Hilfe – es weihnachtet sehr!

Jetzt kommt sie wieder, die güldene Weihnachtszeit, die den Menschen die Herzen öffnet und den Kaufhäusern die Kassen klingeln lässt. Advent nennt sich der vierwöchige Plätzchen-Knabber-Marathon unserer christlichen Mitbürger. Das ist die Vorbereitung auf Weihnachten, das Fest der Liebe…

Von Ramona Ambs

Wir Nichtchristen bleiben von diesem Fest und der damit verbundenen Stimmung im allgemeinen nicht verschont. Vor allem dann nicht, wenn wir jüdisch sind und Kinder haben. Dann nämlich fühlt sich unsere christliche Umwelt bemüßigt, uns in dieser Zeit etwas von ihrer Kultur näher zu bringen.

Konkret sieht das dann so aus: Frau Müller, die nette, ältere Dame aus dem Haus gegenüber klingelt Mitte November und steht mit drei Schokolade gefüllten Adventskalendern vor der Tür: „Hier Frau Ambs, die sind für Ihre Kinder. Sie feiern doch kein Advent, aber die armen Kinder brauchen doch sowas! Und schauen Sie doch mal den hübschen Nikolaus auf dem Bild! Der war doch auch Jude wie Sie!“

Ich erkläre ihr, dass der Nikolaus Türke war und nicht Jude und dass das rotbemäntelte Wesen auf dem Adventskalender nicht der Nikolaus, sondern der Weihnachtsmann von CocaCola ist. Leider zieht sie nicht beleidigt ab. Ganz im Gegenteil. Sie ist begeistert. Sie hat nämlich noch zwei Adventskalender gekauft für die Töchter von der Hülia aus dem 3. Stock und ist sich nun sicher, dass sich die Moslemkinder noch mehr freuen werden, wenn sie hören, dass der Nikolaus auch ein Moslem war.

Einen Moment überlege ich, ob ich ihr nun erklären soll, dass ihr Nikolaus zwar Türke, nicht aber Moslem ist, aber da sie so glücklich ist über den türkischen Nikolaus schweige ich und lass ihr die Freude. Schließlich ist bald Weihnachten. Also bedanke ich mich und nehm die drei Kalender mit rein.

Ende November trifft es uns dann erneut. Diesmal steht Frau Krögel-Meifeld vor der Tür. In der Hand einen Adventskalender. „Wir wollten Ihnen diesen Kalender schenken, damit auch bei Ihnen ein bißchen vorweihnachtliche Stimmung einzieht! Ihre Kinder kennen ja diese schöne Tradition sicher gar nicht und da dachten wir, Sie sollen halt auch was davon haben! Man muss bis Weihnachten jeden Tag ein Türchen öffnen. Aber immer nur eins – die Nummern stehen drauf“ Gut, denke ich, bedanke mich höflich und esse den gesamten Kalender leer, bevor die Kinder aus der Schule kommen.

Schließlich kommt noch Herr Röppke vorbei. Auch er hat Adventskalender für uns. „Meine Schwiegermutter hat den Kindern auch noch welche gekauft- jetzt haben wir zuviele und so haben sie auch ein bißchen Advent im Haus!“ lacht er und verschwindet ehe man antworten kann. – Aber wer glaubt, das sei nun alles, der irrt, denn:

Christliche Nächstenliebe im November ist nichts verglichen mit christlicher Nächstenliebe im Dezember!

Spätestens am 6. Dezember steht Frau Müller nämlich wieder vor der Tür. In der Hand drei große in bunter Alufolie eingepackte Schoko-Nikoläuse. Auch Frau Krögel-Meifeld lässt nicht lange auf sich warten. Sie hat extra einen selbstgebackenen Lebkuchenmann dabei – mit Zutaten aus dem Bioladen. Auch andere Nachbarn möchten den armen Kindern, die gar kein Weihnachten feiern dürfen, etwas Gutes tun und bringen Schokolade, Plätzchen und Lebkuchen. Mengenmäßig wären wir jetzt in der Lage, einen kleinen Süßwaren-Laden zu eröffnen. Und mental sind wir nun voll in der Weihnachtszeit angekommen. Christliche Kultur – das ist für meine Kinder Schokolade.

