Ehrung für jugendlichen Widerstand in Köln

Ansprache Peter Finkelgruens anlässlich der posthumen Ehrung von Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy…

Die Akademie des Auswärtigen Amtes in Berlin lud am 10. Dezember 2013 zu einer Feierstunde zu Ehren der ehemaligen Botschafter Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy ein. Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy sind Anfang der 80er Jahre wegen ihres Engagements für verfolgte Juden sowie ihres Engagements als Edelweißpiraten gegen die Nationalsozialisten von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet worden. Bei dieser Feier mit Familienangehörigen, mit Vertretern der israelischen Botschaft und der jüdischen Gemeinde sowie Angehörigen des Auswärtigen Dienstes wurden die Yad Vashem-Urkunden ausgestellt.

Innerhalb des diplomatischen Dienstes bildeten Georg Ferdinand Duckwitz und Dr. Michael Jovy  mit ihrem Engagement eine absolute Ausnahme. Wegen ihres außerordentlichen Mutes und ihrer Menschlichkeit hatten sie erhebliche berufliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Gegen Michael Jovy war jahrelang ein Hausverbot für das Auswärtige Amt in Bonn verhängt worden.

Angeregt wurde die Auszeichnung durch Yad Vashem Anfang der 80er Jahre durch den in Israel aufgewachsenen Journalisten Peter Finkelgruen.

Wir dokumentieren die Ansprache Peter Finkelgruens vom 10. Dezember in der Akademie des Auswärtigen Amtes in Berlin. – (rk)

Ansprache von Peter Finkelgruen

Sehr geehrte Angehörige der Familien derer die heute hier geehrt werden, sehr geehrter Herr Bundesaußenminister,

ich erinnere mich lebhaft des Tages, an dem ich erstmals von der Existenz der Kölner Edelweißpiraten erfahren habe. Es war in den siebziger Jahren. Ich war anderthalb Jahrzehnte zuvor aus Israel ins Land gekommen und lebte in Köln. Ich erfuhr vieles über die Geschichte der Römer in Köln, über den jahrhundertelangen Dombau, aber nichts darüber, dass es in dieser Stadt einen bewaffneten Widerstand gegen die Tyrannei der Nazis gegeben hat. Ich las eines Morgens eine kleine Zeitungsmeldung, wonach einer Frau – Schwester des einzigen überlebenden Verwandten eines von dreizehn am 10. November 1944 von der Gestapo öffentlich erhängten Menschen – die Wiedergutmachung versagt worden war.

Ich war damals ein junger Journalist und begann zu recherchieren. Ich suchte Angehörige der Ermordeten auf – ebenso wie Verwandte ehemaliger HJ – Funktionäre und ehemalige Gestapospitzel. Ich recherchierte in den Archiven des Düsseldorfer Staatsarchivs, las zahllose Protokolle von Polizei- und Gestapobeamten ebenso wie wöchentliche Berichte von – heute würde man sagen: IMs – der Geheimen Staatspolizei (das gab es in einem viel größeren Ausmaß, als man heute für möglich hält).

Vor mir entfaltete sich die Geschichte eines jugendlichen Widerstandes in Köln – der von Behörden und politischen Parteien in den Jahrzehnten nach dem Krieg bis in die siebziger Jahre kriminalisiert wurde. Die Teilnahme der Edelweißpiraten am Schwarzmarkt und die in der letzten Phase sogar  bewaffneten Auseinandersetzungen mit den nazistischen Gewaltherrschern wurden weiterhin als Beleg für ihre Kriminalität gewertet. Vor allem aber wurde ihnen jegliches politische Bewusstsein abgesprochen.

