Die Naziclique und das Sonnenblumenhaus

Der erste Spielfilm von Burhan Qurbani „Wir sind jung. Wir sind stark.“ über die tagelange rassistische, antiziganistische Gewalt in Rostock-Lichtenhagen vor 23 Jahren kommt jetzt ins Kino…

Von Gaston Kirsche
Gekürzt bereits erschienen in: Jungle World v. 15.01.2015

„Ich war noch sehr klein, als die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen stattfanden“, so der 1980 in Erkelenz im Rheinland geborene Regisseur Burhan Qurbani: „Ich kann mich erinnern, dass ich mich plötzlich sehr fremd gefühlt habe“. Qurbanis Eltern sind aus Afghanistan eingewandert, er selbst habe sich nach der pogromartigen Gewalt von Lichtenhagen als Ausländer gesehen.

Fünf Tage lang versammelte sich im August 1992 die deutsche Nachbarschaft vor der neben dem Sonnenblumenhaus gelegenen Haus. Die Hochhaussiedlung in Ostseenähe war zu DDR-Zeiten beliebt, hier zogen Ingenieure, Lehrer, Werftarbeiter gerne mit ihren Familien ein. Ein Querschnitt der Bevölkerung kam hier an den lauen Sommerabenden zusammen, um gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, ZAst, zu protestieren. Die ZAst war für das ganze Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gedacht, hatte aber nur 150 Plätze und war permanent überbelegt. Anstatt für eine menschenwürdige Unterbringung der zum Teil vor dem Gebäude notdürftig kampierenden Flüchtlinge einzusetzen, wurden die Asylsuchenden beschimpft. Vor laufenden Fernsehkameras wurde den Aggressionen gegen „Zigeuner“ freien Lauf gelassen. Der offen artikulierte Rassismus der Nachbarschaft war derart aggressiv, dass sich kaum abweichende Meinungen fanden. Seit dem 20. August fand man sich abendlich vor der ZAst zusammen. Nazikader aus Westdeutschland reisten an und machten Erinnerungsfotos. Direkt neben der ZAst lag seit DDR-Zeiten das Wohnheim für „ausländische Arbeiter“ aus Vietnam, die dort noch in ihren Wohnungen lebten.

Burhan Qurbanis Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ zeigt die Ereignisse an einem Tag, dem 24. August, dem Höhepunkt der pogromartigen Gewalt aus verschiedenen Perspektiven. Da ist Lien, eine vietnamesische ehemalige Vertragsarbeiterin, die in einer Großwäscherei Geld verdient. Mit ihrem Bruder Thao und dessen hochschwangerer Frau Minh streitet sie darüber, ob es besser ist, nach Vietnam zurückzukehren oder im veränderten Deutschland zu bleiben. Da ist der Lokalpolitiker Martin, der keine Gewalt will und überfordert zwischen Rathaus, Eigenheim und Plattenbauten hin und her fährt. Gut gespielt von Devid Striesow, dem das Hindurch lavieren, Getriebensein im Gesicht geschrieben steht, der Sicherheit vor allem auf seinem Ruder-Hometrainer findet. Ihm entgleitet sein Sohn Stefan, der mit seiner Clique junger Neonazis vorne dabei ist, gegen die „Zigeuner“, gegen die „Fidschis“.

Hauptprotagonisten aber sind die Jungs aus der Naziclique. Mit Stefan, Robbie, Sandro, Tabor und den anderen aus der Clique, beginnt und endet der Film. Zwei Mädchen sind auch dabei, aber Jennie und Ramona laufen mehr oder weniger nur mit als Freundinnen. Zwischen den 12-stöckigen langgezogenen Plattenbauten mit einem Aufgang neben dem anderen sind ein paar Garagen zu sehen, Wiese, Wege, Straßen. Die Clique trifft sich in einem alten Barkas 3000, eine Kiste Bier, Oi-Musik mit Nazitexten, ein paar rechte und dumme Sprüche, fertig ist die Freizeitgestaltung. Ben fühlt sich dort unwohl in seiner Bomberjacke, er würde lieber wieder auf der Werft arbeiten, wie früher. Wenig später ist der tot, aus der Wohnung im 8. Stock gesprungen. Robbie ist so verroht, dass er den Abschiedsbrief von Ben an seinen Vater zerreißt, sich über dessen Verzweiflung lustig macht. Stefan war mit Ben befreundet, steht stumm daneben, Robbie drängt ihm die Bomberjacke des toten Freundes auf: Nimm sie oder schmeiße sie weg. Der ältere Bruder von Robbie sieht die Jacke an Stefan, umarmt ihn, erklärt dumpf wichtigtuerisch: Du trägst jetzt die Jacke eines Märtyrers, der gestorben ist, weil der Staat alles Gelb den Ausländern gibt anstatt den Deutschen. Die Clique wird nahezu gruppendynamisch dargestellt, wer Schwäche zeigt wird runtergemacht, Gehorsam ist gefragt.

