Laudatio auf Heiner Lichtenstein

Am 3. Dezember 2009 verlieh die Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit dem Journalisten Heiner Lichtenstein in Köln ihren Giesberts Lewin-Preis für dessen publizistisches Lebenswerk. In den Jahren zuvor waren die Kölner Ralph Giordano, Gunter Demnig und Günter Wallraff ausgezeichnet worden. Nachfolgend dokumentieren wir die Preisrede Dr. Jürgen Wilhelms auf Heiner Lichtenstein vom Dezember 2009…

Von Jürgen Wilhelm

Wir sind hier im schönen Käthe Kollwitz Museum der Kreissparkasse Köln zusammengekommen, um einen Mann zu ehren, der sich um das friedliche Zusammenleben der Menschen große und bleibende Verdienste erworben hat.

Heiner Lichtenstein wird heute von der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit als vierter Preisträger – nach Ralph Giordano, Gunter Demnig, und im letzten Jahr Günter Wallraff – mit dem Giesberts-Lewin-Preis für Völkerverständigung und Toleranz geehrt. Heiner Lichtenstein hat wie kaum ein anderer die Abgründe menschlicher Grausamkeiten dokumentiert und sich gleichzeitig vorbildlich für die Rechte der Gedemütigten und Drangsalierten eingesetzt.

Unser Preisträger war viele Jahre politischer Redakteur des WDR in Köln mit Schwerpunkt der Aufarbeitung der NS-Zeit mit ihren Folgen. Seine Berichterstattungen zeugten und zeugen von einem engagierten und aufklärerischen Journalismus, dem es stets wichtig war, Täter und Opfer zu benennen, um somit eine angemessene Ethik der Erinnerung zu entwickeln. Für diese Tätigkeiten stehen unzählige Texte und Bücher, aber auch zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, die er bislang erhalten hat. Der Zentralrat der Juden in Deutschland verlieh ihm den Leo-Baeck-Preis, die jüdische Gemeinde in Düsseldorf ihre Josef-Neuberger-Medaille, der frühere Bundespräsident und langjährige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, den Landesverdienstorden, die Holocaustgedenkstätte in Jerusalem die Yad Vashem-Medaille, und in Polen die Medaille der polnischen Hauptkommission zur Verfolgung von Hitlerverbrechen.

Heute nun fügen wir den Giesberts – Lewin – Preis hinzu.

Das Streben nach Verständigung und Toleranz, über die Gräben der Geschichte hinweg auf der Brücke der Erinnerung, die zwischen den Menschen und Völkern und besonders auch zwischen jungen Deutschen jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft besteht, hat Heiner Lichtenstein in vorzüglicher Weise zu seiner Aufgabe gemacht. Er ermunterte dabei immer wieder junge Erwachsene dazu, aktiv zu werden und nicht hinzunehmen, dass die alten und neuen Nazis ihre dreisten Lügen unwidersprochen verbreiten können. So zum Beispiel in den 1980er Jahren als er u.a. mit dem „Bundesverband jüdischer Studenten in Deutschland“ gegen das regelmäßige Treffen alter Nazis in Bad Hersfeld protestierte und nach kontinuierlicher Intervention erreichen konnte, dass die Stadt diese Zusammenkünfte letztendlich unterband.

Er war also nicht nur journalistisch und publizistisch auf diesem Feld aktiv, sondern engagierte sich aktiv, wenn es darum ging, Zivilcourage und Toleranz gegen Rassismus und Antisemitismus zu zeigen.

Dies haben wir, die Stifter des Giesberts-Lewin-Preises, bei dem Journalisten und Publizisten als besonderes Verdienst ausgemacht. Die Namensgeber des Preises, der Kölner Schuldezernent Johannes Giesberts und sein Kollege in Tel Aviv, Dr. Shaul Lewin, hatten Ähnliches im Sinn. Sie wollten auf dem Wege des Schüleraustausches junge Menschen, Nachkommen der Generation der Opfer aus Israel, mit jungen Deutschen, mit den Nachkommen der Täter, in Kontakt bringen und damit ein Zeichen der Versöhnung setzen.

