Volksfeinde erfassen: Im Orkus der Psychose

Mehr als 22.000 Einträge enthält eine „Liste der Feinde Deutschlands“, die im Internet kursiert. Die rechtsextreme Fleißarbeit offenbart vor allem einen Einblick in die geistige Verfassung der Urheber…

redok v. 07.02.2010

Ein zähnefletschender Dämon, der ein Höllenfeuer schürt, prangt auf dem Titelblatt der Feindes-Datei mit dem Namen „Orcus 2008“. Vom Teufelsbild verdeckt und damit auf den ersten Blick unsichtbar, verrät der Untertitel den Zweck des Dokuments: „Die Referenz zu nationalen und internationalen Aktivitäten von Freimaurern, Juden und anderen Feinden aller freien Völker“. Gut sichtbar ist aber die nähere Erläuterung der Namenswahl:

Orcus war in der römischen Mythologie einer der Namen für den Gott der Unterwelt. Im Deutschen wird „Orkus“ etwa im Sinn von Abgrund, Totenreich oder Unterwelt gebraucht. Wird z. B. davon gesprochen, daß etwas in den Orkus geht, so ist damit gemeint, daß es verschwindet oder verschwinden wird.

Auf über 300 Seiten listen die Urheber auf, wer und was da verschwinden soll. Zwischen „a.i.d.a.“ (Münchner Antifa-Archiv) und „zywietz werner“ (schleswig-holsteinischer FDP-Politiker) haben die Orcus-Macher alphabetisch sortiert mehr als 22.000 Begriffe und Organisationen, vor allem aber Personennamen zusammengetragen. Dabei handele es sich „um keine Verschwörungtheorie“, wird vorweg beteuert: „Alle Daten wurden öffentlich zugänglichen Publikationen entnommen.“

Die Zuordnung zu einigen Kategorien soll dem Leser das Datenverständnis erleichtern. Die Verfasser erdachten sich dafür beispielsweise „Jude“, „Freimaurer“ oder „nationaler Feind“. Geradezu akademisch mutet der Eifer an, mit dem zu jedem Eintrag Verweise zu eigenen Abschnitten „Referenzen“ und „Quellen“ angebracht wurden. Der Sinn der akribischen Sammelarbeit:

Die hier aufgeführten Personen beeinflussen und kontrollieren die Gleichschaltung der Massenmedien, der Politik, des Militärs, der Justiz, der Kirchen, der Schulen, der Lehre und der Wissenschaft.
Bei allen wichtigen Ereignissen, sei es auf regionaler, nationaler oder internationaler Ebene, sind die hier aufgeführten Personen beteiligt.
Je mehr Angaben hinter einem Namen stehen, desto interessanter bzw. wichtiger ist die Person.
Je größer die Anzahl der Quellenangaben, desto aktiver ist die Person.

Wenig aktiv ist demnach Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer (verstorben am 19.04.1967) mit nur drei Referenzen. Immerhin fünf solcher „Aktivisten-Punkte“ konnte der frühere US-Präsident Franklin Delano Roosevelt (verstorben am 12.04.1945) sammeln, der schließlich auch als „Jude“ kategorisiert wird.

Doch die bereits verblichenen „Feinde Deutschlands“ machen nur einen kleinen Teil aus. Zu den noch Lebenden zählt etwa ein Sänger namens „zimmermann robert a.“, besser bekannt als Bob Dylan, oder die – rätselhafterweise der Tschechischen Republik zugeordnete – österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek.

Juden, Freimaurer, nationale Feinde

Künstler und Kirchenleute, Politiker, Unternehmer, Gewerkschaftler und Journalisten findet der Leser im Datenwust. Für letztere gilt die Erläuterung „journalisten = prostituierte“. Der polnische Papst Johannes Paul II. firmiert im „Orcus“ als „Jude“ und „Rotarier“, der ungarische Komponist György Ligeti mit tatsächlich jüdischer Abstammung dagegen nur als „nationaler Feind“. Wohl mangels geeigneter Kategorie bekommt Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, die Klassifizierung „Jude“.

Die Politik ist gerechterweise mit Vertretern nahezu aller Parteien repräsentiert. Angela Merkel und Günther Oettinger von der CDU und der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dürfen sich als „nationale Feinde“ betrachten, während Franz Müntefering auf diese Ehre verzichten und sich mit der dürren Bezeichnung „SPD-Politiker“ zufrieden geben muss. Guido Westerwelle (FDP), Cem Özdemir (Grüne) und Petra Pau (Linke) werden wiederum als „nationale Feinde“ identifiziert. Doch selbst NPD-Funktionäre sind mit dabei: Der stellvertretende Parteivorsitzende Frank Schwerdt gilt der „Orcus“-Liste als „V-Mann“, „Freimaurer“ und „nationaler Feind“. Auch NPD-Parteivorstandsmitglied Jens Pühse darf sich als „V-Mann“ und „nationaler Feind“ betrachten.

Weitgehend rätselhaft bleiben die Gründe für die Aufnahme von Firmen. Immerhin wird „kabel deutschland“ noch als „Jude“ klassifiziert, die Einstufung etwa der Software-Unternehmen Novell und Informix als „nationale Feinde“ leuchtet dagegen nicht unmittelbar ein. Näherer Aufschluss wird nur stellenweise gegeben, beispielsweise bei der Darstellung der Mercedes-Benz AG, Niederlassung Berlin, als „Israel-Sponsor“.