Aber ich will mich nicht beschweren, ich werde mich zukünftig nämlich an dem kulturellen Austausch beteiligen. Damit nicht immer nur wir einseitig mit christlicher Kultur beschenkt werden, habe ich beschlossen etwas Jüdisches zurückzugeben. Und ich weiß auch schon was. Die letzten Mazzen von Pessach sollten dringendst verbraucht werden. Wer also dieses Jahr hier klingelt, bekommt von mit ein Mazzenpaket in die Hand gedrückt. Das nennt man dann christlich-jüdischen Dialog.

63 Kommentare zu “Hilfe – es weihnachtet sehr!

  1. Der Witz an der ganzen Weihnachtssache ist der dass der Gott der Christen das niemals angeordnet hat Weihnachten zu feiern. Dieses Fest dürfte eher von Konstantin erfunden worden sein um damit dem Fest der Wintersonnenwende, bzw. babylonischen Fest von Nimrod, Seramis und Tamuz einen christlichen Anstrich zu geben. So wurde eben  das Bild von Seramis und Tamuz beibehalten und lediglich umbenannt.
    Der Papst gibt dann wieder seine emailaddy bekannt urbi @orbi an Weihnachten
    ich wünsche euch ein schönes Chanukkah. Manchmal denke ich das reale Chanukkah könnte  sich bald wiederholen.
     
     

  2. Liebe Ramona Ambs,
    wenn Du mal eine etwas größere Geschichte daraus machen möchtest, so vergiss das obligatorische Weihnachtsgebäck nicht. Da gibt es ganz leckere Sachen!
    Basler Leckerli, Zimtsterne, Kokosmakronen, Hildabrötchen ….
    Meine Mutter könnte sogar die Rezepte beisteuern!
     
    Ich habe über Deinen Artikel herzlich lachen müssen, zeigter uns Christen doch, wie unreflektiert wir auf andere Religionen zugehen.
    Und: das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.
    Dir wünsche ich ein schönes Chanukkah, und mir ein schönes Weihnachten!

  3. @piet
     
    zwei Kühlschränke? Wer hat die denn? Man braucht keine zwei.
    Im Übrigen hätte man die Ironie schon lange erkennen können.  Deutsche und Ironie sollte sich nicht immer ausschließen. 😀

  4. Daß der Artikel Ironie ist, sollte eigentlich jeder mitbekommen (außer dem Dauerantisemiten Hans Dampf in allen Gassen).
     
    „hier als Frau Müller karikierte, hatte seinerzeit auf meinen Einwand “Nein danke, wir möchten das nicht!” an mir vorbei die Adventskalender in den Flur geschmissen und mich angebrüllt: Die sind nicht für Sie sondern für Ihre armen Kinder, die kein Weihnachten feiern dürfen!”- das allerdings zu beschreiben führt einen heiteren Text in bitteren Ernst. “
     
    Unglaublich, wie frech und dumm manche Menschen sich gebärden.

  5. Liebe Leser und Leserinnen,
    bei obigem Artikel handelt es sich um einen ironischen Text. Die darin beschriebenen Personen sind nur Karikaturen und keineswegs echte Nachbarn. Sie können Ihre Aktivitäten a la „Solidarität mit Frau Müller“ oder „Auch ich bin ein Herr Röpke“ einstellen. Nichtsdestotrotz gab es schon Dezember in denen jedes meiner Kinder etwa fünf Adventskalender besaß- und übrigens- die Dame, die ich hier als Frau Müller karikierte, hatte seinerzeit auf meinen Einwand „Nein danke, wir möchten das nicht!“ an mir vorbei die Adventskalender in den Flur geschmissen und mich angebrüllt: Die sind nicht für Sie sondern für Ihre armen Kinder, die kein Weihnachten feiern dürfen!“- das allerdings zu beschreiben führt einen heiteren Text in bitteren Ernst. 
    Christliche Nächstenliebe endet übrigens auch meistens spätestens an Weihnachten, wenn man nämlich niemanden von außen mehr im Haus haben will. Auch nicht die jüdischen Nachbarskinder, deren Mutter erlaubte, dass sie mal den Tannenbaum der Nachbarn angucken dürfen und dort mit Weihnachten feiern dürfen.  Soweit geht die christliche Nachbarschaftsliebe denn aber doch nicht…
    Der Text ist übrigens auch keine wissenschaftliche Analyse über Nikolaus von Myra. Auch wenn das sicherlich ein spannendes Thema wäre. …- Vielleicht knöpf ich mir den Dicken ein andermal vor- bei meinem verdorbenen Charakter wird das sicherlich eine runde Sache…
     

  6. Kann man nicht einmal damit aufhören? Mit: „Ihr Christen seid so und wir Juden so … ihr versteht das falsch und wir das besser … das ist beleidigend und das ist nicht so gemeint“ ?