Ich publizierte Artikel über das von mir Recherchierte  („Fremde von gestern – und Feinde von heute (oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte“ (1979); „Köln und die Edelweißpiraten“, (1980) ) in der Frankfurter Rundschau und  in der Zeitschrift Freie Jüdische Stimme, die ich damals (von 1979 bis 1980) gemeinsam mit Henryk M. Broder herausgegeben habe.[01]

Die Obrigkeit blieb bei ihrer ablehnenden Haltung  – selbst dann, als ich publik machte, dass einer der dreizehn in Köln-Ehrenfeld öffentlich Gehenkten ein minderjähriger jüdischer Junge (Günter Schwarz) war und dass Angehörige dieser Edelweißpiraten – zwei jüdische Frauen – , eine Mutter mit ihrer Tochter und einen weiteren jüdischen Jungen, der der Deportation entgehen wollte, versteckt hatten.

An diesem Punkt der Recherche stieß ich auf Michael Jovy. Einer der überlebenden Mitglieder der Kölner Edelweißpiraten, der inzwischen leider verstorbene Jean Jülich, erzählte mir, wie er Michael Jovy kennengelernt hatte. Dieser war Häftling in einem Gefängnis bei Köln,  in dem  Jean Jülichs Vater von der Gestapo eingekerkert worden war. Jean Jülich konnte als minderjähriger Sohn seinen Vater mehrmals im Gefängnis besuchen und machte die Bekanntschaft von Michael Jovy.  Er wusste nicht, das Michael Jovy ein wegen Hochverrats verurteilter Aktiver der bündischen Jugend war. Von Michael Jovy erhielt Jülich ein Zupfinstrument geschenkt sowie die Texte zahlreicher Lieder, die bei der bündischen  Jugend gesungen wurden. Michael Jovy war es auch, der Jean Jülich ermunterte, Kontakte mit anderen Jugendlichen in den Arbeiterstadteilen Kölns aufzunehmen – und wenn möglich, verfolgten Juden mit Versteck und Lebensmitteln zu helfen. Ich nahm Kontakt mit Michael Jovy auf, traf ihn mehrmals in seiner Wohnung und er bestätigte mir, was Jean Jülich und Wolfgang Schwarz, der Bruder des erhängten jüdischen jugendlichen Edelweißpiraten, erzählt hatten.

Es ist gewiss nicht unpassend heute an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass nicht nur die Edelweißpiraten in Köln nach dem Krieg kriminalisiert wurden – auch Michael Jovy[2] als junger Angehöriger des Auswärtigen Amtes bekam Schwierigkeiten wegen seiner Verurteilung wegen Hochverrats durch die Nazis. Er überstand aber die Zeit des Hausverbots, das er in der Koblenzer Straße bis zu seiner  „Rehabilitation“ hatte, die ich hier in Anführungsstriche setze.

Als ich von 1982-1988 als Korrespondent der Deutschen Welle in Jerusalem tätig war habe ich dann bei Yad Vashem das von mir gesammelte Material (Dokumente und Interviews) vorgestellt, ergänzt durch einem Antrag auf Anerkennung  Michael Jovys und Jean Jülichs als Gerechte der Völker.

Es entsprach meiner Überzeugung, dass die Bundesrepublik und die Stadt Köln die Pflicht hatten, die Edelweißpiraten und Menschen wie Michael Jovy nicht zu kriminalisieren sondern vielmehr zu ehren.

Kurze Zeit später wurde die Anerkennung durch Yad Vashem ausgesprochen. Ich war inzwischen Vertreter der Friedrich Naumann Stiftung in Jerusalem, und ich war ganz persönlich stolz auf die allererste von uns damals in Jerusalem ausgerichtete Veranstaltung: Die Verleihung der Medaillen  und Urkunden durch Yad Vashem in Anwesenheit des deutschen Botschafters und des früheren Bundesinnenministers Gerhart Baum.

Damit war ein Teil des Unrechts, das den Betroffenen –  durch die nachträgliche Schmach der Verleumdung auch nach dem Krieg noch verstärkt – zugefügt worden ist, zurecht gerückt. Darauf war – und bin – ich stolz.

  1. Siehe hierzu diese umfangreiche biografische Studie über Peter Finkelgruen; in dieser wird auch die Freie Jüdische Stimme portraitiert: http://www.hagalil.com/2012/03/05/finkelgruen-7/ []