Sammler und Jäger

Allerdings werden keineswegs nur Prominente in den „Orcus“ gewünscht. Den größeren Anteil der Feindesliste nehmen Menschen aus allen Lebenslagen ein, die den Verfassern in der ein oder anderen Form unangenehm aufgefallen waren, etwa durch Aktivitäten gegen Rechtsextremismus. Als Quellen sollen beispielsweise Mitgliederverzeichnisse von Rotariern und Lions Club gedient haben. Daneben wurden offenbar Presseberichte ausgewertet, deren Erscheinungsdatum sich über Jahrzehnte erstreckt. Verweise auf Berichterstattungen in Lokalzeitungen zeigen eine auffällige Häufung von Pressemedien in Nord- und Ostbayern, sodass zumindest vermutet werden kann, die Verfasser befänden sich irgendwo zwischen Nürnberg und Regensburg. Bei der Menge des Materials und der zeitlichen Verteilung der „Quellen“ kann ein einzelner Autor nahezu ausgeschlossen werden.

Eine „Anti-Antifa-Liste“ in dem Sinne, dass sie zu unmittelbaren Attacken gegen „Feinde Deutschlands“ verwendet werden könnte, stellt „Orcus“ augenscheinlich nicht dar. Dazu fehlt es beispielsweise schon an Orts- und Adressenangaben. Eher drängt sich der Verdacht auf, hier werde das eigene abstrus-psychotische Weltbild der Verfasser mit Datenmaterial „unterfüttert“. Offenbar werden die Autoren der Liste vom gleichen Gedanken beherrscht wie dereinst Martin Luther: „Die Welt ist voller Teufel“, oder zeitgemäß-salopper: „Alles Schlampen außer Mutti“. Diese Weltsicht erfährt nun Unterstützung und Bestätigung gewissermaßen durch eine empirische Erhebung der „Teufel“ bzw. „Schlampen“.

Auch die Speicherorte des „Orcus 2008“ im Internet stützen solch eine Vermutung. Vorrätig ist die Liste etwa bei der Webseite „The New Sturmer“ (Der Neue Stürmer) des Norwegers Randulf Johan Hansen, der sich seit Jahren in der Holocaustleugner- und „Reichsbürger“-Szene bewegt, sowie auf der Webseite der „Völkischen Reichsbewegung“ selbst, dem näheren Umfeld von Horst Mahler.

„Orcus“ zwischen „Heim ins Reich“ und Holocaustleugnung

Solche Datensammlungen in Form einer gewissermaßen lexikalischen Datei – als Datum der letzten Bearbeitung wird der Mai 2008 angegeben – haben freilich den Nachteil, dass sie schnell veralten können. Beispielsweise in den Kommentarspalten des Neonazi-Internetforums Altermedia werden hin und wieder Namen für spätere „Verwendung“ vorgemerkt, so etwa von Staatsanwälten oder Richtern in NS-Prozessen. Dann wird schon mal gefragt: „Wann kommt eigentlich der neue ORCUS 2009 heraus? Der 2008er hat zwar 305 Seiten, ist aber bei weitem nicht vollständig und aktualisiert.“ Andere halten solche „Archivarbeit“ für aussichtslos, denn bei ordentlicher Arbeit müsste „deine Liste mittlerweile mehrere Millionen Namen beinhalten“. Kurz und knapp antwortete darauf ein Kommentator namens „ORCUS 2009“ mit den zwei Wörtern: „Du irrst“.

Auch das Internetportal www.redok.de [Anm.: und natürlich auch hagalil.com] darf sich als „nationaler Feind“ geehrt fühlen. Da sind sich die „Orcus“-Herrschaften im übrigen einig mit einem Leser einer „Linken Zeitung“, der vor kurzem von einer „Mossad-gesteuerten Webseite redok“ zu berichten wusste.

© redok

5 Kommentare zu “Volksfeinde erfassen: Im Orkus der Psychose

  1. Hier wird nach alter Bolschewikentradition versucht eine Art Gleichheit zwischen “Rechts” und “faschistisch” zu suggerieren.
    Es ist eine Tragödie, das die Linke aus dem Antifaschismus einen Kampfbegriff zum Kampf gegen bürgerliche, konservative und demokratische Rechte gemacht hat.
    Hagalil hat mit dem bekannten Freund Israels Martin Hohmann den Falschen erwischt, nur weil man einen Konservativen erledigen wollte. Aber auch danach hat man sich unbelehrbar immer weiter ins Linksextremistische Abseits manövriert. Kein Wunder, steht man jetzt allein.
    Bettelt doch bei der Komintern.

  2. na ja, dass auch der gutmütige Albert Einstein als nationaler Feind in der orcus-liste steht, zeigt doch, wie treffend die verfasser recherchiert haben (diese verdammte jüdische physik aber auch!), und wess‘ geistes zwerge sie sind.
    in anbetracht der schieren länge ihrer feindesliste möchte man den verfassern raten, doch einfacher und kürzer lediglich eine liste ihrer nationalen freunde zu klittern.
    im übrigen sind geisteskrankheiten heutzutage in großem umfang durchaus gut behandelbar …
    waldemar hammel

  3. ich weiss nicht wie´s anderen geht, aber man sieht sich diese verworrene liste an, sucht sich selbst, findet sich nicht und denkt „unverschämtheit“. auch alle meine freunde fehlen: dabei ist S. direktorin eines Instituts für Jüdische Geschichte, D.  und R. haben allerhand über antifaschistischen Widerstand veröffentlicht. etc. pp. Wenns nicht so lächerlich wäre, möchte man fast mit Oskar Maria Grafs diktum „verbrennt mich“ antworten.

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