    Mensch Mensch Mensch, das ist zwar immer schon so gewesen, seit es uns Menschen gibt, aber können wir nicht einmal eine Pause einlegen, so zu Weihnachten und zum baldigen Chanukkah?

    Nehmt die Schilderung, von Ramona Ambs, als eine mögliche und nicht als das überall übliche an, oder lehnt es ab.

    1994 hatten wir einen Hindu zu Gast. Es war der 25. Dezember. Er fragte erstaunt wo unser Weihnachtsbaum sei und packte eine Wurst als Geschenk aus. Er erklärte uns, dass er diese auch zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, aber da er Hindu ist und kein Fleisch isst wolle er uns damit eine Freude machen. Unser Ältester lief rot an, rannte heraus und brüllte fast, „wir sind Juden!“ Selbst suchte ich unseren Gast zu beruhigen und begann zu erklären, dass wir tatsächlich Juden sind und diese Wurst, welche sehr nach Schweinsleberwurst aussah, nicht essen dürfen. Unser Gast erwiderte, dass doch Juden und Christen zusammen gehören und er gedacht hätte, dass wir, also wir Juden, auch Weihnachten feiern würden. Das forderte von mir ein langes Gespräch mit ihm auf. Er erzählte von seinen Glauben und dass er ein Grab in Indien kenne, wo Jesus begraben läge und ich erzählte ihm von unseren Glauben. Da klingelte es an unserer Tür und des hinduistischen Gaste’s Freunde standen vor unserer Tür. Alle mit einer Wust in der Hand und einem fröhlichem Lächeln auf den Gesichtern. Es ist nicht immer leicht spontan zu lachen. Es ist vielleicht auch zu erlauben, dass auf einer Seite die Freunde unseres hinduistischen Gastes eine Bereitschaft und das mit uns Gastgebern zusammen, entwickeln dürfen, Verständnis zu entwickeln, dass ein nicht immer begeistert sein können, keine Beleidigung ist, sondern eher einer Normalität entsprich, wenn sich verschiedene Menschen, aus verschiedenen Religionen und das zu Festtagen begegnen.

    Also, wer mag darf sich die Hand reichen und einander besser kennen lernen. Wer aber beleidigt ist und sich deformiert empfindet und dies so belassen will und wer sich vor beleidigenden und gekränkten Mitmenschen rechtfertigen muss, … na, dem soll’s gut bekommen.

  7. Misheshu, müssen muss gar nichts. Wären die Geschenke aus rel. Gründen verboten gewesen, hätte Ramona Ambs das in ihrer Geschichte erzählt. Hat sie aber nicht. Nehmen wir dennoch mal für einen Augenblick an, es verhielte sich so, wäre es doch wohl an den Juden, den Sachverhalt zu erklären („Unsere Kinder dürfen und sollen nicht, weil…, daher bitte ich Sie, dass…“). Tun sie das nicht, müssen sie sich nicht wundern, wenn das Missverständnis bestehen bleibt. Eine Frage der Kommunikation.
     
    Dass Recht aber, Nichtjuden zu beleidigen (stopfen alles in sich rein), haben Sie nicht! Oder wäre Ihnen eine umgekehrte Ausdrucksweise (die sind aber krüsch/wählerisch/arrogant/was Besseres, dass sie sich Essen abzulehnen leisten können… Kein Geld für die Kinder, aber zwei Kühlschränke) recht? Nein? Kann ich verstehen. Das verhält sich umgekehrt nicht anders.

  8. @Mishehu
    Ja, kann sein. Aber warum lehnt sie das Geschenk dann nicht einfach ab ? Wäre doch besser, als hintenrum einen solchen Artikel drüber zu schreiben, in dem steht, wie sehr sie das alles nervt.
    Aber mir wird die Diskussion hier irgendwie zu mißverständlich, ich klinke mich wieder aus. Adieu…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.