Als Riots von rechts inszeniert der Regisseur, wie sich die Clique ausagiert: eine Polizeistreife wird provoziert, Eltern schockiert, vor linken Punx mit Hitlergruß Stärke markiert. Der Höhepunkt aber ist die abendliche Gewalt gegen die BewohnerInnen der ZAst und des Sonnenblumenhauses. Langsam füllt sich ab den Nachmittagsstunden die Wiese davor, viele der Älteren bringen sich Campingstühle und Bier mit. Auf den Garagen bauen sich mehrere Fernsehteams für die Liveberichterstattung auf. Die Naziclique kommt vom Badenachmittag am nahe gelegenen Ostseestrand zurück, wird sogleich interviewt. Der bis dahin zwecks Unterstreichung der Tristesse in schwarz-weiß gedrehte Film wird jetzt plötzlich farbig. Das Interview wirkt harmlos, die Jugendlichen erzählen von ihren Träumen, bringen coole Sprüche, sind zwar aggressiv und roh, aber nur zaghaft rassistisch. Vor allem sind sie: aufgeregt. Der Menschenmenge gegenüber stehen vor der ZAST und dem Sonnenblumenhaus Polizeiketten. Rufe sind zu hören: Haut ab, haut ab!

Der Lokalpolitiker Martin mischt sich ohne Anzug im Parka unter die Menge, sucht seinen Sohn. Als er sieht, wie Steine auf die Polizisten und die beiden Häuser geworfen werden, ruft er „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt!“ Bei den Umstehenden stößt er damit zwar auf wenig Resonanz, bekommt aber auch keinen Ärger.

Lien, Thao und Minh beobachten von oben die zunehmende Brutalität des Angriffes, flüchten auf den Dachboden des Hauses. Die ZAst ist zu diesem Zeitpunkt geräumt, am Nachmittag sind die Flüchtlinge auf andere Unterkünfte verteilt worden.

Die konfus agierende Polizei zieht sich am späten Abend zurück, die Häuser bleiben schutzlos. Jetzt werden nicht nur Steine geworfen. Robbie drückt Stefan einen der von der Gruppe vorbereiten Molotow-Cocktails in die Hand, steckt den Zündlappen an. Nun muss Stefan werfen. Mutprobe. Flammen schlagen aus einem Fenster im Erdgeschoss. Eigentlich ist Robbie auf Stefan sauer, weil er jetzt mit seiner Exfreundin Jennie zusammen ist. Und sie sind doch Freunde. Gemeinsam dringen sie in eine Wohnung ein, zünden unter dem Gejohle der Menschenmenge Gardinen an, fangen an alles kaputt zu schmeißen, was sie in der Wohnung finden. Es sind – surprise, surprise – die Sachen von Lien, Thao und Minh. Stefan lehnt sich aus dem Balkonfenster, macht den Hitlergruß, ihm wird applaudiert. Sein Vater sieht ihn von unten, machtlos. Während die Nazijungs nach dem Zerstörungsrausch das Haus verlassen, müssen die VietnamesInnen vor Rauch und Flammen weiter fliehen, sie retten sich in das Nachbarhaus. Aber niemand öffnet ihnen trotz ihrer panischen Angst die Wohnungstüren. Endlich – die Arbeitskollegin von Lien lässt sie rein.

Trotz der sehr symbolischen Überraschung am Ende des Filmes: Die Geschichte ist nicht nur streckenweise hölzern erzählt, der Film ist auch verharmlosend. Die realen Ereignisse an diesem brutalen Montag, dem 24. August 1992 in der Mecklenburger Straße in Rostock-Lichtenhagen werden abgehakt, aber zum Großteil nur in abgeschwächter Form inszeniert. Vor allem der volksgemeinschaftliche, eliminatorische Rassismus. Als die vor allem aus Rumänien eingereisten Asylsuchenden aus der ZAst evakuiert wurden, blieb es nicht bei ein paar Buh-Rufen einiger deutscher Nachbarn wie im Film gezeigt. Mit Steinen wurden Busfenster eingeschmissen, die Flüchtlinge duckten sich in Panik auf den Boden der Busse. Auch die nächtliche Flucht der Vietnamesen aus dem Sonnenblumenhaus ist auf dokumentarischen Filmaufnahmen viel dramatischer: So ließ sich der Durchgang zum Nachbarhaus länger nicht öffnen, währen die Flammen näher kamen. Die Gesichter der mit einem Brecheisen verzweifelt an der Tür Hantierenden bleiben im Gedächtnis. Und der Imbisswagen, aus dem sich die grölende Menge versorgte, hieß auch nicht anglifiziert „Happy Happi bei Appi“ sonst korrekt dummdeutsch „Happi Happi bei Appi“. Ein Inbegriff deutscher Pogrom-Gemütlichkeit.

