiden Büchern ausgelebten Mordphantasien aus der Unfähigkeit zu trauern herrühren und zu einer Unfähigkeit zu lieben führen können.

Kapitel zwei handelt von antijüdischen Ressentiments, das in verschiedenen Frauenbildern ausagiert wird. Besonders verwiesen wird hier auf Bücher und Geschichten von Bernhard Schlink („Der Vorleser“, 1995), Peter Schneider („Eduards Heimkehr“, 1999) und Julia Frank („Die Mittagsfrau“, 2007). In dem Kapitel geht es um negative Bilder jüdischer Frauen, die vor allem als sehr schön, bedrohlich und verführerisch gemalt werden.

Kapitel handelt drei von einer angeblich von Juden oder dem Diskurs über Schuld beschädigten und verletzten deutschen Männlichkeit. Analysiert werden Geschichten von Susanne Riedel („Eine Frau aus Amerika“, 2003), Bernhard Schlink („Die Beschneidung“, 2000), Katharina Hacker („Die Habenichtse“, 2006) und anderen. Mueller zeigt wie in diesen Geschichten Juden als Bedrohung von deutscher Männlichkeit konstruiert werden.

Im letzten Kapitel setzt sich Mueller mit den Bildern auseinander, die in der deutschen Gegenwartsliteratur von Juden und Deutschen in den USA existieren. Wie bereits Dan Diner, Andy Markovits u. a. Autoren stößt Mueller dabei auf das Phänomen, dass Amerika in deutscher Perspektive seit dem 19. Jahrhundert als negative Projektionsfläche genutzt wird. Untersucht werden Bücher von Thomas Hettche („Woraus wir gemacht sind“, 2006), Peter Handke („Der kurze Brief zum langen Abschied“, 1972), Hans Magnus Enzensberger („Offener Brief an den Präsidenten der Weslyan University“, 1968) und vielen anderen.  In der deutschen Gegenwartsliteratur toben sich, wie Mueller zeigen kann, antisemitische, rassistische, frauenfeindliche und homophobe Phantasien und damit problematische Identitätskonstruktionen aus.

Agnes Mueller, sie ist bislang vor allem mit einer von vielen Sozialwissenschaftlern im Unterricht genutzten Publikation zur Pop-Kultur in Deutschland hervorgetreten[3], nutzt in ihrer Studie die Literatur, um Phänomene der politischen Kultur zu erläutern. Ein, wie das Ergebnis zeigt, sehr interessanter und produktiver Zugang. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen sowie ihre Abwehr durch Ausschluss oder die negative Stereotypisierung seiner jüdischen Opfer und Gegner ist mit dem Fall der Mauer und der Vereinigung beider deutscher Staaten nicht an ein Ende gekommen. Die antisemitischen Bilder und Konstruktionen und die Auslassungen der deutschen Gegenwartsliteratur nach dem Fall der Mauer reflektieren einen Zustand, in dem noch nicht so ganz gewiss ist, ob und wieweit sich die deutsche Gesellschaft von ihrem nationalsozialistischen Vorgänger absetzt.

Ganz am Ende ihrer Studie gibt Mueller ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der von ihr analysierte Trend nicht ein für alle Mal festgezurrt sei. Sie verweist auf das Buch von Markus Flohr: „Wo samstags immer Sonntag ist. Ein deutscher Student in Israel“ (2011). In der Liebesbeziehung zwischen Noa, einer sephardischen Jüdin und einem deutschen Protestanten, scheine, so Mueller, eine Beziehung auf, die sie in keinem anderen Buch der deutschen Gegenwartsliteratur gefunden habe. Das Buch zeige zwei junge Leute, die Partner seien, die sich liebten, die über ihre Differenzen sprächen und ihre Gemeinsamkeiten feierten. Zwischen den beiden gäbe es Dialog, Empathie, Vertrauen und Aufrichtigkeit. Es scheine, so Mueller, dass sich zumindest in Markus Flohrs Erzählung die deutsche Unfähigkeit zu lieben in ihr entzückendes Gegenteil verwandelt habe.

Agnes C. Mueller, The Inability to Love – Jews, Gender, and America in Recent German Literature, Northwestern University Press 2015, 178 Seiten, ISBN 978-0-8101-3017-3.

[1] Zu Agnes C. Mueller und ihren Publikationen siehe den Eintrag auf der Internetseite der University of South Carolina: http://artsandsciences.sc.edu/dllc/german/faculty/facdocs/Agnes_Muller.html

[2] Siehe: Klaus Michael Bogdal, Klaus Holz, Matthias N. Lorenz, Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz, Stuttgart 2007.

