Tikun Olam: Geschichte hinter Gittern

Der Ilmenauer Reinhard Schramm will etwas bei jungen Straftätern bewegen – deshalb besucht der stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen fast monatlich die Weimarer Justizvollzugsanstalt…

Von Kristin Kaiser

Es ist keine normale Lesung hier in der Gefängniskapelle der Weimarer Justizvollzugsanstalt. Reinhard Schramm, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, sitzt vier Meter von einer Bomberjacke entfernt. Springerstiefel als waffenähnliche Gegenstände sind im Knast tabu, man trägt Turnschuhe, Freizeithose und Sweatshirt, stützt den breitschultrigen Oberkörper auf die Knie oder lehnt sich lässig weit nach hinten. Manche sitzen hier wegen Diebstahl, Körperverletzung oder weil sie gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen haben. Und Reinhard Schramm weiß: Unter den 22 Jungs sind einige Rechte. Leute zwischen 16 und 21 Jahren, die das Leben noch nicht richtig kennen, sehr wohl aber antisemitische Parolen.

Der 64-Jährige meint, die jungen Rechten seien Täter, aber auch Opfer. Opfer von Verführern. Dagegen will Schramm ein Zeichen setzen. Deswegen immer wieder die Konfrontation mit dem Leid seiner Familie während des Nationalsozialismus. Fast jeden Monat kommt er mit seinem Buch „Ich will leben“ über die Geschichte der Weißenfelser Juden in die Justizvollzugsanstalt. „Antisemitismus war für uns der Tod. Nicht irgendeine Schmiererei an der Hauswand“, sagt er den jungen Männern – und es klingt nur sehr salopp, ist so nicht gemeint.

Statt Statistiken lässt er Einzelschicksale sprechen. Seine Großmutter schreibt im November 1940 aus dem Gefängnis: „Ich will leben“. Neun Monate später erfährt sie dort vom Tod ihres Sohnes in einem anderen KZ, weitere sechs Monate später wird sie in der Gaskammer umgebracht. Ein Finanzamt löscht ihre Akte. „Damit war dieses jüdische Leben auch in der Bürokratie erledigt“, kommentiert Reinhard Schramm kurz und knapp – Lakonie kann schützen. Per Beamer projiziert er den Aktenvermerk an die Wand. Sein Blick wandert über die drei Stuhlreihen, er atmet tief durch. Den Gesichtern ist nicht anzusehen, ob seine Worte die Jungs wirklich interessieren.

Einige hier sind nur bis zur siebten oder achten Klasse in die Schule gegangen, „viele wissen einfach nichts über den Nationalsozialismus. Und wer kein Wissen hat, ist auch anfälliger für extremistische Ideen und Parolen“, sagt Sebastian Jende vom Jenaer Verein „Drudel 11“. Der Sozialpädagoge leitet seit vier Jahren die mehrwöchigen Kurse im Strafvollzug und im Arrest, zu denen diese Lesung gehört. Dieses „vorurteilsreduzierende Aggressionsschwellentraining“ ist nicht nur, aber auch für Rechtsgesinnte.

Warum engagiert sich Reinhard Schramm? Es war der 20. April 2000, der ihn den Weg zu verurteilten Rechten finden ließ: Jugendliche hatten einen Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge verübt. Stärker als die beabsichtigte Ehrung Hitlers schmerzte die Juden die erzwungene Erinnerung an die brennenden Synagogen in der Reichspogromnacht, meint Schramm.

Er verfolgt den Prozess gegen die Angeklagten als Vertreter der Jüdischen Landesgemeinde – und er verfolgt den Prozess als Mensch, der in dem 18-jährigen Hauptangeklagten bald darauf bei Besuchen im Gefängnis „ein Häufchen Unglück“ sieht. Zu gut weiß er aus eigener Erfahrung, wie schwer für junge Menschen ein Aufenthalt hinter Gittern sein kann. 1988 war sein Sohn Marek aus politischen Gründen vom DDR-Regime inhaftiert worden, der damals 20-Jährige dachte auch an Selbstmord. „Die Schlösser machten klack, klack, und ich wusste nicht, wie ich meinem Sohn helfen konnte“, erzählt er den Jugendlichen in der Weimarer JVA. Tränen rollen über sein Gesicht, es wird still in der Kapelle.

Nach der Lesung sagt Reinhard Schramm, es sei gut, dass auch junge Leute zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. „Der Jugendliche, der mit Kumpels den Brandanschlag auf die Synagoge verübte, hätte sich andernfalls nie mit mir getroffen; die Angst, in seiner Gruppe als Verräter dazustehen, wäre zu groß gewesen.“ Hinter Gittern hatte der 18-Jährige Zeit zum Nachdenken und er las Schramms Buch „Ich will leben“. Im Herbst 2000 schreibt er Schramm einen Brief: „Es ist mir nicht leicht gefallen, bei einigen Absätzen und Seiten nicht zu weinen.“

Als Reinhard Schramm in der Weimarer Kapelle aus dem Buch vorliest, von Diskriminierung, Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Zwangsarbeit und Ermordung, hören einige aufmerksam zu, andere gähnen. Manchmal schlafe auch jemand ein, aber das liege am mangelnden Konzentrationsvermögen, so Schramm. Er ist überzeugt, in den Köpfen etwas bewegen zu können, selbst wenn nur wenige Fragen stellen. „Ein Drittel ändert sich bestimmt, die anderen vergessen das Erzählte nicht.“

In etwa drei Dutzend Lesungen hörten Reinhard Schramm insgesamt 300 junge Leute zu. Wie viele von ihnen rückfällig wurden, hat keine offizielle Statistik erfasst. Jugendrichter Karl Götz sagt, das größte Problem sei, dass die Jugendlichen meist in ihr altes soziales Umfeld zurückkehren.

Die Lesungen vor Jugendlichen im Arrest oder Strafvollzug sieht Schramm als Verpflichtung: „Denn von jugendlicher Verführtheit zu Mord ist es kein weiter Weg.“

Nach knapp zwei Stunden geht er durch fünf Gefängnistüren nach draußen, in ein paar Stunden trifft er – im Alltag Leiter des Landespatentzentrums – den Präsidenten des Deutschen Patentamts in München. Die Gegenwart hat ihn eingeholt, die Vergangenheit aber wird er nie vergessen.

Aus Thüringer Allgemeine vom 18.4.2008 / Zukunft 8. Jahrgang Nr. 5 / Ijar 5768

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