Eine weitere Parallele zwischen dem Preisträger und den Namensgebern des Preises kann auch für den Zeitpunkt des Beginns ihres Engagements ausgemacht werden, das in die 1950er Jahre gelegt werden kann und damals durchaus gegen den Zeitgeist verlief. Für Giesberts und Lewin war dies damals durchaus ein Wagnis. Unter den Israelis, die der drohenden Vernichtung durch den Rassenwahn der Nazis entkommen waren und die ihre Verwandten durch den Holocaust verloren hatten, war die Meinung weit verbreitet, dass eine Begegnung mit Deutschen ausgeschlossen, ja für viele damals im Wortsinne undenkbar war.

Auch in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre, in der prominente Parteigänger der Nazis im öffentlichen Leben tätig bleiben konnten und in der die Schuld der Vergangenheit verdrängt worden war, gab es Widerstände gegen die Aufnahme von Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und gegen einen Austausch, der die deutschen Jugendlichen zwangsläufig in sehr belastende Situationen bringen konnte, so der eilfertige Einwand von besonders Gutmeinenden.

Auch Heiner Lichtenstein wurde in dieser Zeit aktiv, als es in Deutschland nur ein geringes Interesse daran gab, die Gräuel und den Massenmord in der Zeit des Nationalsozialismus zu thematisieren. Als er 1959 ein Volontariat beim WDR in Münster begann, wo im selben Jahr das Strafverfahren gegen einen Medizinprofessor der dortigen Universität stattfand, der in Auschwitz jüdischen KZ-Häftlingen bei lebendigem Leib und ohne Narkose Organproben entnommen hatte, war dies wohl ein wesentlicher Auslöser für seine jahrzehntelange Beschäftigung mit den Grausamkeiten und Auswüchsen menschlichen Handelns.

Diesen NS-Prozess verfolgte er mit Intensität und berichtete hierüber in vielen Artikeln. In dieser Zeit entwickelten sich auch die ersten Kontakte mit den Überlebenden der Shoa, die bei den Prozessen gegen ihre einstigen Peiniger aussagten.. Insbesondere die Kontakte zu Überlebenden der Shoa, um die sich zu dieser Zeit niemand kümmerte, sollten bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen.

Damit ihnen der Aufenthalt zumindest einigermaßen erträglich gestaltet werden konnte, organisierte er mit Freunden Arbeitskreise, in denen der Kontakt zu den Überlebenden intensiviert wurde. Dies bezeichnet unser Preisträger auch heute noch als seine wichtigsten und eindrücklichsten Begegnungen, die ihn sowohl für seine weitere private als auch berufliche Entwicklung maßgeblich prägten. Zudem gab auch das schier unglaubliche und unerträgliche Desinteresse der Medien und der Öffentlichkeit an der Aufarbeitung der Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus einen wichtigen Impuls für sein publizistisches Engagement.

Hinzu kam die vollkommene Verkehrung des moralischen Selbstverständnisses in der Haltung der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft. Während große Teile der deutschen Elite sich wieder aus den alten Nazi-Schergen zusammensetzte und hofiert wurden, interessierte man sich kaum für die Erlebnisse und Traumata der Überlebenden. Deutlich wurde dies bei den Anhörungen der Opfer in den ersten Prozessen gegen ehemalige hohe Nazi-Funktionäre. Heiner Lichtenstein hat hierzu einmal festgehalten:

„Ja und dann sagte der Richter, ‚vielen Dank‘ und dann konnten sie ihr Zeugengeld holen und gehen. Sie rannten völlig orientierungslos durch diesen Altbau im Landgericht Münster, ohne dass sie von jemandem betreut wurden. Kein Rotes Kreuz, keine Caritas, kein Diakonisches Werk — das habe ich als unerhört empfunden (…). Da saßen in den Pausen diese Justizwachmeister und packten ihr Brot aus und tranken Kaffee aus der Thermoskanne, und die Zeugen aus Tel Aviv oder New York hatten zu Anfang nicht einmal deutsches Geld, um in der Kantine einen Tee zu trinken.“

