Historische Chanukkageschichten IV: Chanuka in der „Welt“

Der vierte historische Chanukka-Text stammt aus dem Organ der Zionistischen Bewegung „Die Welt“ aus dem Jahr 1899 und zeigt den Konflikt zwischen den Generationen auf, der sich um die Feierlichkeiten von Chanukka entsponnen hat. Autor des Artikels ist Leon Kellner, ein österreichischer Zionist und einer der ersten Anhänger Herzls, der in der „Welt“ das Pseudonym Leo Rafaels gebrauchte…

 Chanuka

Von Leo Rafaels
Die Welt v. 24.11.1899

Wenn man wissen will, was unsere neue Hoffnung für Wirkung an uns allen geübt hat, so vergleiche man das Chanukafest von heute mit den bescheidenen, fast möchte ich sagen: armseligen Halbfeiertagen, die sich unsere Väter und Grossväter am Ende des Monats Kislev zögernd vergönnten. Die wunderbare Verjüngung die sich in den allerletzten Jahren an Geist und Gemüth unseres Volkes vollzogen hat, kommt gelegentlich dieses neugeschaffenen Jugendfestes schön, deutlich, überaus wohlthuend zur Geltung. Wir haben trotz aller Leiden während der zweitausend Jahre unseres Wanderlehens keinen Mangel an Festen gehabt; wer weiss, wieviel wir eben diesen Festen verdanken.

Aber ein Chanuka, wie wir es jetzt feiern, haben wir niemals besessen. Der zionistische Gedanke hat den verdunkelten Ursprung des Makkabäerfestes wieder ins hellste Licht gerückt und die alte, sehr verkümmerte Einrichtung mit neuem Inhalt erfüllt. Während unsere Väter beim Anzünden des Chanukalichtes in erster Reihe des Wunders gedachten, das nach der Vertreibung der Griechen und Wiedereinweihung des geschändeten Tempels dem kleinen Oelkrüglein, einem wunderbaren Ueberbleibsel, Leuchtkrafl für acht Tage verlieh, schöpft unsere Jugend aus der Geschichte des Heldenkampfes, den das Häuflein Getreuer gegen äussere Uebermacht und inneren Abfall glorreich bestand, stählende Kraft für die Gegenwart und Zuversicht für künftige Tage.

Die Alten in unserem Volke stehen der Art und Weise, wie die Jungen Chanuka feiern, mit einiger Verwunderung gegenüber. Der Schreiber dieser Zeilen hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, aus berufenem Munde etwas wie Zweifel und Missbilligung zugleich bezüglich unserer zionistischen Feste zu hören. Ein ehrwüdiger Herr mit schneeweissem Bart, der fern aus dem Osten Russlands gekommen war, um Dr. Herzl zu sehen und ihm die Hand zu drücken, brachte mit rührender Unsicherheit seine Bedenken vor. Was war geschehen? Die zionistische Jugend seiner Vaterstadt, hatte eine Chanukafeier angekündigt, und ein Mann von allererster Bedeutung war als Festredner angekündigt. Die Folge war, dass auch die Altgläubigen voller Erwartung zu dem Feste kamen. In der That, wurden sie in ihren zionistischen Hoffnungen sowohl durch die Begeisterung der Jugend, wie durch die ergreifenden Worte des Festredners mächtig gestärkt — und doch gingen sie tief betrübt von dannen, denn das Fest, das so feierlich ganz im zionistischen Geiste begonnen hatte, schloss mit einem Bacchanal: jüdische Jünglinge und Jungfrauen, die soeben dem Zionsideale zugejauchzt hatten, erfreuten sich an heidnischem Tanze bis in den grauen Morgen hinein.

Der Mann, der sich also über die Tanzlust der zionistischen Jugend verwunderte, weiss in Bibel und Talmud, in Klageliedern und Martyrologien vortrefflich Bescheid. Die Geschichte seines Volkes ist ihm in allen ihren Perioden geläufig, und wir verstehen vollkommen, dass ihm die Lebensfreude an einer zionistischen Versammlung unbegreiflich erscheint. Für uns alle, die wir unsere Vergangenheit und die Blüten des jüdischen Schrifthums kennen, ist die Sehnsucht nach Zion mit dem abgrundtiefen Schmerze und dem tragischen Ende jenes Dichters verknüpft, dessen „Zioniden“ uns am 9. Ab immer wieder heisse Thränen erpressen. Aber ahnte der fromme Mann bei dem Anblicke der tanzenden Jugend, die so sehr seine asketischen Gefühle verletzte, denn gar nicht, welch grosse Dinge die harmlose Lebenslust unserer zionistischen Jünglinge und Mädchen der Zukunft unseres Volkes verspricht ?

