Gregor Gysi: Ausnahmeerscheinung

Am 16. Januar feierte Gregor Gysi, Jahrgang 1948, seinen 62. Geburtstag. Als er zur öffentlichen Figur wurde, war er 41 Jahre alt, trug eine Nickelbrille und Halbglatze. Es war der 6. November 1989 und Gysi saß mit grauen Menschen, die Michael Endes Buch «Momo» hätten entsprungen sein können, in einem Studio des DDR-Fernsehens…

Stefan Daniel

Es wurde das reformierte, nicht das revolutionierende Reisegesetz diskutiert. In der Sendung, öffentlich und ohne Scheu vor dem großen Staatsapparat, redete Gysi die übrigen Anwesenden in Grund und Boden und zeigte die Unzulänglichkeiten des reformierten Gesetzes auf. Er selbst hatte Tage zuvor bei einem Treffen mit Staatsoberhaupt Egon Krenz das reformierte Reisegesetz überflogen, seine Unzulänglichkeiten erkannt und aus dem Stegreif ein neues handschriftlich darunter gesetzt.

Diese Fußnote im Prozess der großenteils friedlichen Revolution zeigt zwei herausragende Eigenschaften Gregor Gysis: Er kann komplexe, rechtlich-politische Vorgänge mit einem Blick durchschauen und sie einem einfachen Publikum verständlich machen; und: Er hebt sich von der Menge ab. Gysi ist schon immer anders. Er ist es von Seiten seines Vaters, der Teil des jüdisch-kommunistischen Bildungsbürgertums war. Er ist es von Seiten seiner Mutter, die einem russischen Adelshaus entstammte. Talent ist Gysi in die Wiege gelegt. Doch wäre er allein auf seine Karriere in der DDR beschränkt geblieben – immerhin war er dort SED-Mitglied, Vorsitzender des Berliner Rechtsanwaltskollegiums und Chef des Rates aller DDR-Anwaltskammern – er wäre wohl nie auf Platz 14 der Rangliste der wichtigsten deutschen Politiker der Nachkriegszeit gewählt worden.

Es ist eine eigenartige Symbiose, die das Ausnahmeindividuum Gysi mit dem Kollektiv der untergegangenen DDR und dem übrig gebliebenen Parteiapparat der SED verbunden hat. Gysi war Symbol des Untergangs, Übergangs und Neuanfangs. Deswegen wurde er gehasst (von den alten Kadern), geschasst (von denen, die ganz neu anfangen wollten) und geliebt von denen, die sich um ihre Identität und Vergangenheit betrogen fühlten. Ein kleineres Ego wäre daran zerbrochen. Gysi ist mit der Aufgabe gewachsen. Vor allem die Partei hat es Gysi angetan. Mehrmals hat er sie vor dem Sturz in die Bedeutungslosigkeit gerettet. Wenn ihr ein gewisser Respekt von anderen Parteien zuteil wurde, dann hauptsächlich seinetwegen. Warum er überhaupt noch in der Partei ist, warum er mehrfach zu ihr zurückkehrte, diese Fragen sind berechtigt, aber kaum endgültig zu beantworten.

Gysi vertritt moderate Positionen, er redet von einer Nation, von Gerechtigkeit und er meint es auch so. Gysi ist kein Revolutionär, und das entfremdet ihn von großen Teilen seiner linken Parteibasis. Doch ist er eben die große Ausnahmeerscheinung der Linkspartei. Sie braucht Ihn. Und er sie? Vielleicht auch das. Seinem linken Vernunftidealismus ist wohl bei keiner anderen Partei die Freiheit der Äußerung in dem Maß gegeben, wie es bei «seiner Partei» der Fall ist. Das nächste Projekt, das Gysi sich vorgenommen hat, ist die endgültige Vereinigung mit den Genossen aus dem Westen. In den nächsten Jahren will Gysi das schaffen und dann an die nächste Generation abgeben. Doch da ist weit und breit keiner wie er zu sehen – aber ihn hat man ja auch bis 1989 übersehen.

60 Jahre Israel:
Die Haltung der deutschen Linken zum Staat Israel

Vortrag von Gregor Gysi auf einer Veranstaltung »60 Jahre Israel« der Rosa-Luxemburg-Stiftung…

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3 Kommentare zu “Gregor Gysi: Ausnahmeerscheinung

  1. Gregor Gysi, eine Ausnahmeerscheinung? Nein, aber einer der es geschafft hat wie viele andere (Juristen) 1989/90 oder im Jahr 1945. Es hat geklappt – gut gelandet im neuen System! Mehrere Waschprogramme für die SED. Herausgekommen ist Die Linke, blütenweiß. Freunde und Bewunderer fand er gleich und Geburtstagsgrüße gibt es auch. Schlau ist er, er lässt auch mal einem Saarländer wieder vorranschreiten und schont seine Kräfte für das nächstes Projekt. Zielstrebig zur Macht mit der Einheitsfront. Gregor Gysi, wir sind durch die Schule deiner Genossen gegangen. Wir wissen wie es geht. Wir bleiben wachsam.

    An die Gysi-Popikonenverehrer: Kauft euch ein Poster von Gregor G. Hängt es Euch ins Wohnzimmer, dort wo früher der … hing. Macht ein Foto davon, schreibt hinten drauf „Wir haben nichts dazu gelernt!“ und schenkt es euren Kindern!

  2.  
    110 Millionen Menschen sind von den Kommunisten ermordet worden http://www.demozid.de/genozid.htm. 1.200 Menschen sind an der Grenze inner-deutschen Grenze Ermordet worden .200.000 Menschen galten als politische Gefangene in der „DDR“ . Diese Menschen sind in den Medien weitgehend vergessen .
    Die DDR war pleite moralisch und wirtschaftlich , das System als Schwachsinn entlarvt . Aber das schien Herrn Gysi nicht zu stören , ohne innezuhalten wurde die PDS gegründet mit dem Ziel eben dieses moralisch verkommene System wieder zu errichten . Der Kommunismus hat als Haupt Triebfeder Neid und Missgunst und es braucht zur seiner Einführung der Abschaffung der Wahrheit . Wer in die deutschen Medien schaut wird feststellen das Herr Gysi seinem Neo-Kommunismus ein großes Stück näher gekommen ist .
    Der Herr Gysi grinst in Tausenden von TV Kameras ohne das auch nur ein Reporter fragen würde . Herr Gysi schämen Sie sich nicht .

  3. So ganz „nebenbei“ hat Gysi meiner Meinung nach einen „besonderen“ Charakterzug: Ich halte ihn für ehrlich.

    Dass er zusätzlich mit (entwaffnendem, wie dies Humor nicht selten zu eigen ist) Humor gesegnet ist, möge folgende Anektdote veranschualichen:
    In einem Interview (man frage mich nicht, wann, wo, wer (durch wen), versuchte ein Journalist, ihn (durch Äußerlichkeiten) in die Pfanne zu hauen. Die Frage lautete in etwa sinngemäß:
    „Wenn Sie einem Blinden ihr Aussehen erklären sollten, wie lautete die Beschreibung?“
    Gysi: „Groß–, schlank–, gelockte Haare–…“

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