[3] Siehe: Agnes C. Mueller, German Pop Culture: How „American“ Is It?, University of Michigan Press 2004. 

4 Kommentare zu “Die Unfähigkeit zu lieben

  1. Ich erschrak, als ich das hier las und meldete mich sofort bei der Autorin, die mir versicherte, dass meine Romane in ihrem Buch als positives Gegenbeispiel vorkommen. (Wegen meiner diesbezüglichen Hochempfindlichkeit habe ich gerade vor vier Wochen den deutschen PEN verlassen.) Mit besten Grüßen, Thomas Meinecke

  2. Hallo zeitgenosse,

    ich muss Ihnen ebenfalls widersprechen. Nicht, weil ich denke, dass es hier keine Antisemiten gibt – im Gegenteil – sondern weil ich erstens meine, dass 27% leider noch optimistisch sind, aber auch weil ich den Eindruck habe, dass die Zahlen irgendwie seltsam sind.

    Nehmen wir das Beispiel Schweden. Eine antisemitische Außenministerin, die gefühlt mehr Zeit damit verbringt, sich entsprechend zu positionieren als sie es für ihre eigentliche Tätigkeit aufbringt. Die Dame äußert Positionen, die hier in D zumindest bis heute nicht denkbar sind. Eine sozialdemokratische Partei, die sie gewähren lässt. Eine Bevölkerung, die sich keinen Deut darum schert. In Malmö werden Juden immer offener schikaniert, der sozialdemokratische(!) Bürgermeister meint: „Wenn Malmös Juden nach Israel ziehen, ist das ihre Sache.“ Und dort soll es nur 4% dieser Spezies geben?

    Ich halte diesen weitverbreiteten, ausgeprägten Hass auf den israelischen Staat nicht für kritisch, antizionistisch oder was es noch an ähnlichen Verharmlosungen geben mag, sondern für eindeutig antisemitisch. Mir scheint, die tatsächlichen Zahlen sehen noch anders aus.

  3. Warum sollten die (geistigen) Eliten der Deutschen aus einem anderen Holz geschnitzt sein als der deutsche Pöbel? Deutsche bleiben immer Deutsche, deutsche Judenhasser. Hier zeigen sie im europäischen Vergleich wie sie sind:

    Schweden 4% Antisemiten
    Niederlande 5%
    United Kingdom 8%
    Dänemark 9%
    Tschechien 13%
    Finnland 15%
    Norwegen 15%
    Island 16%
    Irland 20%
    Italien 20%
    Portugal 21%
    Estland 22%
    Schweiz 26%

    Deutschland 27%

    Schlechter als das Land, dem wir Hitler und den Holocaust verdanken, und das doch angeblich so geläutert, und gebessert, aus den tiefsten Niederungen der Zivilisationsgeschichte emporgestiegen ist, schnitten in Westeuropa nur Griechenland, Frankreich, Spanien und Österreich ab.
    http://global100.adl.org/#map/weurope
    http://global100.adl.org/#map/eeurope

    • „Deutsche bleiben immer Deutsche, deutsche Judenhasser.“

      Einspruch, zeitgenosse!

      Ich darf Sie ersuchen, sich zu diesem ausgesprochen sensiblen Themenbereich in Hinkunft einer etwas differenzierteren Ausdrucksweise zu bedienen, denn so und auf diese Weise können Sie, leider, nicht allzu ernst genommen werden.

      Natürlich reicht der Antisemitismus auch bis in allerhöchste Schichten. Nur allzuviele Gebildete, Akademiker, ausgesprochen erfolgreiche Leistungsträger mit ausgezeichnetem handicap und selbstverständlich auch Literaten sind davon betroffen, logisch.

      Nur eines – nicht alle Deutschen sind, so wie es bei Ihnen anklingt, Antisemiten. Bei Arno Gruen in „Der Fremde in uns“ zB, aber auch Erich Fromm in „Psychoanalyse und Ethik“, kann man als interessierter Mensch sehr leicht nachlesen, dass in erster Linie Autonomieunfähigkeit und damit mangelde Fähigkeit zu Empathie und Liebe, unter anderem, auch zu Antisemitismus führt. Arno Gruen bemüht, um es graphisch darzustellen, in diesem Zusammenhang die Gaußsche Verteilungskurve. Diese zugrundegelegt, kommen auf die von Ihnen belegten 27% antisemisch empfindender Deutscher, am anderen Ende der Verteilungskurve 27% mit autonomen Gewissen, empathie-, glücks- und liebesfähig und – keine Antisemiten!

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