Dieses Verhalten gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus ist für die 1950er Jahre symptomatisch. Es geschah in einem Klima, in dem es in der Bundesrepublik noch wenig Interesse an den Fragen der Verfolgung und Bestrafung der Täter und Nutznießer des Dritten Reiches gab. Ganz im Gegenteil: Ärzte, Staatsanwälte, Richter und Politiker, die bei den Verbrechen im Nationalsozialismus mithalfen, wegschauten oder von alledem scheinbar nichts wussten, durften nach 1945 Karriere machen, den Nachwuchs an Schulen und Universitäten ausbilden und wieder über Recht und Unrecht urteilen. Kurz: Die Täter und ihre Helfer wurden rehabilitiert, lebten gesellschaftlich anerkannt, wohldotiert und gut versorgt. Es herrschte eine Art kalte Amnesty, die die Verbrechen und die Amnestierung der Täter als zusammengehöriger Akt der Bundesrepublik Deutschland und des Dritten Reiches miteinander verband.

Erst mit Beginn der Studentenproteste formierte sich eine Bewegung, die auch kritisch hinterfragte, was ihre Eltern in der Zeit des Nationalsozialismus getan hatten. Aber auch hier stand nicht die Shoa im Mittelpunkt der geschichtspolitischen Auseinandersetzung, sondern eher der Zorn der Jungen über das Schweigen der Alten.

Aus dieser Perspektive kann man erahnen, welche Kraft und Ausdauer Heiner Lichtenstein an den Tag gelegt hat, um dieses ungeliebte Thema immer wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Seine Artikel, seine vielen Bücher und zahlreichen Berichte, die immer wieder darauf beharrten, dass Unrecht benannt und den Opfern zumindest im Nachhinein Gehör geschenkt werden müsse, hat dazu beigetragen, dass die Mauer des Schweigens und des Verdrängens allmählich Risse bekam. Eine große Leistung spielt hier die journalistische Kunst von Heiner Lichtenstein, schwierige Sachverhalte so aufzuarbeiten, darzustellen und zu analysieren, dass sie einem breiten Publikum nähergebracht werden können.

Dieses Bemühen geht einher mit den Zielen der Kölnischen Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Erinnerung an die Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus nicht zu vergessen, die Versöhnung durch Erinnerung zu versuchen und aus der Geschichte zu lernen.

Was bedeutet jedoch, aus der Geschichte zu lernen?

Zunächst können in der Gegenwart Entwicklungen aufgegriffen werden, die durchaus darauf hinweisen, dass die Zeit des Nationalsozialismus immer stärker im Bewusstsein der Menschen verblasst. Heute besteht zwar das Hauptproblem in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht mehr vornehmlich darin, dass die Verbrechen geleugnet werden. Viele arbeiten aber an einer Normalisierung und Verharmlosung nach dem Motto: Es ist alles schlimm gewesen, aber die anderen Länder haben auch Verbrechen begangen. In den letzten Jahren hat es zahlreiche Versuche in den geschichtspolitischen Debatten rund um das Thema Nationalsozialismus gegeben — ich meine die Auseinandersetzungen über die Vertriebenen, die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg oder die Walser/Bubis-Debatte — die aktiv versuchten, deutsche Schuld zu relativieren oder zu minimieren.

Vieles deutet darauf hin, dass es in Zukunft immer schwieriger sein wird, die Erinnerung an den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen öffentlichkeitswirksam zu thematisieren. Dies hat insbesondere die Berichterstattung am 9.11.2009 gezeigt, wo der Fall der Mauer bei weitem die Erinnerung des Novemberpogroms 1938 überlagerte, aber immerhin von der Bundeskanzlerin bei ihrer .Ansprache vor dem Brandenburger Tor erwähnt wurde. Bei diesem Ereignis, das weltweit; etwa von CNN, BBC und den meisten internationalen Sendern live übertragen wurde – ich selbst habe es in Ghana im Fernsehen verfolgen können, sendeten die deutschen Medien übrigens billige Spielfilme oder anderes banales Zeug. Ein Beweis für die mangelende gesellschaftspolitische Verantwortung selbst der öffentlich–rechtlichen Medien.