Für den unbefangenen Beobachter, der ach! schon zu alt ist, um das Tanzvergnügen als eigene Sache zu vertheidigen, aber doch nicht zu alt, um sich in eine neue Welt hineinfühlen zu können, sind die Makkabäerfeste unserer modernen Jugend eine Quelle reinster Freude. Unsere Studenten zeigen uns, wie verschieden unser jetziger Zionismus ist von dem unserer Väter, um wie vieles das jetzige zielbewusste Judenthum nationaler Färbung das dunkle Zusammengehörigkeits-Gefühl früherer Geschlechter an Kraft und Erfolgen übertrifft. Die Alten hatten nicht in guter und noch weniger in schlechter Zeit die Zukunft ihres Volkes aus den Augen verloren, gewiss nicht; aber diese Zukunft verlor sich in endloser Ferne, sie lag so weit von aller Hoffnung, dass das messianische Zeitalter beinahe aufhörte, für eine auf Erden erreichbare Thatsache zu gelten. Unsere Grossväter sagten sich mehr oder weniger klar: Unser Reich ist nicht von dieser Welt! Das messianische Ideal unseres Volkes wurde vielfach mit dem Ideale der ganzen Menschheit verquickt oder ausgesprochenermassen in ein übernatürliches, übersinnliches Mysterium verwandelt. Die Erde hatte man uns genommen — was blieb uns anderes übrig, als die sehnsuchtsvollen Blicke immer wieder nach dem Himmel zu richten ?

Deshalb gebrach es dem sonst so inbrünstigen Zionismus unserer Vorfahren an der erlösenden Kraft. Für die den irdischen Dingen entrückte Askese, wie sie die Zerstörung des zweiten Tempels angebahnt und das deutsche Ghetto des Mittelalters ausgebildet hatte, für diese weltfremde, der Sinnenwelt abgekehrte Denk- und Gefühlsweise hatte die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, nach dem Boden der Patriarchen fast nur einen symbolischen Sinn. Und diese Askese steckt unseren Alten noch immer im Blute. Der wirkliche Boden, die grüne, lebenspendende Erde, die man im Schweisse des Angesichtes bebaut und deren Segen über alles gleissende Gestein der finsteren Unterwelt gehl, ist ihnen fremd geworden und muthet sie kalt an, wie rein abgezogener Begriff.

Aber die Jungen !

Die verstehen nichts von Symbolen und Allegorien — Gottseidank! — und die Heimat ist ihnen kein verschwommenes Missionsideal, kein Millennium, sondern der Boden, der den Menschen eine nie versagende Stütze für die Füsse gibt, der das feste Auftreten und den eisernen, eigenen Charakter verleiht. Die Jungen wollen auch leben, voll und ganz, wie es der in unserer Natur ausgesprochene Wille Goltes ist, wie die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob gelebt haben, in inniger Vertrautheit mit Baum und Thier, unter der blauen Wölbung des Himmels, allen unschuldigen Daseinsfreuden, dem „Dufte des Feldes“ ergeben.

Und wer kann sagen, dass unsere Jugend, indem sie das Andenken der Makkabäerzeit bei Musik und Tanz feiert, dem jüdischen Geiste widerspricht ? Freilich, das Judenthum hatte nach den Martyrien der Kreuzzüge und des schwarzen Todes die Freude am Leben verlernt, aber was wir verloren haben, das wollen wir wieder gewinnen, wir knüpfen einfach an die alte Ueberlieferung an, welche das Geschick unseres Volkes für eine zeitlang unterbrochen hat, wir kehren endlich zum alten Volkscharakter zurück. Und wieviel Prophetisches liegt in der Chanuka-Fröhlichkeit unserer Jugend! Wir, die Alten und Altvordern, säen die Zukunft unseres Volkes — wird die Saat aufgehen ? und wann ? Er merkt, wie die Kraft abnimmt, und dem Säemann rinnt eine Thräne in den ergrauenden Bart; aber die Jungen — die gedenken der Ernte, sie sehen sie vor sich, und sie eilen, wie es der Jugend geziemt, in ahnungsvoller Gläubigkeit den Ereignissen voraus.