In der Menschenmenge tauchen dann zu allem Überfluss auch noch antirassistische Langhaarige mit Transparenten auf, die sich für die Asylsuchenden und die ehemaligen VertragsarbeiterInnen einsetzen und fordern: keine Gewalt. Real war es 1992 so, dass sich die aufgrund der tagelangen Berichterstattung angereisten vielleicht 300 antirassistischen radikalen Linken und die sich im alternativen Jugend Aktiv Zentrum, JAZ e.V. eingefundenen versprengten RostockerInnen sich nicht trauten, abends vor das Sonnenblumenhaus und die ZAst zu ziehen. Wir wären weggehauen worden, so unsere damalige Einschätzung. Hilflos demonstrierten wir damals mitten in der Nacht durch Lichtenhagen, nachdem die Menschenmenge sich zerstreut hatte. Wie Pausenclowns.[01]

„Wir sind jung. Wir sind stark.“ wird der Bedeutung des antiziganistisch motivierten Pogroms auch in anderer Hinsicht nicht gerecht: Zwar bebildert Qurbani, dass hauptsächlich Roma in und vor der ZAst untergebracht waren. Aber sie bleiben namenlose Objekte, keine Romja, kein Rom sagt auch nur einen Satz in die Kamera, niemand von ihnen wird als Persönlichkeit dargestellt. Nur einmal ist zu sehen, wie eine Romnja empört den Arm wegzieht, als ein Polizist sie anpacken will,damit sie schneller in den Bus zum Abtransport einsteigt. Der etwas konstruierten Dramaturgie des Filmes hätte es nicht geschadet, wenn er auch in der Perspektive einiger Roma spielen würde. Gerade auch, um antirassistisch Roma aus der Objektrolle zu holen, auf die alle möglichen Klischees projiziert werden.

Dies ist um so ärgerlicher, als es mit „The Truth lies in Rostock“ einen eindrücklichen Dok-Film über die pogromartige Gewalt in Rostock-Lichtenhagen gibt. Der wurde 1992 mit Mitteln des englischen Fernsehsenders Channel Four gedreht. In ihm kommen viele Opfer zu Wort, der gewalttätige Antiziganismus der deutschen Dominanzgesellschaft wird ausführlich kritisiert. „The Truth lies in Rostock“ entstand durch antirassistisch Engagierte aus dem Jugend Aktiv Zentrum Rostock, JAZ e.V. Er lief nur vereinzelt im Kino und noch nie im deutschen Fernsehen.[02]

Dass Burhan Qurbani in seinem ersten langen Spielfilm die Dramaturgie etwas schematisch aufbaut, dass das Mittel des Spannungsaufbaus durch die Nichtauflösung von Szenen durch Standradschnitte etwas überreizt wird, sind ärgerliche, aber erwartbare handwerkliche Fehler. Dass Qurbani aber davor zurückschreckt, die Dynamik der pogromartigen Gewalt im aggressiven Rassismus der gewöhnlichen Deutschen in Rostock-Lichtenhagen zu zeigen und nicht in der testosterongesteuerten Aggression dazu auch noch ziemlich unbewusst agierender Jungnazis, macht den Film zu einer zwar sehenswerten, aber verschenkten Gelegenheit. So wird in der Menschenmenge in Film vor allem „Haut ab!“ gegen die Polizei gerufen, erst später ist dass zu hören, was in der Realität andauernd gerufen wurde: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Laut, aggressiv wurden so die Steinwürfe begleitet. Bei Treffern, auch mit Brandsätzen, wurde gejohlt und geklatscht.

„Wir sind jung. Wir sind stark.“, Deutschland 2014, 128 Min., Regie: Burhan Qurbani; Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke; Kamera: Yoshi Heimrath; Mit: Jonas Nay, Trang Le Hong, Devid Striesow, Joel Basman, Saskia Rosendahl. Kinostart: 22. Januar. Internetseite: http://jungundstark.de/#site

  1. Ausführlicher dazu: Gaston Kirsche, Der rassistische Konsens, in: Jungle World 34/12 vom 23. 08. 12. Link: http://jungle-world.com/artikel/2012/34/46093.html []
  2. Link zur vollständigen Dokumentation „The Truth Lies in Rostock“: https://www.youtube.com/watch?v=4gboC2bsv8w []