Eine Untersuchung, die ergab, dass 20% aller Schülerinnen und Schüler nichts mit dem Namen Auschwitz anfangen können. Nach diesen Ergebnissen muss nach einer merkwürdigen Diskrepanz gefragt werden: Auf der einen Seite wird von einer „Dauerpräsentation“ der Naziverbrechen gesprochen und auf der anderen ist kaum fundiertes Verständnis und Wissen über diese Zeit vorhanden. Auch antisemitischen und rechtsextremen Aussagen kommen laut empirischen Umfragen immer noch hohe Zustimmungswerte zu.

Gegen diese neue Gefahr schreibt auch Heiner Lichtenstein an. In der „Tribüne — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“, dessen beratender Redakteur er seit 1995 ist, steht zu dem zentralen Motiv und Selbstverständnis des Periodikums:

„Die Schändung der Kölner Synagoge und sich daran anschließende antisemitische Vorfälle erbrachten jedoch den dramatischen Beweis, dass Antisemitismus auch ohne Juden existent ist. Diese Erkenntnis war eine der wesentlichen Motivationen, „TRIBÜNE — Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“ zu gründen. In den Jahren danach zeigte sich in Umfragen immer wieder, dass in Deutschland Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen überdauert hat. Auch deshalb muss TRIBÜNE weiter erscheinen.“

Von dieser Einsicht zeugt auch Heiner Lichtensteins unermüdliches publizistisches Engagement im online-Magazin des „Blick nach Rechts“, wodurch deutlich wird, dass er bis zum heutigen Tag die Gefahren des Rechtsextremismus immer wieder auf die Tagesordnung setzt.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Diskussion mit Jugendlichen über die Zeit des Nationalsozialismus wird für uns in Zukunft im Vordergrund stehen. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, dass es kein Naturwunder oder Zufall war, der die NSDAP an die Macht kommen ließ und dadurch einzigartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden. Es muss daher immer auch darauf verwiesen werden, welche Strukturen und Kräfte es gab, die massiv zur Machtübertragung an Hitler beigetragen haben, übrigens auch hier in Köln, was Horst Matzerath in seinem wunderbaren Buch „Köln im Nationalsozialismus“ eindrücklich dargelegt hat.

„Aus der Geschichte lernen“ heißt heute aber auch, einen kritischen Blick auf die Eliten und die Mitte der Gesellschaft zu werfen. – Wie aber denken Teile der bundesdeutschen Elite im Jahre 2009?

Da gibt das Vorstandsmitglied der Bundesbank Thilo Sarrazin der Zeitschrift „Lettre International“ ein Interview, in dem der Befragte, der sich selbst für einen Teil der Elite hält, die Bevölkerung in produktive Leistungsträger und unproduktive Kostgänger aufteilt. Er sagt, Zitat: „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht.“ Weiterhin führt er aus, er müsse niemanden anerkennen, der, Zitat: „für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue Kopftuchmädchen produziert.“ Und er sagt auch, Zitat: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“ Eine unverantwortliche und gefährliche und offenbar gezielt eingesetzte Stammtischsprache, die auf eine populistische Beachtung aus war. Die fadenscheinige Entschuldigung, die er ängstlich und opportunistisch hinterherschickte, täuscht nicht über die Absicht, dieses selbstgefälligen Brandstifters hinweg. Entweder wusste er nicht, was er sagte –das ist kaum anzunehmen – oder aber er hatte die Provokation gezielt eingesetzt, um ein politisches Ziel zu erreichen. Bei einem Bundesbank-Vorstand bleibt nur, letzteres anzunehmen. Und deshalb hat Bundesbankpräsident Weber ihm vollkommen zu Recht aus dem Amt entfernen wollen, wurde aber von einflussreicher politischer Seite gehindert, was auch wieder einiges über den Zustand der deutschen Gesellschaft und ihre Führungskräfte aussagt.

Es gibt ein Detail in diesem Interview, das bislang nur wenig beachtet wurde. Sarrazin beklagt den Verlust der aus Berlin vertriebenen Jüdinnen und Juden und erinnert im selben Atemzug an einen prominenten ehemaligen Berliner. Zitat: „Hermann Josef Abs, Vorstand der Deutschen Bank, wohnte bis 1945 im Berliner Westend. Unauffällig hatte er seine Familie im Herbst 1944 nach Remagen geschafft, wo er 1940 ein Landgut gekauft hatte; er selbst war nach Hamburg entschwunden.“

Erinnern wir uns: Gerade dieser Hermann Josef Abs war führender Aufsichtsrat der I.G. Farben. Er arisierte im Namen der Deutschen Bank jüdisches Vermögen und leitete seit 1938 die Auslandsabteilung der Deutschen Bank. Hat jemand aus der Geschichte gelernt, wer im selben Zusammenhang die Vernichtung der Juden und den Fortgang eines Finanziers der Nazis aus der Stadt Berlin betrauert? Und warum wurde gerade dieses perfide Detail der Rede so oft übersehen?

Gegen diese Verkehrung und Relativierung der deutschen Geschichte wehren wir uns und werden auch in Zukunft wachsam gegen jede Form von Rechtsextremismus und Antisemitismus sein.

Paul Spiegel hat in seiner Laudatio auf Heiner Lichtenstein vor einigen Jahren gesagt, dass „gerade in einer Zeit, in der so viele Menschen vergessen wollen, damit ‚die Sache‘ endlich einschläft, störst Du diesen beabsichtigten Schlaf sehr gründlich.“

Auch wir streben danach, hier in Köln und im Rheinland weiterhin als Stimme wahrgenommen zu werden, die historische Erinnerungen in Verbindung bringt mit gegenwärtigen gefährlichen Entwicklungen, um Gefahren aufzeigen und sich für eine lebendige demokratische Diskussionskultur einzusetzen.

Diese Erkenntnis reicht jedoch noch lange nicht aus. Zu Recht hat Heiner Lichtenstein vor einigen Monaten auf einer unserer Veranstaltungen darauf hingewiesen, dass es für die Zukunft eine zentrale Frage sein muss, wie wir Erinnerung gestalten, ohne dass diese zum bloßen Ritual verkommt.

Nicht nur für die Kölnische Gesellschaft stellt sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft die wichtige Frage, wie nach dem Verlust der Zeitzeugenstimmen, genauer gesagt, der Stimmen der Opfer und Widerstandskämpfer, ein lebendiges Gedenken an die einzigartigen Verbrechen der Shoa entwickelt werden kann. Wir stehen hier noch ganz am Anfang und benötigen Geduld und kontinuierliche Hinterfragung unseres eigenen Engagements, damit Gedenken nicht zum bloßen Ritual wird.

Für uns stellen hier die Erfahrungen von Menschen wie Heiner Lichtenstein einen wichtigen Orientierungspunkt dar, der uns mit der Fülle seines Wissens und dem Reichtum seiner Persönlichkeit auch in Zukunft für unser weiteres Wirken wichtig sein wird.

Es ist weiterhin dringend erforderlich, engagiert gegen den Zeitgeist zu denken und zu handeln, verbunden mit dem Willen zur Veränderung eines schlechten gesellschaftlichen Zustands, hin zu einem als gerecht bewerteten und zukunftsfähigen Ziel, das Menschen ohne Rassismus, Antisemitismus und Ausbeutung einander begegnen. Dies ist der gemeinsame Boden, auf dem unser Preisträger mit denjenigen steht, die dem Preis ihren Namen gegeben haben.

Lieber Herr Lichtenstein, ich gratuliere Ihnen von Herzen und freue mich sehr, Ihnen nun unseren Giesberts-Lewin-Preis zu überreichen.


Dr. Jürgen Wilhelm übergibt den Giesberts-Lewin-Preis an Heiner Lichtenstein
© Werner Fricke, Kölnische Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit